Archiv für Oktober 2015

Spielvorbereitung – Balance halten, einfach nur die innere Balance halten

Beim Gedanken an das Auswärtsspiel des MSV Duisburg gegen den TSV 1860 München fällt es mir schwer, nicht vor Panik getrieben aufzuspringen und wild herumzurennen, damit ich diesem Gefühl Herr werde. Keine Abstiegsangst schwelt in mir. Nein, das sind Abstiegspanik-Attacken, weil ich mich einfach an keine guten Spiele bei den Sechzigern erinnern kann. Schon gar nicht darf ich zusätzlich an die Ergebnisse der Freitagsspiele denken. Düsseldorf gewinnt. Bielefeld gewinnt. Panik heißt dann, auch zu glauben, das geht immer so weiter. Kein Verein von Platz 16 bis 1 wird sich bis zum Saisonende eine Blöße geben. Der MSV kann aus eigener Kraft nicht mehr den Klassenerhalt schaffen. Wir spielen mit dem TSV 1860 München nur noch aus, ob die oder wir 18. werden.

Wirklich vor der Panik gerettet hat mich erst Benno Möhlmanns große Erfahrung. Auf der Pressekonferenz vor dem Spiel sagte er laut Abendzeitung: „Alles entscheidende Spiele gibt es nie. Vielleicht mal bei einem Finale, hopp oder top. Es ist ein ungemein wichtiges Spiel, aber kein Endspiel“, weil den Löwen danach 21 Spieltage blieben, um sich zu retten. Hey! Wenn es für die Löwen so ist, ist es für den MSV genauso. Und Benno Möhlmann kennt sich wirklich aus im Geschäft.

Benno Möhlmann, sei Dank. Sollte es in München schief gehen, wird mich nicht völlige Hoffnungslosigkeit ergreifen. Ob Gino Lettieri nach einer möglichen Niederlage noch Trainer sein wird, scheint zweifelhaft. Offiziell gibt es keine Stimme, wie es weitergeht. Doch die lokale Presse spricht vom Schicksalsspiel für Lettieri. Auch der MSV versucht anscheindend die Balance zu halten, um den Siegeswillen nicht zu gefährden und dennoch im Misserfolgsfall handlungsfähig zu sein.

Eigentlich träume ich ja davon, auch in Duisburg einmal einen Trainer zu sehen, mit dem der Verein zweifellos absteigen kann. Das Freiburger Modell. Für diese Zweifellosigkeit fehlt in Duisburg natürlich überhaupt der Abstieg als mögliche gefahrlose Zwischenstation. Der sofortige Abstieg hätte ja erneut katastrophale Folgen für die finanzielle Situation des Vereins. Zum anderen aber habe ich Mühe, Gino Lettieri zu vertrauen. Dabei möchte ich ihm vertrauen. Aber für zu viele seiner Entscheidungen habe ich keine Erklärung. Selbst sein Verweis auf die letzte Saison in der Pressekonferenz vor dem Spiel schürrt mein Misstrauen anstatt mich zu beruhigen. Denn in der letzten Saison konnte der MSV nur deshalb erfolgreich sein, weil in der Hinrunde die Mannschaften in der oberen Tabellenhälfte eng beieinander blieben und damit vielen Mannschaften die Chance auf den Aufstieg blieb. Wo ist die vergleichbare Situation in der unteren Tabellenhälfte in dieser Saison? Sie ist schlichtweg nicht vorhanden. Momentan scheint eine Abstiegszone gar nicht erst zu entstehen. Gino Lettieri macht mir also mit seinen Worten keine Hoffnung, obwohl ich gar nicht glaube, dass ein neuer Trainer zu diesem Zeitpunkt der Saison eine Lösung wäre. Ganz zu schweigen vom fehlenden Geld für so einen Mann.

