Wo versteckt sich nur immer der Aufstiegswille?

Was für eine enttäuschende Niederlage! Recht schnell wurde deutlich, die gegnerische Mannschaft war zunächst schneller bei ihren Entscheidungen. Sie wirkte dynamischer, zeigte mehr Biss und mehr Zug zum Korb. Innerhalb kurzer Zeit lag die fünfte Mannschaft des Deutzer TV im ersten Viertel mit 14 Punkten zurück. Ich nehme nicht mehr so häufig an den Meisterschaftsspielen meiner Basketballmannschaft teil. Letzten Dienstag war es mal wieder so weit. Wir waren dünn besetzt, und ich ließ mich mit auf den Spielberichtsbogen schreiben. Wenn das geschieht, will ich gewinnen. Das will jeder von uns, auch wenn oft die meisten Spieler des Gegners unsere Kinder sein könnten. Als Mannschaft haben wir das erst ab etwa Mitte des zweiten Viertels aufs Spielfeld gebracht. Wir hatten eigentlich gegen diesen Gegner gute Chancen gehabt zu gewinnen. Minute für Minute verringerten wir seinen Vorsprung. Kurz vor Schluss waren wir auf fünf Punkte herangekommen. Doch der Rückstand aus dem ersten Viertel war diese fünf Punkte zu hoch. Wir waren am Ende im Spiel, waren besser als der Gegner, doch es schien nur so, als hätten wir den Ausgleich noch erreichen können.

Nach der 4:2-Niederlage des MSV Duisburg bei den Stuttgarter Kickers wusste ich sofort, wie sich die Duisburger Fußballer fühlten. In kurzer Zeit hatte ich Spiele in unterschiedlichen Sportarten sich auf ähnliche Weise entwickeln gesehen. Dabei hatte es in dem Fußballspiel in den ersten Minuten gar nicht so einen großen Leistungsunterschied zwischen dem MSV Duisburg und den Stuttgarter Kickers gegeben. Das lag aber daran, dass die Stuttgarter nicht von Anfang so schnell gespielt haben, wie sie es konnten. Als die Kickers das Tempo erhöhten, war für den MSV sofort Land unter. Die Manschaft wirkte wie aus dem Spiel gefallen. Es schien so, als hätten nur wenige Duisburger Spieler mit diesem Willen der Stuttgarter zu gewinnen gerechnet. Fast sofort begann die Defensive zu schwimmen. Unsicherheit sickerte in die gesamte Mannschaft. Aus fast jedem eroberten Ball wurde entweder ein Fehlpass oder er wurde so ungenau gespielt, dass er nicht sofort verarbeitet werden konnte. Kein Spielzug ergab sich selbstverständlich. Jeder Pass Richtung Stuttgarter Tor musste einen Moment überlegt werden. Die Zebras verloren fast augenblicklich  den Zugriff aufs Spiel.

In solchen Momenten muss sich eine Mannschaft zurück ins Spiel beißen und zwar in der Defensive, in den Momenten, in denen es einfacher ist, weil niemand einen Ball kontrollieren muss. Es geht zunächst gar nicht um das Endergebnis, sondern um das Gefühl im einzelnen Spielmoment etwas bewirken zu können. Ich muss den Schweiß des Gegenspielers bemerken, sein heftiges Atmen, das sich verändert, wenn ich bei ihm bin. Ich muss merken, ich kann seine flüssigen Bewegungen irritieren, alleine dadurch, dass ich in seine Nähe komme. Das ist alles kein Erkennen, sondern ein intuitives Bemerken, ein in-sich-Aufnehmen und Zurückgewinnen der eigenen Sicherheit.

All das geschah nicht. Im Gegenteil. Jede Spielunterbrechung schien die Zebras zu erleichtern. Jede Spielunterbrechung wurde zum Atemholen genutzt. Die Anspannung ließ nach. Das Ergebnis war eine offene Defensive nach einem schnell ausgeführten Freistoß der Stuttgarter im Mittelfeld. Unfassbar, dass sich aus so einem Freistoß eine Kontersituation ergibt. Unfassbar, wie einfach die Defensive dann hat ausgespielt werden können. Nach diesem 1:0 muss mein Empfinden dem der Spieler entsprochen haben. Für mich besiegelte dieses Tor in der 19. Minute die Niederlage. Eigentlich bin ich ein recht optimistischer Mensch. Aber ich bin nicht blauäugig. In diesem Jahr habe ich die Mannschaft des MSV Duisburg ihrer selbst noch nicht so sicher gesehen, dass sie gegen einen guten Gegner bei einem frühen Rückstand einfach mit ihrem Plan weitermacht, weil sie an sich glaubt. Diese Selbstsicherheit besitzt die Mannschaft nicht. Es überwog die Enttäuschung über das Gegentor.

