Sich immer besser kennenlernen mit dem MSV Duisburg

Wie sehr kann man sich doch in sich selbst täuschen. Entspannt, ohne Erwartung, in gelassener Ruhe, so fühlte ich mich vor dem Pokalspiel des MSV Duisburg gegen Schalke 04. Ich konnte eine Niederlage der Mannschaft meiner Zuneigung als sicher annehmen, ohne sie als Enttäuschung vorwegzunehmen. Dennoch ließ ich den Gedanken kommen und gehen, wie oft schon das Irreale in dieser Welt zu Wirklichkeit verwandelt worden war. Ich freute mich auf das Spiel, auf meinen Stehplatz neben den Freunden. Ein wenig staunte ich über die meinem Alter angemessene Reife. Das Lebensglück und große Zufriedenheit lagen vor mir.

War das nun Selbstbetrug? Schon lange hatte ich nicht mehr solch schlechte Laune nach einem Spiel. Als ob der wütende Stig in mich gefahren war. Eigentlich müsste der über das Spiel schreiben. Der würde lospoltern und schimpfen. Für den gibt es immer irgendeinen, der schuld ist an seiner schlechten Laune. So geht der durch die Welt. Ich bin da anders. Ich schrei auch kein kleines Kind an, wenn es nicht an die Hängeschränke in der Küche rankommt, um sich ein Glas rauszuholen. Manchmal bin ich aber trotzdem genervt, weil ich schon wieder aufstehen und helfen muss. Ich versuche dann, mir nichts anmerken zu lassen. Die Kinder kriegen es trotzdem mit und sind verschreckt. Dabei meine ich es gar nicht so. Wenn ich ehrlich bin, meine ich es aber doch so. Sagen wir also, ich möchte es nur nicht so meinen. Manchmal will ich nämlich, dass das Leben glatter verläuft als üblich. Wahrscheinlich war Samstag so ein Tag für mich.

Vielleicht hat mich das Stadionrund aus der Balance gebracht? Schemenhaft hatte ich nämlich kurz vor dem Anpfiff Bilder vom letzten Bundesligaspiel gegen Schalke in den Kopf, als auf den Geraden bis zur Nord überall große Gruppen Schalker saßen. Samstag gab es sie nur vereinzelt. Dieses Stadion gehörte dem MSV. Ohne Frage. Auch laut genug waren wir. Mir gefiel das sehr. Immer noch glaubte ich aber, ich wollte fast nichts. Ich habe mich in mir selbst getäuscht oder dieses fast Nichts war immer noch mehr, als den Spielern gegen die Schalker möglich war. So genau kann ich das nicht trennen.

Tatsache ist, mir fehlte jegliche Nachsicht, als in den ersten fünf Minuten, drei Diagonalpässe – oder waren es sogar vier? – die Abwehr des MSV völlig aufrissen und der 1:0-Rückstand durch ein Tor in der 3. Minute noch eine ganz gute Quote für den MSV dabei war. Ich kenne dieses Harte, Unnachsichtige im Stadion nur ganz selten von mir. Ich mag es auch nicht an mir. Am Samstag konnte ich nichts dagegen machen.

Der Raum, in dem die Pässe hatten landen müssen, war sehr klein. Auf beiden Seiten standen die Duisburger Defensivspieler zwei, drei Meter vom Schalker Flügelspieler entfernt. Der Ball landete jeweils nicht im Rückraum der Schalker Spieler, wo es für den Passgeber Julian Draxler einfach und für den MSV ungefährlich gewesen wäre. Der Ball landete jeweils in Laufrichtung so präzise, dass ein Stürmerschritt genügte, um an den Außenverteidigern jeweils vorbei zu sein. Für so eine Spielanlage standen die Verteidiger zu weit weg oder waren zu langsam. Weder sie noch ich kannten das helfende Gegenmittel. Die für den MSV gefährliche Zone war vielleicht ein bis zwei Quadratmeter groß. Der Ball landete jeweils genau in dieser Zone. Das lag zwei, drei Güteklassen über dem, was die Mannschaft des MSV spielerisch bieten kann. Ich hätte nachsichtig sein müssen. Ich war es nicht.