Zangsläufig komme ich dazu, dass nur ein Sieg mir zum Vertrauen in Gino Lettieris Arbeit verhilft. Wenn ich übrigens ebenfalls lese, dass in München eine Duisburger Mannschaft erwartet wird, die sich hinten reinstellt und auf die Fehler des Gegners wartet, so macht mich das wirklich gespannt auf die Entwicklung des Spiels. Schließlich mussten bis vor kurzem noch die Gegner des MSV nur auf diese Fehler warten. Damit war es im letzten Spiel gegen Nürnberg zu Ende. Vielleicht doch ein zusätzlicher Hoffnungsschimmer? Vielleicht sind in München die Fehler noch nicht so gut abgestellt und der Druck des Gewinnen-Müssens legt sich noch ein wenig schwerer auf die Schultern der Heimmannschaft? Vielleicht habe ich nach dem Spiel ja doch wieder etwas mehr Vertrauen in Gino Lettieris Arbeit?

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Weggelesen: Der Lebenshilfe-Ratgeber für Fußballtrainer – Thomas Bentler: Wenn schon, dann richtig!

Zu Buchmessen fahre ich auch wegen der Zufallsfunde. In diesem Jahr blieb mein Blick auf einen Messestand beim Verlagsort Paderborn hängen. Vorurteilsbeladen wie ich immer mal wieder durchs Leben gehe, überraschte mich ein Verlag meiner angeheirateten Heimat, der im Umfeld der Indepent Verlage seinen Stand hatte und nicht bei den Verlagen mit dem Programmschwerpunkt Religion und Christentum.

Der Lektora Verlag ist in der Poetry-Slam-Szene verwurzelt, Verleger Karsten Strack steht seit Jahren selbst auf der Bühne, und die meisten Autoren dieses Verlags teilen diese Erfahrung. Nun kann man sagen, in gewisser Weise hängt der Erfolg von Fußballtrainern auch von ihrer Perfomance vor dem Publikum Mannschaft ab, und deshalb erregte das Manuskript eines solchen Trainers die Aufmerksamkeit des Verlegers. Doch schaut man sich das Verlagsprogramm genauer an, so gibt es bereits einige Bücher abseits der Slammer-Prosa, und seit diesem Herbst eben auch ein sehr eigenes Exemplar der Fußball-Ratgeberliteratur.

„Wenn schon, dann richtig!“, so heißt das von Thomas Bentler geschriebene Lebenshilfe-Handbuch für den Fußballtrainer an der Basis. Der 35-jährige Thomas Bentler war Trainer von Seniorenmannschaften der unteren Ligen rund um Paderborn und gehört zur Zeit dem Trainerteam der U17 vom SC Paderborn an. In seinem Buch entwirft er das Ideal vom Trainer einer Manschaftssportart und das seiner Arbeit.

Oft flapsig im Ton, stets mit substanziellem Gehalt schreibt er sich am  Ablauf einer Saison samt Sommer- und Winterpause entlang. Gründsätzlich wird er zu Beginn in seinen Anmerkungen zur Einstellung dem Fußball, den Spielern gegenüber, zu Umgangsformen und zur pädagogischen Haltung des Trainers. Alle wesentlichen Momente des sportlichen Alltags nimmt er sich vor. Ob Zusammenstellung des Kaders und des Betreuerteams, ob  Training selbst, die vielen Phasen eines Spiels von Kabinenansprache über Spielverlauf bis hin zum Feiern großer Siege oder dem Verdauen von Niederlagen, immer beschreibt er auf populäre Weise einen Trainer so, wie er idealerweise handelt und reagiert.

Der Haken an solchen Lebenshilfe-Büchern ist immer der Weg hin zum beschriebenen Ideal. Weil solche Wege von den persönlichen Voraussetzungen des Lesers abhängen, können Bemerkungen dazu, nur sehr allgemein bleiben. Um helfende Methoden und Wege zur Verbesserung der eigenen Arbeit muss sich der lesende Trainer also in fast allen Belangen selbst kümmern. Thomas Bentler ist sich dieser Beschränkung bewusst. Er wollte, wie er im Vorwort schreibt, keine starren Handlungsempfehlungen geben. Sein Buch ist quasi eine Merkliste, eine Art Maßstab, an dem Trainer sich selbst und ihre Arbeit überprüfen können. Das Buch hilft jedem Trainer im Breitensport dabei, sich im alltäglichen Trott und bei all den Kompromissen zwischen dem eigenen Berufsleben, der Familie und den Notwendigkeiten einer ordentlichen Mannschaftsbetreuung an Grundsätze der Arbeit eines Trainers zu erinnern.

