Archiv für September 2015

Halbzeitpausengespräch: WM-Endspiel 2010 in Faule Kredite von Petros Markaris

Im letzten Drittel von „Faule Kredite“, dem 2011 auf deutsch erschienenen Kriminalroman von Petros Markaris, sieht der ermittelnde Kommissar Kostas Charitos zusammen mit seiner Frau Adrinani und Tochter Katerina sowie Schwiegersohn Fanis das WM-Endspiel zwischen Holland und Spanien. In dem Kriminalroman steht die Finanzkrise Griechenlands im Zentrum und mit dieser Begegnung kann Markaris dem EU-Konflikt um die Finanzkrise Griechenlands eine weitere Dimension hinzufügen. Hier muss sich der Süden nicht dem Norden fügen, hier gibt es die Chance auf eigene Weise zu gewinnen. Wenn auch der Kommissar und seine Frau sich nicht für Fußball interessieren, die Sympathien der jungen Generation gehören Spanien.

Gleichzeitig erweist sich dieses kurze Kapitel als weiterer Beleg dafür, wie schwierig es ist, das Erleben von Fußball erzählerisch umzusetzen. Eingeführt wird die Tochter als Fußballfachfrau und Markaris macht ihre Spielkommentare zu einer Karrikatur, obwohl er es offensichtlich ernst meint. Das sind nur zwei von ein paar möglichen Beispielen dafür, wie im Dialog die spannungsgeladene Atmosphäre des Endspiels transportiert werden soll.

„Wenn erst mal ein Tor gefallen ist, kann das Spiel schnell kippen“, lautet Katerinas Antwort. „Die Mannschaft muss die Abwehr aufmachen, wenn sie den Ausgleich erzielen will, und dann kriegt sie bald mal ein paar Gegentreffer bevor sie selbst ein Tor schießt.“

oder

„O nein, verdammt, Robben, zieht an allen vorbei! Gleich gibt´s ein Tor“

Gerade beim zweiten Satz soll Katerina alleine durch diesen Dialogteil aufgeregt wirken, und ich sehe doch nur eine Amateur-Schauspielerin vor mir, die vorgibt bei einem Fußballspiel innerlich dabei zu sein. Erzählter Fußball ist und bleibt schwierig.

Davon ab schildert Petros Markaris in „Faule Kredite“ griechische Wirklichkeit, wie man sie auch in Zeitungsreportagen hat lesen können. Im Roman rückt die Wirklichkeit einem dann noch näher. Renten und Lohnkürzungen, der Überlebenskampf von Immigranten, die Pleiten von Geschäftsleuten und die vollkommene Perspektivlosigkeit für überschuldete Athener, all das wird zum Teil auserzählt, zum Teil angerissen und wirkt lebendig. Das ist die Kunst des Autors.

Allerdings bringt der Roman eine starke Unwucht mit sich. Banker werden ermordet, und natürlich bestimmt die Finanzkrise Griechenlands Gesellschaft und damit die Romanwirklichkeit in jeglicher Hinsicht. Doch immer wieder macht sich mit der Detailsschilderung die Absicht des Autors bemerkbar, die Folgen der Finanzkrise zu schildern. Nicht alle Szenen sind genügend in den Plot integriert. Petros Markaris hat ein Gestaltungsproblem, weil er zu viel Wirklichkeit zeigen möchte und für den eigentlichen Kriminalfall eine zu gewagte Konstruktion wählt. Ohne zu viel zu verraten, sei gesagt, dieser Konstruktion liegt eine Grundidee zugrunde, die qua Genregesetz sich erst auf den letzten Seiten enthüllt und deshalb zu papieren bleibt. Eigentlich ist diese Idee sehr schön und bildhaft. Sie hätte aber mehr Raum im Roman gebraucht, um sich erzählerisch zu entfalten. Denn diese Idee braucht einen Gedankengang zur Erklärung, der um die ein und andere Ecke führt.

Eine positive Besprechung findet sich bei Culturmag.de. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zeigt sich die Rezensentin vom Roman wenig überzeugt.

