Archiv für März 2015

Alte Bauernfußballerregel

 

 

Wenn Bäume knospen und die Forsythien blühen,
nutze Länderspielpausen für das Bemühen,
die letzten Niederlagen großzügig zu verteilen.
Im Frühling muss man sich damit dann nicht mehr beeilen.

21 Monate nach dem Juni 2013 – Zeitgefühl

Da Kosta Runjaic als Trainer des 1. FC Kaiserslautern heute Abend im Stadion am Spielfeldrand sitzt, fällt mir auf, wie fern mir die Zeit vorkommt, in der er Trainer des MSV Duisburg gewesen ist. Es müssen Jahre her sein. Eigentlich.

In Wahrheit hat er vor gerade einmal 21 Monaten erklärt, dem MSV als Trainer nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Knapp zwei Jahre sind jene Wochen der Ungewissheit her, als zunächst die kaum vorhandene Hoffnung auf einen stattgegebenen Einspruch gegen den Lizenzentzug endgültig enttäuscht werden musste, ehe überhaupt erst die Lizenz für die 3. Liga beantragt werden konnte. Während dieses Lizenzverfahrens für die 3. Liga war der Zeitpunkt gekommen, an dem für Kosta Runjaic die Grundlagen seiner Arbeit beim MSV Duisburg hätten geklärt sein müssen. Diese Grundlagen gab es erst später. Mit einem neuen Trainer, mit neuen Fußballern ging es weiter. Schnell folgte wieder Spiel auf Spiel.

Auch deshalb ist der Fußball in dieser Gesellschaft so populär. Mit jedem neuen Spiel verhilft er zum Gefühl, etwas ganz von vorne anzufangen und die Vergangenheit weit hinter sich zu lassen. Jedes neue Spiel ist wie ein neues Leben. Alles scheint dann möglich zu sein. Ganz wie es uns allen immer wieder erzählt wird in dieser Welt. Manchmal stimmt das tatsächlich.

Fundstück: „Brain“ auf Spielerbrust beim MSV

Vielleicht könnten Jugendliche heute immer noch Sweatshirts aus Duisburg tragen, hätte in den 1970er Jahren der Strickwarenhersteller „Brian Scott“ tatsächlich so geheißen, wie es im Fußballhistorienfachmagazinbeitrag von Yahoo! Sports & Eurosports zu der am 24. März 1973 erstmals gesehenen Trikotwerbung in der Bundesliga geschrieben steht.

2015-03-24_brain_scott

„Brian Scott“ war ja bekanntermaßen der erste Trikotsponsor des MSV Duisburg. Mit einem Klick geht es zu MSVDuisburgtrikots.de und der dramatischen Geschichte einer Brian-Scott-Trikot-Rettung.

Im Rückblick statt „Brian“ also „Brain“. Das hätte Potenzial gehabt, so meine ich. Auch die Geschichte des MSV wäre ganz anders verlaufen. Um 1990 herum wäre aus „Brain Scott“ dann „The Brain“ geworden. Die biederen Herrenpullover des Sortiments hätte junge Markenmode im Hiphop-Style ersetzt. Ungeahnte Umsatzzuwächse wären zu verzeichnen gewesen,  und die ruhende Partnerschaft mit dem MSV wäre wiederbelebt worden, um den damaligen Wiederaufstieg der Zebras in die Bundesliga fortan finanziell und strategisch zu begleiten. Im Gleichschritt wären Unternehmen und Verein dauerhaft an die Spitze getrieben worden. Was Namen alles bewirken können. … Zwei mal drei macht vier, widdewiddewitt und drei macht neue. Ich mach‘ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt.

Was einem 4:1-Sieg nicht alles folgt

Es muss meine Ausstrahlung gewesen sein. Nach einem 4:1-Sieg des MSV Duisburg steht man als Anhänger des Vereins wohl ganz anders auf einem Bahnsteig. Für mancheinen provozierend. Mit dem RE 1 war ich im Gegensatz zur letzten Saison problemlos von Dortmund bis Köln-Mülheim gekommen. Nun wartete ich am Gleis 7 auf meine S-Bahn. Der MSV-Schal wärmte meinen Hals, und ich konnte mir für einen Moment die Zeit vertreiben, indem ich den IC musterte, der im Schritttempo durch den Bahnhof fuhr. Hamburg war sein Ziel, und schon im ersten Waggon hatte ich flüchtig grüne Trikots von Anhängern eines anderen Fußballvereins gesehen.

