Akzente inoffiziell: Pille und Ruß – 2x Duisburg literarisch

alle_nennen_mich_pilleHeute muss ich etwas Schnelles aus dem Stegreif schreiben, um nicht zum Ende der diesjährigen „Akzente“ hin in den Räumen hier einen Tag ohne inoffiziellen Programmbeitrag zu bleiben. Das werden ein paar Gedanken zu zwei Romanen, die in Duisburg spielen – aus der Erinnerung an die Lektüre geschrieben, ohne mir die Bücher noch einmal vorzunehmen und ohne weiteren Blick auf Vita sowie andere Werke der Autoren. Wer also  mehr weiß, Anmerkungen hat, nur zu, ich eröffne nur ein Gespräch. Das Kommentarformular ist aufnahmebereit.

Sehr, sehr lange ist meine letzte Lektüre des Kinderromans von Erwin Reitmann her. Rudi Pillekamp, „Pille“ genannt, erlebt ein Abenteuer. Mehr muss man nicht von der Geschichte wissen. Andere Romane, die ich als Kind gelesen habe, hatten die besseren Abenteuer. Die anderen Romane spielten aber nicht in Ruhrort. Wenn Pille unterwegs war, wusste ich genau, wo er sich befand. Wie „Pille“ verbrachte ich viele meiner Nachmittage im Hafen. Schiffe waren mir wichtig. Ich erinnere nur noch, mich in diesem Buch auch zu Hause gefühlt zu haben. Gleichzeitig muss dieses Gefühl des Wiedererkennens mein vollständiges Eintauchen in die Romanwelt irritiert haben. Oder war es doch das nicht ganz so spannende Abenteuer? Ich konnte mich und die Welt mit „Pille“ nicht ganz so vergessen, wie ich es mochte.

War Erwin Reitmann nicht Redakteur der WAZ? Schnelles Googeln nach der Lieferbarkeit des „Pille“-Romans zeigt, gebraucht ist er problemlos erhältlich. Schnelles Googeln fördert auch neben den Kinderbüchern der Nachkriegszeit die Horst-Wessel-Biografie eines Erwin Reitmann von 1932 zu Tage. Da mag Erwin Reitmann zu den bundesrepublikanischen Autoren gehören, die schon zu Zeiten des Nationalsozialismus mit systemkonformem Schreiben ihr Geld verdienten. Vielleicht ist es aber auch nur ein Zufall. Das sind die Sachen, die ich heute einfach stehen lasse in der Hoffnung, jemand anderer nimmt den Faden auf.

russ_zaimogluFast vierzig Jahre später war ich auf Feridun Zaimoglus Duisburg-Roman „Ruß“ sehr neugierig. Vor der Veröffentlichung hatte ich ein Interview mit ihm gesehen. Er sprach davon, dass ihn  “Revierkitsch” nicht interessierte, sondern “echte Menschengeschichten” in einer Stadt, in der die Epoche der Industriealisierung nicht vollends museal aufbereitet sei. Ihm ging es um die Gegenwart. So hatte ich ihn verstanden. Er wollte nicht über eine hippe Szene schreiben, sondern eine „deutsche Arbeitersaga“.

Richtig nah ist er diesem „herben“ Arbeitermilieu nach meinem Eindruck aber nicht gekommen. Zum einen verknüpft er eine bemühte Kriminalhandlung mit dem Blick auf die Wirklichkeit des Ruhrgebiets. Zum anderen bekam ich bei der Lektüre das Gefühl, in eine Welt der 60er Jahre einzutauchen. Eigentlich waren seine Hauptfiguren Männer meiner Generation, doch wenn er sie sprechen ließ, hatte ich immer das Gefühl, meinen Großeltern zuzuhören.

Das mag für Leser und Kritiker ohne Anbindung ans Ruhrgebiet keine Rolle spielen. Für mich ist es eines von vielen Zeichen, dass Feridun Zaimoglu eine Kunstwelt geschaffen hat, mit der er seine  eigenen formulierten Ansprüche sicher nicht eingelöst hat. Er nimmt seine Wirklichkeit des Ruhrgebiets als Material, um die eigene Sprache als Kunst zu gestalten, um sich vom alltäglichen Sprechen zu entfernen und eine Kunst-Sprache zum Klingen zu bringen. Das macht die Lektüre stellenweise anstrengend und die Geschichte verschwindet zudem immer wieder hinter dieser Sprache. Der Klang der Sätze schiebt sich in den Vordergrund. Eine bedrückende Atmosphäre gelingt ihm so. Eine Balance zwischen Handlung und einer notwendigen Sprachform entsteht für mich aber nicht.

Im Ohr hatte ich immer noch “echte Menschengeschichten” des Interviews, die er hat schreiben wollen. Was die Figuren erleben, wirkt zwar grundsätzlich gegenwärtig, doch gleichzeitig kommt mir die Handlung wie eine manieristische Anstrengung vor. Letztlich lese ich dort nichts über die „raue“ Gegenwartswirklichkeit Duisburgs. Zugespitzt formuliert sehe ich nur den Kunstwillen des Kulturbetriebs in einem Roman, der mir zudem zu oft zu sehr nach Vergangenheit klingt. Kurzum, ich erkenne all das nicht, worauf mich Feridun Zaimoglu neugierig gemacht hat.

Mit einem Klick weiter zu allen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms im Zebrastreifenblog.

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