Ja und ja und nochmals ja

Im Grunde freue ich mich noch zu viel, um über das Spiel des MSV Duisburg gegen den SC Paderborn zu schreiben. Ich bin auch noch zu mitgenommen vom Hoffen vor dem Anpfiff, das manchmal blitzlichtartig gefährdet war, von diesem Bangen im Spiel und der unfassbaren Begeisterung beim Tor so spät im Spiel, das dennoch früh genug fiel, damit wir einen Ausgleich befürchten konnten.

Optimistisch war ich einen Tag vor dem Spiel. Doch als ich eine Viertelstunde vor Anpfiff zu meinem Stehplatz ging, packte mich von jetzt auf gleich eine so tiefe Enttäuschung, als ob das Spiel schon verloren gewesen wäre. Ich wurde für einen winzigen Moment durchgeschüttelt und musste mich zur Ordnung rufen, nicht dem völligen Irsinn zu verfallen. Wer Zeiten durcheinander bringt und selbstzerstörische Visionen hat, fragt vielleicht besser seinen Arzt oder Apotheker, ob der Besuch eines Spiels vom MSV Duisburg nicht anhaltende psychische Folgen haben kann. Nach diesem 1:0-Sieg warte ich aber erst einmal ab, ob so sich was nicht von alleine gibt.

Dabei hatte ich vor dem Spiel alles versucht, das Schicksal auf unsere Seite zu bringen. Am Bahnhof kaufte ich ganz bewusst noch eine Flasche „Paderborner“. Denn so vertilgte ich im Namen Duisburgs Schluck um Schluck dieses Paderborn, ein mächtiges Zeichen der Überlegenheit. Ich spürte geradezu, wie jeder Schluck Pils mich zuversichtlicher stimmte. Die erste Gefährdung dieser Zuversicht vor dem Spiel war schnell ausgestanden, allerdings kratzte das Spiel selbst in der ersten Halbzeit doch recht stark am Vertrauen in die Mannschaft. Ein Unentschieden schien mir möglich, doch wie sollte diese Mannschaft gewinnen?

Sicher, wir sahen eine Mannschaft des MSV, die alles versuchte, das Spiel an sich zu reißen. Wir sahen eine Mannschaft, die durch die Tabellensituation keineswegs irritiert schien. Die Spieler schienen weiter selbstbewusst zu sein. Doch wirkte die Spielanlage des SC Paderborn reifer. Die Mannschaft wollte schnell spielen. Sie kombinierte sicher, wenn auch die Durchlagskraft am Rand des Strafraums rapide abnahm. Einmal allerdings spielte der SC Paderborn einen der Spieler im Strafraum frei, so dass Michael Ratajczak im eins gegen eins retten musste. In solchen Situationen ist er stark, zumal dem Paderborner Spieler nicht viel Zeit blieb, um abzuschließen.

Das Offensivspiel des MSV hingegen bestand fast auschließlich aus langen Bällen in die Spitze. Das wirkte wie Stückwerk, weil der Erfolg dieser Spielweise überschaubar blieb. Kingsley Onuegbu konnte sich nicht oft klar durchsetzen. Wenn ihm überhaupt das Ablegen der Bälle gelang, kamen die Pässe nicht sehr sauber; was bei dem hohen Druck durch die Paderborner Defensive keine Überraschung war. Bei drei Gegenspielern eine Ahnung von Pass zu spielen, ist schon eine bemerkenswerte Leistung. Selbst diese Ahnung von Pass war genug für Victor Obinna, um immer wieder an den Ball zu gelangen, um weitere Unruhe in der Paderborner Defensive zu verbreiten. Wirklich gefährlich wurden diese Angriffe für die Paderborner Defensive aber auch nicht.

Einige wenige der bekannten Flügelläufe gab es sowohl zunächst von Kevin Scheidhauer, dem aber bald der Schneid abgekauft übel war – siehe Update unten, als auch von Rolf Feltscher, dem aber dieses Mal das Gespür für den Moment der Flanke fehlte. Zwei-, dreimal machte er einen Haken zu viel, nachdem er seine Gegenspieler bereits ins Leere hatte laufen lassen. So begann ich mich zu fragen, wie in diesem Spiel der MSV je ein Tor erzielen sollte. Abgelenkt wurde ich durch die Stimmung im Stadion, die in der ersten Halbzeit bereits immer wieder hochkochte. Die Pokalatmosphäre war nah.

In der zweiten Halbzeit schließlich schien es bald so, als hänge das Schicksal des MSV nur noch vom Ergebnis dieses Spiels ab. Spätestens ab der 60. Minute gab es in diesem Stadion nichts anderes mehr als den unbedingten Willen, dieses Spiel zu gewinnen. Dieser Wille wurde auf den Rängen von fast allen MSV-Anhängern herausgeschrienen, „… für die 2. Liga – EM-ES-VAU!“ Was für eine einpeitschendes Singen, und was für ein Ringen auf dem Platz. Ein Hin und Her war entstanden, in dem der MSV für etwa zehn, fünfzehn Minuten ungeheuer druckvoll spielte. Der neuverpflichtete Giorgi Chanturia war eingewechselt worden, wirkte sofort ballsicher, etwas bindungslos zwar und etwas übermotiviert, doch den dort auf dem rechten Flügel, den konnten wir im Hinterkopf behalten.

Victor Obinna hingegen ist längst in der Mannschaft angekommen. Er verarbeitet Pässe, wie wir es in den letzten zwei Jahren nicht mehr gesehen hatten. Er ist gedankenschnell, erkennt Räume und ahnt, wo sich der Ball hinbewegen könnte. Er hat Handlungsoptionenen, kann passen oder selber gehen, auch wenn ihn Gegenspieler unter Druck setzen. Er bringt Schnelligkeit ins Spiel im Duisburger Angriffsdrittel. Mit ihm deutet sich im Spiel der Zebras Unberechenbarkeit an.

Wenn auch die Chancen überschaubar blieben, alles war nun möglich. Sieg oder Niederlage. Auf der Duisburger Seite war Michael Ratajczak nach einem Paderborner Schuss schon geschlagen, als Thomas Meißner heranrauschte und den Ball von der Linie kratzte. Überhaupt war das erneut ein starkes Spiel in der Defensive von ihm.  Auf der anderen Seite gelang dann wenig später das Duisburger Tor durch jene Bewegung, mit der Giorgi Chanturia zuvor zwei-, dreimal an der Überzahl der Paderborner Defensivspieler gescheitert war. Am rechten Flügel zog er in die Mitte, schlug dabei seine Haken und fand dieses Mal Kingsley Onuegbu als Anspielstation; ein Doppelpass folgte, erneut ein Haken Chanturias und sein Schuss ins lange Eck. Jubel der Erleichterung explodierte und erschütterte das Stadion. Wie sehr hatten wir dieses Tor ersehnt. Wieviel Kraft hatte diese Mannschaft dafür bereits eingesetzt. Wie sehr hatten alle Spieler dafür gekämpft. Noch waren etwas mehr als zehn Minuten zu spielen gewesen. Noch bangten wir um diese Führung.

Als neutraler Zuschauer hätten wir vielleicht sehen können, dass die Paderborner geschockt waren, den Glauben nicht mehr wirklich besaßen, den Ausgleich noch erzielen zu können. Wir aber wussten, jeder hohe Ball in den Fünfmeterraum kann mindestens zu Halbchance werden. Wir aber wussten, Ecken und Freistöße des Gegners machen das Gegentor sofort wahrscheinlicher. Ich zitterte bei jeder Ballberührung der Paderborner, egal, wie weit weg sie vom Strafraum geschah. Mich hatte der Irrsinn der Minuten vor dem Spiel wieder gepackt. Spätestens als nach dem Schlusspfiff auf dem Rasen viele Spieler des MSV einfach nur zu Boden sanken, weil sie keine Kraft mehr hatten, um zu jubeln, sollte jedem klar geworden sein, wie wichtig dieser Sieg gewesen ist. Wie hätten Spieler, die ein weiteres Mal an ihr Leistungslimit gehen, damit umgehen sollen, erneut keine Belohnung für diesen Einsatz zu erhalten?

Dieses Punktspiel war tatsächlich zum Pokalkampf geworden. Dem einen werden noch einige folgen. Ob es tatsächlich 24 werden, bleibt abzuwarten. Weniger wäre in dem Fall mehr. Man braucht den Kampf um den Klassenerhalt ja nicht auf die Spitze zu trieben.

Den Blick aus Paderborner Sicht findet ihr im Blog Schwarz und Blau.

Update 7.10.: „Schneid abgekauft“ war wohl die falsche Deutung des Scheidhauerschen Zurücksteckens im Spiel. In der heutigen Nachbetrachtung bei WAZ/NRZ wird von Übelkeit nach 20 Minuten berichtet.

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