Während ich noch im Geiste die Begegnungen der Bundesliga durchging, um zu wissen, wo die Werder-Fans eingestiegen waren, hörte ich aus der Ferne das uns allen bekannte Geräusch, wenn jemand ganz besessen auf die Fensterscheibe einer Straßenbahn, eines Busses oder eben eines ICs haut. Ich dachte mir nichts dabei, doch im selben Moment war der durchdrehende Werder-Anhänger im IC auf meiner Höhe und reckte mir den Mittelfinger entgegen. Ich weiß nicht, wie es euch gegangen wäre, aber nach kurzer Verblüffung breitete ich die Arme zum Himmel gerichtet aus und rief: „Halleluja! Wir sind wieder wer! Wir sind satisfaktionsfähig!“ Der Zug war lang. In jedem Waggon saßen sie, die Werder-Fans, und ich dachte nur, zeigt mir eure Stinkefinger, jetzt weiß ich es, wir steigen auf!

2015-03_bvbIISeht es mir nach, ich hatte das Wort vom Aufstieg nicht mehr aussprechen wollen. Aber es nutzt ja alles nichts. Wenn ich mit meiner Ausstrahlung Vorbild sein soll, muss ich Klartext reden. Ich hoffe jedenfalls sehr, auch die Spieler des MSV zeigen nach diesem 4:1-Sieg gegen die zweite Mannschaft von Borussia Dortmund im weiteren Saisonverlauf weiter jenen Willen, den ich dort auf dem Bahnsteig spürte und der auch auf dem Rasen im Stadion Rote Erde erkennbar war. Die Freude dieser Spieler nach dem Sieg zeigt aber auch, wie sehr dieser Wille gefährdet wird, wie dieser Sieg erleichterte. Denn der Druck war groß.

Dieser Sieg war der nächste Pflichtsieg, und früh schon mussten wir um ihn bangen. In der 9. Minute fiel das Führungstor der Dortmunder. Eines verrät der hohe Sieg nämlich nicht: Wieviel die Mannschaft des MSV dafür hat arbeiten müssen, wieviel Kraft sie dieser Sieg auf dem völlig durchweichten, matschigen Spielfeld gekostet hat, und wie oft das schnelle Kurzpassspiel der Dortmunder vor allem während der ersten Halbzeit in der Duisburger Angriffshälfte gelang. Immer wieder mal drang der BVB damit in den Duisburger Strafraum, ohne allerdings einen Spieler zu finden, der abschlusssicher war. Hinzu kamen Eck- und Freistöße, die mit einer Ausnahme statt von der Duisburger Defensive von Dortmunder Spielern geköpft wurden – viel zu ungenau und nie wirklich gefährlich. Aber woher sollten wir wissen, dass es so bleiben sollte? Unruhig hat uns das auf den Rängen gemacht. Wirklich sicher war der Sieg erst mit dem 3:1 Tor durch Martin Dausch in der 78. Minute.

Martin Dausch war es auch, der Mitte der ersten Halbzeit den Ausgleich schoss. Martin Dausch ist so jemand, der einer Mannschaft zu Ausstrahlung verhilft, der Willen zum Sieg verköpert und dem Spiel gleichzeitig mehr als diesen Willen geben kann. Martin Dausch merkt man es an, wie sehr ihm ein Rückstand missfällt. Eine Mannschaft braucht solche Spieler. Der Ausgleich war auch eine Folge jener Entschlossenheit, mit der er auf freie Bälle geht. Der Dortmunder Torwart hatte einen Ball nicht weit genug fausten können, weil er mit einem Spieler der eigenen Mannschaft zusammenprallte und halb mit Kingsley Onuegbu. Zur Stelle war Martin Dausch, dessen Schuss so wirkte, als solle er sofort für zwei Tore zählen.