 

 
 
 
 
 
Petros Markaris: Faule Kredite, Diogenes Verlag 2011
geb. € 22,90
TB € 11,90

Heimatlied – Sektion Duisburg – Folge 24: Ofju-Kids mit Das ist Neumühl

Es ist kein Zufall, wenn in Projekten der offenen Jugendarbeit immer wieder Heimatlieder entstehen. In guten Jugendzentren gehört es konzeptionell zur täglichen Arbeit, den Blick auf die Stärken eines jungen Menschen zu richten. Ein Jugendzentrum wird zudem freiwillig besucht. So gehören Jugendzentren zu den wenigen Orten dieser Gesellschaft, wo junge Menschen zwar Regeln beachten müssen, aber dem Druck des erwachsenen Lebens nicht unentwegt ausgesetzt sind. Insofern fällt es dort leichter, für den Ort, das Viertel, wo die Jugendzentrumsbesucher leben, positive Bilder zu entdecken und Wohlgefühle zu erkennen, auch wenn es vielleicht ganz andere Vorstellungen vom jeweiligen Viertel in dieser Gesellschaft gibt. Ein Beispiel dafür war hier schon aus Marxloh zu hören.

Im Jugendzentrum Einstein im Duisburger Stadtteil Neumühl gab es neulich ein Songwriting-Projekt, in dem ein Heimatlied zu Neumühl entstanden ist. Der das Jugendzentrum verantwortende Ofju e. V. kooperierte dabei mit Lifenotes e.V. Bei den einen gab es die jungen Menschen, die sich in einem Song ausdrücken wollten, bei den anderen mit mobilem Tonstudio das Equipment zur Aufnahme und das musikalische Know-How. Entstanden ist folgender Song, in dem junge Menschen ihr Bild von einem lebenswerten Neumühl singen.

Hinweise auf weitere online zu findende Duisburg-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Duisburg – Alle Folgen

Das MSV-Buch. Das Crowdfunding. Der Aufruf für die Titel-Suche

2015-09-26_B2Als ob ich in Berlin am Samstagmorgen das Ergebnis des Spiels vom MSV gegen Union schon geahnt hatte. Neben dem vor dem Spiel veröffentlichten Foto mit der optimistischen Miene gab es noch dieses zweite, das ich schnell nach hinten ins Archiv geschoben hatte und eigentlich vergessen wollte. Nun weiß ich immer noch nicht, welches Foto besser zur augenblicklichen Lage des MSV passt.

So Trainer kennen sich übrigens mit dem Leben aus. Die wissen, wie lang es dauert ein Saisonziel zu erreichen und dass die Durststrecken unweigerlich kommen. So stagniert nach den fantastischen Anfangstagen die Entwicklung beim Crowdfunding etwas. Aber noch ist Zeit. Die 5000er-Hürde, das nächste Nahziel, ist in Reichweite und natürlich bleibt das Saisonziel, die 8000er-Marke, weiter erreichbar.

Angesichts der anhaltenden Enttäuschungen in der gegenwärtigen Saison kommt es mir weiter ganz komisch vor, wenn ich mich so intensiv mit der Aufstiegszeit beschäftige. Das war doch gerade eben noch.

Wenn ihr mir helft, werdet ihr dieses merkwürdige Nebeneinander auch mitbekommen. Vielleicht fällt euch ja ein neuer Titel für das Buch ein. Ihr erinnert euch? „Zwei Jahre sind genug“ hatte es im Dorf nebenan schon einmal gegeben. Ein neuer muss her. Schreibt ihn in die Kommentare hier oder schickt ihn mir per persönliche Nachricht über die Kontaktseite. Ein Buch als Belohnung für die Top 3 brauche ich euch ja nicht versprechen. Ich überlege mir was anderes. Heute morgen weiß ich aber noch nichts Genaues. Berlin-Enttäuschung sitzt weiter tief und verhindert produktives Denken.

Und natürlich gilt weiter auch: Teilt weiter fleißig den Link zum Crowdfunding. Helft mit, weitere Unterstützer für das Buch zu finden. Alle weiteren Informationen zu meinem Buch und was ihr noch als Dankeschön für eure Unterstützung erhaltet, seht ihr mit einem Klick zur Crowdfunding-Plattform Startnext.

So oder so wirkt die Niederlage

Dieser MSV macht es einem nicht leicht. Bislang befanden wir uns nämlich in einer Phase der Saison, in der nicht nur das Ergebnis zählte. Zwar redeten wir Anhänger vor den letzten drei Spielen schon anders, wir sagten, jetzt müsse unbedingt ein Sieg her, aber nach der erfolgten Niederlage blieb immer noch eine Hintertür, die Spielweise heißt. Diese Hintertür liegt immer versteckter, aber sie ist noch vorhanden. Nach dem Spiel gegen Paderborn wird sie aber auf jeden Fall fürs erste zugemauert sein.