Ein kleiner Hinweis noch: Ihr könnt das Buch auch direkt beim Verlag bestellen. Genauso günstig und fast genauso schnell wie etwa bei Amazon, aber mehr vom Verkaufspreis bleibt beim local publisher. Was solch kleinen Verlagen wie dem Lektora Verlag nur zu gönnen ist.

Wenn schon, dann richtig

 

 

 

Thomas Bentler
Wenn schon, dann richtig! – … denn Halbgas können andere machen!
Lektora Verlag, Paderborn 2015
220 Seiten
€ 13,90
ISBN: 978-3-95461-049-5

Meidericher Kanon des literarischen Fußballs – Dominique Manotti: Abpfiff

In Lisle-sur-Seine, einer fiktiven französischen Kleinstadt, werden eine junge Frau und ein Polizist der Drogenfahndung von einem Motorrad aus mit einem Maschinengewehr erschossen. Commissaire Daquin und seine Kollegen können sich diesen Anschlag  nicht erklären. Der Drogenfahnder scheint mit der Frau verabredet gewesen zu sein, ohne sie gekannt zu haben. Die Ermittlungsmaschinerie läuft an und führt schnell zum lokalen Fußballverein, der aus der vierten Liga kommend in schneller Zeit zum ernsthaften Anwärter auf die französische Meisterschaft geworden ist. Groß wurde der Verein dank seines Vorsitzenden Monsieur Reynaud, einem Bauunternehmer und zugleich Bürgermeister der Kleinstadt.

Bereits 1998 ist „Abpfiff“ von Dominique Manotti in Frankreich erschienen. Als der Roman im April in Deutschland herauskam, wurde er zurecht von den meisten Rezensenten mit besonderem Lob bedacht. Beim Perlentaucher finden sich etwa Links zu zwei Besprechungen oder hier geht es zur Besprechung bei ZEIT online. 

Nicht das zentrale Thema dieses Romans, die Machenschaften im Fußball, begründen für mich die Qualität des Romans, die kriminellen Hintergründe überraschen kaum. Natürlich geht es um Fußball als Karriereinstrument außerhalb des Sports, es geht um Doping und Bestechung. Die Grundentwicklung des Plots ist bei all seinen Wendungen vorhersehbar wahrscheinlich für die meisten Fußballinteressierten und Krimikenner. So viele Möglichkeiten mit dem Fußball Krimininalität zu erzählen gibt es nun mal nicht. Das aber verweist zugleich auf die besondere literarische Qualität des Romans. Dieser Roman lebt von der rasanten Sprache der Autorin, die mit kargen, pointierten Sätzen ihre Wirklichkeit umfassend aufscheinen lassen kann. Manchmal reichen einzelne Worte für Gefühlslagen und Entwicklung, ganze Absätze wirken wie Szenenbeschreibungen von Drehbüchern. Dominique Manotti hat die Kunst des Weglassens perfektioniert. Das verhilft ihren Romanen zum eindrucksvollen Tempo, bei dem es ihr dennoch gelingt, die Figuren lebendig und facettenreich werden zu lassen. Dominique Manotti schreibt Sprachkunstwerke, die zugleich sehr unterhaltsam sind. Beeindruckend.

Überaus kurios mutet mich aber manche Deutung dieses Romans an. Viele Rezensenten haben Dominique Manottis Geschichte als Beleg für den korrupten Fußball der Gegenwart genommen und dabei den schon im April medial beachteten FIFA-Skandal reflexhaft aufgegriffen. So soll Dominique Manotti die „dunklen Seiten“ dieses heutigen Fußballs zeigen. Wer aus Romaninhalten solche Schlagwörter macht, beglückt den Verlag werbewirksam und könnte auch erzählen, dass das Romanportrait eines Pass- und Geldfälschers uns einen Einblick in die kriminelle Welt des Datenbetrugs im Internet gibt.