Doch regelkonform blieb es bei der Zählung plus eins, und erst Tim Albutat schoss dieses zweite Tor nach einem Pass von Nico Klotz. Dieser Führungstreffer brachte die erste große Erleichterung, für uns Zuschauer, für die Mannschaft und für Tim Albutat selbst, dessen Passspiel nach seiner Verletzung noch zuweilen zu ungenau bleibt. Nicht nur dieses zweite Tor bereitete Nico Klotz vor. Während des gesamten Spiels konnte er sich immer wieder im eins gegen eins durchsetzen. Er erlief sich die langen Pässe, und er war es auch, der nach einem langen Pass sich den Ball artistisch, mit der Hacke selbst über den Kopf gespielt, so vorlegte, dass er freie Bahn auf Tor hatte. Der Dortmunder Abwehrspieler foulte ihn kurz vor der Strafraumgrenze. Die rote Karte war die Konsequenz.

Martin Dauschs Ausgleichstor zählte ja eigentlich schon für zwei Tore. Da so etwas in den Fußballregeln nicht vorgesehen ist, musste er es eben tatsächlich erzielen. Zu dem Zeitpunkt drückte der MSV auf ein weiteres Tor und es erstaunte, wie schnell die Mannschaft um die 70 Minute herum auf dem Boden noch spielen konnte. Am Ende eines solchen schnellen Angriffs stand Martin Dausch halblinks frei und konnte mit einem wuchtigen Schuss abschließen. Mit einem Mann mehr auf dem Feld, zudem körperlich überlegen, – so ließ sich allmählich dem Auswärtssieg entgegen sehen. Das vierte Tor war dann etwas fürs Lehrbuch. Zlatko Janjic treibt den Ball von der Mittellinie aus nach vorne. Halblinks läuft der eingewechselte Marcel Stenzel den Konter mit. Er erhält den Pass, schiebt sofort nach innen, wo Kingsley Onuegbu eigentlich schon geblockt ist. Doch auch der King weiß mit der Hacke zu spielen und erzielt auf schön anzusehende Weise das 4:1.

 

Die Freude der Mannschaft war am Ende groß. Die Grundlage dieses Siegs war harte Arbeit. Wer diesen Boden gesehen hat, wer das Schuften dieser Spieler gesehen hat, wird ahnen, warum mir die auch erkennbare Leichtigkeit des Spiels in der Offensive Hoffnung macht. An die Defensive denke ich dann erst einmal besser nicht.

Übrigens macht es überhaupt keinen Unterschied, wen der Werder-Fan in mir auf dem Bahnsteig erkannt hat. Mag ja sein, er hat in meinem Blau-Weiß des Schals das eines Ligakonkurrenten erkannt. Es geht nur um die Wirkung.  So eine Ausstrahlung, die auf manchen erstligareif wirkt, schafft einen Anfangsvorteil. Wenn das der Mannschaft nach dem 4:1-Sieg nun ebenfalls gelingt, ist mir vor den nächsten Pflichtaufgaben des MSV nicht bange.

Akzente inoffiziell: Heimat – Wort im Wandel

„Deutschland, Deutschland über alles“ hieß 1929 ein Buch, das Kurt Tucholsky zusammen mit dem Bildenden Künstler John Heartfield veröffentlichte. Diesem Buch ist der Zorn von Kurt Tucholsky über den Zustand Deutschlands jener Zeit besonders anzumerken. Kein humoristischer Ton mildert die Schärfe seiner Kritik am Militarismus, an Nationalismus, an sozialer Ungerechtigkeit. Eindeutig ist die Botschaft in Texten und Fotomontagen.

Man muss Deutschland sehr einseitig betrachten, um nicht zu merken, wie sehr Kurt Tucholsky dieses Deutschland, das er so sehr kritisiert, am Herzen liegt. In „Heimat“, dem letzten Text dieses Buches wird das auf berührende Weise von ihm ausgesprochen: „Nun haben wir auf 225 Seiten Nein gesagt, Nein aus Mitleid und Nein aus Liebe, Nein aus Haß und Nein aus Leidenschaft – und nun wollen auch einmal Ja sagen. Ja-: zu der Landschaft und zu dem Land Deutschland. […] Ja, wir lieben dieses Land.

