Die Duisburger Außenstelle der Paderborner Firmfeier

Als ich mich am Sonntagmorgen früher als gewöhnlich auf den Weg ins Stadion machte, sprachen mich viele Reisende am Bahnhof an. Sie sahen das Blau meines Schals. Sie alle wollten den Sieg spüren zusammen mit einem, der ihn mit eigenen Augen gesehen hat. Den Auswärtsieg des Vereins ihrer Stadt. In Paderborn, der angeheirateten Heimat, stand ich am Bahnhof. „Nein, ich war nicht in Freiburg. Mein Verein ist der MSV Duisburg.“ Wenn der SC Paderborn den Abstieg tatsächlich noch verhindern sollte, ist es vorbei mit der Vorstellung, in Ostwestfalen seien die Menschen mundfauler als anderswo. Dann kann das Rheinland in Sachen Redefluss einpacken. Da die Paderborner in mir zweifellos einen Sieg verkörpert sahen, nahm ich diese Gewissheit schon mal vorsichtshalber mit auf den Weg nach Duisburg.

Ich hatte in Paderborn am Bahnhof gestanden, weil der Patensohn meiner Frau an diesem Sonntag gefirmt werden sollte. Zu meinem Ärger gibt es zwischen  katholischer Gemeinde und dem DFB keine Absprachen bei den Rahmenterminplänen. So begannen vor einiger Zeit multilaterale Verhandlungen zwischen meiner Frau, der Mutter des Firmlings, die eine langjährige Freundin von ihr ist, und mir. Mit dem Ergebnis konnten alle Beteiligten zufrieden sein. Nach gemeinsamer früher Anreise am Vortag der Feier blieben meine Frau und mein Sohn in Paderborn. Als Außenstelle der Firmung richteten wir das Stadion in Duisburg ein. Das wurde möglich, weil wir die Glaubensinhalte der Firmung geringfügig erweiterten.

2015-05_Firmung_kath

Ich war mir sicher, ich glaubte an den MSV und seinen Wiederaufstieg in die Zweite Liga. Ich wollte das mit einem Sieg bestätigt sehen, zumal mir eine Feier ohne etwas zu feiern komisch vorgekommen wäre. Als ich am Stadion ankam, wusste ich, so ging es immer mehr Anhängern des MSV. Schon mit der Öffnung der Stadiontore strömten die Zuschauer herbei. Innerhalb kurzer Zeit wuchsen die Schlangen. Vor allem die Stehplätze waren früh besetzt. Selbst das Aufwärmen der Spieler wurde immer wieder von Gesängen begleitet. Auf den Rängen ging es mehr oder weniger euphorisiert zu. Auch ich wehrte mich nicht gegen die Stimmung und wusste zugleich, was für Voraussetzungen, um so richtig eins auf die Fresse zu bekommen. Das sind wir in Duisburg gewohnt, das erwarten wir mit spöttischem Gleichmut, das ist unser Leben.

Doch nichts deutete in der ersten Halbzeit auf diesen Schlag hin. Die Mannschaft hielt dem Erwartungsdruck stand. Die Euphorie auf den Rängen hemmte sie nicht. Beflügelt wirkten die Spieler aber auch nicht. Dazu stand Preußen Münster zu tief. Die Spieler des MSV erhielten zu wenig Raum, um eine dynamische Offensive aufzuziehen. Geduld war gefragt und sehr wache Köpfe in der Defensive, weil den Preußen bei eigenem Druckaufbau entsprechend viel Raum für ihr schnelles Umschaltspiel gelassen werden musste. Wenn die Münsteraner den Ball eroberten ging es meist über deren rechten Flügel nach vorne. Oft kam es dann zur Flanke, doch in der Mitte gab es nie jemanden, der damit etwas hätte anfangen können. Harmlos blieben die Angriffe, auch wenn uns das schnelle Zusammenspiel der Preußen immer wieder sorgte.