Mich seht ihr nach der 3:2-Niederlage gegen Union Berlin ständig Richtung Hintertür laufen, ohne dass ich sie wirklich erreiche. Unterwegs verliere ich den Überblick, verirre mich und werde mutlos. Die Erinnerung an die erste Halbzeit in Berlin wird dann übermächtig. Wenn eine Mannschaft im Tabellenkeller hängt, spielbestimmend ist und der Gegner nicht mehr machen muss, als dreimal vor das Tor dieser Mannschaft zu kommen, um drei Tore zu erzielen, dann steigt diese Mannschaft ab. Dann kann sie noch so viel Ballbesitz haben. Dann kann sie noch so viele vom Gegner ungenau gespielte Pässe im Mittelfeld erobern. Dann kann sie noch so oft vor dem gegnerischen Strafraum auftauchen, zumal bei der letzten Aktion, beim Schuss aufs Tor oder beim Pass in den Strafraum, die Präzision fehlte. Wenn jemand sagt, es fehlte das Quäntchen Glück, mag das für die Offensive stimmen. Doch selbst dieses Glück reichte nicht aus, wenn aus drei Chancen des Gegners drei Tore werden.

Schon das erste Tor war in der 4. Minute ein herber Rückschlag. Für mich war es erstaunlich, wie unbeeindruckt die Mannschaft von diesem Tor war. Zwei Standardsituationen führten zu den weiteren zwei Toren. Nicht nur, dass bei dem ersten Freistoß Dustin Bomheuer fehlte, weil er verletzungsbedingt behandelt werden musste und so die neue Zuordnung nicht funktionierte, zudem wissen die gegnerischen Mannschaften natürlich, dass Michael Ratajczak die Linie nicht gerne verlässt, also wird der Ball in den Fünfmeterraum geschlagen, um mal zu gucken, was dort geschieht. Beim dritten Tor kurz vor der Halbzeitpause, erneut nach einem Freistoß, war Branimir Bajic nicht präsent.

Wenn in der Situation des MSV aus drei Chancen drei Tore werden, spielt der MSV als zurückliegende Mannschaft nicht besser als der Gegner. Das klingt für mich falsch, selbst wenn die oberflächliche Betrachtung dieser ersten Halbzeit diesen Eindruck machte. Stände der MSV im gesicherten Mittelfeld ließe sich über solch eine Wertung reden. Bei 2 Punkten nach 9 Spieltagen stimmt sie nicht, auch wenn ich weiß, dass solch eine Wertung Zuversicht herbeischaffen soll.

Ohne Zuversicht geht es nun mal nicht weiter. Die Zuversicht ergibt sich aus dem Spiel nach vorne. Ohne Frage verhilft Victor Obinna dieser Mannschaft zu größerer spielerischer Qualität. Seine Möglichkeiten im eins gegen eins überragen die seiner Mannschaftskollegen. Sie reichen aber natürlich auch nicht aus, um alleine das Offensivspiel zu bestreiten. Mannschaftlich hat das schon ganz ordentlich funktioniert, wenn auch die Angriffe insgesamt immer unter großer Hast ausgespielt wurden. Bislang haben wir aber auch nicht sehen können, dass diese Mannschaft die Fähigkeit zum ruhigen Spielaufbau besitzt. Sie muss so schnell wie möglich den Ball Richtung gegnerisches Tor bringen, und diese Schnelligkeit wird zur Hast, weil die Spieler für diese Schnelligkeit nicht präzise genug sind. Im Grunde steht die Mannschaft vor der Frage, will sie langsam und präzise sein, ohne in den Strafraum einzudringen? Oder will sie schnell und unpäzise sein, um durch die höhere Zahl ungenauer Spielsituationen, die klare Torchance wahrscheinlicher zu machen.

Als in der zweiten Halbzeit das Spiel offener wurde, fielen die Tore für den MSV. Dass Union nun aus dem Spiel heraus ebenfalls zu Chancen kam, konnte nicht ausbleiben. Union schaltete keineswegs einen Gang zurück angesichts der Führung, auch wenn von vielen Anhängern das als Argument für die zwei Tore des MSV angeführt wird. In dieser zweite Halbzeit war das Spiel mehr im Gleichgewicht als in der ersten, und dennoch erzielte der MSV zwei Tore und Union keins. Daher kommt meine Zuversicht. In dieser zweiten Halbzeit war zu sehen, auch die Gegner wie Union sind aus dem Spiel heraus unpräzise, auch diese Gegner machen nicht aus jeder Chance ein Tor. Als Michael Ratajczak in der 75. Minute den Elfmeter hielt und die 4:1-Führung verhinderte, kitzelte noch einmal leise die Hoffnung. Das zweite Tor des MSV fiel 5 Minuten vor dem Ende. Zu spät für den Ausgleich.