Und nun will ich euch etwas sagen: Es ist ja nicht wahr, daß jene, die sich „national“ nenen und nichts sind, als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. […] Sie reißen den Mund auf und rufen: ‚Im Namen Deutschlands…!‘ Sie rufen: ‚Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.‘ Es ist nicht wahr.

Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand – nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist. Unser ist es.“

Wenige Jahre später war dem Begriff „Heimat“ durch die Blut-und-Boden-Mythologie des Nationalsozialismus auch noch der letzte Rest Unschuld ausgetrieben worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmte die dörflich-ländliche Idylle die Bedeutung des Worts bis in die 1970er Jahre nahezu vollständig. Erst von da an versuchten Schriftsteller immer wieder die anderen Bedeutungsgehalte des Wortes wieder im öffentlichen Sprachgebrauch nutzbar zu machen. Das Wort Heimat sollte nicht den Konservativen und Reaktionären überlassen werden. Noch Ende der 1980er Jahre schwang die innere Begrenztheit, der provinzielle Blick des Sprechenden auf die Welt in dem Wort jederzeit mit.

Anekdotisch betrachtet, hat der Filmemacher Edgar Reitz mit seinen Filmreihen „Heimat“ großen Anteil daran, dass das Wort für alle politischen Lager  wieder ein neutralerer Begriff wurde. Obwohl gerade die erste Staffel doch wieder in der Provinz spielte. Doch diese Provinz wurde nicht verklärt. Filmkunst hatte er geschaffen. Zudem wurde spätestens ab Ende 1980er Jahre im öffentlichen Reden über Heimat immer öfter auch an das dem Wort innewohnende utopische Moment größter Identität und Zufriedenheit erinnert. Heute lässt sich ohne erklärende Umwege an diesen Bedeutungsgehalt des Wortes Anschluss finden. Wer Heimat nicht als nostalgisches Verklären eines einzigen Ortes versteht, trägt dazu bei, dieses utopische Moment des Wortes zu bewahren.

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Der VfL Wolfsburg kommuniziert ne Menge Bekleidungsstücke

Fußballvereine stehen heute vor der Notwendigkeit, ihre Anhänger mit allen möglichen Medieninhalten zu versorgen. Die reine Information reicht nicht mehr. Unterhaltendes ist gefragt. Das Ganze wird dann zum Marketingmix, worüber das Fachmagazin W & V einen Artikel schreiben kann – zum Beispiel wenn der VfL Wolfsburg vor dem Auswärtsspiel in Mailand die erste Folge einer Webserie auf mehreren Abspielkanälen platziert hat.

Für mich liest sich der Artikel so, als sei der VfL an diese erste Folge günstig gekommen, weil die Produktionsfirma sich einen Auftrag erhofft. Amüsant ist bei solchen Testballons ja immer das Wortgeklingel Werbesprech drumherum. W & V zitiert den  Leiter Markenmanagement vom VfL, German Schulz, grundsätzlich sei der VfL immer auf der Suche nach „neuen, innovativen und sympathischen Kommunikationsformen, um mit bestehenden und potenziellen Fans zu kommunizieren“.

Die Hoffnung mit dem Clip bei irgendjemandem Sympathien für den VfL zu wecken, der nicht schon Fan des VfL ist, scheint mir doch sehr optimistisch zu sein. Es macht mir definitiv keine Freude, fast fünf Minuten Product Placement zu sehen, bei kaum vorhandener Dramaturgie eines pointenarmen Gesprächs dreier unterschiedlicher Fan-Charaktere. Aber momentan hat der VfL ja Fans genug, die das Gefühl haben werden, der Verein kümmert sich um sie.

Akzente inoffiziell: Pille und Ruß – 2x Duisburg literarisch

alle_nennen_mich_pilleHeute muss ich etwas Schnelles aus dem Stegreif schreiben, um nicht zum Ende der diesjährigen „Akzente“ hin in den Räumen hier einen Tag ohne inoffiziellen Programmbeitrag zu bleiben. Das werden ein paar Gedanken zu zwei Romanen, die in Duisburg spielen – aus der Erinnerung an die Lektüre geschrieben, ohne mir die Bücher noch einmal vorzunehmen und ohne weiteren Blick auf Vita sowie andere Werke der Autoren. Wer also  mehr weiß, Anmerkungen hat, nur zu, ich eröffne nur ein Gespräch. Das Kommentarformular ist aufnahmebereit.