Ganz rund lief es beim MSV nicht. Wenn einmal Platz in der Offensive war, versprang der Ball bei jenem Spieler, der hätte in den freien Raum sprinten müssen. Besonders Kevin Scheidhauer spielte bei allem Einsatz in solchen Momenten sehr unglücklich. Zwischendurch konnte man weniger eine gelungene Aktion von ihm bewundern als seinen Mut, noch etwas mit dem Ball im eins zu eins zu wagen. Wir wünschten ihm ein Duseltor als Akutmaßnahme gegen Zitterfüße. So erspielte sich der MSV Vorteile, ohne zwingend überlegen zu werden. Wir hatten Geduld und warteten auf die flüssigen Momente in dem zäher werdenden Spiel. Die 1:0-Führung war einer dieser Momente. Auf dem rechten Flügel hatte Steffen Bohl etwas Platz, um zu flanken. Eine klare Chance war daraus nicht unbedingt zu erwarten. Doch Dennis Grote stand in der linken Hälfte des Strafraums so alleine, dass er den Ball volley ins Tor hämmerte. Die Mannschaft spielte die Halbzeit souverän zu Ende und eigentlich wirkte sie sicher auf dem eingeschlagenen Weg zum Ziel.

Damit war es in der zweiten Halbzeit aber schnell vorbei. Eine etwas defensivere Ausrichtung des MSV, zusammen mit den aggresiver auftretenden Preußen verschob das Spiel in die Duisburger Hälfte. Nach vorne ging so gut wie gar nichts mehr. Auch wenn die Preußen aus dem Spiel heraus weiterhin harmlos blieben, wissen wir alle doch, wie schnell ein Tor durch einen Standard fällt, wie unerbittlich das Schicksal zuschlagen kann, wenn das Glück auf der falschen Seite zum Mitspieler wird. Michael Ratajczaks Reflex auf der Torlinie ist es zu verdanken, dass der Ausgleich nicht fiel. Ab etwa der 60. Minute wurde es so anstrengend sich das Spiel anzusehen, weil dieser so sicher geglaubte Sieg immer bedrohter schien. Jedes Mal wenn der Ball über die Mittellinie Richtung Preußen-Tor rollte, hoffte ich auf das 2:0 aus eben diesem Nichts für den MSV.

Als Nico Klotz für den gelb-rot gefährdeten Dennis Grote eingewechselt wurde, hoffte ich außerdem auf dessen Schnelligkeit. Denn lange Bälle nach vorne waren das Mittel der Wahl des MSV. Einmal ergab sich eine Chance – nicht aus dem Nichts, sondern durch einen Konter über Nico Klotz und Martin Dausch sehr gut herausgespielt. Doch wurde Martin Dausch vor seinem Torschuss zu weit an die Torauslinie gedrängt, ehe er zum Abschluss kam. Der Winkel wurde zu spitz, und der Ball ging rechts am Tor vorbei. Dann musste Zlatko Janjic ausgewechselt werden, und unser Bangen wurde wieder stärker, weil ein ballsicher Spieler weniger auf dem Platz war. Selbst die Standardauswechslung von Martin Dausch vergrößerte nur die Angst vor dem Ausgleich. Es war die 83. Minute, und er war schon länger Platz geblieben als sonst. So lange war noch bis zum Schlusspfiff zu spielen. So langsam verging die Zeit.

Doch die Erlösung folgte vier Minuten später. Nach einem weiten Abschlag von Michael Ratajczak wehrt ein Spieler der Preußen den Ball zu ungenau ab. Der Ball kommt zu Kevin Wolze auf Höhe der Mittellinie, erneut schlägt er den Ball weit Richtung Strafraum in den Lauf von Kingsley Onuegbu. Schon das gesamte Spiel über war konnten ihn höchstens drei Gegenspieler vom Ball trennen. Wie sollte ein einziger Gegenspieler ihn nun aufhalten? Wuchtig schoss er zum 2:0 ein. Was für ein Jubel! Was für eine Erleichterung.

Für einen Moment verblüffte uns wenige Minuten später der Anschlusstreffer für Preußen Münster, als jeder schon den Abpfiff erwartet hatte. So richtig habe ich dieses Tor immer noch nicht begriffen. Anscheinend waren die Spieler vom MSV ebenso schon bereit zum Schlussjubel wie wir auf den Rängen. Die Nachspielzeit war lange schon angezeigt worden und so richtig ernst nahm niemand mehr diesen Angriff der Preußen. Doch dann hielt Marc Heitmeier aus der Distanz einfach mal drauf. Schneller ist ein Tor in Duisburg in den letzten Wochen nicht vergessen worden. Ein Wochenende wie gemalt – von der Paderborner Auswärtssiegfreude mitten rein in die Duisburger Heimsiegbegeisterung.

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