Mit dem nächsten Spiel gegen Paderborn befinden wir uns nun tatsächlich erst einmal in jener Phase der Saison, in der nur das Ergebnis zählt. Für Ivo Grlic, Gino Lettieri und die Spieler mag das nach außen hin noch anders sein. Für viele Anhänger nicht. Leise Sorge bereitet mir nämlich, dass sich Enttäuschung allmählich bei einigen in Wut verwandelt. In Berlin waren pfeifende Zuschauer nach dem Spiel noch in der Minderheit, aber deutlich zu hören. Am Zaun ließen einige sogar dieser Wut freien Lauf und überraschten die Spieler damit, die von den meisten anderen mit aufmunternden Worten verabschiedet wurden. Hoffentlich spaltet sich da nicht die Szene. Ein Sieg gegen Paderborn ist wahrscheinlich die einzige sofort wirkende Gegenmaßnahme.

Aus Berliner Sicht der Blick aufs Geschehen bei Textilvergehen – mit einigen Fotos u.a. von gemeinsamer Union-und-Zebra-Nachbetrachtung. Von einer solchen tröstenden Nachbetrachtung beim Fan-Eck am S-Bahnhof Köpenick kann ich auch noch erzählen. Zum einen gab es dort das gemeinsame Leid mit den Xantenern, zum anderen die gemeinsame Hoffnung einiger Union-Fans und uns, dass wir in der nächsten Saison diese Nachbetrachtung wiederholen können. Einem Leben ohne diese Auswärtsfahrt zur Alten Försterei fehlt doch ein immer wieder schönes Wochenende. Vom Ergebnis dieses Mal abgesehen.

So was von nicht eisern Union

2015-09-26_BIn Berlin scheint gerade die Sonne. Gute Voraussetzungen für einen schönen Tag. Zumal ich ganz feine Hoffnungsschimmer für den MSV im Berliner Unionsschatten zu erkennen glaube. Zwar stand ich gerade bei der Bäckerei Siebert um die Ecke in der bekannt langen Schlange des Samstagmorgens und bekam das erste frotzelnde Bedauern über die kommende Niederlage gegen Union zu hören, doch gestern Abend machte mir ein Freund meines Berliner Freundes Mut. Bei Union lägen die Nerven blank. Könnte der MSV in der ersten Halbzeit ein 0:0 halten, wäre alles möglich. Dann würde die Mannschaft hinten anfällig und ließe Tore zu, die eigentlich unmöglich sind. Brauchen wir also doch nicht nur auf Wunder zu hoffen, die es laut der großen Katja Ebstein ja immer wieder gibt?

Ein Blick in die Berliner Zeitung bestätigt den Freund des Freundes.

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Zum gesamten Artikel in der Berliner Zeitung geht es weiter mit einem Klick.

Ich mache mich jetzt mal auf den Weg zur Alten Försterei und hoffe, dass sich der Sonnenschein und der feine Hoffnungsschimmer dort in Köpenick gut ergänzen. Ein strahlendes, die Mannschaft erleuchtendes Licht ließe ich mir gut gefallen.

Das war dann noch mal eine andere Qual

Als kurz nach Anpfiff ein Freistoß für Eintracht Braunschweig gepfiffen wurde und Hendrick Zuck ihn zielgenau an die Latte des Duisburger Tores knallte, schrie der abergläubische Jaratz in mir sofort auf: „Nein, nicht schon wieder“. Für den abergläubischen Jaratz war das Spiel in dem Moment verloren. Auch der FSV Frankfurt hatte am Sonntag, früh im Spiel, die Latte des Duisburger Tores getroffen. 0:1, das Endergebnis, werden noch nicht viele Zuschauer des Spiels vergessen haben. Dummerweise hat der abergläubische Jaratz recht behalten, und doch lag er auf zweifache Weise zugleich falsch.

