Wie man aus aufgeblasenen Skandal-Bannern die Luft rauslässt

Eigentlich habe ich über dieses Banner, das im Spiel gegen den FC Schalke 04 hochgehalten wurde, nichts schreiben wollen. Mit Provokationen geht man in der Öffentlichkeit am besten um, indem man sie ins Leere laufen lässt.  Genauso geht man mit der Bearbeitung von Provokationen durch die Medien um. In großen Teilen sind diese Medien ja im Unterhaltungsbetrieb Fußball keine sachlichen Berichterstatter sondern Teilnehmer des Betriebs und befeuern Themen aus eigenem Interesse. Was den konstruktiven Umgang mit Provokationen natürlich erschwert.

Das Banner mit der Anspielung auf die Demenz-Erkrankung von Rudi Assauer in der Duisburger Fankurve war eine Steilvorlage für die B- oder C-Kategorie einer Skandalgeschichte. Da greift der Journalismus gerne zu in Zeiten, in denen der Fußball in dieser Gesellschaft von so großer Bedeutung geworden ist und zugleich eine Krankheit als Thema berührt wird, die seit Jahren von öffentlichem Interesse ist, mit der viele schon zu tun hatten und vor der viele Menschen Angst haben. Besser geht es nicht, es gibt ein wehrloses Opfer und die Bösen. Wie leicht kann man sich über diesen Vorfall empören. Wie gerecht fühlt sich diese Empörung an. Empörung lässt sich auch genießen. Wie lebendig macht sie, und wie sehr möchte man als Journalist für seine Leser doch auf der richtigen Seite stehen. Beifall ist gewiss.

Ich wollte all das ignorieren, weil morgen schon die nächste Sau durch Fußballdeutschland getrieben wird. Da war ich sicher. Da musste ich gar nichts machen. Ich habe weder in Bielefeld auf einen Mannschaftsbus geschossen, noch war ich in Osnabrück, um ein Feuerzeug auf den Schiedsrichter zu werfen.

Nun schreibe ich dennoch, einzig und allein, weil ich meinem Verein den Rücken stärken will, weil ich Sorge habe, die Verantwortlichen dieses Vereins haben zu große Angst vor diesen Schlagzeilen, die nichts anderes sind als mediale Reflexe im Fußballunterhaltungsbetrieb. Wenn ich in WAZ/NRZ die Schlagzeile lese, MSV-Boss Wald kündigt nach Assauer-Banner Konsequenzen an, möchte ich ihm zurufen, mache dir keinen Kopf. Ihr habt euch sofort nach dem Spiel entschuldigt. Ihr hattet ein gutes Krisenmanagement. Auch wenn mir schon der Ton von Bernd Maas auf der Pressekonferenz nach dem Spiel  nicht selbstbewusst genug klang. Ich weiß aber, wie schwer es ist, den richtigen Ton in solch einem Moment zu treffen. Die Entschuldigung ist angenommen, und nun ist aber auch gut.

Geschmacklosigkeiten sind kein Verbrechen. Geschmacklosigkeiten sind Grenzüberschreitungen in sozialen Zusammenhängen, und  solche Grenzüberschreitungen versucht man normalerweise in Gesprächen zu bewältigen. Unaufgeregt muss man den Banner-Machern sagen, was ihr da gemacht habt, war nicht so komisch, wie ihr es euch beim Machen vielleicht gedacht habt. Ihr habt auf Kosten eines Schwächeren euren Witz versucht. Vielleicht gibt es sogar Orte für diesen Witz und Menschen, die diesen Witz hätten machen können. Ich weiß das nicht. Ich weiß nicht mal, ob ich solch einen Witz selbst machen würde. So etwas handelt eine Gesellschaft situativ aus. In diesem Stadion am Samstag war das Banner fehl am Platz. So könnte man es den Machern sagen, und eine Konsequenz könnte sein, sich direkt bei Rudi Assauer zu entschuldigen. Und dann wäre es auch an dieser Stelle gut.