Sehr, sehr lange ist meine letzte Lektüre des Kinderromans von Erwin Reitmann her. Rudi Pillekamp, „Pille“ genannt, erlebt ein Abenteuer. Mehr muss man nicht von der Geschichte wissen. Andere Romane, die ich als Kind gelesen habe, hatten die besseren Abenteuer. Die anderen Romane spielten aber nicht in Ruhrort. Wenn Pille unterwegs war, wusste ich genau, wo er sich befand. Wie „Pille“ verbrachte ich viele meiner Nachmittage im Hafen. Schiffe waren mir wichtig. Ich erinnere nur noch, mich in diesem Buch auch zu Hause gefühlt zu haben. Gleichzeitig muss dieses Gefühl des Wiedererkennens mein vollständiges Eintauchen in die Romanwelt irritiert haben. Oder war es doch das nicht ganz so spannende Abenteuer? Ich konnte mich und die Welt mit „Pille“ nicht ganz so vergessen, wie ich es mochte.

War Erwin Reitmann nicht Redakteur der WAZ? Schnelles Googeln nach der Lieferbarkeit des „Pille“-Romans zeigt, gebraucht ist er problemlos erhältlich. Schnelles Googeln fördert auch neben den Kinderbüchern der Nachkriegszeit die Horst-Wessel-Biografie eines Erwin Reitmann von 1932 zu Tage. Da mag Erwin Reitmann zu den bundesrepublikanischen Autoren gehören, die schon zu Zeiten des Nationalsozialismus mit systemkonformem Schreiben ihr Geld verdienten. Vielleicht ist es aber auch nur ein Zufall. Das sind die Sachen, die ich heute einfach stehen lasse in der Hoffnung, jemand anderer nimmt den Faden auf.

russ_zaimogluFast vierzig Jahre später war ich auf Feridun Zaimoglus Duisburg-Roman „Ruß“ sehr neugierig. Vor der Veröffentlichung hatte ich ein Interview mit ihm gesehen. Er sprach davon, dass ihn  “Revierkitsch” nicht interessierte, sondern “echte Menschengeschichten” in einer Stadt, in der die Epoche der Industriealisierung nicht vollends museal aufbereitet sei. Ihm ging es um die Gegenwart. So hatte ich ihn verstanden. Er wollte nicht über eine hippe Szene schreiben, sondern eine „deutsche Arbeitersaga“.

Richtig nah ist er diesem „herben“ Arbeitermilieu nach meinem Eindruck aber nicht gekommen. Zum einen verknüpft er eine bemühte Kriminalhandlung mit dem Blick auf die Wirklichkeit des Ruhrgebiets. Zum anderen bekam ich bei der Lektüre das Gefühl, in eine Welt der 60er Jahre einzutauchen. Eigentlich waren seine Hauptfiguren Männer meiner Generation, doch wenn er sie sprechen ließ, hatte ich immer das Gefühl, meinen Großeltern zuzuhören.

Das mag für Leser und Kritiker ohne Anbindung ans Ruhrgebiet keine Rolle spielen. Für mich ist es eines von vielen Zeichen, dass Feridun Zaimoglu eine Kunstwelt geschaffen hat, mit der er seine  eigenen formulierten Ansprüche sicher nicht eingelöst hat. Er nimmt seine Wirklichkeit des Ruhrgebiets als Material, um die eigene Sprache als Kunst zu gestalten, um sich vom alltäglichen Sprechen zu entfernen und eine Kunst-Sprache zum Klingen zu bringen. Das macht die Lektüre stellenweise anstrengend und die Geschichte verschwindet zudem immer wieder hinter dieser Sprache. Der Klang der Sätze schiebt sich in den Vordergrund. Eine bedrückende Atmosphäre gelingt ihm so. Eine Balance zwischen Handlung und einer notwendigen Sprachform entsteht für mich aber nicht.

