Spielermienenspiel beim SC Freiburg verhilft zu Zufriedenheit

Manchmal muss man in die Mienen der Spieler und des Trainers beim Gegner schauen, um den Wert eines Ergebnisses besser einschätzen zu können. Das 1:1 beim Schlusspfiff im Spiel vom MSV Duisburg gegen den SC Freiburg hinterließ bei mir nämlich widersprüchliche Gefühle. Aber die Spieler vom SC Freiburg und ihr Trainer Christian Streich wirkten sehr enttäuscht. Das Unentschieden war dem vorläufigen Tabellenersten zu wenig.

Dieses Mienenspiel half mir, mit der eigenen, immer wieder kitzelnden Enttäuschung klar zu kommen. Ich schwankte zwischen Erleichterung, Zufriedenheit und eben der Enttäuschung darüber, die zur Halbzeitpause so verführerisch winkenden 3 Punkte doch nicht eingesackt zu haben. Sicher, bei realistischer Betrachtung können wir alle beim MSV zufrieden sein, doch wer ist schon immer jederzeit Realist?

Höchstens in den ersten zehn, fünfzehn Minuten des Spiels war ich ein Realist gewesen. In dieser Zeit fürchtete ich doch sehr den Führungstreffer des SC Freiburg und den anschließend Kantersieg. Die Spieler des MSV brauchten etwas Zeit, um ihre Nervosität in den Griff zu bekommen. Offensichtlich hatten sie großen Respekt vor dem Freiburger Offensivspiel. Zu recht. Ball- und kombinationssicher, handlungsschnell zeigten sich die Freiburger und erspielten sich sofort Chancen. Was für ein hektisches Defensivgewusel mit unkontrolliertem und deshalb unzureichendem Ballwegschlagen ging schließlich der größten Chance der Freiburger in dieser ersten Halbzeit voraus. Ein Pfostenschuss war das Ergebnis. Doch gerade dieser Pfostenschuss läutete die Wende ein. Von da an ordnete sich das Spiel des MSV. Die Defensive stand stabil. Die Angriffe der Freiburger, egal ob schnell oder im geduldigen Aufbauspiel vorgetragen, konnten stets am oder im Strafraum unterbrochen werden.

Zudem beschränkte sich das Offensivspiel des MSV nicht mehr auf lange, weite Bälle. Zwar fehlten für den kontrollierten Spielaufbau weiterhin die spielerischen Mittel. Doch gab es Kombinationen nach schnellem Umschaltspiel, insgesamt wirkte die Offensive etwas variabler auf mich als in den Spielen zuvor, wenn auch noch nicht zwingend in der Torgefahr. Aber der Gegner war der SC Freiburg, und wenn die Spieler des MSV gegen diesen Gegner unermüdlich versuchen, ein Offensivspiel in Gang zu bringen, ist das ein Erfolg. Es gab Bewegung in den Raum hinein und zwar über den zentralen Spielfeldkorridor. Nicht mehr jeder Angriff wurde zwangsläufig über die Außenbahnen versucht. All das macht mir Hoffnung. Denn nur wenn die Eindimensionalität des Offensivspiels aufgebrochen wird, wenn der Zufall als hauptsächliche Ursache der Torchance aufgegeben wird, verliert sich die Harmlosigkeit der Mannschaft des MSV.

Christian Streich spricht in der Pressekonferenz später von der ersten Chance des MSV zum Führungstor, als er über das 1:0 in der 42. Minute spricht. Vielleicht stimmt das, aber der MSV war in dieser Spielphase keineswegs eine Mannschaft unter Druck. Souverän wurden die Freiburger Angriffe unterbunden. Zwingende Chancen gab es auch für die Freiburger nicht mehr. Dann ging es beim MSV plötzlich schnell über den linken Flügel, Victor Obinna flankte auf rechts, wo Thomas Bröker frei stand und in den Strafraum zog, um aus rechtem Winkel einzuschießen. Endlich einmal in dieser Saison (!) ging ein Schuss überhaupt aufs Tor, und schon war der Ball im Netz. Dieses 1:0 verschaffte uns auf den Rängen ein völlig neues Gefühl für die Saison. Jubel über eine Führung in der ersten Halbzeit, in Teilen war das ein ungläubiger Jubel. Ich sah für einige Zeit Sterne und denke nun daran, einen Arzt zu Rate zu ziehen, ob ich bei der momentanen Tabellenlage des MSV nicht meine Gesundheit zu sehr im Stadion gefährde.