Liebe Verantwortliche beim MSV, geht doch nicht in die Empörungsfalle, die euch ein Teil der Medien gestellt hat. In sportlichen Fragen folgt ihr doch auch nicht jedem populistischen Aufschrei. Weigert euch, über das Stöckchen zu springen, das euch von den Journalisten des Funke-Konzerns hingehalten wird. Seid selbstbewusst. Das öffentliche Bild vom MSV hat durch das Banner keinen Schaden genommen. Sorgt euch nicht. Wie gesagt, die nächste Sau wartet auch im Pott-Dorf schon.

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12 Responses to “Wie man aus aufgeblasenen Skandal-Bannern die Luft rauslässt”


  1. 1 Markus Peters 11. August 2015 um 08:49

    Das ist vollkommen richtig, finde ich sehr gut. Wäre das im Late Night Talk gesagt worden, hätten einige gehüstelt und die meisten verstohlen gelacht. Stadionverbot wegen Geschmacklosigkeit, was für ein Quatsch!

  2. 2 Christian Moosbrugger 11. August 2015 um 14:19

    Ich fürchte, die Verantwortlichen sitzen da in einem Boot, was mit ihnen mehr oder weniger dahindümpelt. Denn die beruflich Empörten sind immer eins vor, sofern der MSV nicht der Matrix entsprechend reagiert, welche sie für solche Fälle vorgesehen haben.
    Da müssen jetzt die Wiedergutmachungsregeln genau eingehalten werden, die leider nebenbei bedingen, dass der MSV noch für mindestens zwei Wochen dazu beiträgt, geldwerte Klicks zu produzieren.
    Versucht man auszuscheren, wird einfach weiter skandalisiert, bis der Blutzoll stimmt, und man den armen Rudi Assauer genügend abgemolken hat. Der ist hierbei nämlich genauso ein Opfer dieser Hyänen.

    • 3 Kees Jaratz 11. August 2015 um 17:00

      Vielleicht wäre diese Situation ja eine Gelegenheit, zu überprüfen, ob tatsächlich das lokale Medienhaus so viel Druck erzeugen kann. Die Verantwortlichen müssten sich natürlich über den Ablauf eines solchen medialen Geschehens klarer werden. Mit dieser Ingo-Wald-Stelllungnahme wirkt er nicht mehr als Souverän des Geschehens.
      Dabei hat der Verein einen großen Teil der öffentlichen Meinung auf seiner Seite. Nicht nur bei Fans, auch bei interessierten Beobachtern des Fußballs.
      Mal sehen, wie es weitergeht.

  3. 4 Kees Jaratz 12. August 2015 um 08:05

    Ach, Christian, wenn ich das Weiterkochen der Berichterstattung heute sehe, hast du wahrscheinlich recht. Heute ist es ja Bernd Maas, der die Demutsgeste für die Presse macht und von „Ermittlungen“ spricht.
    Da bleibt nur die Hoffnung, das alles ist strategische Außenpolitik. Und wenigstens nach innen behält man bei den ungenannt bleibenden „Konsequenzen“ das Maß.

    • 5 Jule 12. August 2015 um 13:55

      Unglaublich, wieviel Text man aus einem einzigen Spruchband herauspressen kann. Jede kleinste Äußerung dazu wird gleich in mehreren Artikeln/Kommentaren verwendet. Das wirklich gute daran: Sie sind beschäftigt und lassen die Mannschaft in Ruhe

  4. 6 CATENACCIO 07 12. August 2015 um 16:05

    Ja. Alles gut, richtig und wie immer herausragend formuliert. Und noch mal ja – die Empörungsmaschine begann heiß zu laufen, exakt 2 Minuten nach Zeigen des Transparents im Stadion. Ja, zum 3. – der Herr Jaratz ist sicherlich niemand, der die Vereinsbrille mit 12-Zoll-Stahlnägeln auf die Rübe getackert bekam. Aber – im Endeffekt interessieren mich Relativierungen dieses Vorfalls nicht. Ich möchte ihn nicht (habe ihn auch nicht) unter den Teppich gekehrt. Ich hätte nämlich ehrlich gesagt kotzen können, als ich dieses Transparent im TV sah. Sorry, mich kotzen (ja, schon wieder) Menschen an, die billige Scherze auf Kosten eines kranken Menschen machen. Wenn das der Weg ist, den manche Fans im Fußball beschreiten, dann kann die Empörungsmaschine ruhig mal heißlaufen. Vielleicht überlegen es sich diese Arsch###### dann beim nächsten Mal, ob sie sich vielleicht doch innerhalb der Grenzen des guten Geschmacks bewegen. Denn für mich gelten die überall, auch in einem Stadion. Nichts für ungut.

