Mein Rückfall in die Dramasucht

Als ich Samstag vor dem Spiel des MSV gegen den FC Porto auf das Stadion zulief, beschlich mich plötzlich eine Sorge. Die Sonne schien. Die Leute um mich herum waren ausnahmslos gut gelaunt. Unaufgeregt wurde miteinander geredet. Entspannte Zufriedenheit lag in der Luft. Mit einem Mal verblassten alle Worte von Ivo Grlic und Gino Lettieri über den wahrscheinlichen Kampf gegen den Abstieg in der kommenden Saison. Mit einem Mal sah ich einen MSV der nahen Zukunft, der sich sehr schnell den Mittelfeldtabellenplatz dauerhaft sichert. Mit einem Mal sah ich mich vor einer Saison ohne Hoffnung auf den Anschluss nach oben und ohne Sorge vor dem Absturz zurück in die 3. Liga. Ich wurde unruhig. Ich spürte das Gipern meiner Dramasucht.

In den Wochen nach der Lizenzverweigerung hatte ich meiner Sucht abgeschworen. Ich lag mit dem MSV am Boden und sehnte mich nach Normalität. Angesichts des drohenden Zusammenbruchs schwor ich mir, zukünftig mit jeder mittelmäßigen Spielzeit zufrieden zu sein, wenn es überhaupt nur weiterginge. In der aufregenden Zeit vor dem Aufstieg habe ich offensichtlich einen Rückfall erlitten.

Anfang Juni hätte ich die Zeichen schon erkennen können. Längst war ich wieder zu einem Mann geworden, der ein „Kissen zur Sitzerhöhung“ nur kaufte, weil sein „unsachgemäßer Gebrauch“ große Gefahren erwarten ließ. „Keine Haftung“ wollte der Hersteller dafür übernehmen. Ein wohliger Schauer überkam mich, weil nur das „sorgfältige Lesen“ einer „Gebrauchsanleitung“  mich vor dem Lebensrisiko durch das „Kissen zur Sitzerhöhung“ wappnete. Dieses Kissen barg so viele Gefahren, dass man sie alle gar nicht behalten konnte. Deshalb wurde angeraten, die „Gebrauchsanleitung für „späteres Nachlesen“ aufzubewahren. Jedem, dem ich das Kissen weitergeben wollte, sollte ich auch die „Gebrauchsanleitung“ übergeben. Welch aufregende Zeiten waren von einem Kissen zu erwarten, das „kein Kinderspielzeug“ war und das nicht mehr verwendet werden durfte, wenn es „sichtbare Schäden“ aufwies. Ich war so weit, dass ich niemals wie verlangt  einen „Fachmann“ herangezogen hätte, um bei Schäden das Kissen zu reparieren. Wieder abgestiegen in die Tiefen meiner Dramasucht übernehme ich solche gefahrvollen Tätigkeiten selbst.

Aber erst vor dem Stadion war mir endgültig klar, wie sehr ich das Drama wieder brauche. Ich fürchtete das Gleichmaß des Gewinnens und Verlierens, bei dem es um nichts anderes als das Spiel der Gegenwart ginge. Ich wollte die großen Gefühle. Ich wollte die Intensität, die sich nur durch die Gefahr des Scheiterns ergibt. Ich wollte keine Abstiegsangst-Tranquilizer aus dem Neururschen Hausmittelversandhandel. Ich wollte, dass es in der nächsten Saison wieder um etwas Großes geht.  Zu Hause habe ich mir deshalb sofort mehrmals die Einschätzungen von Ivo Grlic und Gino Lettieri vorgenommen, dass es für den MSV in der kommenden Saison um nichts anderes gehen kann, als den Abstieg zu vermeiden. Noch besser wurde es dann mit der Saisonprognose beim Rotebrauseblogger. Für alle Zweitligamannschaften hat er die Endplatzierungen wohlbegründet zusammengestellt. Platz 15 bis 18 erwartet er für den MSV. Das ist mal ein Wort, für das ich in den nächsten Tagen immer einen Tab im Browser offen halte, um bei Entzugserscheinungen schnell drauf schauen zu können. So lange, bis neuer Stoff ins Haus kommt. Vielleicht schreibe ich den auch mal selbst. Es gibt ja noch ein anderes Ende der Tabelle. Auch Dramasucht braucht immer Nachschub.

Advertisements

0 Responses to “Mein Rückfall in die Dramasucht”



  1. Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 9,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: