Archiv für November 2015

Goldglücklich à la vie en rose nach diesem Heimsieg

Wie schön, wenn einem das Mottolied für dieses Spiel des MSV Duisburg gegen den SV Sandhausen am selben Tag noch live gesungen wird. In Ruhrort war dieses Lied zu hören im ruhrKUNSTort. Dort spielten chazz, und als die Sängerin Ina Hiester den Piaf-Klassiker „La vie en rose“ anstimmte, schien es mir so, als sang sie das Lied allein für mich, weil ich dort in meinem MSV-Trikot mir alle Mühe gab, als Honigkuchenpferd nicht allzu viel Platz wegzunehmen. Es waren ohnehin schon so viele Menschen in der Gallerie.

La vie en rose – für das rosige Leben brauchen wir Anhänger des MSV Duisburg gerade niemanden, der uns umarmt, küsst und uns liebt. Das geht auch anders. So rosig wie in diesem Piaf-Chanson kann das Leben auch sein, wenn dem MSV Duisburg der so unbedingt notwendige Sieg gegen den SV Sandhausen gelingt. So rosig ist das Leben, weil dieser Sieg nicht schmutzig erkämpft wurde, sondern die Mannschaft ihn planvoll erarbeitete und letztlich klar erspielte. So rosig wird das Leben, weil wir zudem zwei der drei Tore als Entwicklung sehen konnten, als allmählichen Aufbau von Wahrscheinlichkeit, als Einlösen von Versprechen.

Dieser 3:0-Sieg fühlt sich so gar nicht nach dem Erfolg einer Mannschaft im Abstiegskampf an, und das ist nicht meinem Überschwang geschuldet. Ich weiß, an der Tabellensituation hat sich nichts geändert, und wenn nicht allmählich mal ein paar Mannschaften in der unteren Hälfte kontinuierlich verlieren, nutzen solche Siege nichts. Aber für den Moment fühlt sich dieser Sieg großartig und nach gesichertem Mittelfeld an.

Dieser Sieg fühlt sich deshalb anders an, weil der MSV Duisburg in der ersten Halbzeit zwei große Chancen besaß, um in Führung zu gehen und sie vergab. Ich erkläre die Begründung gleich. Ein Reflex vom guten Sandhausener Torwart verhinderte die Führung einmal, beim zweiten Mal war – so meine ich – ein Abwehrbein im allerletzten Moment dazwischen. Der Kopfball Richtung Innenpfosten nach einer Ecke fällt mir jetzt gerade auch noch ein. Also, waren es sogar drei Chancen. Wir sind es gewohnt in dieser Saison, dass solche großen Chancen selten sind. Weil sie ungenutzt blieben, schaffte der MSV bislang allenfalls ein Unentschieden. Das eben war gestern anders. Es ist normal im Fußballspiel, dass Chancen von einem Torwart zunichte gemacht werden. Dazu steht er im Tor, und gestern war es normal, dass der MSV sich dann weitere Chancen erspielte.

In dieser ersten Halbzeit hatte aber auch der SV Sandhausen zwei große Chancen in Führung zu gehen, ein Kopfball, ein Konter, einmal ging der Ball am Tor vorbei, einmal hielt Michael Ratajczak. Der Gegner war sehr, sehr schnell in seinem Umschaltspiel, im Aufgreifen eines möglichen Angriffs, sei es beim Einwurf, sei es beim Freistoß. Man sah so sofort, wie diese Mannschaft ihre Tore erzielt und welcher Gefahr der MSV begegnete. Es war ein ausgeglichenes Spiel in dieser ersten Halbzeit, und für den MSV war es schwer im kontrollierten Aufbauspiel die kompakte Defensive der Sandhausener zu durchdringen. Doch wieder fand die Mannschaft eine gute Balance dabei, dieses kontrollierte Spiel, bei dem sie nicht sehr erfolgreich ist, beizubehalten und es mit halblangen Bällen auf Kingsley Onuegbu abzuwechseln. Diese Rhythmuswechsel machten meine Hoffnung aus.

Nach der Halbzeitpause versuchten die Zebras weiter das Spiel zu bestimmen. Immer noch wirkte untergründig in mir die alte Angst vor dem kleinen Fehler im Mittelfeld, vor diesen schnellen Kontern der Sandhausener, die Angst vor einem Gegentor, das jegliche Spielkontrolle bis zu dem Zeitpunkt hätte nichtig machen können. In diesem Spiel aber nutzte der MSV die nächste große Chance. Nach einem Eckball wurde der zweite Ball erobert, die Defensive der Sandhausener war aufgelöst, Rolf Feltscher stand frei, James Holland sah ihn, spitzelte den Ball ihm zu und Feltscher schloss erfolgreich ab. Was für eine Erleichterung. Für das Vertrauen auf den Sieg war es aber viel zu früh im Spiel. Wir sehnten ein zweites Tor herbei.

Die Sandhausener öffneten nun ihre Defensive, und wie es sich für eine klassische Heimsieggeschichte gehört, entstand Raum für Konter. Zlatko Janjic erlief sich den etwas zu langen Ball auf den linken Flügel, setzte sich gegen seinen Mitspieler durch und hatte den Moment Zeit in Ruhe zu flanken. Nicht in die Mitte zum Kopfball als einfache Möglichkeit flankte er, nein, er flankte punktgenau über den Fünfmeterraum hinweg in den Lauf von Tim Albutat, der in den Ball grätschend per Dropkick zum 2:0 einschoss. Was für ein wunderbares Tor, welch Perfektion des Spiels von beiden Beteiligten. Ohnehin zeigte Zlatko Janjic an diesem Tag eine großartige Leistung. Immer wieder behauptete er im Mittelfeld souverän die Bälle, schuf Gefahr mit seinen Pässen und erlief viele zweite Bälle, als ob sein Ausgleichssport der 50-Meter-Sprint sei.

Auch nach dieser Zwei-Tore-Führung hielt der MSV den Druck hoch. Die Mannschaft zog sich nicht zurück, wie wir es so oft schon mit großem Zittern erlebt haben. Das gehört mit zur Botschaft dieses Spiels. Die Mannschaft will das Spiel bestimmen. Zu jeder Zeit. Zu jedem Spielstand. Die Mannschaft will aber nicht nur, sie kann es auch.

Thomas Bröker hätte schon das dritte Tor erzielen, als er im Fünfmeterraum auf dem Boden liegend einen Abpraller über das Tor befördert. So erzielte Zlatko Janjic erst kurz vor Spielende das 3:0 für den MSV. Auch dieses Tor war schön herausgespielt in einer Dreierkombination über Nico Klotz, der am rechten Flügel zwischen drei Mann den freien Raum für den Pass auf Kevin Scheidhauer findet, der daraufhin weiterleiten kann auf den links freistehenden Zlatko Janjic. Was „goldwichtig“ war, machte goldglücklich. Und wenn dann demnächst bitte die drei Stehplatzstufen hinter mir auch wieder gefüllt sind, brauche ich bei zukünftigen Heimsiegen auch keine Verletzungsgefahr mehr zu befürchten. Gestern brachte der Jubel vor mir beim zweiten Tor mich doch glatt zu Fall. Ist mir das überhaupt schon mal im Stadion passiert. Lasst Zuschauer um mich sein. Die Mannschaft und ich, wir brauche jede Unterstützung.

Werbeanzeigen

Sprach- und bald auch hoffentlich Trainergott Ilia Gruev

Ab Minute 1.36 sagt Ilia Gruev diesen Satz im Vorbericht zum Spiel des MSV Duisburg gegen den SV Sandhausen. In diesem einen Satz liegt alles. Notwendigkeit und Zuversicht. Mehr muss man über dieses Spiel am Sonntag nicht wissen.

Das heißt für uns: Punkte sind goldwichtig

Goldwichtig! Ilia Gruev hat mir und euch ein neues Wort geschenkt, das mich seit gestern begeistert. Goldwichtig. Wie elegant löst sich der Druck des Notwendigen, indem das Goldrichtige in dem Wort als Grundstimmung mitschwingt. Goldrichtig, so heißt es als Urteil meist nur im Nachhinein. Dann hat alles gestimmt. Besser hätte es nicht sein können.