    • 7 Kees Jaratz 12. August 2015 um 17:01

      Gut, dass du den Anlass wieder nach vorne holst. So stellt sich das Gleichgewicht wieder ein.

      Hast du den Einstieg als unter den Teppich kehren verstanden? Habe ich jedenfalls keinen Moment dran gedacht. Das bezog sich auf die heiß laufende Maschinerie. Ich kenne keine öffentlich akzeptierte Meinung auf MSV-Fan-Seite, die die Banner-Macher entlastet. Die haben als Vertreter des MSV ziemlichen Schwachsinn gemacht. Es gibt nicht wenige unter uns, die sich wie du über sie aufregen. Ich denke auch gar nicht an das Image des MSV, das schaden nehmen könnte. Ich finde, dieser Verein kann selbstbewusst da stehen und damit umgehen, dass es unter vielen Zuschauern immer wieder welche gibt, die sich nicht benehmen können. Dieses Kleinlaute geht mir ziemlich auf den Geist und führt schnell zu allem, was mir am Fußball der Gegenwart nicht gefällt. Diese Friede-Freude-Eierkuchen-Welt der Unterhaltung, die keinesfalls gestört werden darf. Die aber nur funktioniert, wenn man große Teile dieser Fußballwelt heftig verdrängt.

      Dennoch ist es zynisch, was die Lokalpresse draus macht. Die Meldung ging durch ganz Deutschland. Alle konnten sich einig sein in ihrer Empörung. Was passiert dann? Das Handbuch für Skandaljournalismus wird aufgemacht und nun werden sämtliche Schritte abgearbeitet, die man aus Politskandalen kennt. Als erstes muss die über geordnete Institution mit rein gezogen werden. Die Tat ist nur ein äußeres Zeichen dafür, dass drinnen nichts stimmt. Irgendjemand wird vorher was gewusst haben. Das wird einfach mal rausposaunt und mit „gesicherter Quelle“ belegt. Klingt ungeheuer investigativ, kann aber alles sein vom Sitznachbar auf der Pressetribüne bis zum sponsor, der mal jemanden gekannt hat, der schon mit Walter Hellmich per Du war. Was der MSV wusste, wird aber nicht gesagt. Es reicht das Geraune, etwas zu Assauer sei irgendjemanden bekannt gewesen. Auf dieses Geraune hin gibt es den Rundumschlag, das Bannner wird per Kommentar in Reihe gestellt mit allem, was in der letzten Vergangenheit mal irgendjemanden als Umgang mit dem Gegner oder seinen Fans nicht gefallen hat. Selbst das Vorlesen der Gästeaufstellung ist da plötzlich Thema. Die Verantwortlichen des MSV wissen, jetzt sind Demutsgesten gefragt. Sonst steht nämlich der nächste Artikel an, in dem die Frage gestellt wird, ob dieser Verein ein grundsätzliches Promblem hat. Sprich: die Empörung bezieht sich eben nicht nur auf die Banner-Macher, dann hätte man aber nichts Neues zu erzählen. Das ist ein Problem, das die Journalisten von WAZ/NRZ gerne mit Blick auf die Leserwirkung lösen.

      Davon unbenommen bleibt mein Ärger über Ignoranten, die nichts von Krankheiten wissen und denen man von Angesicht zu Angesicht sagen muss, kommt jetzt mit, guckt euch so einen Menschen an, der gerade merkt, dass er sich nicht mehr orientieren kann. Um diese Menschen geht es, für die Rudi Assauer stellvertretend steht. Habt Mitgefühl, wenn ihr komisch sein wollt, das wäre mein Ziel der Erkenntnis für sie.