Neben vielen mehr oder weniger vernachlässigbaren Unterschieden zwischen den Fußballern des MSV Duisburg und den Basketballern der fünften Mannschaft vom Deutzer TV gibt es einen wirklich wichtigen. Wir als Basketballer wollen über den Sieg hinaus im einzelnen Spiel nichts mehr erreichen in diesem Sport. Wenn wir zu Beginn eines Spiels nicht im hohen Drehzahlbereich unterwegs sind, ergibt sich das aus unserer Einstellung vor dem Spiel. Wir brauchen das Spiel selbst, um Biss zu entwickeln. Der MSV Duisburg aber will aufsteigen. Dieser Wille muss von Anfang in der gesamten Mannschaft spürbar sein. Das ist nicht der Fall. Wo steckt dieser Wille zum Aufstieg, zumal wenn das Vorhaben gefährdet scheint? Es reicht nicht, wenn Martin Dausch alleine Aggressivität ausstrahlt. Es reicht nicht, dass Kingsley Onuegbu sich in der Offensive aufreibt. Ich stocher etwas hilflos im Nebel bei der Suche nach Erklärungen für das so schnell erschütterbare Selbstbewusstsein der Mannschaft.

Der weitere Spielverlauf entsprach den Erwartungen. Das zweite Tor der Kickers folgte etwa zehn Minuten später. Ein drittes Tor hätte möglich sein können. Irreale Hoffnungen wurden für mich durch den Halbzeitpfiff geweckt, nachdem der 2-Tore-Rückstand hatte gehalten werden können. Vielleicht ergab sich ein schnelles zufälliges Anschlusstor. Zu meiner Überraschung schien ich sogar nach dem Wiederanpfiff nicht mal unbedingt nur auf den Zufall hoffen zu müssen. Endlich stand die Mannschaft mit der notwendigen Entschlossenheit auf dem Platz. Endlich war der Wille zu spüren, sich nicht in die Niederlage zu fügen.

Für alle aber, die die Niederlage alleine auf Einstellung und Psyche zurück führen wollen, zeigte das dritte und vierte Tor der Stuttgarter, das Selbstbewusstsein hängt schon auch mit der Spielstärke zusammen. Zehn Minuten Hoffnung, dann folgte dem Ballverlust im Mittelfeld ein Konter, der mit dem dritten Tor der Stuttgarter endet. Nun aber spielte die Mannschaft des MSV Duisburg wenigstens weiter. Sie folgte dem in der Halbzeit anscheinend verabredeten Plan, als sei dieses Tor nicht gefallen. Das hätte ich mir für die erste Halbzeit gewünscht. Dann wäre vielleicht ein Punkt möglich gewesen in diesem Spiel. Nun kam dieser Wille mitzuspielen zu spät. Ein viertes Tor wurde den Stuttgartern fast geschenkt, weil nach einem Freistoß ein Spieler der Kickers frei köpfen konnte. Und die Mannschaft des MSV Duisburg spielte weiter. Martin Dausch traf noch zweimal ins Tor. Zu spät für mich, um noch einmal meine Hoffnung zu wecken. Dieses Spiel habe ich nicht mehr mitgemacht.

Nach diesem Sieg sind die Stuttgarter Kickers im Kampf um Platz 2 im Vorteil. Auch wenn ich mir im Verlauf des Spiels am Samstag nicht mehr habe vorstellen können, wie dieser MSV Duisburg irgendetwas mit dem Aufstieg zu tun haben könnte, so gibt es ja weiterhin im Verein das Vorhaben, damit in dieser Saison noch ernst zu machen. Folgen die sportlich Verantwortlichen ihrem Plan weiter, dann heißt die Devise fürs erste, der dritte Platz ist das realistische Ziel – doch nur, wenn dieser Wille zum Aufstieg auch bei jedem Spieler in jedem Spiel von der ersten Minute an mit auf den Platz kommt.

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