Drittliga-Live-Ticker? – Fragen Sie vorher Ihren Arzt

Wie war das noch mal? Geht man als Pessimist oder Optimist glücklicher durchs Leben? So eine grundsätzliche Lebenshaltung ist zwar nicht unbedingt eine Frage der Entscheidung, aber das Anwenden des Tabellenrechners verdeutlicht sehr schön, wie sich die jeweiligen Einstellungen auf das aktuelle Befinden auswirken. Als Pessimist erwartet man ja bis zum Saisonende einen MSV Duisburg, der seine Spiele nicht gewinnt und den Aufstieg vermasselt. Vorfreude schaffen solche Gedanken sicher nicht. Dafür aber ist das Glücksgefühl gegenüber dem Optimisten vielleicht größer in dem aktuellen Moment, wenn das erwartete schlechte Ergebnis nicht eintrifft, sondern alles besser ausgeht als angenommen. Der Optimist sieht sich ja nur bestätigt.

Für gestern war ich jedenfalls mit meinem Unentschieden-Tipp vorsichtshalber etwas pessimistischer gewesen, und so konnte ich dem 2:1-Auswärtssieg des MSV Duisburg bei der zweiten Mannschaft vom VfB Stuttgart noch mehr Freude abgewinnen. Der eigentlich von mir für das Heimspiel gegen Rostock erwartete Sieg wurde nachgeholt. Für Pessimisten und Optimisten gilt aber eins wahrscheinlich gleichermaßen. Beide sollten davor gewarnt werden, dass das Verfolgen eines Drittliga-Spiels am Live-Ticker gesundheitsgefährdende Folgen haben kann. Zumindest wenn kurz vor Spielende Michael Ratajczak eine rote Karte erhält, der Anschlusstreffer durch Elfmeter fällt und mit Kevin Scheidhauer bei vermuteten zehn Minuten Restspielzeit ein Feldspieler ins Tor muss.

Drittliga-Live-Ticker melden sich nur sehr sporadisch. Sie vermitteln nicht wirklich einen Eindruck vom Spiel. Sie sind Ereignis-Herolde ohne Vollständigkeits-Garantie. Drittliga-Live-Ticker funktionieren wie grobkörnige Fotografien. Nur mit deutlichem Abstand lässt sich erkennen, welche Leistung die eigene Mannschaft zeigte. Beim Lesen gleichen die Meldungen begrenzten Pixelflächen eines Fotos, anhand deren man nur erahnen kann, was sie zeigen. Man vermutet und rechnet mit Wahrscheinlichkeiten, wie sich der Verein der eigenen Zuneigung gerade hält. Die erste Halbzeit habe ich ganz entspannt verbracht, weil ich im Twitter-Account des MSV fast nur von Spielaktionen des eigenen Vereins lesen konnte. Zumal die Tore von Zlatko Janjic und Nico Klotz sehr beruhigten. Martin Dausch war beide Male beteiligt. Das klang alles vielversprechend. Das vom ZDF übertragene Pokalendspiel im Basketball brauchte ich nicht einmal zur Ablenkung. Vor dem Spiel des MSV hatte ich mir nämlich ausgemalt, wenn ich zu nervös werde, starre ich auf Bambergs Dreipunktewürfe und Oldenburger Rebounds.

Leicht beunruhigt wurde ich durch den Beginn der zweiten Halbzeit, weil mit einem Mal plötzlich nur noch von Chancen der Stuttgarter geschrieben wurde. Glück gehabt, knapp daneben, von der Linie gekratzt und solche Sachen. Geriet der MSV tatsächlich wieder einmal nach einer sicheren Führung unter Druck? Für die Augenzeugen sah das Ganze anscheinend weniger dramatisch aus. Im MSVPortal hat Mike Oldman, der vor Ort war, einen MSV gesehen, der trotz Stuttgarter Chancen auch in der zweiten Halbzeit überlegen war.   Bewertungen der einzelnen Spieler geben zudem NeckerChecker und freak01. Übereinstimmend wird nicht nur von diesen zwei Auswärtsfahrern einmal mehr die hervorragende Leistung von Martin Dausch betont. Auch der Spielbericht bei WAZ/NRZ beschreibt einen durchweg unterlegenen VfB Stuttgart, dem nur durch eine Unaufmerksamkeit von Dennis Grote und Kevin Wolze der Elfmeter, das Anschlusstor und die anschließende vergebliche Hoffnung auf den Ausgleich ermöglicht wurde.

Diese letzten Minuten aber waren für jeden, der das Spiel an einem Live-Ticker verfolgte, die Hölle. Zu lesen war nichts mehr, dafür hatte ich nur noch diesen einen Minifilm im Kopf. Egal welcher Stuttgarter Spieler sich dem Tor nähert, ab etwa 20 Meter schießt er aufs Tor. Natürlich sehe ich den Ball Richtung Winkel fliegen, und natürlich sehe ich, wie Kevin Scheidhauer dorthin springt. Ich sehe aber auch seine stürmerhafte und wenig torwartgleiche Sprungtechnik. Das Pokalendspiel im Basketball war zu dem Zeitpunkt schon zu Ende. Auch dort waren die letzten Minuten ungeheuer spannend gewesen. Oldenburg führte knapp, und Bamberg schien das Spiel noch einmal drehen zu können. Interessiert, aber entspannt hatte ich zugesehen.

Das Pokalendspiel fehlte mir in diesen letzten Minuten des Spiels vom MSV sehr. Es gab nichts, mit dem ich mich hätte ablenken können. Dennoch schaffte ich es, jeden meiner Minifilme mit einem offenen Ende zu versehen. Das letzte Bild war immer ein Kevin Scheidhauer, der eingefroren in der Luft schwebte, auf dem Weg in den Winkel des Tores. Der Ball dagegen war irgendwie unsichtbar geworden. Und schon begann die nächste Fassung dieses Minifilms. Dann endlich meldete ein zweiter Drittliga-Ticker den Sieg. Ich brauchte länger als sonst, um mich einigermaßen wieder zu beruhigen. Oft kann ich ein Spiel des MSV auf diese Weise nicht erleben. Da bin sicher. Ein Aufstieg des MSV wäre wegen der besseren Berichterstattung in der 2. Liga deshalb auch eine Maßnahme der Gesundheitsfürsorge. Zumindest die Tore sind übrigens in einem Kürzestbericht des SWR zu sehen.

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