Am Ende war die Niederlage das, was gemeinhin eine Klatsche genannt wird, 0:5 verlor der MSV, und im Stadion war auf Duisburger Seite die totale Akutdepression ausgebrochen. Vielleicht ein Drittel der Zuschauer war nach dem dritten Tor der Braunschweiger gegangen. Der Rest erledigte zusammen mit den Spielern des MSV die Pflicht, das Spiel bis zum Ende durchzustehen, die Pein auszuhalten, nicht genau zu wissen, ob gerade jemand dabei ist, einen zu demütigen. Die Braunschweiger taten den Spielern und uns keinen Gefallen. Sie spielten das Spiel mit derselben Intensität zu Ende, wie sie die zweite Halbzeit begonnen hatten. Sie konnten ihr Torverhältnis verbessern. Sie wollten ihr Torverhältnis verbessern. Eine solche Überlegenheit hatte der abergläubische Jaratz sich nicht vorgestellt. Das war keine Wiederholung des Spiels gegen Frankfurt. Die Eintracht war um Klassen besser als der FSV. Die Eintracht spielte präzise, mit variablem Tempo und bei Ballbesitz explodierte die Mannschaft geradezu immer wieder einmal. So schnell wurde der Ball in die Spitze gespielt. So schnell ging es steil über die Flügel. Wie schnell Phil Ofosu-Ayeh sein kann, hat er in Duisburg vor über einem Jahr als Verteidiger bewiesen. Gestern spielte er in der Offensive und brachte die linke Duisburger Defensivseite ein ums andere Mal in Schwierigkeiten.

Außerdem lag der abergläubische Jaratz völlig falsch bei seiner Einschätzung des MSV. Auch die Zebras spielten nach dem ersten Tor der Braunschweiger bis zu dem Moment, in dem Rolf Feltscher die gelb-rote Karte erhielt, um Klassen besser als in dem Spiel gegen Frankfurt. Sie drängten die Braunschweiger in deren Hälfte und schafften es dort immer wieder in den Strafraum. Chancen ergaben sich, obwohl der bessere spielerische Ansatz der Eintracht erkennbar war. Victor Obinnas Spielberechtigung hatte endlich vorgelegen, und er spielte von Anfang an. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase bewegte er sich immer sicherer über das Feld, wurde mutiger in den Einzelaktionen und konnte zeigen, warum er sich zeigen will. Seine größte Chance, ein trockener, harter Schuss von knapp außerhalb des Strafraums blockte der liegende Kingsley Onuegbu mit seinen Beinen ab. Das ist der MSV im Moment: Wenn etwas schief gehen kann, dann geht es schief. So wie Rolf Feltschers Grätsche, mit der er kurz der Halbzeitpause statt den Ball den Gegenspieler traf und für die er gelb erhielt. Er hatte ja schon eine gelbe Karte, die Summe hieß gelb-rot.

Diese Grätsche gehört zu einem Bild, das ich mir kaum ansehen mag, an dem ich aber nicht vorbei komme. Diese Mannschaft des MSV will ans Limit gehen. Wahrscheinlich muss sie ans Limit gehen, um überhaupt eine Chance im Spiel zu besitzen. Die Folge sind rote Karten und vielleicht auch die ein oder andere schwere Verletzung. Spieler überschreiten Grenzen bei anderen und bei sich selbst. Erfolg steht nicht als Titel über so einem Bild. Dazu kommen an einer anderen Stelle der Leinwand die meisten Gegentore der Liga. Dazu kommt der ungeheure Einsatz, der keinen zählbaren Erfolg bringt. Dazu zählen diese enttäuschten Gesichter der Spieler. Dieses Bild ist ein Faszinosum der Angst. Ich will das nicht so zusammen sehen. Es taucht einfach vor mir auf.

Das zweite Tor der Braunschweiger fiel früh in der zweiten Halbzeit. Wahrscheinlich versuchten die Zebras noch einmal gegen die vollkommene Resignation anzugehen. Sie konnten es nicht mehr, auch wenn sie es vielleicht noch gar nicht merkten. Bewusst wurde es ihnen aber spätestens, als die Braunschweiger ihr drittes Tor machten. Doch das Spiel war noch nicht vorbei. Zwei weitere Tore mussten wir erleben. Das Spiel wurde zur Qual bis zum Schlusspfiff. Es war eine andere Qual als im Spiel gegen Frankfurt. Welche dieser beiden Qualen verheerendere Folgen für die Mannschaft hat, bleibt abzuwarten. Das Publikum des MSV hat sein Urteil mit den Füßen entschieden. Dieses Mal war es für mehr Zuschauer als gegen Frankfurt schlimmer.

Prolog MSV – Eintracht Braunschweig: Das Halbzeitpauseninterview

Vor den Worten zum Spiel noch das: Auf dem Rasen der Arena zu stehen und sich mit jemanden zu unterhalten, der direkt neben einem steht ist gar nicht so einfach. Das habe ich gestern beim Spiel vom MSV gegen Eintracht Braunschweig gelernt. Weil man den Nebenmann und sich nur über die Lautsprecheranlage hört, hört man sogar die eigenen Worte manchmal als Geräuschebrei, während man sie gerade ausspricht. Ein surreales Erleben.

