Von Wirklichkeit und Plänen – Punkte sammeln

selfie_leseung_netzStreifen zeigen, so hieß es am Freitag bei meiner Lesung im Kultur- und Stadthistorischen Museum. Ins Stadion habe ich es danach  nicht mehr geschafft. Auch wenn ich mir zuvor mit immer neuen Ablaufplänen ausgemalt hatte, wie ich in der knappen Zeit nach Ende der Lesung bis nach Düsseldorf hätte kommen können. Erst der Beifall von zufriedenen Zuhörern in Duisburg und danach den Auswärtssieg in Düsseldorf miterleben. Das klang gut, und es hätte tatsächlich gelingen können, wenn sich die Wirklichkeit nur mal an meine Ablaufpläne hielte. Nach der Lesung waren unvorhergesehene Dinge zu erledigen gewesen, und der MSV hat bei seinen wenigen Torchancen immer noch nicht genug Glück, um jeden eigentlich möglichen Sieg einzufahren. Vergeblich gehofft.
Das Spiel habe ich am Fernseher mit Freunden in Meiderich gesehen, und dieses Zuschauen wird in dieser Saison eine immer größere Aufgabe für mich. Je länger der MSV dieses Spiel gegen Fortuna Düsseldorf in der ersten Halbzeit mit leichten Vorteilen gestaltete, desto größer wurde meine Angst vor der Enttäuschung. Denn die Fallhöhe wuchs durch das gute Spiel des MSV in schwindelerregende Dimensionen. Die Hoffnung auf einen Sieg wurde mit jeder Spielminute größer, da der MSV das Angriffsspiel der Düsseldorfer souverän zunichte machte. Doch diesen leichten Vorteilen beim Ballbesitz folgten kaum eigene Angriffe mit Torgefahr, auch wenn der Weg in den Strafraum auf unterschiedliche Weise gesucht wurde. Flanken kamen wie gewohnt unpräzise, und die Versuche mit dem Passspiel mehr durch die Mitte endeten am Strafraum.
Für dieses Passspiel maßgeblich mitverantwortlich war Zlatko Janjic, der das Spiel des MSV bereicherte und der so gar nichts mehr mit dem Spieler gleichen Namens aus den ersten beiden Begegnungen der Saison zu tun hatte. Für ihn ergab sich nach schnellem Umschaltspiel und wunderbarem Doppelpass mit Kingsley Onuegbu so etwas wie eine Kopfballchance. Aber Zlatko Janjic und Kopfbälle waren schon in der letzten Saison zwei Welten, die nur in Ausnahmefällen zusammenpassten. Sein Timing und seine Sprunghöhe sind schon bei sehr viel klareren Spielsituationen sehr ausbaufähig, wieviel schwieriger wird es für ihn deshalb aus der Bewegung heraus bei einem hohen Zuspiel, das nicht ideal in seinen Lauf hineinkommt.  Diese eine Chance hätte nur ein Tor werden können, wenn Zlatko Janjic ein anderer Spieler gewesen wäre.
Die Angst vor Fehlern war bei der Fortuna größer als beim MSV, und es war erkennbar, wie diese Mannschaft auseinanderfallen könnte, wenn sie ein Gegentor hinnehmen müsste. Nur dieses Tor des MSV fiel nicht. Stattdessen wurde das Offensivspiel der Fortuna kurz vor der Halbzeitpause besser. Eine Kopfballchance nach einem Eckball hatte es zuvor zwar schon gegeben, nun kamen die Düsseldorfer aus dem Spiel heraus in Tornähe und zu Schussversuchen.