      • 8 CATENACCIO 07 12. August 2015 um 20:41

        Nein, selbstverständlich habe ich das nicht als unter den Teppich kehren verstanden. Das wäre ja auch schlechter Stil, den ich hier noch nie wahrgenommen habe. Dass die unterwürfige Reaktion der MSV-Verantwortlichen etwas überzogen ist, auch keine Frage. Schön fand ich das Bild der Mannschaft nach dem Training, mit dem „Sorry“ an Assauer. Den Rest, was diese Idioten angeht, kann und sollte man stillschweigend intern angehen. Früher gab’s von Mami für so eine dumme Aktion immer eine Ohrlasche 🙂

      • 9 Kees Jaratz 12. August 2015 um 20:51

        Lustig – die ganze Zeit schon spüre ich so eine autoriäre Strenge in mir, sobald ich an die Macher des Banners denke. Als moderner, die Gesetze kennender Vater nutze ich natürlich nur psychische anstatt der körperlichen Gewalt. 😉

  5. 10 Christian Moosbrugger 13. August 2015 um 12:18

    @Catenaccio 07

    Was mich dran aufgeregt hat: wenn man nicht da war, muss man durch die Berichterstattung bedingt denken, das bewusste Transparent wäre quer über die Nord für eine halbe Stunde sichtbar gewesen, und alle im ausverkauften Stadion hätten sich damit befasst.
    Ich selbst habe es erst auf den Hinweis meines Kumpels überhaupt gesehen, und ich war eigentlich so mit dem Spiel befasst, dass es mich gar nicht interessiert hat. Dass überhaupt Assauer gemeint ist, habe ich zuerst nicht mal registriert. Es flatterte ein paar Sekunden rum, vielleicht haben es zweihundert Leute wirklich bewusst mitgekriegt, vielleicht ein paar mehr.

    Auf der Fahrt zurück wurde dann im Auto von einem Handybenutzer gesagt, dass das Thema bereits vollständig hypt.
    Es ist danach dann nicht verzehnfacht oder verhundertfacht, sondern verhunderttausendfacht worden.
    Ich mutmasse, halte aber für wahrscheinlich, dass daraufhin Assauer mit Anfragen wegen einer Stellungnahme bombadiert wurde, dass sie vielleicht seit Freitag wieder begonnen haben, ihn mit ihren Teleobjektiven zu belagern, etc.pp.
    Vielleicht verliert er jetzt sogar die Lust dran, sich weiter Fussball bei uns und anderswo anzugucken, weil er sich bedrängt fühlt. Aber nicht wegen so einem Hirni, der dieses Plakat gemacht hat, sondern ganz allein deswegen, weil die Presse es so masslos aufbohrte.
    Und unser armer Maas und die ganze Mannschaft, die im Moment ganz andere Sorgen plagen, müssen nun auch noch tausendfach zu Kreuze kriechen, damit nur bloss nichts in Schieflage gerät, und wieder gutes Wetter wegen der für uns leider so unendlich wichtigen Sponsorengelder machen.
    Davon, was das für Effekte auf Typen, die unbedingt auch mal in die Zeitung wollen, haben kann, ganz abgesehen.
    Ich finde das völlig verantwortungslos, wie die Presse mit sowas umgeht.

    Diese Typen hingegen, die es gemacht haben, sind wahrscheinlich mit einem Satz Sozialstunden im Altenheim bestens bedient – was für die beteiligten Journalisten leider nicht ausreichen dürfte.

    • 11 Kees Jaratz 15. August 2015 um 05:03

      Gerade habe ich erst in den Tiefen meines WP-Accounts mitbekommen, dass dein Kommentar gar nicht freigeschaltet war. Tut mir leid, dass das so lang gedauert hat. Normalerweise geht das nach der allerersten Freigabe ja automatisch. Und da du ja schon mal öfter hier den und anderen interessanten Gedanken losgeworden bist, habe ich die Benachrichtigung über deinen Kommentar gesehen und mich nicht weiter drum gekümmert. Kleiner Fall von zu viel Vertrauen in die Technik.

      Und inhaltlich heißt es ab heute, Gott sei Dank, morgen wird wieder Fußball gespielt und dann ist es hoffentlich endgültig ausgestanden.


  1. 1 #Link11: Der Skandal ist nicht, dass mal einer trifft | Fokus Fussball Trackback zu 11. August 2015 um 10:49

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