Endlich schreiben: Martin Dausch, Fußballgott!

Bei irgendwem, vielleicht auch bei irgendetwas muss ich als allererstes um Vergebung bitten. Ist noch jemand mit dabei? Ich war es doch nicht alleine am Samstag im Stadion? Seid ehrlich. Es gab doch noch ein paar andere auf den Rängen, die es auch ausgesprochen haben und die es nicht nur immer dringlicher gedacht haben. In der 89. Minute geschah es. Ich wollte diesen Sieg des MSV Duisburg so sehr, dass ich meinen Mund nicht halten konnte. Meine Freunde um mich herum begannen aber auch schon, sich zu entspannen. Ich war so froh. Wir sahen uns an, und dann sagte ich die vor dem Abpfiff verbotenen Worte: „Ich glaube, jetzt können wir doch sagen, wir gewinnen.“ 3:1 war das Ergebnis. Der MSV war dem FC Energie Cottbus in dieser zweiten Halbzeit so deutlich überlegen gewesen. Chance auf Chance hatte sich die Mannschaft erspielt. Zwei Tore waren gefallen, es hätten mehr sein können. Zwei Einzelaktionen waren klägliche Cottbusser Lebenszeichen gewesen. Wenige Momente später fiel das Anschlusstor. War die Nachspielzeit von zwei Minuten nicht längst schon vorbei?

Stimmt also mit ein: Oh, du unergründliche Macht des Schicksals, oh, du gütiger Herr, oh, ihr allmächtigen Fußballgötter, wir haben die Warnung verstanden. In Demut bitten wir um Vergebung. Niemals wieder werden die verbotenen Worte über unsere Lippen kommen. Niemals wieder werden wir bei einem Spiel des MSV Duisburg etwas vorwegnehmen, was niemals in unserer Hände und vor allem Füße sein wird. Wir waren hochmütig und haben gefehlt. Oh, du unergründliche Macht des Schicksals, oh, du gütiger Herr, oh, ihr allmächtigen Fußballgötter, befreit uns von unserer Sünde.

Dieses Gegentor kurz vor dem Schlusspfiff war ein Partykiller. Jegliche Vorfreude wich der Angst vor dem Unfassbaren. Anstatt dass auf den Rängen die Begeisterung immer lauter wurde, gab es mit einem Mal dieses Stimmenwirrwarr aus verzweifeltem Sehnen und Empörung. Schlusspfiff! Der soll endlich abpfeifen. Mir kommt es immer  noch so vor, als habe Cottbus nach dem Anschlusstreffer unzählige Bälle des MSV sofort erorbert. Mir kommt es so vor, als sei jede Spielunterbrechung ein Freistoßpfiff für den Gast gewesen. Ich war offensichtlich nicht mehr ganz bei Bewusstsein.

Denn gleichzeitig dämmern mir andere Erinnerungen, sehe ich einen Spieler des MSV, der sich den Ball für einen Freistoß im Mittelfeld zurecht legt, sehe ich erneut hilflose Hektik auf Cottbusser Seite. Wahrscheinlich war der Raum verändert, in dem wir uns befanden und als Folge die Zeit gedehnt. Den Schlusspfiff muss es gegeben haben. Ich erkannte ihn nur, weil die Bewegungen auf dem Spielfeld sich mit einem Mal verlangsamten. Einige Spieler blieben auf der Stelle stehen. Wahrscheinlich habe ich tief durchgeatmet. Das alles weiß ich nur noch schemenhaft. Anscheinend habe ich dem Sieg größere Bedeutung zugemessen.

Die Spieler vom MSV Duisburg müssen von Anfang an derselben Meinung gewesen sein. Das Spiel begann, und die Zebras übernahmen sofort die Kontrolle dieses Spiels. Gleichzeitig wirkte die Mannschaft sehr souverän. Kein Spieler ließ sich aus der Ruhe bringen, wenn er beim Ballvortrag durch das allerdings auch nicht sehr intensive Cottbusser Pressing um die Mittelfeldlinie herum angegriffen wurde. Ein anderer Weg in die Cottbusser Hälfte wurde genommen. Das machte Hoffnung.

Diese Hoffnung verwandelte sich bereits in der achten Minute in erste Freude. Martin Dausch, Fußballgott! Bislang hätte seine Leistung es jederzeit möglich gemacht, das zu schreiben. Doch stimmten die Spielergebnisse noch nicht. Dieses Mal ist es anders. Zwar stach seine Leistung nicht so hervor wie in manch anderem der letzten Spiele. Das lag aber nicht an ihm, sondern an den ebenfalls sehr guten Leistungen seiner Mitspieler.