Im Ohr hatte ich immer noch “echte Menschengeschichten” des Interviews, die er hat schreiben wollen. Was die Figuren erleben, wirkt zwar grundsätzlich gegenwärtig, doch gleichzeitig kommt mir die Handlung wie eine manieristische Anstrengung vor. Letztlich lese ich dort nichts über die „raue“ Gegenwartswirklichkeit Duisburgs. Zugespitzt formuliert sehe ich nur den Kunstwillen des Kulturbetriebs in einem Roman, der mir zudem zu oft zu sehr nach Vergangenheit klingt. Kurzum, ich erkenne all das nicht, worauf mich Feridun Zaimoglu neugierig gemacht hat.

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Der BVB – Stark wie die potemkinsche Mauer oder der Zwergen-Treueschwur-Zaun?

Samstag spielt der MSV Duisburg in Dortmund gegen die zweite Mannschaft vom BVB. Einmal mehr zählt nur der Sieg. Deshalb will ich über das Spiel selbst gar nicht so viele Worte verlieren. Ich möchte nach Dortmund fahren und eine Mannschaft des MSV sehen, die ihre Spielweise weder vom zerfurchten Rasen des Stadions noch von der gegnerischen Mannschaft irritieren lässt und dabei ein Tor mehr als der Gegner erzielt.

bvb_treueschwur_potemkin_1Dann könnte ich auch endlich meinen schon länger in der BVB-Schublade wie neu herumliegenden Vergleich nutzen. Irgendwas wie: Der BVB zeigte sich gerade mal so groß wie der hauseigene Treueschwur-Zaun. Ist der euch schon aufgefallen vor dem August-Lenz-Haus? Zwischen Stadion Rote Erde und dem Westfalenstadion, das unter uns Freunden diversifizierter Fußballunternehmensfinanzierung bekanntermaßen ja auch Dingensversicherungs-Park heißt.

Als ich diesen Zaun gesehen habe, musste ich grinsen. Der Fanshop befand sich damals noch in dem Haus, und ich dachte so vor mich hin, ein schöneres Motiv für ein Symbolfoto zur Kommerzialisierung dieses Fußballs habe ich noch nie gesehen. Zugespitzt zeigt sich hier nicht nur die Komplizenschaft zwischen Fans und Fußballvereinen, sondern der gesamte Wohlfühl-Service-Gedanke, der den Besuch eines Fußballspiels ja zum „Erlebnis“ machen will. Fußball als Ware der Unterhaltungsindustrie, als Konsumgut ist an diesem Ort in Dortmund auf den Punkt gebracht.

Die Liebe ist im Fußball seit einiger Zeit allgegenwärtig. In Dortmund heißt das:  „Echte Liebe“. Kollege Werber sagt dazu, ein „catchy brand slogan“ und begeistert sich anschließend an der Markenstärke des BVB. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, wir Anhänger und die Fußballunternehmen haben uns gegenseitig darin befeuert, eine der wichtigsten Sinngebungsideen der Gegenwart, die romantische Liebe, auf den Fußball auszuweiten. Für das Geschäft ist das eine unfassbare Entwicklung. Denn die flüchtige Liebe braucht unentwegt Beweise ihrer Existenz.

bvb_treueschwur_potemkin_2 So findet der Fußball eben den Anschluss an jede Mode der zwischenmenschlichen Liebe. Schlösser an Brückengeländer hängen, braucht ohne vorhandene Brücke höchstens kreative Lösungsansätze. Warum nicht einen völlig unnützen Drahtzaun in die Gegend stellen? So wirkt es zunächst. Das Symbol deiner „Echten Liebe“ kaufst du im Fanshop, um es an der dir vorgeschriebenen Stellwand sofort anzuschließen. Bequemer geht’s nicht. Wenn überhaupt, wäre der eigentliche Ort für dieses Schloss der Stadionzaun. Doch ich kann mir nicht vorstellen, dass so ein Schloss länger als einen Tag am Zaun vom Dingensversicherungs-Park hinge.