Wer auf Duisburger Seite direkt nach dem Führungstor das Aufbäumen des SC Freiburg erwartete, konnte sich erst einmal entspannen. Viel kam nicht mehr von der Mannschaft in den wenigen Minuten bis zum Halbzeitpfiff. In der Halbzeitpause allerdings waren die Freiburger wieder sehr früh auf dem Platz. Das war eine Kampfansage und bereitete wahrscheinlich nicht nur mir und meinen Freunden Sorgen. Zumal die Voraussetzungen für eine Abwehrschlacht sehr ungünstig waren. Früh hatte der Schiedsrichter, Thorsten Schriever, begonnen, seine gelben Karten zu verteilen. Basketballschiedsrichter lassen heute in den Spitzenligen härteres körperliches Spiel gewähren als er in dieser Begegnung.

Mit Wiederanpfiff begann das erwartete druckvolle Spiel der Freiburger. Wenn der MSV um die 15 Minuten ohne Gegentor bliebe, dachten wir bei uns in der Ecke, dann ließe sich der Sieg vielleicht durchbringen. Der Ausgleich fiel in der 62. Minute. Es war eine jener Ballstaffetten, die zuvor spätestens im Strafraum geklärt werden konnten. Dieses Mal wurde dem Freiburger Spieler zu viel Zeit und zu viel Raum gelassen. Von der Strafraumgrenze aus konnte er den Ball ins lange Eck  schießen.

Für den weiteren Saisonverlauf ziehe ich Hoffnung daraus, dass die Mannschaft dieses Gegentor sofort wegsteckte. Es gab keine Minute des Nachlassens und der Irritation. Die Mannschaft spielte selbstbewusst weiter. Sie zog sich nicht zurück. Sie gestaltete das Spiel offen, rückte mutig geschlossen bei Ballbesitz vor. Mir war das zweimal sogar zu offensiv. Die eigene Hälfte war völlig entblößt und ließ den schnellen Freiburgern den Raum für den Konter. Das eine Mal konnte dieser Konter im letzten Moment am Strafraum unterbunden werden, das andere Mal ging Thomas Meißner noch in der Freiburger Hälfte hart dazwischen. Die zweite gelbe Karte bedeutete in der Summe rotgelb

Selbst in Unterzahl ließ der MSV nicht davon ab, mit Offensivaktionen weiter im Spiel zu bleiben. Zwar wurden die langen Bälle immer unpräziser gespielt, doch wurde die Konterchance immer noch gesucht. So mussten noch etwa zehn Minuten überstanden werden – bei einem größeren Spielanteil der Freiburger. Wirklich in Gefahr geriet das Unentschieden nicht mehr, auch wenn der Schlusspfiff letztlich sehr erleichterte. Allein die Tabellensituation mit dem Punkteabstand zu den Nichtabstiegsplätzen erschwert es für mich, das Unentschieden gegen einen Aufstiegsfavoriten ungetrübt als Erfolg zu werten.

Übrigens hoffe ich für Christian Streich, er hat gute Freunde, die ihn mal beiseite nehmen und mit ihm über seine Laune sprechen. Er ist auf dem Weg ein ungenießbarer Wutnickel zu werden. Vielleicht ist er das schon? Mir kommt es so vor, als sei für ihn inzwischen – zumindest als öffentliche Person – Griesgrämigkeit seine gute Laune. Als er in Freiburg Cheftrainer wurde, wirkte er sehr viel umgänglicher. Manchmal verändert einen der Beruf, weil die Wirklichkeit dem eigenen Lebensideal hinterherhinkt. Ist es das? Der Konflikt zwischen Individuum und dem System Profi-Fußball?

Meine Sorge soll´s aber nicht sein. Ich muss mich um andere Dinge kümmern. Ich bin eher der depressive Typ. Ich bin einer, dem das Unentschieden die aufgekeimten Hoffnungen auf das Klassenerhalts-Wunder bedroht. Diese Gefahr will ich jetzt mal im Zaum halten.

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