Der MSV gab mir also die Gelegenheit, mit Stadionsprecher Stefan Leiwen über Buch und Crowdfunding zu sprechen. Ich freue mich natürlich sehr über diese Unterstützung durch den Verein. Die Nachricht am Vorabend war aufregend gewesen, das Interview selbst gar nicht mal so sehr. Vor den vielleicht 10.000 Zuschauern hatte ich das Gefühl mit Stefan Leiwen ein angenehmes Zwiegespräch zu führen.

Hätte nur nicht der MSV 0:1 zurückgelegen, und hätten wir nach dem Schlusspfiff nicht sogar noch die 0:5-Niederlage zu verdauen gehabt, wäre ich vielleicht so freudig zufrieden gewesen, wie ich mich in der Zeitblase des Interviews gefühlt habe. So aber, ein unmöglicher Spagat.

Schon mit dem Ein-Tor-Rückstand kam es mir ja komisch vor, über eine Zeit zu reden, die ganz andere, sehr viel freudigere Gefühle für uns bereit gehalten hatten. Nach dem Endergebnis fällt mir das noch schwerer. Andererseits geht es mir bei dieser Geschichte vom Zwangsabstieg bis zur Rückkehr in die 2. Liga um mehr als nur die Erfolgsstory eines Sportvereins. Diese Geschichte ist für mich zugleich ein exemplarisches Beispiel für die Möglichkeiten Duisburgs. Sie erzählt vom gemeinsamen Anpacken, vom Zusammenhalt, von Kompromissen und  vom Wegstecken eigener Empfindsamkeiten. Deshalb ist mir diese Geschichte so wichtig. Sie ist nicht nur Teil einer MSV-Chronik. Was diese zwei Jahre vermitteln ist bedeutsam für Duisburg, für das Selbstbewusstsein dieser Stadt. Das muss aber immer wieder neu erzählt werden, sonst kriegen es zu wenige Duisburger mit.

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Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 25: Spitzenreiter mit Ballade vom Heavy Metal Kid

In kurzer Zeit kommen gerade die Neuerscheinungen in der Heimatliedsektion Ruhrstadt an mir vorbei. Man muss nur zugreifen.  Zepp Oberpichler ist seit seiner Jugend in verschiedenen Bandprojekten zu Hause. Er macht Musik, er schreibt Literatur, und er hilft dem Pott-Kulturangebot im Ruhrstadt-Stadtteil Mülheim zudem organisatorisch als Initiator und Moderator der LiteraTouren auf die Sprünge.

Spitzenreiter heißt das Trio mit ihm, das die „Ballade vom Heavy Metal Kid“ eingespielt hat. Diese Ballade hat Zepp Oberpichler für die Balladenanthologie „Kohlenkönige und Emscherkinder“ geschrieben. Mit deren 25 Balladen könnte ich sehr viele Folgen dieser Heimatlied-Sammlung hier bestreiten, so sie online zu finden wären. 22 Autoren haben ihren Blick auf die Pott-Wirkllichkeit zu Balladen gemacht.

Ich kenne nun nur Zepp Oberpichlers „Ballade vom Heavy Metall Kid“, die musikalisch den Inhalt des Textes spiegelt. Ob dieses Stück von Metal-Puristen schon eingemeindet wird, vermag ich nicht zu sagen, harter Rock ist das aber allemal.  Das „Heavy Metal Kid“ steht für die im Ruhrgebiet sehr populäre Metal-Szene, der ja nicht wenige überegional und international erfolgreiche Bands entwachsen sind.

Zepp Oberpichler greift auf dieser kurzen Liedstrecke den Ruhrpott-Industrie-Mythos innerhalb der Metal-Wirklichkeit kongenial auf.So bricht er ihn ironisch und macht damit gleichzeitig die Wirklichkeit erlebbar, in der das Kid versucht, ein echter Metal-Rocker zu sein. Allerdings gehört einiges dazu, und ob das gelingt entscheidet am Ende der Teufel. Dieser Text ist sehr gelungene Ruhrgebietsliteratur. Er ist in seiner Mischung ungewöhnlich, weil er die Wirklichkeit des Potts mit seiner Industrievergangenheit ernst nimmt, sich aber weder mit abbildendem Realismus begnügt, noch die nostalgische Verklärung der Industrievergangenheit betreibt. Applaus.

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

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Das MSV-Buch. Das Crowdfunding. Ein beeindruckender Zwischenstand

Gestern war der Start der Crowdfunding-Kampagne für das Buch über die letzten zwei Jahre des MSV Duisburg eine Woche her. Die Unterstützung und der Zuspruch sind sensationell. Mehr als die Hälfte der Herstellungskosten sind schon zusammengekommen, fast 4100 Euro nach nur einer Woche.

Ein Fußballtrainer würde in diesem Fall sagen: Wir haben uns eine sehr gute Ausgangsposition geschaffen. Doch wir werden nichts unterschätzen. Bis zu unserem Ziel ist der Weg  noch lang. Wir müssen konzentriert bleiben und fokussiert auf die nächste Aufgabe.  Jetzt müssen wir erst eimal die 5000er Grenze knacken. Die Unterstützung der Fans ist fantastisch. Ohne diese Fans im Rücken wären wir nicht da, wo wir jetzt sind. Der Zuspruch dieser Fans, ihre Worte, das hilft, jede Etappe bis zu unserem großen Ziel zu bewältigen. Solche Fans sind uns Ansporn und Rückhalt zugleich. Wenn wir  den Weg konzentriert gehen, werden wir unseren Fans bald das zurückgeben können, was wir uns alle erhoffen.

Im Ernst, hätte ich je Zweifel daran gehabt, ein Buch über Fall und Wiederaufstieg des MSV zu machen, diese Zweifel wären in der letzte Woche durch den Zuspruch-Orkan aus euren Reihen weggeweht worden. An so eine  Nebenwirkung des Ganzen hatte ich niemals gedacht. Und diese Nebenwirkung ist großartig.

Außerdem kann ich dank der Unterstützung des Kölner Sportgeschäfts Alles Fußball – Der Shop eine Lesung ankündigen, ein Auswärtsspiel als Heimspiel in den Ladenräumen auf der Aachener Straße. Dirk Lottner wird mit dabei sein, und wir werden eine schöne runde Sache daraus machen, eine gute Mischung wird das werden, etwas sowohl für die Imi-Zebras als auch für die gebürtigen Kölner. Aus Imi-Sicht habe ich ja einiges auch über Köln geschrieben. Einen Text über einen MSV-Sieg gegen den FC werde ich den anwesenden Kölnern aber auch zumuten, als Mahnung  in den immer erfolgreicheren Stöger-Zeiten weiter auf dem Boden zu bleiben. Den Termin müssen wir noch festlegen und den werde ich natürlich früh genug verkündigen.

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Den Clip zum Ganzen gibt es auch noch einmal hier.  Kristian Lütjens zauberte den zusammen, nachdem er beim Dreh jemanden vor die Kamera bekam, der an dem Tag nur wenige Sätze nacheinander geradeaus sprechen konnte.  Danke Kristian!

Wollen reicht nicht, um es auch zu können

Etwa zehn Minuten vor Spielende zerriss etwas in mir. Wäre ich ohne meine Freunde im Stadion gewesen, vielleicht wäre ich schreiend vor die Köpi gelaufen, wäre dort wie ein eingesperrtes Raubtier hin- und hergerannt, hätte mich zwischendurch hingeschmissen und mit den Fäusten auf den Boden getrommelt. Ich hasste diese Ohnmacht, gegen den Rückstand nichts ausrichten zu können. Ich hasste den Fußball in dem Moment. Mich empörte das Gegentor als unfassbare Ungerechtigkeit. Ich hasste es, diesen verdammten Ball nicht in das Tor der Frankfurter schreien zu können. Ich verdammte das Schicksal. Ich war mit den Freunden dort, sagte etwas, was ich nicht mehr weiß, hörte beruhigende Worte, die ich nicht mehr wiedergeben kann und blieb ausgelaugt und ratlos bis zum Schlusspfiff stehen.

Null zu eins lag der MSV zurück. Ich hatte keine Hoffnung mehr auf den Ausgleich. Diese Hoffnungslosigkeit war Selbstschutz. Wie sollte diese Mannschaft in dem Spiel je ein Tor erzielen? Mit dem Anpfiff war eine Mannschaft zu sehen gewesen, die das Spiel bestimmen wollte. Bis auf die Ränge war zu spüren, diese Mannschaft des MSV will gewinnen. Das war auch an der offensiven Aufstellung abzulesen.