 

bvb_treueschwur_potemkin_3Die Fotos sind knapp ein Jahr alt. Ich weiß nicht, wie das BVB-Unternehmen die Geschäftsidee weiter entwickelt hat. Samstag werde ich mir das ansehen. Ich bin übrigens  auch so ein Anhänger, der das alles mit am Laufen hält. Ich kaufe nur beim Konkurrenzunternehmen MSV Duisburg. Und das wollte ich auch noch sagen: Manchmal ist die Geschichte besser als die Wirklichkeit. Ich bin ziemlich sicher, dass der Zaun nicht erst für die Schlösser dorthin gestellt wurde. Der Zaun schützt eine potemkinsche Mauer in gelb. In Stein steht dort nämlich nichts, das ist Kunststoff, der ohne Gitterzaun wahrscheinlich bald beschädigt wäre. Weiterer Stoff für schöne Vergleiche. Alles nur Fassade, BVB. Ich red gerade wieder vom Spiel am Samstag.

Akzente inoffiziell: Coexist heißt versöhnen – Ein Theaterstück muslimischer Duisburger Jugendlicher

Im Januar hatte ich schon einmal in einem Halbzeitpausengespräch auf die HEROES Duisburg als einem besonders eindrucksvollen Duisburger Beispiel von gelingender Vielfalt von Kulturen hingewiesen. Nocheinmal in Kürze: Bei den HEROES machen sich per Schneeballprinzip Jugendliche und junge Männer aus sogenannten “Ehrkulturen” mit aufklärerischem Denken vertraut. Die Religion ist dabei nur Teil all dessen, was im Alltag der Teilnehmer wirksam wird. Einige dieser HEROES haben im Herbst letzten Jahres an einer vom Ofju e.V., dem Verein für Offene Jugendarbeit Neumühl, verantworteten Fahrt nach Auschwitz  teilgenommen. In einem West ART-Beitrag vom WDR lassen sich Eindrücke von dieser Fahrt gewinnen. 

In der Zeit danach haben fünf der muslimischen Jugendlichen zusammen mit der Theaterpädagogin Marina Gerber das Theaterstück Coexist entwickelt. Die Premiere hat bereits stattgefunden. Auftrittsmöglichkeiten werden aber weiter gesucht. Auch zu diesem Theaterprojekt gibt es einen West ART-Beitrag von Anke Wolf-Graaf. Mit einem Klick geht es weiter zu diesem Beitrag in der Mediathek des WDR. Leider kann ich ihn nicht einbinden, also weiterklicken, denn es lohnt sich, die knapp 7 Minuten anzusehen. Junge Duisburger fühlen sich verantwortlich für das Zusammenleben in ihrer Heimat und wollen in die Stadtgesellschaft hineinwirken.

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Akzente inoffiziell: Das umstrittene Symbolfoto Heimat – Zeche Zollverein

Eigentlich muss man den Festival-Verantwortlichen der „Akzente Duisburg“ für ihre Entschlussfreudigkeit dankbar sein. Weil „Akzente“-Plakat und -Programmheft mit der Essener Zeche Zollverein als Fotomotiv bebildert sind, wird nun darüber gesprochen, in welchem identitätstiftenden Verhältnis das Ruhrgebiet und Duisburg zueinander stehen. Ein Thema, das in allen Städten der Region interessieren müsste, weil davon ihre Zukunft abhängt; weil dieses Ruhrgebiet sich immer noch zu mehr Gemeinsamkeit der Städte hin entwickeln sollte. Für diesen Weg müssen die Ruhrstadt-Stadtteilbewohner sich ihrer Identität als Ruhrstädter und Ruhrstadt-Stadtteilbewohner gleichermaßen sicher sein. Ein wunderbares Thema für die Akzente 2015 – ob offiziell oder inoffiziell.

Zwei Minuten nur sei die Vorlage für die Werbung zu den diesjährigen „Akzenten“ diskutiert worden. So erzählt Festivalbüro-Leiter Frank Jebavy es den Journalisten, um zu unterstreichen, wie unzweifelhaft die Zeche Zollverein als Motiv auf einem Symbolfoto das „Akzente“-Jahr mit dem Thema „Heimat“ repräsentieren könne. In den sozialen Netzwerken waren allerdings Zweifel schon vor etwas längerer Zeit geäußert worden. Die lokale Presse trat mit einem vorsichtig fragenden Artikel nach einer möglichen „Werbepanne“ in der ersten Veranstaltungswoche auf den Plan.