Martin Dausch, Fußballgott! Mit welcher Dynamik tauchte er an der rechten Seitenlinie weit in der Cottbusser Hälfte auf, als Torsten Mattuschka den Ball annahm und wohl denken musste, so weit von der Mittellinie entfernt bliebe ihm Zeit, in Ruhe den Ball nach vorne zu bringen. Wie symbolhaft war dieser Moment für das gesamte Spiel. Torsten Mattuschka und Martin Dausch, zwei Spieler, die sich eine Saison zuvor noch bei Union Berlin für gemeinsam Ziele eingesetzt hatten, standen nun auf verschiedener Seite. Die Zukunft gehörte in diesem Privatduell zweier ehemaliger Mannschaftskameraden Martin Dausch. Die Zukunft gehörte dem MSV Duisburg. Zu schnell geschah alles für Torsten Mattuschka. Ehe er sich versah, hatte Martin Dausch ihm den Ball vom Fuß genommen und zog rasant Richtung Cottbusser Tor davon. Dem heraneilenden Cottbusser Verteidiger spielte Martin Dausch in fließender harmonischer Bewegung durch die Beine. Die nächste Ballberührung schon war ein wunderbarer Außenristpass auf den heraneilenden Kingsley Onuegbu, der zum Führungstor einköpfte. Solch Tore, bei denen alle Spieler aus der Bewegung heraus den Ball derart elegant verarbeiten, lassen an andere Spielklassen denken. Martin Dausch, Fußballgott!

Zwar versuchte der FC Energie Cottbus durch frühes Attackieren und schnelles Umschalten mehr Spielanteile zu erhalten, doch von gefährlichem Offensivspiel konnte keine Rede sein. Für die Torgefahr brauchte es schon in der 31. Minute die Mithilfe des Schiedsrichters. Ein Freistoß war gepfiffen worden, der Ball flog von der linken Seite nahe der Mittellinie in den Strafraum. Branimir Bajic legte den Arm auf die Schulter seines Gegenspielers, so wie es heute nach Ecken und Freistößen nahezu immer geschieht. Der Gegenspieler fällt. Der Schiedsrichter pfeift Elfmeter. Die Vergangenheit, Torsten Mattuschka, verwandelte zum Ausgleich und konnte glauben, noch sei alles nicht vorbei für ihn und den FC Energie Cottbus.

Denn auch der MSV musste sich erst einmal diesem Schatten der Vergangenheit mit ganzem Bewusstsein stellen. Viel geschah nicht mehr bis zur Halbzeitpause. Erst danach war wieder der unbedingte Wille zum Sieg zu spüren, spielerische Leichtigkeit war zurückgekommen, der Drang aufs Cottbusser Tor wurde größer. Das 2:1 fiel in dieser besonderen Mischung aus Wille und spielerischer Eleganz. Ein Cottbusser Abwehrspieler und Kevin Scheidhauer konnten sich beim Kampf um einen freien hohen Ball nicht entscheidend gegeneinander durchsetzen. Eine Mischung von Abwehrversuch und Weiterleiten per Kopf brachte den Ball auf die linke Seite, knapp außerhalb des Strafraums. Aus dem Rückraum preschte Kevin Wolze heran und trieb den Ball einmal kurz Richtung Torauslinie, um ihn danach volley aufs Tor zu schießen. Der Ball senkte sich über den Torwart hinweg ins lange Eck. Es war eines jener schönen Tore, bei denen ein Spieler noch lange in Interviews Absicht behaupten muss, damit es die Welt glaubt. Kevin Wolze allerdings darf man schon etwas mehr glauben als anderen.

Zehn Minuten später köpfte Branimir Bajic nach einem Freistoß das 3:1. Dieses klassische Bajic-Kopfballtor haben wir schon lange nicht mehr gesehen. Es war die Rache für einen übertriebenen Elfmeterpfiff. Die Chancen zu einer noch höheren Führung waren vorhanden. Die Überlegenheit der Mannschaft war so groß, und die Cottbusser blieben harmlos. Vielleicht wird in Zukunft niemals mehr in der Schlussphase noch ein Gegentor fallen, wenn wir alle beim MSV Duisburg bis zum Schlusspfiff die nötige Einstellung bewahren, auch bei vermeintlich schon geschlagenen Gegnern. Die Mannschaft zeigt weiterhin ihre Abwehrstärke und wir auf den Rängen unsere Demut vor all den Mächten, die das Spiel noch so bestimmen, wie auch immer sie jemand nennen möchte.

Zum knapp zehnminütigen Spielbericht vom MDR weiter mit einem Klick. Es berichtet Bodo Boeck. Dessen manchmal blumige Kommentare zusammen mit seiner leicht historisch anmutenden Sprechweise bereitet mir inzwischen immer wieder leise Freude. Siege des MSV vorausgesetzt.

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4 Responses to “Endlich schreiben: Martin Dausch, Fußballgott!”


  1. 1 yogi 20. April 2015 um 13:48

    Bestätigt Wunderbar meine Eindrücke und Empfindungen im Stadion: Endlich darf man sich einfach mal, gerade bei solcher drückender Überlegenheit, 10 Minuten vor Abpfiff freuen. Völlig befreit und ohne Zittern die letzten Minuten genießen, um … TOR? WIE? WARUM? Verdammt, wie immer, MSV halt…

  2. 2 Bernhard 20. April 2015 um 20:14

    Ich sage nur
    Da lacht das Herz,
    da hüpft die Seele.

  3. 3 Kees Jaratz 20. April 2015 um 20:50

    @yogi und @Bernhard – ihr beide macht mir den Samstag wieder sehr lebendig. Sehr schön!


  1. 1 #Link11: Jetzt springt der Affe ins Wasser | Fokus Fussball Trackback zu 22. April 2015 um 11:00

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