Was kann die Mehrheit für die idiotische Minderheit?

Mit meiner Wut direkt nach dem Abpfiff war ich nicht alleine. Wie idiotisch sich Duisburger vor der Kieler Kurve aufführten, war nicht zu übersehen. Ihnen war nicht nach Feiern sondern nach Gewalt. Zu einer Schlägerei kam es nicht. Die Polizeikette war schnell genug aufgezogen. Der Abschuss zweier Signalraketen aber konnte nicht verhindert werden. Was muss im Kopf von demjenigen vorgegangen sein, der die Signalrakete auf Menschen gerichtet hat? Verbrennungen, die damit verbundenen Schmerzen und dauerhaften Folgen hat der Mann anscheinend weder erlebt noch sie sich jemals vorgestellt. Die Vorbilder zu solchen Aktionen gab es schon in mehreren Stadien. In Duisburg wurde nun eine junge Polizistin durch eine dieser Raketen verletzt. Körperlich geht es ihr inzwischen besser. Die psychischen Folgen werden vermutlich länger anhalten. Diese Verletzung gibt dem Aufstieg einen bitteren Beigeschmack. Der Täter wurde identifiziert und heute verhaftet. Die Tat wird dadurch nicht ungeschehen. Vielleicht hilft die Verhaftung dem Opfer bei der Bewältigung ihres Leids. Vielleicht beginnt beim Täter das Nachdenken über seine Tat.

Es gibt nichts zu relativieren an diesem Vorfall. Es gibt keine Entlastung von Verantwortung durch einen Verweis auf irgendein Fehlverhalten der Kieler oder der Polizei in anderen Zusammenhängen. Es gibt keine Entlastung von Verantwortung durch einen Verweis auf soziale Ursachen in Duisburg, die vielleicht zu Aggression und Gewalt führen bei den Bewohnern Duisburgs. Dabei habe ich vor allem den Täter im Blick. Es gibt aber auch keine Entlastung von Verantwortung beim Verein und uns anderen Zuschauern des MSV Duisburg durch den Verweis auf eine Minderheit von Idioten im Stadion, die keine wirklichen Fans sind. Und es gibt keine Entlastung von Verantwortung durch den Verweis auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, bei denen der Fußball offenbar die Bühne bietet für eine ritualhafte Abfuhr von Aggression.

Ich will mich nicht billig empören über diese Typen, die in die Kurve gerannt sind. Diese Empörung fiele leicht, schwerer fällt es, den Einfluss zu sehen, den der Verein oder auch wir anderen Zuschauer auf diese kleine Gruppe haben können. Wenn schon nicht Fanprojekte solche Fußballzuschauer erreichen, wer dann? Unmöglich kommt es einem vor, und doch träume ich davon, wie wir alle etwas für die Stadionatmosphäre tun, wie wir alle, jeder in seinem kleinen Kreis, so viel Anstand durchsetzen, dass es zu solchen Vorfällen nicht kommt. Ich träume davon, dass die Verbundenheit mit dem MSV Duisburg so viel Wert an sich besitzt, dass niemand mit Interesse am MSV es mehr nötig hat, Anhänger eines kleineren anderen Vereins anzugreifen. Das verstehe ich unter gesundem Selbstbewusstsein, für das es als Duisburger gute Gründe gibt.

Vermutlich werden vor der Kieler Kurve die sieben, acht Typen dabei gewesen sein, die sich bei uns in Block G kurz vor Spielende zwischen uns Stehplatzbesuchern durchgerammt haben. Etwa Mitte 20 waren sie, einer war sofort bereit, jemandem „eine aufs Maul zu hauen“, der nach dem plötzlichen Stoß von hinten sich beschwerte. Ein Mann im Stadion mit Aggressionsstau aus welchen Gründen auch immer möchte sich mit einem Zebra-Fan kurz vor dem Aufstieg prügeln, was für eine Welt. Der junge Mann wirkte nicht betrunken. Er hatte einfach Bock auf Randale, schon in der eigenen Kurve. Warum gab es diese Randale nicht? Weil bei uns in der Ecke viele ziemlich normale Menschen, die eigentlich nicht nach Randale aussehen, nach der ersten Drohung von diesem Typen an der Seite dessen waren, der nichts anderes gemacht hat als sich berechtigt zu beschweren.

Es geht also um Standards im Stadion, für die wir einstehen. Ich werde diese Duisburger vor der Kieler Kurve mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht erreichen. Aber ich erreiche vielleicht jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt am Rand dieser Gruppe. Es geht darum, was im Stadion geht und was nicht geht. Was nicht geht, beginnt für mich lange vor dem Abschießen einer Signalrakete. Am Samstag gehörten für mich etwa die Schmähgesänge auf den Kieler Anhang während des Spiels schon dazu. Einen Grund dafür hat es nicht gegeben. Man muss nicht jedes Facebook-Bashing zur großen Feindschaft stilisieren.

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5 Responses to “Was kann die Mehrheit für die idiotische Minderheit?”


  1. 1 Marina 18. Mai 2015 um 17:37

    Danke für diese Gedanken, ich bin da voll und ganz Deiner Meinung.

  2. 2 Stacey 18. Mai 2015 um 19:13

    ich auch.

  3. 3 sternburg 9. Februar 2016 um 03:21

    Ich bin gerade ganz zufällig auf diesen Text gestoßen. Und finde ihn hervorragend. Kurz und prägnant das herausgearbeitet, was seit Jahrzehnten unter dem Stichwort „Selbstregulierung der Kurve“ diskutiert wird.

    Ich ahne, dass dieser Text eine allenfalls begrenzte Wirkung entfaltete (ich war noch nie in einer MSV-Kurve und kann das nicht beurteilen). Und ich weiß, dass es absolut scheißegal ist, dass genau ich den Text gut finde. Was ich allerdings hoffe: Dass Du Dich davon nicht entmutigen lässt. Wie ich auch hoffe, dass sich immer diese „viele ziemlich normale Menschen, die eigentlich nicht nach Randale aussehen“ finden lassen.

    Meine eigenen Stadionerlebnisse sind ja schon etwas her. Aber genau diese Menschen haben sie immer wieder zu schönen Erlebnissen werden lassen. Und genau das lese ich seltsamerweise nie in den Berichten über Gewalt im Stadion. Ordner, Spürhunde, Kameras, Blocksperren, Geldstrafen, Stadionverbote – alles Symptombekämpfung (im besten Fall). Besserungen können immer nur aus der Masse selber kommen. Und genau diese Menschen gehören bestärkt.

    Schade, das dies so selten thematisiert wird.

    • 4 Kees Jaratz 14. Februar 2016 um 06:55

      Bedankt für die Blumen und die Aufmunterung. Und du hast natürlich recht, das Bild vom Windmühlen-Kampf muss ich manchmal energisch zur Seite schieben. Aber es nutzt ja nichts, anders gehts nicht. Immer und immer wieder öffentlichen Raum mit Stimmen der Vernunft besetzen. Ist auch außerhalb des Stadions momentan wichtig wie nie zuvor. Deshalb nochmals Dank für Bestärkung.


  1. 1 #Link11: Mehr als rauf und runter | Fokus Fussball Trackback zu 19. Mai 2015 um 10:01

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