Zlatko Janjic erzählt – ebenfalls im Vorbericht- , wie Ilia Gruev positiv auf die Mannschaft einwirkte und sich um die Psyche der einzelnen kümmerte. Keine Frage, das war und ist goldwichtig. Unser Trainer: Ilia…. Und alle: Gruev… Sprachgott. Und hoffentlich rufen wir bald auch: Trainergott.

 

 

Und noch eins: Letzte Woche hat Wolfgang Brück von der Rhein-Neckar-Zeitung den Kollegen Koss nach der Stimmung in Duisburg und der Haltung der MSV-Anhänger zum SV Sandhausen gefragt. Die Schlagzeile zum Interview ist aber dann doch dem Lokalstolz geschuldet. Ich dementiere sofort im Namen vom Kollegen Koss, dass er das in diesem umfassenden Sinn gesagt hat. Aber lest selbst mit einem Klick.

2015-11-28_rhein-neckar

Mangel an Torgefahr für diese Woche verbraucht?

Gestern war ich in der Arena und habe mir das torlose Unentschieden im Länderspiel der Nationalmannschaft der Frauen gegen England angesehen. Danach geriet ich in ein Dilemma. Ob es ein philosophisches oder ein sprachliches ist, weiß ich gerade nicht genau.

Mir gefiel nämlich der Gedanke, mit diesem Spiel habe sich für diese Woche der Mangel an Torgefahr auf dem Rasen des Stadions vollends aufgebraucht. Ihr merkt das natürlich selbst, ein Mangel verweist ja auf etwas nicht Vorhandenes, und das lässt sich nun mal nicht verbrauchen. So ein Nichts besteht nicht aus einer begrenzten Summe Teil-Nichtse, die entweder in dem Spiel oder in einem anderen kleiner wird. Wahrscheinlich gibt es darüber schon einschlägige philosophische Literatur.

Wie lässt sich also die Hoffnung, wenn auch esoterisch begründet, ausdrücken, dass sämtlicher Mangel an Torgefahr für diese Woche am Donnerstag zu sehen war? Zumal der Mangel auch richtig verteilt war. Ich meine, die Engländerinnen als Gastmannschaft hatten den größeren Teil des Mangels übernommen. Könnte sich der SV Sandhausen am Sonntag zum Vorbild nehmen. Und wie gesagt, für den MSV hoffe ich auf Totalverbrauch des Restmangels durch die deutsche Nationalmannschaft.

shit.cologne, Konkrete Poesie und Stadionsprecher Günter Stork

Lesung_netzEine Lesung brachte mich neulich zur Mainzer Straße in die Kölner Südstadt. Der MSV Duisburg spielte dabei eine Rolle, weil ich sowohl im passenden Bekenntnis-Shirt dezent auf die Bedeutung des Meidericher SV in den Räumen der Galerie Smend hinwies, als auch die Zebras dem dort dort lesenden Klaus Hansen ebenso sehr am Herzen liegen wie mir und den meisten Besuchern des Zebrastreifenblogs.

hansen_leporello Inhaltlich ging es an dem Abend nicht um den Fußball sonderen um einige der 100 Texte aus „shit.COLOGNE„, mit denen Klaus Hansen vor allem das kulturelle Leben Kölns amüsiert und machmal spöttisch betrachtet. Dennoch ist das Schreiben von Klaus Hansen ohne den Bezug zum Fußball  nicht vorstellbar. Mit einem Teil von seinem Werk steht er in der literarischen Tradition von Dadaismus und Konkreter Poesie. So entstand unlängst mit dem „11erpack“ ein „fußball leporello“. 11 Textbilder und 12 Minutengeschichten umfasst das Werk, das in einem Couvert aus Butterbrotpapier aufbewahrt wird, verschlossen durch einen Aluminium-Stollen eines Fußballschuhs. So wirkt das Ganze wie ein vom Fußball geprägtes Gesamtkunstwerk, eine Art Objektkunst.

Wenn zudem eine der Miniaturen mit „Klaus Thies über Fußball gesprochen“ heißt, klingeln bei uns Älteren natürlich sofort die Ohren. Thies selbst kommt in dem Text nicht zu Worte, vielmehr ist Klaus Hansen auch hier mit Hilfe des Fußballs den grundsätzlichen Haltungen zu Leben und Welt auf der Spur. Hilft es weiter, wenn jemandem die Bedeutung des 31. August bekannt ist? Für Klaus Hansen heißt die Antwort eindeutig, ja.

Es überrascht nicht, wenn Klaus Hansen einen Großen der MSV-Geschichte auf besondere Weise in Erinnerung hält, jemanden, der nicht einmal Fußball gespielt hat, einen Mann der Worte, den sämtliche MSV-Anhänger, die schon Mitte der 1990er ins Stadion gingen, kennen: den 2008 verstorbenen, ehemaligen Stadionsprecher Günter Stork. Kurz nach der Lesung schickte er mir ein Interview aus dem Jahr 1996 mit Günter Stork. Ungefähr ab dieser Zeit begann Günter Storks Stimme manchmal ganz kurz zittrig zu werden. Die Ansagen bestritt er auch nicht mehr alleine.

Mit dieser Stimme aber waren wir aufgewachsen. Seine Ansagen rhythmisierten einen Spieltag. Denn damals kamen Werbebotschaften nicht über die Anzeigetafel sondern über das Mikrofon, und diese Werbeansagen waren wie der Zebra-Twist im Bundesliga-Deutschland einmalig.  Ich hoffe, ich kann demnächst das gesamte Interview hier online stellen. Für heute kann ich erstmal nur zitieren.

stork_1stork_2

So weit liegen Konkrete Poesie und volkstümliche Gebrauchslyrik nicht auseinander. Spielerischer Umgang mit Sprache ist hier das Stichwort, und das alles im Zeichen von Fußball und MSV. An so etwas hat zu Günter Storks großen Zeiten in den 70ern wahrscheinlich kein Besucher des Wedau-Stadions gedacht.

11erpack – fußball leporello. 25 Euro. Bestellung direkt bei Klaus Hansen kphansen[at]gmx.de

Manchmal ist weniger Trainer-Anweisung mehr

Hört man den Trainingskiebitzen zu oder liest ihre Trainingsberichte, soll Karsten Baumann im Training bei Fehlern im Mannschaftsspiel kaum korrigierende Anweisungen gegeben haben,  Gino Lettieri dafür um so mehr. Wie beides zu bewerten ist, ergibt sich natürlich durch den Erfolg der Mannschaft, aber bei näherer Betrachtung auch mit dem Blick auf die konkrete Spielweise der Mannschaft während der Saison.

Das richtige Maß für die spielstrukturienden Anweisungen im Training zu finden, ist jedenfalls nicht einfach, wie mir neulich ein Artikel in der  Süddeutschen Zeitung zu verstehen gab. Sebastian Herrmann schrieb über die Psychologie der Wahrnehmung und dem Phänomen, dass wir Menschen offensichtliche Dinge einfach übersehen.

Ein kurzer Abschnitt erinnerte mich an die Mannschaft des MSV zu Beginn beider Spielzeiten unter Gino Lettieri. Mir kam es manchmal so vor, als überlegten die Spieler zu viel, als seien sie zu sehr damit beschäftigt Anweisungen im Kopf abzuarbeiten. Erst einmal ist das Ganze Spekulation zu einer intuitiven Wahrnehmen, ob es mehr ist? Findet Ilija Gruev für seine Anweisungen einen Mittelweg, der die Köpfe der Spieler grundsätzlich freier macht und ihnen dennoch ein gutes Gerüst für das Spiel selbst gibt? Momentan sieht es für mich so aus.

2015-11-13_unsichtbarer_Gorilla.JPG

Den gesamten lesenswerten Artikel „Der unsichtbare Gorilla“ zur Psychologie der Wahrnehmung gibt es bei der Süddeutschen Zeitung mit einem Klick.

Halbzeitpausengespräch: So zärtlich war das Ruhrgebiet von Laabs Kowalski – Besprechung

Natürlich gehörte Dortmund in den 1970ern für mich zum Ruhrgebiet, doch mit Dortmund fühlte ich mich nicht identisch. Denn die Einheit dieses Ruhrgebiets war noch weniger eine ihrer Städte als heute. Die Ruhrstadt wurde im Alltag nicht gelebt. Zumindest nicht von irgendjemandem um mich herum, weder von Jugendlichen noch von Erwachsenen. Wenn ich heute nun „So zärtlich war das Ruhrgebiet“ von Laabs Kowalski lese, so weiß ich, warum diese Ruhrstadt keine Schimäre ist.

Laabs Kowalski erzählt vom Aufwachsen im Dortmunder Norden während der 1970er Jahre, und was er erzählt, ist mir vertraut. Er variiert einen Mythos der Ruhrstadt, die raue, meist einfache, aber immer im Inneren herzliche Wirklichkeit der Arbeitergroßfamilie und ihrer Freunde, die in dieser Zeit für die Kinder immer zu den Familien gehörten als „Onkel“ und „Tante“. Dem folgte manchmal der Nachname, manchmal der Vorname, ein Ausdruck dessen, wie nah diese „Onkel“ und „Tanten“ sich uns Kindern gaben.

Laabs Kowalski folgt also der eigenen Biografie. Er erzählt von seinem jungen Leben, seinen Erfahrungen und wirft dabei zugleich einen Blick auf seine Familie. Unterstrichen wird dieser biografische Zugang durch private Fotos. Doch Laabs Kowalski nutzt literarisches Handwerkszeug. Er erzählt verdichtet, pointiert, karikierend und manchmal wirkt es so, als habe er um der Pointe Willen die erlebte Wirklichkeit leicht zurechtgebogen. Was nur beschreibend gemeint ist und keineswegs kritisch. Die Menschen, die Laabs Kowalski beschreibt, seine Erfahrungen als Kind und Jugendlicher, die Sprache, die er in den Dialogen einfängt, all das erkenne ich wieder, wenn nicht aus direkter Erfahrung, so doch als immer wieder erzählten Alltag. Auch Frank Goosen bewegt sich in diesen Gefilden der Ruhrgebietsvergangenheit. Doch Laabs Kowalskis verdichtete Wirklichkeit der Ruhrstadtvergangenheit ist oft härter, wenn man genauer drüber nachdenkt, und nur im Erzählen wird diese Härte gemildert durch Komik und den lakonischen Ton des Erzählten.

Von 1965 bis 1980 erhalten die Jahre jeweils ein Kapitel. In jedem Kapitel erzählt Laabs Kowalski eine oder mehrere Alltagsminiaturen. Mit schnellen Stichworten zu Mode und Pop-Kultur, zur sich ändernden technischen Grundausstattung des Haushalts ruft er das Lebensgefühl der Zeit hervor und kann sich dann einer beispielhaften Erfahrung jenes Jahres zuwenden. Leitmotivisch tauchen dabei das Kartenspiel der Verwandten, der Fäuste schwingende Onkel „Catcher“ und die Erkenntnis des jungen Laabs auf, dass manche Erfahrungen des Lebens einfach nur „So ein Betrug“ sind.

Das Buch ist schnell gelesen, und es wird um so komischer, je weiter es voranschreitet. Der Grund liegt auf der Hand, Laabs Kowalskis Erzählperspektive ist zwar die des rückblickenden Erwachsenen, doch beschränkt er sich bei der Wirklichkeit des Geschehens auf den Erfahrungshorizont des aufwachsenden Kindes und Jugendlichen. So lange dieses Kind aber eine Nebenfigur des Geschehens ist, kann er dem Handeln des Ich-Erzählers keinen Witz abgewinnen. Das kleine Kind Laabs Kowalski ist nicht komikfähig. Dessen erwachsene Verwandte bleiben nur, und so wiederholt sich zu Beginn einiges, weil es so viel Erzählenswertes in dieser naiven Kinderwirklichkeit nun einmal nicht gibt.

Laabs Kowalski stilisiert die Wiederholung zum running gag. Für mich kaschiert er damit aber eine kleine Schwäche des Buchs, über die man zunächst hinweglesen muss, um mit dem Erzählen aus der Jugendzeit auch den Ich-Erzähler selbst im Zentrum des Geschehens zu erhalten. In dem Moment kann Laabs Kowalski seine erzählerischen Stärken an jeweils neuen Lebensituationen ausprobieren. Die Unsicherheiten der Jugend bieten viel Raum für Komik, Ironie und Witz. Das Heimatgefühl Ruhrstadt gibt es dazu inklusive. Ein schönes Buch.