Kritik an der Wahl des Fotomotivs zusammen mit der dünnhäutigen Reaktion der Festivalverantwortlichen darauf zeigen nun  am Beispiel Duisburg, wie erschütterbar die zwei identitätsstiftenden Perspektiven auf eine Stadt im Ruhrgebiet jeweils sind. Auch für die nachgeschobene Argumentation der Festivalverantwortlichen darf man deshalb dankbar. Natürlich sollte man Frank Jebavy als erstes beruhigen, wenn er fragt, ob die Festivalverantwortlichen, die einzigen seien, die über den Tellerrand blickten. Ich kenne noch ein paar mehr, die das machen. Die haben nur andere Meinungen. Ich zum Beispiel versuche, wann immer es geht, für den Gedanken der Ruhrstadt zu werben. Dennoch würde ich im Jahr 2015 ein Duisburger Kulturfestival niemals mit einem Fotomotiv aus Essen bebildern.

Zeche Zollverein mag inzwischen ein symbolhafter Ort für die „Heimat Ruhrgebiet“ sein, wie Frank Jebavy anmerkt. Dass Zollverein das Lebensgefühl der gesamten Region ausdrückt, möchte ich schon stark bezweifeln. Diese „Heimat Ruhrgebiet“ gibt es neben der genauso intensiv erlebten „Heimat Duisburg“, deren Industrieromantik eigene ausdrucksstarke Bilder für das Leben in Duisburg hervorgebracht hat. Und selbst wenn es in ferner Zukunft einmal so wäre, und die Zeche Zollverein für alle Ruhrstädter das Symbol ihrer Heimat ist wie der Dom für die Kölner, selbst dann wäre die Zeche als Hauptmotiv für ein Kulturfestival des Ruhrstadt-Stadtteils Duisburg die falsche Wahl gewesen. Kein eigenständiges Kulturfestival in einem Kölner Stadtteil bewirbt seine Veranstaltung nur mit dem Dom. Er ist allenfalls Teil einer Collage, in der immer auch klar erkennbare Fotomotive des Stadtteils vorhanden sind.

Ich könnte deshalb auch die Festival-Verantwortlichen zurückfragen, ob es nicht eher proviziell ist, sich seiner Identität nicht vollständig sicher zu sein, knapp daneben zu liegen mit den Bildern seiner selbst. Nicht provinziell sein zu wollen ist, leider Gottes, provinziell. Normalerweise hätte ich das niemals so gesagt, aber zur Verteidigung der Entscheidung sprang der Kulturdezernent der Stadt, Thomas Krützberg, Jebavy argumentativ bei, sie hätten nicht so provinziell denken wollen, die „Akzente“ seien kein auf Duisburg begrenztes Festival. Implizit steckt darin der Gedanke, eine bildhafte Ausrichtung auf Duisburg habe dieses provienzielle Flair. Ich sage dagegen, eine starke Identität braucht eigene Bilder. Erst so entsteht Selbstbewusstsein und erst eine selbstverständliche, stimmige Identität hat die Chance, über die Stadtgrenze hinaus zu wirken. Mehr Gemeinsamkeit im Ruhrgebiet entsteht auch, wenn sich die Bürger einer Stadt dem wahrgenommenen Wert ihrer Stadt sicher sein können.

Der Anspruch des Festivals sei Überregionalität, war ein weiteres Argument für das Essener Fotomotiv. So ein Anspruch darf sicher formuliert werden, gelesen habe ich über das Festival in den letzten Tagen in einem überregionalen Medium allerdings noch nichts. Vielleicht lese ich nicht umfassend genug? Ich glaube aber, viel wichtiger ist ohnehin  die Wahrnehmung der „Akzente“ in Duisburg selbst, vielleicht noch die im westlichen Ruhrgebiet. Denn zweifellos bieten diese „Akzente“ ein wunderbares Programm. Angebote der lokalen Kulturszene mischen sich bestens mit den Gastauftritten von außerhalb. Diese Mischung macht den Wert des Festivals aus und kann das Selbstbewusstsein der Stadt stärken. Meine Eindrücke dieser ersten Akzente-Woche sind zufällig, doch ich habe das Gefühl, das Festival wirkt tatsächlich vielfältig in den Alltag der Stadt hinein.  Das ist gut, das lässt sich weiter erzählen, und so ein Erfolg ist keineswegs provinziell.

 

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