Der Roman erschien in Frankreich 1998 und bezieht sich dementsprechend auf einen Fußball der Vergangenheit und dabei nur auf den der Vereinsebene. Handlungszeit ist sogar 1990. Entsprechend ist die Kriminalität auch eine der Vergangenheit. Wenn sich Dominique Manotti von einem realen Geschehen inspirieren ließ, dann offensichtlich unter anderem von dem Bestechungsskandal bei Olympique Marseille aus dem Jahr 1993, in dem Bernard Tapie als Vereinspräsident Hauptakteur war.

Wenn das Gütesiegel „Einblick in die Fußballwirklichkeit“ verliehen werden soll, dann müsste eine Geschichte auf Vereinsebene von Konzernstrukturen handeln, von Abhängigkeiten zwischen Medien- und Fußballakteuren, von dem wirtschaftlichen Risiko auf Seiten der Medienkonzerne und der Sponsoren, wenn es um den Ruf des Fußballs geht. Dominique Manotti nimmt aber eine Organisationsstruktur des Fußballs zum Vorbild für ihre Geschichte, wie sie im Spitzenfußball kaum mehr vorkommt. Ein Unternehmer, in dem Fall eben ein Bauunternehmer, pusht als Präsident den lokalen Fußballverein zum Erfolg und nutzt sein Engagement im Fußball zugleich, um persönliche Karriereziele zu verfolgen. Dieses erzählerische Motiv dürfte in Duisburg natürlich Erinnerungen wecken. Angesichts von Konzernstrukturen der Vereine in den europäischen Spitzenligen, ist so eine lokale Unternehmergröße zur Randfigur geworden, geschweige denn, dass diese Geschichte irgendetwas mit dem FIFA-Skandal zu tun hat, außer dass der Fußball eben Raum auf vielen Ebenen für Kriminalität bietet.

All das hat mit der literarischen Qualiltät des Romans von Dominique Manotti nichts zu tun. Die bleibt unbenommen. Eindeutige Leseempfehlung!

Dominique Manotti
Abpfiff
Gebunden mit Schutzumschlag
Deutsch von Andrea Stephani
Ariadne Kriminalroman 1197
17 Euro
ISBN 978-3-86754-197-8

Klickhinweis: Der DFB, die WM 2006 und die 6,7 Millionen – Überblick behalten bei Endreas Müller

Wer schnell und umfassend nachvollziehen will, was die Spiegel-Geschichte um die 6,7 Millionen Euro Zahlung des WM-Organisationskomitee enthüllt und wer sich gerade von den damals Verantwortlichen wie verteidigt oder wen er gerade neu anschwärzt, der ist mit dem Dossier zum „WM-Komplex“ von Endreas Müller ganz weit vorn. Sehr schön aufgedröselt, übersichtlich, mit Klickhinweis zum vertiefenden Weiterlesen, auf den Punkt – und vor allem mit dem Versprechen des jeweils neuesten Stands.

Die NBA hilft mit Ablenkung vom Fußball

Wenn die NBA die ersten Korberfolge von 50 Stars der amerikanischen Basketball-Liga zusammenschneidet wird der Marketingclip zu einer unterhaltenden Zeitreise für mich. Vielleicht auch für einige von euch. Nicht nur die Namen auch die Trikotmoden erhellen schlaglichtartig große Teile meines Lebens. Wenn etwa Kareem Abdul-Jabar seinen ersten Korb wirft, sehe ich den Abendhimmel über Beeckerwerth, wenn ich zum Turnhalleneingang der Gustav-Stresemann-Realschule in Beeck ging. Dort spielte ich ab Ende der 1970er Jahre beim VfvB Ruhrort-Laar meine ersten Basketballjahre. Danach tauchen spätestens mit Michael Jordan die vielen Jahre beim Deutzer TV in Köln als Bilderreigen in mir auf. Ein schöner Zusammenschnitt, der ablenkt von der Suche nach dem Hoffnungsschimmern für den Verein meiner Zuneigung im anderen Sport meines besonderen Interesses.

Gegen Nürberg schwächeln der dreizehnte und vierzehnte Mann

Wie schön kann die Zukunft sein, wenn alles noch möglich scheint. Als Superhelden des eigenen Schicksals lassen wir uns beim Denken ans Morgen keine Wünsche offen. Manchmal rückt dann dieses Morgen näher und mit jedem vergehenden Tag wird uns Superhelden etwas mehr Vorstellungskraft geraubt. Mit jedem neuen Tag schrumpfen die Möglichkeiten, wie diese Zukunft gut aussehen kann, und irgendwann sind wir Superhelden auf einmal ganz normale Allerweltsmenschen, die ganz verzweifelt mit den Armen wedeln, um superheldenmäßig abzuheben. Gut, dass uns das zumindest dabei hilft, die Balance zu halten und nicht vollends auf die Schnauze zu fallen.

Am Samstag bekam ich Superheld des mit dem MSV verbundenen Schicksals entsetzliche Schulterschmerzen, so heftig hatte ich die Arme auf- und niederwerfen müssen. Der MSV Duisburg und der 1. FC Nürnberg hatten gerade 0:0 gespielt, und ich wollte mich mit dem gefühlten Wissen des höchstwahrscheinlichen Abstiegs nicht abfinden. Ich wollte meine letzte Hoffnung lebendig halten. Vielleicht wollte ich auch einfach nur nicht hinfallen. Ein Spiel war zu Ende gegangen, in dem der MSV nicht nur uns Zuschauer als zwölften Mann gebraucht hat. Für den MSV hätten zwei weitere Spieler auf dem Platz gute Leistungen zeigen müssen: Zufall und Glück. Beide Spieler blieben blass und unauffälig,

Ist es tatsächlich so, dass diese Mannschaft nur dann defensiv sicher spielen kann, wenn sie ihre Offensivbemühungen zum Zufallsprodukt macht? Doch selbst wenn eine der wenigen Torchancen dann auftauchte, ergab sich keine wirkliche Torgefahr. Kein einziger Schuss der Duisburger Spieler zwang den Torhüter der Nürnberger, Sascha Kirschstein, zum Eingreifen. Nicht Kevin Wolze war für mich die – laut Reviersport-Schlagzeile – „tragisches Figur“ dieses Spiels, als er, freistehend, in der letzten Spielsituation den von rechts geschlagenen Ball aus sechs, sieben Metern volley nahm und über das Tor donnerte.

Giorgi Chanturia hatte in der ersten Halbzeit die sehr viel größere Chance nach sehr guter Vorarbeit von Dennis Grote. Der hatte an der Mittellinie den Ball erkämpft, nahm auf halblinks Fahrt auf Richung Tor, zog an der Strafraumgrenze nach innen, setzte sich dabei gegen zwei Nürnberger durch und legte dann auf den nachrückenden Chanturia ab. Er hatte freie Bahn zum Tor. Er hatte diesen Pass erwarten können. Der Schuss war technisch einfacher zu bewältigen gewesen als der von Kevin Wolze. Und doch schoss er am Tor vorbei. Wie Onuegbu im Heidenheim-Spiel nahm er den falschen Fuss zum Schuss.

Doch solch eine Chance ergab sich eben nicht aus einem kontinuierlichen Offensivspiel des MSV. Die Spieler des MSV erobern die Bälle und wissen dann nicht, wie es weiter gehen kann. Der Ball führende Spieler der Mannschaft ist fast immer auf sich allein gestellt. Er findet keine Anspielstationen. Es sieht nicht so aus, als hätten die Spieler Vertrauen in Laufwege ihrer Mitspieler. Sie wirken hilflos. Also, ab nach vorne mit dem Ball, das ist wenigstens weit weg vom eigenen Tor, und vielleicht wollen sich ja Glück und Zufall endlich auch mal beweisen.

Ist es tatsächlich so, dass diese Mannschaft nur mit den langen Bällen das Mittelfeld überbrücken kann, weil Spieler wie De Witt und Janjic oder auch Obinna nicht spielen können? Ist es möglich, ohne ballsicheren Spieler im offensiven Mittelfeld eine andere Taktik als Hoch und Weit für die Offensive zu wählen? Andererseits passte die Startaufstellung nicht zu dieser Spielweise. War also auch die Aufstellung von Stanislav Illjutczenko in der Sturmmitte ein Kompromiss, den Gino Lettieri eingehen musste? Was waren die Gründe dafür, ihn statt Onuegbu zu bringen? Illjutcenkos Spiel ist doch nicht die Ballbehauptung, wenn hoch und weit gespielt wird. Stark wirkt er in der Bewegung, nicht im statischen Spiel beim Ballhalten und Verteilen. Seine Aufstellung ist eine Trainerentscheidung, die begründet werden müsste in einer Situation, in der das Vertrauen in Gino Lettieri immer weiter abnimmt.

In der zweiten Halbzeit erwartete ich ab der 70. Minute das Siegtor der Nürnberger. Glück und Zufall hatten für die Offensive anscheinend keine Kraft mehr. Zumindest Glück half kurz vor Ende bei einem Kopfballversuch der Nürnberger in der Defensive mit aus. Offensiv passierte beim MSV mit Ausnahme der Nachspielzeit nichts mehr. In dieser Nachspielzeit wirkte es aber auf einmal so, als hätte die Mannschaft mitbekommen, dass sie auf jeden Fall ohne Glück und Zufall dieses Spiel gewinnen muss. Plötzlich wirkten zwei Angriffszüge unter diesem Druck des nahenden Schlusspfiffes planvoll. Das war zu spät. Der Einsatz, den diese Spieler des MSV in jedem Spiel zeigen, blieb ein vergebliches Mühen. Das ist die bittere Erkenntnis, so sehr sich die Mannschaft auch anstrengt, es reicht nicht für den Sieg.

Begleitet wird diese Erkenntnis von großen Sorgen, auf die der MSV mit seiner Spielweise keinen Einfluss hat. Momentan sieht es nicht so aus, als ob viele Mannschaften vor den Abstiegsrängen gewillt sind, mit einer der drei unten stehenden Mannschaften zu tauschen. Abstiegszone! Wie sehr wünsche ich mir, dass so eine Zone überhaupt erst einmal entsteht, ein Zönchen reichte mir sogar schon bis zur Winterpause. Damit wir beim Denken an den Relegationsplatz alle wieder Superhelden unseres mit dem MSV verbundenen Schicksals werden können. Wir Zuschauer und vor allem die Spieler.

Halbzeitpausengespräch: Oh Gott, das Ruhrgebiet – Was für ein Image

Dresden macht damit seit einem Jahr seine Erfahrungen, Baden-Württembergs Wirtschaftsförder vor einigen Jahren ebenso und, wie jüngst zu lesen war, das Ruhrgebiet mal wieder auch. Ein schlechtes Image entsteht, war vorhanden, ist immer noch da. Letzteres gilt für das Ruhrgebiet. Die Ruhrstadt hätte ich gerne geschrieben. Ein Name dieser Art gefällt nicht im Ruhrgebiet, wie ich in dem Artikel lesen kann, und so gerate ich mitten ins eigentliche Thema, das hinter diesem schlechten Image steht, die Identität. Der Name „Ruhrgebiet“ ist nach Meinung der Befragten einer Studie die „griffigste“ Bezeichnung für das, was ich eben gerne Ruhrstadt nenne. Ob Ruhrstadt zur Namensauswahl stand? Keine Ahnung. Hört ihr mein Seufzen? Wo soll man nur ansetzen bei  diesem Artikel mit seinem resignativen Ton über die einer Studie abgeleiteten Erkenntnis, dass das Ruhrgebiet ein schlechtes Image hat?

Ich frage mich zum Beispiel, wieso bei diesem schnellen Schluss zwischen Attraktivität für Arbeitnehmer sowie Unternehmen und dem Image des Ruhrgebiets Strukturfragen nicht einmal erwähnt werden? Vielleicht soll ich aber auch beim Schrecken und dem Klagen selbst anfangen, also bei der Enttäuschung, dass dieses Ruhrgebiet weiterhin zunächst mit der Industrie verbunden wird. Bei welchen Bildern genau und in welcher Perspektive entsteht dann ein „schlechtes Image“? Industrie gehört nun einmal zum Wesenskern der Ruhrgebietsgeschichte. Vielleicht bezieht sich das „schlechte Image“ ja auch mehr auf die vermutete Lebensqualität? Oder sollte ich doch erst bei dem kurzen, wenig beachteten Einschub beginnen, bei den Bewohnern der Ruhrstadt selbst sei das industrielle Image ihrer Heimatregion weiter gefestigt? Alles hängt mit allem zusammen. Wer glaubt, dass dabei eine Imagekampagne hilft, glaubt auch an Feen und böse Geister.

Ich lasse mal all die Strukturfragen links liegen, die  eigentlich immer gleichzeitig erwähnt werden müssten, sobald das Wort Image nur auftaucht. Stattdessen also Imagekampagne als mögliche Abhilfe! Eine Frage habe ich sofort: Wie sollen die Menschen außerhalb des Ruhrgebiets irgendein anderes Bild dieser Region gewinnen, wenn die Ruhrstadt selbst sich ihrer Identität nicht sicher ist. Vor der Beschäftigung mit dem Fremdbild steht doch zu allererst ein Reden im Inneren, getreu dem alten Psychologen-Rat, verändere dich selbst, um den anderen zu ändern.

Dieses Reden aber findet nicht öffentlich statt. Es gibt Gremien, die Arbeitsaufträge haben. Es gibt Menschen, die dafür bezahlt werden, positive Geschichten über das Ruhrgebiet in die Welt zu bringen. Aber wo sind die interessierten unabhängigen Stimmen des Nachdenkens? Eine Art Gegenöffentlichkeit kritischer Stimmen findet sich gerade im Netz häufig. Aber es fehlt ein populäres Medium im Ruhrgebiet, in dem eine interessierte Öffentlichkeit sich ihrer selbst wenn nicht als Ruhrstädter so doch als Ruhgebietsbewohner mit gemeinsamer Geschichte vergewissert. Der Funke-Konzern bietet dieses Medium mit seinen Zeitungen nicht.

Gibt es diese Öffentlichkeit wenigstens in Ansätzen überhaupt? Ich weiß das nicht. Diese Öffentlichkeit wäre aber eine Voraussetzung, damit Identität beredet und Veränderungen bewusst gehalten werden können. Wer sich seiner Identität nicht sicher ist, muss sich auf den Weg machen, diese Identität in der öffentlichen Debatte zu klären. Erst dann werden all die Stimmen der jungen Menschen deutlich erkennbar, die Industrie als eine Traditionslinie ihrer Identität nutzen, ohne dass sie bei dieser Vergangenheit stehen bleiben. Und diese jungen Menschen gibt es. Ich lese ihre Sicht auf die Welt des Ruhrgebiets als Einzelstimmen im Netz.

Mit der Diplomarbeit von Claudia Höllwarth lässt sich schnell ein Blick auf die Wirkung von Imagekampagnen am Beispiel für Baden-Württembergs  „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ werfen. Die Kampagne gilt als sehr erfolgreich, doch um eins der Diplomarbeits-Ergebnisse auf den Punkt zu bringen: So eine Imagekampagne kann vielem nutzen, aber eines erreicht man mit großer Wahrscheinlichkeit nicht, die Veränderung eines lange bestehenden öffentlichen Bildes. Man kann gezielt Wirtschaftsaktivitäten fördern. Da sind wir dann aber sofort wieder bei den unterstützenden wirtschaftlichen Strukturen, die Grundlage sein müssen für jede Kampagne. Man kann Tourismus fördern, was ja schon recht erfolgreich geschieht. Aber Imageänderung? Sprich: Wer auch immer sich mit dem Image des Ruhrgebiets auseinandersetzt, wird sich wohl oder übel damit beschäftigen müssen, dass er noch so oft die Vielfalt von Kultur, Grün und Freizeitmöglichkeiten lobpreisen kann, die Industriearbeit als Bild für diese Region wird immer mit dabei sein.

Was uns zurück zur Lebensqualität führt, die ja von außen anscheinend nicht wahrgenommen wird, obwohl es sie gibt. Doch auch innen wird sie nur anekdotisch wahrgenommen, als individuelles Erleben, einmal mehr deshalb, weil es keine Ruhrgebietsöffentlichkeit gibt. Wer über das Image des Ruhrgebiets klagt und etwa die Vielfalt der Kultur als Beispiel anführt, der muss diese Kultur als öffentliches Ereignis leben und erzählen. Zunächst braucht das Ruhrgebiet im Inneren die starken Bilder und Geschichten. Die Entwicklung der Oper in Dortmund müsste ein Thema für das Essener Kulturpublikum sein, die Off-Theater-Szene müsste sich als Szene überhaupt erst finden. Die Schließung der Duisburger Mercatorhalle müsste auch in Bochum Entsetzen hervorrufen.

Das ist alles nicht gegeben. Wer aber die Kultur als Standortvorteil des Ruhrgebiets aufs Schild hebt, muss wenigstens im eigenen Alltag mit seinem Verständnnis von Ruhrgebietskultur dazu beitragen. Wer als Ruhrstädter das Kulturangebot nicht  selbst wahrnimmt, kann niemanden mit schönen Worten überzeugen, wie toll es sich in all diesen Stadtteilen der Ruhrstadt leben lässt. Ach ja, es sind ja keine Stadtteile. Es sind ja alles einzelne Städte.

Ein anderes Beispiel für die fehlende Ruhrgebietsöffentlichkeit: Feridun Zaimoglu hat vor einiger Zeit den in Duisburg sowie Bochum handelnden Roman „Ruß“ geschrieben und den Anspruch formuliert, eine Ruhrgebietswirklichkeit der Gegenwart zu zeigen, die gerade untergeht und sie auf diese Weise zu bewahren. Er wollte sich also einer zentralen Identitätsfrage der Region annehmen. So ein Roman hätte Anlass zu einer Debatte sein können. Ich finde, er hat seinen Anspruch mit dem Roman nicht eingelöst. Nach meinem Empfinden hat er für seinen Blick auf die Ruhrgebietswirklichkeit keine passende Geschichte gefunden. Der Notausgang war die eine wilde Spannungshandlung um ein Verbrechen. Der Roman bekam natürlich seine Geschichte in den Medien des Ruhrgebiets. Schließlich wird die Region nicht oft zum Thema in Romanen bundesweit renomierter Autoren. Es gab also  Rezension und reportageartige Berichte über den Aufenthalt Zaimoglus im Ruhrgebiet. Man durfte geschmeichelt sein, weil der Autor nicht mit Lob sparte über diese von ihm als untergehend wahrgenommene Arbeiterwirklichkeit. Ob die Imagebeobachter grimmig die Augen gerollt haben? Was für eine Steilvorlage für eine Debatte zur Ruhrgebietsidentät. Nichts geschah.

Ohne dieses öffentliche Reden können noch so viele kulturelle Großereignisse im Ruhrgebiet geschehen, können noch so viele Freizeit- und Ausflugsmöglichkeiten genossen werden, es wird sich am öffentlichen Bild anderswo nichts ändern, weil irgendein anderes als das bekannte von der Industrie geprägte Bild nicht einmal im Inneren der Region gefestigt ist. Statt über Imagekampagnen nachzudenken sollte Geld dazu genutzt werden, ein Debattenmedium zu subventionieren. Das Ruhrgebiet braucht starke und auch populäre, unabhängige Stimmen, die sich zur Ruhrstadt äußern. Nur dieses öffentliche Reden bringt Bewegung in die Sache.

Wollen sich die Ruhrstädter bewegen lassen? Es gibt doch viele, viele Bewohner dieser Region, die anekdotisch darüber sprechen, wie gerne sie im Ruhrgebiet wohnen. Es gibt kleine Unternehmen, die wirtschaftlich erfolgreich sind. Es gibt junge kreative Menschen, die zusammen jenes Milieu entstehen lassen, das eine Großstadt lebendig werden lässt. Es gibt die Menschen, die für die Region eintreten und nicht nur ihr kleines Umfeld meinen. Aber vielleicht empfinden sie so ein Reden und Nachdenken als überflüssig? Lauter Fragen, auf die eine Imagekampagne keine Antwort geben wird.


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