Wie gerne hätte ich vom Fußballgott Martin Dausch geschrieben

Eine Spielsituation in der Begegnung des MSV Duisburg gegen Hansa Rostock war eine Art Reader’s-Digest-Version des gesamten Spiels. Mit ihr sahen und spürten wir alles, was das 2:2-Unentschieden ausgemacht hatte, wenn wir vom Spielereignis Tor einmal absehen. Es war die allerletzte Spielsituation. Jeder wusste, der Schiedsrichter wird jeden Moment abpfeifen. Dem MSV wurde noch einmal ein Freistoß zugesprochen. Halblinks, in Verlängerung der Strafraumecke, vielleicht 25 Meter, eigentlich zu weit, um direkt zu schießen, doch in mir brannte dieses Verlangen nach einer Wiederholung all der Umstände, die das Janjic-Tor in Bielefeld aus noch weiterer Freistoß-Entfernung ermöglicht hatten.

Ich sah wieder die auseinander springenden Abwehrspieler vor mir. Ich ignorierte das Ballgefühl von Zlatko Janjic dieses Tages, das nicht das Beste gewesen ist. Ich fantasierte diesen einen siegbringenden Schuss mit solch einer Macht, dass ich vor der erwarteten Enttäuschung geradezu wankte, weil alles in mir wusste, solch ein Glück gibt es in Wiederholung nur selten. Diese unbändige Sehnsucht, dieses Spiel zu gewinnen, war auf den Rängen überall zu spüren. Das Stadion stöhnte, ächzte und japste. Es gab keine Luft für wirklichen Support. Die Rufe waren  ein banges Mutmachen. Zu spüren war die Ohnmacht dem Geschehen auf dem Rasen ausgeliefert zu sein. Nichts unter Kontrolle zu haben, abhängig zu sein von dem, was die Spieler des MSV Duisburg nun machten.

Diesen Spielern des MSV war aber überhaupt nicht bang. Diese Spieler hatten einen Plan, der mehr war als die pure Verzweifelung, als ein allerletztes Aufbäumen. Diese Spieler vertrauten auf mehr als nur dem einen Glücksschuss, der sie retten sollte. Diese Spieler spielten noch in dieser allerletzten Spielsituation strategisch. Sie wollten näher vor das Tor. Sie wollten den Erfolg wahrscheinlicher machen. Man muss sich erinnern. Sie wussten, sie mussten sehr schnell näher ans Tor kommen. Jeder längere Spielzug geriet in Gefahr vom Schlusspfiff zerstört zu werden. Kurz und steil wurde der Freistoß in Richtung Strafraum gespielt, und erneut brannte in mir die Ungeduld. Diese Meter, näher zum Tor, jetzt aber schießen. Doch immer noch nicht wurde der Abschluss gesucht. Die Flanke kam auf den hinteren Pfosten, und ich sah eine Flut von blau-weiß-gestreiften Trikots im Fünfmeter-Raum.

Irgendeiner dieser Spieler musste doch diese Flanke so erreichen, dass er sie mit einem wuchtigen Kopfball ins Tor bringen konnte. Doch erneut wurde nicht der Abschluss gesucht. Verständlich, weil diese Flanke keine war, nach der ein Kopfball hätte Erfolg haben können. Der Ball wurde zurückgeköpft in den Fünfmeter-Raum, dort noch einmal verlängert in Richtung zweiten Pfosten. Die Spannung im Stadion war mit jedem Ballkontakt gestiegen. Die Zuschauerränge waren bereit zu explodieren. Jeder sah, wie frei der MSV-Spieler an diesem Pfosten war. Die Rostocker waren Statisten geworden in diesem Spielzug. Sie hasteten dem Ball hinterher, waren chancenlos trotz all der Spieler, die sie in den eigenen Strafraum hatten zurück gezogen.

Gleichzeitig aber wusste ich, dieser Ball kommt nicht perfekt, es wird kein Kinderspiel diese Vorlage zu verwandeln, wenn dieser Spieler nicht schon vorher instinkthaft in die Torschussbewegung gegangen ist. Der Ball erreicht den Spieler und es ist sofort klar, dieser verknotete Körper braucht immenses Glück trotz der Nähe zum Tor, um den Ball über die Linie zu drücken. Ich kenne solche Situationen aus dem Basketball. Alles scheint einfach zu sein, doch die Bewegung des Balls und des eigenen Körpers finden keinen Einklang. Der winzige Moment zum Erfolg geht vorbei. Der Ball landet nicht dort, wo er hin soll. Michael Gardawski schoss am Tor vorbei. Das Stadion stöhnte auf. Einige der Spieler vom MSV fielen zu Boden. Ich hatte Angst, dass der Schiedsrichter nicht abpfiff. In dieser Enttäuschung wäre gegen den MSV sogar noch ein weiteres Tor möglich gewesen.

Die Reader´s Digest-Version musste als wesentliche Elemente des Spiels die massive Abwehr der Rostocker beinhalten, das überlegte und kontrollierte Spiel des MSV Duisburg, das dennoch nicht zum Erfolg führt. Die Tore fielen als Ergebnis von Einzelleistungen. Was nicht überrascht, wenn beide Mannschaften eine sehr gut aufeinander abgestimmte Defensive zeigen. Der MSV war spielerisch besser. Trotz der tief stehenden Rostocker Mannschaft gelang es ihr immer wieder, den Ball in Tornähe zu bringen. Diese spielerischen Möglichkeiten hatte es zu Beginn der Saison nicht gegeben. Allerdings musste der MSV ein hohes Risiko eingehen, weil diese Rostocker Mannschaft gefährlich konterte, sowie früh und intensiv presste.

Dieses Unentschieden hatte den Nachgeschmack einer Niederlage. So groß gewesen war die Hoffnung zu gewinnen. Dieser Nachgeschmack verhindert auch, die Leistung von Martin Dausch und Kingsley Onuegbu so zu feiern, wie es beide Spieler eigentlich verdient hätten. Beide zeigten auf ihre jeweils eigene Weise spielerische Qualität, Ballsicherheit und Willen auf dem Platz, die einen Aufstieg nötig macht, damit wir sie in der nächsten Saison in Duisburg weiter sehen werden. Wie Martin Dausch sich den Ball vor dem 1:0 nahm, in die Lücke der Abwehrreihe hineinstieß und er den Körper gegen die Laufrichtung zum Schuss drehte, das war nicht nur wegen des Tores einer der großen Momente des Spiels. Selbstverständlich erzielte Kingsley Onuegbu das 2:1 auf eine andere Weise. Doch auch darin zeigten sich seine gesamten spielerischen Qualitäten dieser Zeit, seine Ballbehauptung auf engstem Raum, seine überraschenden Bewegungen, mit denen er den Ball dorthin bringt, wo ihn die Gegenspieler nicht erwarten. Das alles macht er mit einer Ruhe, die ihm den Torschuss ermöglichte. Großartig.

Die Medien erzählen nun, das 2:2-Unentschieden sei ein Rückschlag gewesen im Kampf um den Aufstieg. Ich finde das Wort unpassend, sobald wir wissen, dass auch die Konkurrenten um den Aufstieg noch gegeneinander spielen, Rostock etwa ihr Gegner sein wird und wir uns an die Spielanlage des MSV klar erinnern. Wir müssen akzeptieren, es wird kein klarer, deutlicher Weg nach oben. Es ist aber weiter alles möglich – sagt auch mein Tabellenrechner.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s





%d Bloggern gefällt das: