Fundstücke: Erich Loest, prophetisch, in Der elfte Mann

Neulich habe ich ja schon über eine meiner Sommerpausenlektüren erzählt. Da hatte ich „Der elfte Mann“ von Erich Loest noch nicht ganz zu Ende gelesen. Die Hauptfigur in dem Roman, Jürgen Hollstein, ein junger Erstliga-Fußballer der DDR mit Aussicht auf die Nationalmannschaftskarriere, ist zugleich  sehr guter Student, dem schließlich eine sichere Hochschulkarriere an einem neu eröffneten Forschungsinstitut in Aussicht gestellt wird. Die Voraussetzung: zusätzliche Kurse und Praktika, unvereinbar mit den Trainingszeiten eines Spitzenfußballers.

So kommt es zum Ende des Romans zur Auseinandersetzung zwischen den Wissenschaftskadern der DDR und den Sportkadern. Die Fußballfunktionäre verweisen auf die große Bedeutung des Sports für das Ansehen eines Staates. „Sportler waren Diplomaten im Trainingsanzug“. Die Wissenschaftler haben dagegen die soziale Bedeutung ihres Fachs im Kopf, schaffen sie doch mit ihren Forschungen die Grundlagen für schnellen und komfortableren Wohnungsbau. Der Wohnungsmangel ist groß in dieser Zeit.

Während der Auseinandersetzung geht dem für Hollstein zuständigen Bauwissenschaftler, Professor Bernskohn, ein Gedanke durch den Kopf, mit dem Erich Loest das Klima in der DDR zu fassen versucht. Als Teil der Auseinandersetzung gehört dieser Gedanke in die Reihe, wir brauchen mehr Wohnraum. Erich Loest lässt ihn aber sehr isoliert auftauchen, so dass er wie ein allgemeines Statement zum geistigen Klima in der DDR wirkt und, im Jahr 1969 geschrieben, prophetischen Gehalt bekommt.

Da war wieder Bernskohn an der Reihe und gab einen Ausblick auf das Jahr 2000. Bevölkerungsexplosion, Wissensexplosion. Hielt die gegenwärtige Beschleunigung an? Er dachte, sprach es nicht aus: Einer der vielen Aspekte der Berliner Mauer war der: In ihrem Schatten konnte es leicht geschehen, daß mancher nicht merkte, woher der Wind wehte und mit welcher Geschwindigkeit, konnte die Entwicklung verschlafen wie Dornröschen, und das Erwachen mußte in jedem Fall schmerzhaft sein. Da keimte dieser gefährliche Gedanke hier und da: Laß die da draußen nur machen, wir kümmern uns einfach nicht drum, Reservationsidee.

Erich Loest, Der elfte Mann, Halle-Leipzig 1969, Seite 218

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