Was einem 4:1-Sieg nicht alles folgt

Es muss meine Ausstrahlung gewesen sein. Nach einem 4:1-Sieg des MSV Duisburg steht man als Anhänger des Vereins wohl ganz anders auf einem Bahnsteig. Für mancheinen provozierend. Mit dem RE 1 war ich im Gegensatz zur letzten Saison problemlos von Dortmund bis Köln-Mülheim gekommen. Nun wartete ich am Gleis 7 auf meine S-Bahn. Der MSV-Schal wärmte meinen Hals, und ich konnte mir für einen Moment die Zeit vertreiben, indem ich den IC musterte, der im Schritttempo durch den Bahnhof fuhr. Hamburg war sein Ziel, und schon im ersten Waggon hatte ich flüchtig grüne Trikots von Anhängern eines anderen Fußballvereins gesehen.

Während ich noch im Geiste die Begegnungen der Bundesliga durchging, um zu wissen, wo die Werder-Fans eingestiegen waren, hörte ich aus der Ferne das uns allen bekannte Geräusch, wenn jemand ganz besessen auf die Fensterscheibe einer Straßenbahn, eines Busses oder eben eines ICs haut. Ich dachte mir nichts dabei, doch im selben Moment war der durchdrehende Werder-Anhänger im IC auf meiner Höhe und reckte mir den Mittelfinger entgegen. Ich weiß nicht, wie es euch gegangen wäre, aber nach kurzer Verblüffung breitete ich die Arme zum Himmel gerichtet aus und rief: „Halleluja! Wir sind wieder wer! Wir sind satisfaktionsfähig!“ Der Zug war lang. In jedem Waggon saßen sie, die Werder-Fans, und ich dachte nur, zeigt mir eure Stinkefinger, jetzt weiß ich es, wir steigen auf!

2015-03_bvbIISeht es mir nach, ich hatte das Wort vom Aufstieg nicht mehr aussprechen wollen. Aber es nutzt ja alles nichts. Wenn ich mit meiner Ausstrahlung Vorbild sein soll, muss ich Klartext reden. Ich hoffe jedenfalls sehr, auch die Spieler des MSV zeigen nach diesem 4:1-Sieg gegen die zweite Mannschaft von Borussia Dortmund im weiteren Saisonverlauf weiter jenen Willen, den ich dort auf dem Bahnsteig spürte und der auch auf dem Rasen im Stadion Rote Erde erkennbar war. Die Freude dieser Spieler nach dem Sieg zeigt aber auch, wie sehr dieser Wille gefährdet wird, wie dieser Sieg erleichterte. Denn der Druck war groß.

Dieser Sieg war der nächste Pflichtsieg, und früh schon mussten wir um ihn bangen. In der 9. Minute fiel das Führungstor der Dortmunder. Eines verrät der hohe Sieg nämlich nicht: Wieviel die Mannschaft des MSV dafür hat arbeiten müssen, wieviel Kraft sie dieser Sieg auf dem völlig durchweichten, matschigen Spielfeld gekostet hat, und wie oft das schnelle Kurzpassspiel der Dortmunder vor allem während der ersten Halbzeit in der Duisburger Angriffshälfte gelang. Immer wieder mal drang der BVB damit in den Duisburger Strafraum, ohne allerdings einen Spieler zu finden, der abschlusssicher war. Hinzu kamen Eck- und Freistöße, die mit einer Ausnahme statt von der Duisburger Defensive von Dortmunder Spielern geköpft wurden – viel zu ungenau und nie wirklich gefährlich. Aber woher sollten wir wissen, dass es so bleiben sollte? Unruhig hat uns das auf den Rängen gemacht. Wirklich sicher war der Sieg erst mit dem 3:1 Tor durch Martin Dausch in der 78. Minute.

Martin Dausch war es auch, der Mitte der ersten Halbzeit den Ausgleich schoss. Martin Dausch ist so jemand, der einer Mannschaft zu Ausstrahlung verhilft, der Willen zum Sieg verköpert und dem Spiel gleichzeitig mehr als diesen Willen geben kann. Martin Dausch merkt man es an, wie sehr ihm ein Rückstand missfällt. Eine Mannschaft braucht solche Spieler. Der Ausgleich war auch eine Folge jener Entschlossenheit, mit der er auf freie Bälle geht. Der Dortmunder Torwart hatte einen Ball nicht weit genug fausten können, weil er mit einem Spieler der eigenen Mannschaft zusammenprallte und halb mit Kingsley Onuegbu. Zur Stelle war Martin Dausch, dessen Schuss so wirkte, als solle er sofort für zwei Tore zählen.

Doch regelkonform blieb es bei der Zählung plus eins, und erst Tim Albutat schoss dieses zweite Tor nach einem Pass von Nico Klotz. Dieser Führungstreffer brachte die erste große Erleichterung, für uns Zuschauer, für die Mannschaft und für Tim Albutat selbst, dessen Passspiel nach seiner Verletzung noch zuweilen zu ungenau bleibt. Nicht nur dieses zweite Tor bereitete Nico Klotz vor. Während des gesamten Spiels konnte er sich immer wieder im eins gegen eins durchsetzen. Er erlief sich die langen Pässe, und er war es auch, der nach einem langen Pass sich den Ball artistisch, mit der Hacke selbst über den Kopf gespielt, so vorlegte, dass er freie Bahn auf Tor hatte. Der Dortmunder Abwehrspieler foulte ihn kurz vor der Strafraumgrenze. Die rote Karte war die Konsequenz.

Martin Dauschs Ausgleichstor zählte ja eigentlich schon für zwei Tore. Da so etwas in den Fußballregeln nicht vorgesehen ist, musste er es eben tatsächlich erzielen. Zu dem Zeitpunkt drückte der MSV auf ein weiteres Tor und es erstaunte, wie schnell die Mannschaft um die 70 Minute herum auf dem Boden noch spielen konnte. Am Ende eines solchen schnellen Angriffs stand Martin Dausch halblinks frei und konnte mit einem wuchtigen Schuss abschließen. Mit einem Mann mehr auf dem Feld, zudem körperlich überlegen, – so ließ sich allmählich dem Auswärtssieg entgegen sehen. Das vierte Tor war dann etwas fürs Lehrbuch. Zlatko Janjic treibt den Ball von der Mittellinie aus nach vorne. Halblinks läuft der eingewechselte Marcel Stenzel den Konter mit. Er erhält den Pass, schiebt sofort nach innen, wo Kingsley Onuegbu eigentlich schon geblockt ist. Doch auch der King weiß mit der Hacke zu spielen und erzielt auf schön anzusehende Weise das 4:1.

 

Die Freude der Mannschaft war am Ende groß. Die Grundlage dieses Siegs war harte Arbeit. Wer diesen Boden gesehen hat, wer das Schuften dieser Spieler gesehen hat, wird ahnen, warum mir die auch erkennbare Leichtigkeit des Spiels in der Offensive Hoffnung macht. An die Defensive denke ich dann erst einmal besser nicht.

Übrigens macht es überhaupt keinen Unterschied, wen der Werder-Fan in mir auf dem Bahnsteig erkannt hat. Mag ja sein, er hat in meinem Blau-Weiß des Schals das eines Ligakonkurrenten erkannt. Es geht nur um die Wirkung.  So eine Ausstrahlung, die auf manchen erstligareif wirkt, schafft einen Anfangsvorteil. Wenn das der Mannschaft nach dem 4:1-Sieg nun ebenfalls gelingt, ist mir vor den nächsten Pflichtaufgaben des MSV nicht bange.

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