Das war dann noch mal eine andere Qual

Als kurz nach Anpfiff ein Freistoß für Eintracht Braunschweig gepfiffen wurde und Hendrick Zuck ihn zielgenau an die Latte des Duisburger Tores knallte, schrie der abergläubische Jaratz in mir sofort auf: „Nein, nicht schon wieder“. Für den abergläubischen Jaratz war das Spiel in dem Moment verloren. Auch der FSV Frankfurt hatte am Sonntag, früh im Spiel, die Latte des Duisburger Tores getroffen. 0:1, das Endergebnis, werden noch nicht viele Zuschauer des Spiels vergessen haben. Dummerweise hat der abergläubische Jaratz recht behalten, und doch lag er auf zweifache Weise zugleich falsch.

Am Ende war die Niederlage das, was gemeinhin eine Klatsche genannt wird, 0:5 verlor der MSV, und im Stadion war auf Duisburger Seite die totale Akutdepression ausgebrochen. Vielleicht ein Drittel der Zuschauer war nach dem dritten Tor der Braunschweiger gegangen. Der Rest erledigte zusammen mit den Spielern des MSV die Pflicht, das Spiel bis zum Ende durchzustehen, die Pein auszuhalten, nicht genau zu wissen, ob gerade jemand dabei ist, einen zu demütigen. Die Braunschweiger taten den Spielern und uns keinen Gefallen. Sie spielten das Spiel mit derselben Intensität zu Ende, wie sie die zweite Halbzeit begonnen hatten. Sie konnten ihr Torverhältnis verbessern. Sie wollten ihr Torverhältnis verbessern. Eine solche Überlegenheit hatte der abergläubische Jaratz sich nicht vorgestellt. Das war keine Wiederholung des Spiels gegen Frankfurt. Die Eintracht war um Klassen besser als der FSV. Die Eintracht spielte präzise, mit variablem Tempo und bei Ballbesitz explodierte die Mannschaft geradezu immer wieder einmal. So schnell wurde der Ball in die Spitze gespielt. So schnell ging es steil über die Flügel. Wie schnell Phil Ofosu-Ayeh sein kann, hat er in Duisburg vor über einem Jahr als Verteidiger bewiesen. Gestern spielte er in der Offensive und brachte die linke Duisburger Defensivseite ein ums andere Mal in Schwierigkeiten.

Außerdem lag der abergläubische Jaratz völlig falsch bei seiner Einschätzung des MSV. Auch die Zebras spielten nach dem ersten Tor der Braunschweiger bis zu dem Moment, in dem Rolf Feltscher die gelb-rote Karte erhielt, um Klassen besser als in dem Spiel gegen Frankfurt. Sie drängten die Braunschweiger in deren Hälfte und schafften es dort immer wieder in den Strafraum. Chancen ergaben sich, obwohl der bessere spielerische Ansatz der Eintracht erkennbar war. Victor Obinnas Spielberechtigung hatte endlich vorgelegen, und er spielte von Anfang an. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase bewegte er sich immer sicherer über das Feld, wurde mutiger in den Einzelaktionen und konnte zeigen, warum er sich zeigen will. Seine größte Chance, ein trockener, harter Schuss von knapp außerhalb des Strafraums blockte der liegende Kingsley Onuegbu mit seinen Beinen ab. Das ist der MSV im Moment: Wenn etwas schief gehen kann, dann geht es schief. So wie Rolf Feltschers Grätsche, mit der er kurz der Halbzeitpause statt den Ball den Gegenspieler traf und für die er gelb erhielt. Er hatte ja schon eine gelbe Karte, die Summe hieß gelb-rot.

Diese Grätsche gehört zu einem Bild, das ich mir kaum ansehen mag, an dem ich aber nicht vorbei komme. Diese Mannschaft des MSV will ans Limit gehen. Wahrscheinlich muss sie ans Limit gehen, um überhaupt eine Chance im Spiel zu besitzen. Die Folge sind rote Karten und vielleicht auch die ein oder andere schwere Verletzung. Spieler überschreiten Grenzen bei anderen und bei sich selbst. Erfolg steht nicht als Titel über so einem Bild. Dazu kommen an einer anderen Stelle der Leinwand die meisten Gegentore der Liga. Dazu kommt der ungeheure Einsatz, der keinen zählbaren Erfolg bringt. Dazu zählen diese enttäuschten Gesichter der Spieler. Dieses Bild ist ein Faszinosum der Angst. Ich will das nicht so zusammen sehen. Es taucht einfach vor mir auf.

Das zweite Tor der Braunschweiger fiel früh in der zweiten Halbzeit. Wahrscheinlich versuchten die Zebras noch einmal gegen die vollkommene Resignation anzugehen. Sie konnten es nicht mehr, auch wenn sie es vielleicht noch gar nicht merkten. Bewusst wurde es ihnen aber spätestens, als die Braunschweiger ihr drittes Tor machten. Doch das Spiel war noch nicht vorbei. Zwei weitere Tore mussten wir erleben. Das Spiel wurde zur Qual bis zum Schlusspfiff. Es war eine andere Qual als im Spiel gegen Frankfurt. Welche dieser beiden Qualen verheerendere Folgen für die Mannschaft hat, bleibt abzuwarten. Das Publikum des MSV hat sein Urteil mit den Füßen entschieden. Dieses Mal war es für mehr Zuschauer als gegen Frankfurt schlimmer.

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1 Response to “Das war dann noch mal eine andere Qual”



  1. 1 Nachspiel: Auswärts beim MSV Duisburg - btsvblog Trackback zu 25. September 2015 um 07:19

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