Mehr noch, ohne dass ich es wirklich merkte, wurde ich immer ungnädiger, weil es dem MSV nicht einmal in Ansätzen gelang, die souverän auftretenden Schalker in kleinere Pokalkampf-Scharmützel zu verwickeln. Die Spieler des MSV zeigten nur sehr vereinzelt jene David-gegen-Goliath-Bissigkeit. Vielleicht fanden viele aber auch nie den Gegenspieler, um sie zu zeigen, weil der Ball schon längst wieder an einer anderen Stelle des Spielfelds war, ehe die Spieler des MSV die Schalker Spieler erreichten. Dabei mühten sich die Zebras das ganze Spiel über redlich. Sie wollten Teilhabe am Spiel. Sie wollten den ein und anderen Angriff ausspielen. Ich sah auch mit James Holland einen Spieler, der unter Druck in der eigenen Hälfte die Nerven behält. Wir sind das ja gar nicht mehr gewohnt, dass einer gegen drei Gegenspieler zehn, fünfzehn Meter vor dem eigenen Strafraum souverän den Ball behält, einen Haken hier schlägt, dort den nächsten Mann ins Leere laufen lässt, dann noch den Pass nach vorne spielt und nicht zurück zu Michael Ratajczak. James Holland wird den MSV stärker machen. Das wurde schon im Spiel gegen Schalke klar. An meiner schlechten Laune änderte das nichts.

Die wurde vielmehr verstärkt, weil Branimir Bajic trotz oder vielleicht auch wegen seiner Erfahrung Franco di Santo heftigst umklammerte, als der in den Strafraum durchbrechen wollte, um in den schnellen Querpass für das nächste Schalker Tor zu grätschen. Vielleicht hat das Klammern den zweiten Schalker Treffer zu dem Zeitpunkt tatsächlich verhindert. Den fälligen Elfmeter hat Michael Ratajczak ja gehalten. Ich hätte dennoch gerne den Ringkampfverzicht gesehen, die gelb-rote Karte gab es schließlich als Zugabe. Das zweite Tor fiel dann nach einer Ecke  sieben Minuten später. Ein Freistoß vor dem Halbzeitpfiff brachte das 3:0. Waldorf und Statler aus der Muppet-Show waren freundliche ältere Herren im Vergleich mit mir.

Daran änderte die zweite Halbzeit nichts mehr, auch wenn manchmal plötzlich die von mir vermisste Pokal-Bissigkeit auf Seiten des MSV aufblitzte. Beide Mannschaften probierten nun noch einmal aus, was möglich war. Die Schalker wollten sich nicht mit dem sicheren Sieg begnügen. Sie wollten ihr frisch gewonnenes Selbstvertrauen durch gelingendes Kombinationsspiel und frühes Pressing weiter stärken. Zwei Tore gelangen den Schalkern noch. Der MSV wollte weiter ebenfalls ein Tor erzielen, was weniger gut gelang.

Im Nachhinein bin ich froh, dass die meisten Zuschauer im Stadion anderer Stimmung waren als ich. Noch etwa zehn Minuten länger als 2011 in Berlin, ab der 65. Minute ungefähr, wurde der Verein gefeiert. Das Stadion war auf den Rängen in Duisburger Hand geblieben. Samstag gehörte ich allerdings zu der Minderheit auf den Rängen, der dieses unablässige Hochleben des MSV auf die Nerven ging. Schalker Siegesgesänge hätten mich natürlich noch mehr geärgert. Mir konnte es niemand mehr Recht machen. Ich weiß nicht, wie oft in meinem Leben ich meinen Mitmenschen mit solch schlechter Laune auf die Nerven gehe. Der MSV hat mich daran erinnert, dass das jederzeit möglich ist. Wollen wir auf meine bessere Laune  am nächsten Sonntag beim Spiel gegen Arminia Bielefeld hoffen. Natürlich nicht, weil meine Freunde meine schlechte Laune nicht aushalten. Natürlich nur, weil das ein klarer Hinweis auf einen ersten Erfolg des MSV wäre.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 9,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: