Trainerentlassung bei Misserfolg? – Ein lehrreiches Fallbeispiel

Nicht viel spricht für Trainerentlassungen während einer Spielzeit. Egal wieviel Geld ein Verein zur Verfügung hat, kontinuierliche Arbeit in einem ruhigen Umfeld ist die Voraussetzung für sportlichen Erfolg. Es wird euch nicht überraschen, dass ich langfristiges Arbeiten eines Trainers mit einer Mannschaft grundsätzlich befürworte.

Die Sportpsychologie liefert zudem wissenschaftliche Argumente. Trainerentlassungen haben statistisch gesehen keinen nennnenswerten Einfluss auf den Erfolg einer Mannschaft. Erstmals wurde an der Universität Münster 2003 dieser Befund an die Öffentlichkeit gebracht und hier vom Handelsblatt als Meldung aufgenommen. Acht Jahre später scheint es eine Überarbeitung der Studie gegeben zu haben, wie auf der Seite der Universität zu lesen ist. Dort gibt es auch den Link zum wissenschaftlichen Artikel, der die Studienergebnisse auf Englisch zusammenfasst. Für den Artikel spricht der Zebrastreifenblog eine Statistikwarnung aus.

Diese rationale Einsicht ändert nichts daran, dass ich Gino Lettieris Arbeit nicht vertraue, und ich die irrationale Hoffnung habe, ein anderer Trainer könne durch seine Arbeit die Spieler des MSV zu einer erfolgreicheren Mannschaft formen. Ich staune also über mich selbst und überlege, wie es zu dieser Hoffnung kommt. Schließlich kenne ich das Training von Gino Lettieri gar nicht und erlaube mir in solchen Fällen eigentlich kein Urteil. Ich sehe nur das Ergebnis in den Spielen und könnte auf ein schlechtes Zeugnis hochrechnen. Doch dann beginnt sofort die klassische Diskussion: Gino Lettieri steht ja nicht auf dem Platz. Er ist nicht alleine verantwortlich für den Misserfolg. Es gibt Rahmenbedingungen, unter denen er arbeiten muss, die Spielstärke der einzelnen Spieler, die Verletzungen, Glück, Zufall. All das versuche ich immer mit zu beachten. Dennoch ändert das nichts an meinem Eindruck, Gino Lettieri geht unter den vorhandenen Bedingungen einen falschen Weg.

Meine Zweifel wären nur ausgeräumt worden, wenn ich diesen Weg besser erklärt bekommen hätte. Ich hätte eine Perspektive nach all den Misserfolgen gebraucht. Ich hätte eine Erklärung benötigt, warum es in der Offensive von Anfang an so aussah, als müsste jeder einzelne Spieler am Ball von neuem überlegen, was zu tun ist. Ich hätte eine Erklärung dafür gebraucht, warum Spieler, die schon in der letzten Saison zusammenspielten, so wirkten, als begegneten sie sich zum ersten Mal.

Für Gino Lettieri gab es außerhalb des sportlichen Bereichs beste Voraussetzungen. Er hat viel Kredit bei den Anhängern des MSV. Die Zuschauer waren bislang für Duisburger Verhältnisse sehr geduldig. Sie wussten, was sie in der Saison erwartet. Es gab also die Bereitschaft mit ihm den unsicheren Weg durch die 2. Liga zu gehen. Wenn der Misserfolg anhält, muss aber irgendjemand diesen Glauben an den Weg mit Argumenten befeuern. Ivo Grlic hat das neulich einmal gemacht. Dagegen wirkt es, gelinde gesagt, unglücklich, wenn Gino Lettieri seine Arbeit nach Niederlagen verteidigt und sich selbst bei der Analyse ausnimmt. So trägt seine öffentlich gezeigte Haltung der eigenen Arbeit gegenüber – wie schon einmal geschrieben – ebenfalls zu meinem Vertrauensverlust bei.

Mein Schluss aus der Selbstbeobachtung: Drei Komponenten geben mir Vertrauen in die Arbeit des Trainers. Erstens banal: der sportliche Erfolg. Zweitens: Im Misserfolg erkennen, dass die Spieler an ihre sportlichen Grenzen gekommen sind. Drittens: Im Misserfolg offensives Erklären der Trainingsarbeit und der Gründe für Misserfolg. Dann bliebe mein Vertrauen in die Arbeit eines Trainers stabil.

Übrigens empfinde ich es als unlauter, jetzt den Stab über die Verantwortlichen des MSV zu brechen. Wer in diesem Fall von Chaos hinter den Kulissen spricht, betreibt Brandstiftung, egal ob das von Anhängern des Vereins geschieht oder von den lokalen Medien wie hier im Reviersport. Hinterher ist man immer klüger und über den richtigen Zeitpunkt zu handeln lässt sich streiten. Mehr ist das nicht. Was beim MSV geschieht, ist exakt das Gegenteil von Chaos. Es wirkt wie die intensive Beschäftigung mit allen möglichen Entwicklungen. Und das war richtig so.

Natürlich war der Versuch richtig, den Teufelskreis der Neuverschuldung für den sportlichen Erfolg nach dem Schuldenschnitt zu durchbrechen. Jetzt ist es doch billig zu sagen, der Kader war von Anfang an nicht zweitligareif. Und natürlich war es richtig, auf Kontinuität bei der Arbeit von Gino Lettieri zu setzen. Etwas mehr Glück hier und dort, und selbst bei schlechtem Spiel der Mannschaft hätte sie dreimal erfolgreicher sein können. Was nicht viel ist, aber ausgereicht hätte, den Kontakt zu den Nichtabstiegsplätzen zu halten. Mein Lieblingsszenario war der Klassenerhalt mit Lettieri und die Verpflichtung eines neuen Trainers für die kommende Saison. Das war eine Träumerei.

Für den Trainerwechsel gibt es noch keine Bestätigung vom MSV. Wenn diese Bestätigung kommt, muss der Traum noch größer werden. Ein wenig haben sich meine Hoffnungen seit gestern schon wieder aufgerichtet. Zumal die Studie der Sportpsychologie sich auf die Daten der Bundesliga beschränkte. In der Zweiten Liga ist doch alles ganz anders. Da hat ein neuer Trainer doch viel mehr Einfluss, oder? Anders kann es doch gar nicht sein. Zumindest beim MSV Duisburg.

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