Erinnert euch ans „Streifen zeigen“ – Bengalos, Maas und Prügeleien

Einige von euch wissen, dass ich mich gerade für ein Buch sehr intensiv mit den Monaten nach dem Zwangsabstieg beschäftige. Was war das für eine Zeit in diesem Sommer 2013. Was haben alle Menschen rund um den MSV Duisburg damals geleistet. Welchen Einsatz für diesen Verein MSV Duisburg haben die Verantwortlichen, die Mitarbeiter auf allen Ebenen, die Anhänger in diesen Tagen gezeigt. Es gab nur ein Ziel, dieser Verein muss irgendwie weiterleben. Was für einen Zusammenhalt gab es damals.

Anscheinend geht es uns allen mittlerweile wieder zu gut. Wir können unsere eigenen Scharmützel pflegen, uns gegenseitig beschimpfen, die übelsten Motive für ein Handeln dem jeweils anderen unterstellen. Wir müssen nicht mehr respektvoll miteinander umgehen. Der Verein ist ja da. Was stören uns dessen weiterhin vorhandene finanziellen Schwierigkeiten. Wird schon nicht so schlimm werden. Es geht schließlich manchmal auch um mehr als den Verein, es geht um die Wahrheit. Und dagegen ist der MSV Duisburg ein kleines Licht. Denn der MSV Duisburg ist wieder nicht immer der MSV Duisburg. Der MSV Duisburg ist manchmal wieder irgendeiner der Verantwortlichen des Vereins, die ohnehin ihre Arbeit nie so gut machen, wie wir es jederzeit könnten. Und da gibt es keine Kompromissse. Wer meine Wahrheit nicht einsieht, ist mein Feind und schadet der guten Sache. Irgendwie ist diese gute Sache auch  der MSV, aber bitte ohne all diejenigen, die meine Wahrheit nicht einsehen. Die können wir nicht gebrauchen. Deshalb ist es nur richtig mal ordentlich auf die Kacke zu hauen, wenn einem jemand mit seinen anderen bescheuerten Ansichten über das, was richtig und wahr ist, in die Quere kommt.

Zugegeben, das ist nur der Eindruck, der sich im Netz ergibt, wenn die Anhänger des MSV über die Prügelei zwischen den Fans in der eigenen Kurve reden und über Bernd Maas, der mit seinem Gang in die Kurve nach dem Spiel als Auslöser dieser Prügelei gilt. Doch dort im Netz bewegt sich der aktivere Kreis der Anhänger des MSV. Dort entsteht eine Grundstimmung rund um den MSV. Deshalb ist es so enttäuschend für mich während meiner Beschäftigung mit dem Sommer 2013 so viele dieser laut schreienden Stimmen zu lesen.

Die Öffentlichkeit weiß aus der lokalen Presse nur von der Prügelei und nimmt sie schlechtenfalls als Makel für den MSV wahr. Was dahinter steckt, weiß diese Öffentlichkeit nicht. Das interessiert auch die meisten Anhänger dieses Vereins nicht. Den Verein aber muss das interessieren, weil es bei dieser Auseinandersetzung um den Kern der Fanszene geht, weil die öffentliche Wahrnehmung des Vereins durch so etwas in Mitleidenschaft gezogen wird und weil der Vorwurf im Raum steht, der MSV-Geschäftsführer Bernd Maas trage daran Schuld.

Die Fakten zur Prügelei: MSV-Geschäftsführer Bernd Maas geht nach dem Spiel mit einigen Spielern in die Kurve. Wütende Mitglieder der „Kohorte“ werfen Bierbecher in seine Richtung, ein Fahnenhalter fliegt auch. Das Fangnetz hält alles ab. Laut Augenzeugenberichten verstehen das andere noch anwesende Teile der Fanszene als Angriff gegen die Spieler. Die Prügelei beginnt.

Der Hintergrund: Im Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern werden im Gästeblock des MSV Duisburg Bengalos abgefackelt. Bei der DFL wird der MSV als Wiederholungstäter geführt. Noch während des Spiels postet Bernd Maas auf seinem privaten Facebook-Account mit klaren Worten seinen Unmut über die Bengalo-Aktion. Das Posting macht im Netz die Runde. In den Tagen nach dem Spiel bittet der Verein um Mithilfe bei der Identifizierung der Bengalo-Halter. Von Fanseite gibt es den Vorwurf, der Verein rufe zur Denunziation auf. Im Spiel gegen den VfL Bochum wird im Fanblock der Kohorte ein Spruchband hochgehalten mit der Aufschrift: „Gestern noch ‚Gänsehaut‘, heute Täter. MSV ihr Verräter!“ [„MSV“ und „ihr“ ist meine Vermutung, auf dem Foto nicht klar erkennbar] An der Bande hing ein Banner mit der Drohung „Noch so´n Spruch Spielabbruch“.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn in dieser Diskussion gerade keine Mutmaßungen über Motive angestellt werden, sondern nur reines Handeln bewertet wird. Das reicht schon, um aus dem Ganzen zu lernen, wenn man es denn will. Vielleicht muss man sich dafür tatsächlich an den Sommer 2013 erinnnern, weil damals außer Frage stand, welches Motiv die Handelnden alle hatten. Das war damals das Wohl des MSV Duisburg. Bei allen unterschiedlichen Meinungen muss das immer mal wieder in Erinnerung gerufen werden, dass das auch heute die Grundlage für das Handeln der Verantwortlichen ist.

Wie ist nun das Handeln von Bernd Maas ohne Mutmaßungen genau zu bewerten? Ich meine, Bernd Maas hat sich unnötigerweise Weise angreifbar gemacht, indem er sich als Privatperson zu dem Bengalo-Vorfall schon in Kaiserslautern geäußert hat. Sein Unmut ist verstehbar. In einem sozialen Netzwerk mit seinem unkontrollierbaren Massenbewegungen sich zu positionieren halte ich aber für falsch. Schließlich ist diese Bengalo-Aktion ja nur symbolische Handlung in einem viel größeren, grundsätzlichen Konflikt, den der offizielle Fußball mit einem Teil der Fanszene bestreitet. Von Anfang an hätte nur der MSV Duisburg sich positionieren dürfen.

Nun zum Vorwurf des Denunziations-Aufrufs: Indem der MSV Duisburg am Spielbetrieb der DFL teilnimmt, unterliegt er den Regularien der DFL. Der MSV stand nach dem Spiel gegen Kaiserslautern unter Druck beweisen zu müssen, dass er zur Aufklärung des Geschehens seinen Teil leistet, und das öffentlich. Nichts anderes ist geschehen. Der 1. FC Köln hat das in der letzten Saison nach dem Platzsturm seiner Fans in Mönchengladbach auf genau dieselbe Weise gemacht. Damals hat dem 1. FC Köln niemand etwas vorgeworfen. Sollte jemand meinen, es seien auch unterschiedlich schwere Vergehen, so sage ich, das eine ist so verboten wie das andere. Und wer sich etwa an die Pyro-Aktion im Bochumer Block erinnert, wird vielleicht die Leuchtspurmunition noch vor Augen haben, die unter das Tribünendach geschossen wurde und als Querschläger zurückkam. Der Ordner, neben dem diese Munition vielleicht um Schultersbreite niederschlug, wird sicher immer wieder gerne stimmungsvolle Pyro-Technik sehen wollen.

Es war also im Hinblick auf die DFL nicht möglich, in dieser Woche das Geschehen lautlos aufzuklären. Die DFL möchte Signalwirkung, und daran kann ein MSV Duisburg nichts ändern, und schon gar nicht ein Bernd Maas. Der MSV Duisburg hat bei der DFL nicht das Standing, um solche Dinge lautlos zu regeln. Das müssen wir in Duisburg leider festhalten. Es gibt andere Vereine mit anderen Fankulturen, da geht das vielleicht. Ich weiß das nicht. Ich weiß nur, in Duisburg geht es keinesfalls.

Der Gang in die Kurve: Es gab während des Spiels die Banner. Im Grunde gleicht die Kurve den sozialen Netzwerken in der realen Welt. Dort geht es nicht um konstruktiven Austausch, sondern darum Flagge zeigen. Es stellt sich also die Frage, ob der Zeitpunkt richtig war. Gäbe es nicht eine stets  latent vorhandene Konfliktstimmung in der Kurve, wäre es womöglich ein Versuch wert gewesen. Hätte Bernd Maas die zusätzliche Brisanz in dem Moment erkennen müssen?  Im Nachhinein war es ein Fehler in die Kurve zu gehen. Er hat die Situation unterschätzt. Er sah sich zudem wahrscheinlich nicht als Teil eines größeren Konflikts im Fußball. Er sah sich als Teil des MSV, der mit Leuten, die auch Teil des MSV sind, sprechen kann. Das ist nicht mehr immer der Fall. Der Zusammenhalt des Sommers 2013 hört an dieser Stelle auf. Da dürfen wir uns nichts vormachen.

Es nutzt aber auch nichts mit den Fingern auf die Kohorte zu zeigen oder meinetwegen auf die PGDU, um auf diese Weise Schuld auf die andere Seite zu verteilen. Die Ultrabewegung ist ein Teil der Jugendkultur, und in solchen Jugendkulturen geht es immer um absolute Wahrheiten, um Gruppenzugehörigkeit, um soziale Heimat. Repression alleine stärkt dann den Gruppenzusammenhalt.  Diesen Spagat muss der MSV Duisburg leisten: Der Verein muss der DFL genüge tun und durch intensive Fanarbeit den Kontakt zu den Fangruppen nicht verlieren. Diese Fanarbeit wird nicht jeden der Fansszene erreichen. Auch da dürfen wir uns nichts vormachen. Geleistet werden muss sie dennoch. Die Anforderungen der DFL sind erfüllt worden. Nun gilt es, lautloser weiter zu machen, die entstandenen Konflikte wieder zu beruhigen. Die Fansszene des MSV ist zu klein, als dass solche Konflikte unbefriedet bleiben können.

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