Nach der Halbzeitpause wurde das Spiel offener und die Fortuna konnte das Spiel öfter als in der ersten Halbzeit in die Hälfte des MSV verlagern. Die Spieler der Fortuna erwiesen sich in Einzelaktion immer mal wieder als technisch überlegen. Was uns daran erinnerte, wieviel weniger Geld der MSV für seinen Spieleretat aufbringen konnte. Der MSV hielt offensiv dagegen, und wiederum ergab sich die größere Torchance für den MSV. Branimir Bajics Direktabnahme von knapp außerhalb des Strafraums fand zwar ihren Weg durch eine Lücke zwischen den Abwehrspielern. Doch exakt hinter der Lücke stand  Düsseldorfs Torwart Michael Rensing, der dem Ball nicht aus dem Weg gehen konnte.
Da die Düsseldorfer nun auch im Mittelfeld einen besseren Zugriff aufs Spiel hatten, war die Gefahr eines Ballverlustes in der Vorwärtsbewegung gewachsen. Immer wieder spürte ich nun diese kaum aushaltbare Ohnmacht, wenn die Zebras in Ballbesitz waren und meine Angst vor einem Fehler ins Unerträgliche wuchs. Diese Geschichte einer Niederlage hatten wir zu oft schon erlebt, und meine Haut ist dünn geworden in dieser Saison. Der Fehler unterlief Steffen Bohl. Zwei Düsseldorfer attackierten ihn, kein Mitspieler als Anspielstation war in der Nähe, der Ballverlust war schon im Ansatz zu erkennen. Auch die Düsseldorfer können schnell umschalten. Dieses Mal tat kein Düsseldorfer Spieler dem MSV den Gefallen, überhastet abzuschließen. Was ich die ganze Zeit befürchtet hatte, geschah. Die Fortuna führte 1:0. Ich war in den Abstiegsabgrund hineingerutscht und klammerte mich an einem winzigen Felsvorsprung, ohne Hoffnung, dass ich mich länger als eine Minute halten könnte.
Gott sei Dank, ging es der Mannschaft anders. Sie war anscheinend mit einem guten Seilsicherungssystem ausgestattet und arbeitete sofort daran, aus diesem Hängen im Abgrund wieder hochzukommen. Während ich noch nicht einmal merkte, dass ich – und  wir alle natürlich – mit diesem Sicherungssystem fest verbunden sind, standen die ersten Spieler des MSV längst schon wieder auf dem unbefestigten Felsplateau, das bislang vor dem Absturz geschützt hat. Zwei Minuten später kam nach einem Eckstoß Steffen Bohl über den Umweg Zlatko Janjic an den Ball und schoss zum Ausgleich ein.
Es kam mir so vor, als hätte dieser Jubel in der Meidericher Wohnung bis nach Düsseldorf gehört werden müssen. Wie sehr war dieses Tor Steffen Bohl zu gönnen, der eigentlich ein gutes Spiel gemacht hatte. Wie verständlich war seine unbändige Freude. Wie gerecht war dieser Ausgleich. Es war wieder alles möglich. Für kurze Zeit sah es so aus, als hätte der MSV die Fortuna am Rand der Niederlage, als könne die Angst der Fortuna zu versagen, groß genug werden. Doch die Mannschaft fing sich und in den letzten Minuten kämpften beide Mannschaften um diese drei Punkte. Beide vergeblich.
Ein Sieg wäre für den MSV so nötig gewesen. Ein Unentschieden ist es geworden. Müssten wir nicht auf die Tabelle schauen, könnten wir mit der Leistung der Mannschaft vollauf zufrieden sein. Aber mit jedem nicht gewonnenen Spiel gibt es weniger Möglichkeiten, auf welchem Weg die Mannschaft das erhoffte Ziel Klassenerhalt noch erreichen kann. Es bleibt ja nichts anderes, als weiter zu machen, so lange es eben möglich ist. Wir können weiter hoffen, dass am Ende doch noch alles zusammen passt. Der weitere Weg gleicht meinem Freitag. Die wenigen idealen Ablaufpläne für das Ziel Klassenerhalt vertragen kaum mehr Störungen durch die Wirklichkeit.
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