Laabs Kowalski
So zärtlich war das Ruhrgebiet.
Satyr Verlag, Berlin 2015
Klappenbroschur, 144 S., inkl. zahlreicher Abbildungen
ISBN 978-3-944035-53-6 (Print), € 12,90
ISBN 978-3-944035-64-2 (E-Book), € 7,99

Von Wirklichkeit und Plänen – Punkte sammeln

selfie_leseung_netzStreifen zeigen, so hieß es am Freitag bei meiner Lesung im Kultur- und Stadthistorischen Museum. Ins Stadion habe ich es danach  nicht mehr geschafft. Auch wenn ich mir zuvor mit immer neuen Ablaufplänen ausgemalt hatte, wie ich in der knappen Zeit nach Ende der Lesung bis nach Düsseldorf hätte kommen können. Erst der Beifall von zufriedenen Zuhörern in Duisburg und danach den Auswärtssieg in Düsseldorf miterleben. Das klang gut, und es hätte tatsächlich gelingen können, wenn sich die Wirklichkeit nur mal an meine Ablaufpläne hielte. Nach der Lesung waren unvorhergesehene Dinge zu erledigen gewesen, und der MSV hat bei seinen wenigen Torchancen immer noch nicht genug Glück, um jeden eigentlich möglichen Sieg einzufahren. Vergeblich gehofft.
Das Spiel habe ich am Fernseher mit Freunden in Meiderich gesehen, und dieses Zuschauen wird in dieser Saison eine immer größere Aufgabe für mich. Je länger der MSV dieses Spiel gegen Fortuna Düsseldorf in der ersten Halbzeit mit leichten Vorteilen gestaltete, desto größer wurde meine Angst vor der Enttäuschung. Denn die Fallhöhe wuchs durch das gute Spiel des MSV in schwindelerregende Dimensionen. Die Hoffnung auf einen Sieg wurde mit jeder Spielminute größer, da der MSV das Angriffsspiel der Düsseldorfer souverän zunichte machte. Doch diesen leichten Vorteilen beim Ballbesitz folgten kaum eigene Angriffe mit Torgefahr, auch wenn der Weg in den Strafraum auf unterschiedliche Weise gesucht wurde. Flanken kamen wie gewohnt unpräzise, und die Versuche mit dem Passspiel mehr durch die Mitte endeten am Strafraum.
Für dieses Passspiel maßgeblich mitverantwortlich war Zlatko Janjic, der das Spiel des MSV bereicherte und der so gar nichts mehr mit dem Spieler gleichen Namens aus den ersten beiden Begegnungen der Saison zu tun hatte. Für ihn ergab sich nach schnellem Umschaltspiel und wunderbarem Doppelpass mit Kingsley Onuegbu so etwas wie eine Kopfballchance. Aber Zlatko Janjic und Kopfbälle waren schon in der letzten Saison zwei Welten, die nur in Ausnahmefällen zusammenpassten. Sein Timing und seine Sprunghöhe sind schon bei sehr viel klareren Spielsituationen sehr ausbaufähig, wieviel schwieriger wird es für ihn deshalb aus der Bewegung heraus bei einem hohen Zuspiel, das nicht ideal in seinen Lauf hineinkommt.  Diese eine Chance hätte nur ein Tor werden können, wenn Zlatko Janjic ein anderer Spieler gewesen wäre.
Die Angst vor Fehlern war bei der Fortuna größer als beim MSV, und es war erkennbar, wie diese Mannschaft auseinanderfallen könnte, wenn sie ein Gegentor hinnehmen müsste. Nur dieses Tor des MSV fiel nicht. Stattdessen wurde das Offensivspiel der Fortuna kurz vor der Halbzeitpause besser. Eine Kopfballchance nach einem Eckball hatte es zuvor zwar schon gegeben, nun kamen die Düsseldorfer aus dem Spiel heraus in Tornähe und zu Schussversuchen.
Nach der Halbzeitpause wurde das Spiel offener und die Fortuna konnte das Spiel öfter als in der ersten Halbzeit in die Hälfte des MSV verlagern. Die Spieler der Fortuna erwiesen sich in Einzelaktion immer mal wieder als technisch überlegen. Was uns daran erinnerte, wieviel weniger Geld der MSV für seinen Spieleretat aufbringen konnte. Der MSV hielt offensiv dagegen, und wiederum ergab sich die größere Torchance für den MSV. Branimir Bajics Direktabnahme von knapp außerhalb des Strafraums fand zwar ihren Weg durch eine Lücke zwischen den Abwehrspielern. Doch exakt hinter der Lücke stand  Düsseldorfs Torwart Michael Rensing, der dem Ball nicht aus dem Weg gehen konnte.
Da die Düsseldorfer nun auch im Mittelfeld einen besseren Zugriff aufs Spiel hatten, war die Gefahr eines Ballverlustes in der Vorwärtsbewegung gewachsen. Immer wieder spürte ich nun diese kaum aushaltbare Ohnmacht, wenn die Zebras in Ballbesitz waren und meine Angst vor einem Fehler ins Unerträgliche wuchs. Diese Geschichte einer Niederlage hatten wir zu oft schon erlebt, und meine Haut ist dünn geworden in dieser Saison. Der Fehler unterlief Steffen Bohl. Zwei Düsseldorfer attackierten ihn, kein Mitspieler als Anspielstation war in der Nähe, der Ballverlust war schon im Ansatz zu erkennen. Auch die Düsseldorfer können schnell umschalten. Dieses Mal tat kein Düsseldorfer Spieler dem MSV den Gefallen, überhastet abzuschließen. Was ich die ganze Zeit befürchtet hatte, geschah. Die Fortuna führte 1:0. Ich war in den Abstiegsabgrund hineingerutscht und klammerte mich an einem winzigen Felsvorsprung, ohne Hoffnung, dass ich mich länger als eine Minute halten könnte.
Gott sei Dank, ging es der Mannschaft anders. Sie war anscheinend mit einem guten Seilsicherungssystem ausgestattet und arbeitete sofort daran, aus diesem Hängen im Abgrund wieder hochzukommen. Während ich noch nicht einmal merkte, dass ich – und  wir alle natürlich – mit diesem Sicherungssystem fest verbunden sind, standen die ersten Spieler des MSV längst schon wieder auf dem unbefestigten Felsplateau, das bislang vor dem Absturz geschützt hat. Zwei Minuten später kam nach einem Eckstoß Steffen Bohl über den Umweg Zlatko Janjic an den Ball und schoss zum Ausgleich ein.
Es kam mir so vor, als hätte dieser Jubel in der Meidericher Wohnung bis nach Düsseldorf gehört werden müssen. Wie sehr war dieses Tor Steffen Bohl zu gönnen, der eigentlich ein gutes Spiel gemacht hatte. Wie verständlich war seine unbändige Freude. Wie gerecht war dieser Ausgleich. Es war wieder alles möglich. Für kurze Zeit sah es so aus, als hätte der MSV die Fortuna am Rand der Niederlage, als könne die Angst der Fortuna zu versagen, groß genug werden. Doch die Mannschaft fing sich und in den letzten Minuten kämpften beide Mannschaften um diese drei Punkte. Beide vergeblich.
Ein Sieg wäre für den MSV so nötig gewesen. Ein Unentschieden ist es geworden. Müssten wir nicht auf die Tabelle schauen, könnten wir mit der Leistung der Mannschaft vollauf zufrieden sein. Aber mit jedem nicht gewonnenen Spiel gibt es weniger Möglichkeiten, auf welchem Weg die Mannschaft das erhoffte Ziel Klassenerhalt noch erreichen kann. Es bleibt ja nichts anderes, als weiter zu machen, so lange es eben möglich ist. Wir können weiter hoffen, dass am Ende doch noch alles zusammen passt. Der weitere Weg gleicht meinem Freitag. Die wenigen idealen Ablaufpläne für das Ziel Klassenerhalt vertragen kaum mehr Störungen durch die Wirklichkeit.

JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Bloglisten

Werbeanzeigen

%d Bloggern gefällt das: