Gegen Nürberg schwächeln der dreizehnte und vierzehnte Mann

Wie schön kann die Zukunft sein, wenn alles noch möglich scheint. Als Superhelden des eigenen Schicksals lassen wir uns beim Denken ans Morgen keine Wünsche offen. Manchmal rückt dann dieses Morgen näher und mit jedem vergehenden Tag wird uns Superhelden etwas mehr Vorstellungskraft geraubt. Mit jedem neuen Tag schrumpfen die Möglichkeiten, wie diese Zukunft gut aussehen kann, und irgendwann sind wir Superhelden auf einmal ganz normale Allerweltsmenschen, die ganz verzweifelt mit den Armen wedeln, um superheldenmäßig abzuheben. Gut, dass uns das zumindest dabei hilft, die Balance zu halten und nicht vollends auf die Schnauze zu fallen.

Am Samstag bekam ich Superheld des mit dem MSV verbundenen Schicksals entsetzliche Schulterschmerzen, so heftig hatte ich die Arme auf- und niederwerfen müssen. Der MSV Duisburg und der 1. FC Nürnberg hatten gerade 0:0 gespielt, und ich wollte mich mit dem gefühlten Wissen des höchstwahrscheinlichen Abstiegs nicht abfinden. Ich wollte meine letzte Hoffnung lebendig halten. Vielleicht wollte ich auch einfach nur nicht hinfallen. Ein Spiel war zu Ende gegangen, in dem der MSV nicht nur uns Zuschauer als zwölften Mann gebraucht hat. Für den MSV hätten zwei weitere Spieler auf dem Platz gute Leistungen zeigen müssen: Zufall und Glück. Beide Spieler blieben blass und unauffälig,

Ist es tatsächlich so, dass diese Mannschaft nur dann defensiv sicher spielen kann, wenn sie ihre Offensivbemühungen zum Zufallsprodukt macht? Doch selbst wenn eine der wenigen Torchancen dann auftauchte, ergab sich keine wirkliche Torgefahr. Kein einziger Schuss der Duisburger Spieler zwang den Torhüter der Nürnberger, Sascha Kirschstein, zum Eingreifen. Nicht Kevin Wolze war für mich die – laut Reviersport-Schlagzeile – „tragisches Figur“ dieses Spiels, als er, freistehend, in der letzten Spielsituation den von rechts geschlagenen Ball aus sechs, sieben Metern volley nahm und über das Tor donnerte.

Giorgi Chanturia hatte in der ersten Halbzeit die sehr viel größere Chance nach sehr guter Vorarbeit von Dennis Grote. Der hatte an der Mittellinie den Ball erkämpft, nahm auf halblinks Fahrt auf Richung Tor, zog an der Strafraumgrenze nach innen, setzte sich dabei gegen zwei Nürnberger durch und legte dann auf den nachrückenden Chanturia ab. Er hatte freie Bahn zum Tor. Er hatte diesen Pass erwarten können. Der Schuss war technisch einfacher zu bewältigen gewesen als der von Kevin Wolze. Und doch schoss er am Tor vorbei. Wie Onuegbu im Heidenheim-Spiel nahm er den falschen Fuss zum Schuss.

Doch solch eine Chance ergab sich eben nicht aus einem kontinuierlichen Offensivspiel des MSV. Die Spieler des MSV erobern die Bälle und wissen dann nicht, wie es weiter gehen kann. Der Ball führende Spieler der Mannschaft ist fast immer auf sich allein gestellt. Er findet keine Anspielstationen. Es sieht nicht so aus, als hätten die Spieler Vertrauen in Laufwege ihrer Mitspieler. Sie wirken hilflos. Also, ab nach vorne mit dem Ball, das ist wenigstens weit weg vom eigenen Tor, und vielleicht wollen sich ja Glück und Zufall endlich auch mal beweisen.

Ist es tatsächlich so, dass diese Mannschaft nur mit den langen Bällen das Mittelfeld überbrücken kann, weil Spieler wie De Witt und Janjic oder auch Obinna nicht spielen können? Ist es möglich, ohne ballsicheren Spieler im offensiven Mittelfeld eine andere Taktik als Hoch und Weit für die Offensive zu wählen? Andererseits passte die Startaufstellung nicht zu dieser Spielweise. War also auch die Aufstellung von Stanislav Illjutczenko in der Sturmmitte ein Kompromiss, den Gino Lettieri eingehen musste? Was waren die Gründe dafür, ihn statt Onuegbu zu bringen? Illjutcenkos Spiel ist doch nicht die Ballbehauptung, wenn hoch und weit gespielt wird. Stark wirkt er in der Bewegung, nicht im statischen Spiel beim Ballhalten und Verteilen. Seine Aufstellung ist eine Trainerentscheidung, die begründet werden müsste in einer Situation, in der das Vertrauen in Gino Lettieri immer weiter abnimmt.

In der zweiten Halbzeit erwartete ich ab der 70. Minute das Siegtor der Nürnberger. Glück und Zufall hatten für die Offensive anscheinend keine Kraft mehr. Zumindest Glück half kurz vor Ende bei einem Kopfballversuch der Nürnberger in der Defensive mit aus. Offensiv passierte beim MSV mit Ausnahme der Nachspielzeit nichts mehr. In dieser Nachspielzeit wirkte es aber auf einmal so, als hätte die Mannschaft mitbekommen, dass sie auf jeden Fall ohne Glück und Zufall dieses Spiel gewinnen muss. Plötzlich wirkten zwei Angriffszüge unter diesem Druck des nahenden Schlusspfiffes planvoll. Das war zu spät. Der Einsatz, den diese Spieler des MSV in jedem Spiel zeigen, blieb ein vergebliches Mühen. Das ist die bittere Erkenntnis, so sehr sich die Mannschaft auch anstrengt, es reicht nicht für den Sieg.

Begleitet wird diese Erkenntnis von großen Sorgen, auf die der MSV mit seiner Spielweise keinen Einfluss hat. Momentan sieht es nicht so aus, als ob viele Mannschaften vor den Abstiegsrängen gewillt sind, mit einer der drei unten stehenden Mannschaften zu tauschen. Abstiegszone! Wie sehr wünsche ich mir, dass so eine Zone überhaupt erst einmal entsteht, ein Zönchen reichte mir sogar schon bis zur Winterpause. Damit wir beim Denken an den Relegationsplatz alle wieder Superhelden unseres mit dem MSV verbundenen Schicksals werden können. Wir Zuschauer und vor allem die Spieler.

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