Späte Unsicherheit nach herausragender Einzelleistung

Etwas mehr als zehn Minuten am Ende des Spiels vom MSV Duisburg gegen die SpVgg Unterhaching haben ein halbwegs zufriedenes bis leise murrendes Fußballpublikum gespalten. Vereinzelte Pfiffe hatte es schon zur Halbzeitpause gegeben. Dann der Schlusspfiff, der MSV gewinnt 1:0, und das erleichterte Seufzen fast aller auf den Rängen nutzen  nicht wenige Zuschauer zur Hintergrundmelodie für ihre improvisierten Pfeifeinlagen.

Unbekannt ist das Thema nicht: Das Duisburger Publikum möchte oft gerne früh seine Unzufriedenheit loswerden. Es ist sehr kritisch. Es kann seine Fußballer heiß lieben, ihnen das Leben in Duisburg aber auch zur Hölle machen. Mich machten die letzten zehn bis fünfzehn Minuten des Spiels ebenfalls sehr unzufrieden, aber das Spiel wurde gewonnen. Was nutzt es zu diesem Zeitpunkt der Saison die jederzeit schnell vorhandene Unsicherheit der Mannschaft noch zu verstärken? Das darf nicht sein. Geht ohne Beifall nach Hause! Schimpft unter euch, macht eurem Ärger irgendwo mit irgendwem Luft, aber pfeift doch nicht während und nach dem Spiel die sich mühende und erfolgreiche Mannschaft aus, wenn ein Aufstieg noch möglich ist und sie alle Unterstützung für das Erreichen dieses Ziels braucht. Die Verantwortlichen vom MSV können natürlich unabhängig vom Spiel ebenfalls dazu beitragen, dass sich der Unmut in Grenzen hält. Dazu morgen mehr.

Wie gesagt, auch ich bin unzufrieden nach Hause gefahren. Ich hatte keine Erklärung dafür, dass die Mannschaft des MSV zum Ende des Spiels uns tatsächlich noch um den Sieg hat zittern lassen. In der Halbzeitpause hatte es doch mit dem Auftritt der Musical-Darstellerin Judith Lefeber – hier mit Proben ihres Könnens bei youtube – ein vorbildhaftes Beispiel für einen durchweg herausragenden, souveränen Auftritt gegeben. Die Mannschaft aber kennt bislang nur einen wie Mickie Krause genauer und bleibt auf dessen Niveau stecken. Für so einen ist der Bühnenauftritt eine Art Körperertüchtigung, der läuft, klatscht und arbeitet richtig auf der Bühne, um das Publikum auf seine Seite zu kriegen, ohne es wirklich in seinem Innersten zu berühren. Dann kommt endlich einer der Kracher für die Stimmung an, und schließlich bemüht er sich mit dem Abklatsch davon den Auftritt irgendwie rumzubringen. So ähnlich kam mir das Spiel des MSV Duisburg vor.

Mit dem Unterschied, dass Mickie Krause dickfellig genug ist, sein Programm gnadenlos und locker bis zum Ende durchzuziehen. Zu dieser Coolness findet die Mannschaft des MSV Duisburg nicht. Ihr Selbstbewusstssein kann sich jederzeit verflüchtigen, wenn die einzelne Spielaktion ergebnislos verläuft und der vorgegebene Weg gefährdet scheint. Unsicher wirkte die Mannschaft zum Schluss, ängstlich und voller Sorge, dass dieser harmlose Gegner ein Tor erzielen könnte. Andererseits war diese Unsicherheit auch auf den Rängen überall spürbar. Der Ausgleich von Großaspach gegen Münster wird um die 80. Minute herum eingeblendet. Der Spieltag lief blendend für den MSV, doch im selben Moment wurde ein Freistoß in Tornähe des MSV für Unterhaching gepfiffen, und meine Freunde und ich schauen uns nur wissend an. Einer spricht es aus: Jetzt fällt normalerweise der Ausgleich. Das Duisburger Selbstbewusstsein war überall einmal mehr abhanden gekommen.

Dieses Selbstbewusstsein hatte es lange gegeben. In der ersten Halbzeit spielte die Mannschaft im Grunde sicher und kontrolliert, auch wenn das nicht mitreißend war und nicht zwingend überlegen wirkte. Dennoch verhinderte der MSV ein sinnvolles Offensivspiel der Unterhachinger. Die Mannschaft zwang den Gegner zu langen Bällen, die von der Defensive überlegen abgelaufen wurden. Konnte doch einmal ein Unterhachinger Offensivspieler den Ball in der Hälfte des MSV erreichen, stand da immer noch Thomas Meißner unspektakulär im Weg, und schon hatte er den Ball erobert.

In der Offensive wurde zufriedenstellend kombiniert. Den Torschüssen mangelte es aber an Härte. Es entstand der Eindruck, der MSV müsse eigentlich längst führen, so harmlos wie die SpVgg Unterhaching wirkte. Diese Führung erzielte Zlatko Janjic erst in der zweiten Halbzeit durch einen Elfmeter. Nach einem Eckstoß war der Ball einem Unterhachinger Abwehrspieler an die hochgereckte Hand geflogen. Zlatko Janjic nahm den Ball und ich begann zu bangen. Mein Vertrauen in seine Treffsicherheit war angegriffen, weil seine Leistung im Spiel selbst überschaubar gewesen ist. Doch Janjic verwandelte sicher.

Einer Mannschaft auf klarem Aufstiegskurs wäre nun kurz danach das zweite Tor gelungen. Dem war nicht so. Erst Dennis Grote, dann Michael Gardawski wurden eingewechselt. Doch beide spielen weiter unter den Möglichkeiten, die sie in Duisburg schon einmal gezeigt haben. Das Offensivspiel wurde allmählich immer zerfahrener. Es nutzte auch nicht mehr, dass Kingsley Onuegbu aus einem Pass im Moment die Geschwindigkeit mit jedem Körperteil herausnehmen kann. Egal, mit welcher Stelle seines Körpers er den Pass annimmt, der Ball bleibt lang genug dort kleben, damit ihn der „King“ gegenüber den Gegenspielern behaupten kann. Es bahnte sich das Zittern um den Sieg an. Gemischte Gefühle sind das Ergebnis. Aber was zählen Gefühle? Wichtig sind die drei Punkte. Jeden weiteren Gedanken, etwa an zukünftige Gegner wie Preußen Münster oder Holstein Kiel, muss ich mir allerdings sofort auch verbieten.

In dem Spielbericht vom WDR fehlt ein MSV Duisburg, der sich in den letzten zehn bis fünfzehn Minuten zu tief in die eigene Hälfte hat drücken lassen

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1 Response to “Späte Unsicherheit nach herausragender Einzelleistung”



  1. 1 Erklären statt Versprechen | Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 16. März 2015 um 10:06

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