Die Spieler liefen viel und erstickten fast alle Frankfurter Angriffsversuche im Keim. Entweder ging es schnell und steil über die Flügel in die Frankfurter Hälfte. Immer wieder wurde aber auch ansehnlich kombiniert. Das Ergebnis war deutlich mehr Ballbesitz für den MSV und ein FSV, der vorsichtiger zu werden schien. Bei all dem schaffte es der MSV nur einmal, den Ball annährend gefährlich auf das Frankfurter Tor zu bekommen. Gefährlich bedeutet, nach einer Kopfballweitergabe stand Stanislav Iljutcenko am langen Pfosten im Fünfmeterraum für einen weiteren Kopfball vollkommen frei. Er köpfte genau auf den Torwart.

Für all den Einsatz blieb der MSV zu harmlos. Zu dem Zeitpunkt begannen unsere Sorgen. Wenn schon jetzt keine Torgefahr entstand, wie sollte das erst zum Spielende einer müder gewordenen Mannschaft gelingen? Die Sorgen wurden noch größer, als der FSV Frankfurt mit sehr viel weniger Anstrengung das Führungstor erzielte. Ein Eckstoß konnte nicht entscheidend geklärt werden. Der Ball fiel im Fünfmeterraum auf den Boden. Aus dem Rückraum rutschte von irgendwoher ein Frankfurter zum Ball und schoss ihn halb im Liegen ein.

Dem Entsetzen auf den Rängen entsprach die Niedergeschlagenheit auf dem Spielfeld. Immer wieder erlebt die Mannschaft bei all ihrem Einsatz statt des Erfolgserlebnis den Rückschlag. Die Halbzeit wurde leidlich zu Ende gespielt. Der Schiedsrichter bot ein Ventil für alle unliebsamen Gefühle. Es waren keine Fehler bei den großen Entscheidungen, es waren die kleinen Momente des Spiels die ärgerten, wenn er den gleichzeitigen Körperkontakt im Zweifel für dahin sinkende Frankfurter pfiff.

Der MSV fand auch in der zweiten Halbzeit keine Mittel, den FSV dauerhaft unter Druck zu setzen. Feltschers Flankenläufe alleine schafften keine Torgefahr, da der Strafraum überfüllt war mit kopfballstarken Frankfurter Spielern. Diese Flankenversuche hätten variiert werden müssen. Das vergebliche Bemühen wirkte zermürbend. Wenn schon ich ohne körperliche Anstrengung mutlos auf meinem Stehplatz werde, wie muss es erst den Spielern ergehen, die für eine Chance so viel arbeiten. Wuchs die Hoffnung auf die Ausgleichschance einmal, erwarteten wir sehnsüchtig, dass der Torwart des Gegners überhaupt einmal eingreifen musste, dann erstarb diese Hoffnung auf halbem Weg. Der Durchbruch von Onuegbu gelang doch nicht, der freie Schuss von Holland ging am Tor vorbei, die Freistöße am Rand des Elfmeterraums ebenfalls.

Wenn der Selbstschutz Hoffnungslosigkeit für die Offensive funktioniert, gibt es immer noch eine Hintertür für grimmigen Ärger. Schließlich gab es noch Defensivaktionen des MSV. Ein Pressing der Frankfurter nach einer Balleroberung wollte die Mannschaft spielerisch lösen. Michael Ratajczak passte in die gefährlichste Zone des Spiels überhaupt, zentral außerhalb des Strafraums, was wunderbar ist, wenn der Ball genau gespielt wird. Der schnelle Gegenangriff über das zentrale Mittelfeld wäre dann möglich. Genaues Zuspielen ist Michael Ratajczaks Sache nur selten. Ein Frankfurter Spieler nahm den Ball problemlos auf, schon waren Spieler und Ball wieder zurück nahe dem Duisburger Strafraum, wo ihn der hinterherrennende Tim Albutat mit eingesprungener Kampfsportgrätsche von hinten ummähte. Rot für Albutat  Ärger auf ihn und Ratajczak für mich.

Wie steckt die Mannschaft solch eine Erfahrung weg? So sehr fühlte sich dieses Spiel danach an, als ob sie wolle, aber nicht könne. Wieder hören wir in der Pressekonferenz nach dem Spiel den Trainer des Gegners sagen, wer so spielt wie der MSV, muss Ruhe bewahren, dann wird er auch belohnt. Schwer vorstellbar, dass das gegen Eintracht Braunschweig geschehen kann, eine Mannschaft, die zuletzt so erfolgreich war. Noch heute habe ich wenig Hoffnung für dieses nächste Heimspiel. Jetzt muss ich schon auf Hoffnung hoffen. Oh je.


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