Archiv für Februar 2016

Akzente inoffiziell: Von deutsch-französischer Nachkriegsfreundschaft

Wenn etwas zum zweiten Mal im Zebrastreifenblog geschieht, beginnt der Kölner in mir schon von unserer schönen Tradition zu sprechen. Wie im letzten Jahr begleite ich die 37. Duisburger Akzente mit einem inoffiziellen Programm. Ob ich tatsächlich jeden Tag etwas bieten kann, werden wir sehen. In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“.

Die folgende kurze Erinnerung an die Anfänge des Basketballs in Duisburg ist dem Buch 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen entnommen. Im Ruhrorter Hafen arbeiteten kurz nach dem 2. Weltkrieg Männer aus Frankreich und Deutschland in derselben französischen Spedition. Aus Kollegen wurden Freunde. Die jahrzehntelange Feindschaft zwischen beiden Nationen wurde nicht mehr vererbt. Aus Ferne war Nähe geworden. Im Ruhrorter Hafen wurde etwas gelebt, was als Hoffnung für beide Nationen erst später auf politischer Ebene zum Ausdruck gebracht wurde.

Der Basketballfreiplatz am Ruhrdeich
Von deutsch-französischer Nachkriegsfreundschaft

Als 1950 der französische Außenminister Robert Schuman dem Misstrauen zwischen Frankreich und Deutschland mit der Vision eines gemeinsamen Wirtschaftens begegnet, dachte er noch nicht an Freundschaft. In Ruhrort ist das damals schon anders. Jene Freundschaft, die dann 13 Jahre später Konrad Adenauer und Charles De Gaulle mit dem Élysée-Vertrag endgültig vertiefen wollen, ist in dem Hafenstadtteil schon bald nach dem Krieg gelebter Alltag für junge Franzosen und Deutsche.

Der Basketball vereint diese Männer. Bei den Franzosen ist der Sport beliebt, und die jungen Ruhrorter finden das in Deutschland noch exotisch wirkende Mannschaftsspiel interessant. Eine Art Betriebssportgruppe entsteht. Denn alle diese jungen Basketballer arbeiten bei der französischen Staatsspedition Compagnie Générale Du Rhin. Allerdings fehlt ihnen ein richtiges Basketballfeld. An eine Sporthalle ist gar nicht erst zu denken.

Da trifft es sich gut, dass der Platzwart der Tennisanlagen des VfvB Ruhrort/Laar in dem Schifffahrtsunternehmen nach Arbeit fragt. Neben diesen Tennisanlagen am Ruhrdeich gibt es eine Brachfläche. Der Franzose Jean Amiot wird zur treibenden Kraft bei der Anlage des Basketballplatzes. Mit Spaten und anderem Gartenbaugerät wird eine plane Fläche hergerichtet, Sträucher werden gerodet, grobe Steine beiseite geräumt. Die Bretter für die Basketballkörbe werden im Schifffahrtsunternehmen gezimmert. Als zwei Jahre später die jungen Männer Meisterschaftsspiele bestreiten wollen, erhält der VfvB Ruhrort/Laar, vormals nur für Fußball und Tennis eine Adresse, offiziell eine Basketballabteilung.

 

 

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Spontanheilungen gibt es, wenn auch selten

Allmählich beginnt für mich die Zeit mit dem MSV Duisburg, in der mir die Worte zu den Spielen der Mannschaft ausgehen und nichts anderes mehr übrig bleibt als die Fakten des Zustands. Das ist wie im richtigen Leben. Immer will alles gedeutet werden. Immer will alles auf Sinn abgeklopft werden. Immer könnte im Geschehenen eine Einsicht stecken, die Veränderung mit sich bringt. Je aussichtsloser eine Situation aber scheint, desto weniger gibt es zu sagen. Es bleibt das schweigende Warten, nur unterbrochen vom Verkünden der Fakten. Es bleibt das Weitermachen bis zum sich abzeichnenden Ende. Es bleibt das Genügen an diesem Weitermachen und eine gewisse Pflicht.

Der MSV Duisburg hat gegen den FC St. Pauli gestern mit 0:2 verloren. Die Mannschaft hat gut gespielt. Alleine die Leistung von Zlatko Janjic fiel gegenüber der seiner Mitspieler ab. In der ersten Halbzeit kontrollierte der MSV das Spiel. Ruhig und diszipliniert wurde gegen einen abwartend spielenden FC St. Pauli der Spielaufbau versucht, und wahrscheinlich war meine durchgängige Nervosität dem Abstiegskampf geschuldet. Jeder Angriff St. Paulis, der nur in Strafraumnähe kam, sorgte mich mehr, als ein Angriff des MSV auf der anderen Seite in selber Position mir Hoffnung machte. Vielleicht entspricht diese Gemütslage auch der der Mannschaft in ihrem Abstiegskampf. Wir alle sind nicht frei im Kopf, obwohl die Fakten des Spiels bis zum Halbzeitpfiff dazu keinen Anlass boten. Torchancen gab es auf beiden Seiten nicht.

Nach dem Wiederanpfiff schien der FC St. Pauli zunächst druckvoller spielen zu wollen. Die Mannschaft griff früher an und versuchte, mehr Spielkontrolle zu erhalten. Doch der MSV hielt dagegen und erneut befand sich das Spiel wieder im Gleichgewicht. Im Unterschied zur ersten Halbzeit wirkte es nun dynamischer. Die Spieler des MSV suchten früher den Weg zum Tor. Für die Spieler des FC St. Pauli war dieser schnelle Zug zum Tor ohnehin taktischer Bestandteil des Spiels, weil sie auf Ballverluste des aufbauenden MSV hofften und sie erzwingen wollten.

Entsprechend gab es sogar eine Ahnung von Torchancen für den MSV. Die Mannschaft schaffte es einige Male, in den Strafraum zu dringen. Abwehrbeine verhinderten freie Schüsse, weil beim Kleinklein innerhalb des Strafraums die Spieler zu lange brauchten, Pässe zu verarbeiten oder freie Bälle unter Kontrolle zu bringen. Der FC St. Pauli war dagegen vor allem mit einem Distanzschuss einmal gefährlich. Es war klar, die Mannschaft, der  ein Tor gelingen würde, ginge wahrscheinlich als Sieger vom Platz.

Dieses Tor fiel für den FC St. Pauli in der 64. Minute. Ein Spielzug über den rechten Flügel, bei dem die Defensive des MSV den Gegner bis in den Strafraum spielen ließ und die jeweils Ball führenden Spieler nicht aggressiv genug attackiert wurden. Pass, Zug in den freien Raum, Pass, freier Schuss, Tor.

Drei Minuten zuvor war Kingsley Onuegbu  für Janjic eingewechselt worden. Gerade hatte ich zu hoffen begonnen, die Strafraumszenen könnten angesichts seiner Ballbehauptung auf engem Raum wirklich gefährlich werden. Nun war diese Hoffnung weggeweht. Auch das ist ja ein Zeichen für Stimmung rund um den MSV. Meine Hoffnung hätte ja lebendig bleiben können. Ein Gegentor war gefallen, mehr nicht. Dennoch lastete dieses Gegentor nun auf dem Spiel und machte es mir schwerer an einen Erfolg des MSV zu glauben. Ich vermute, die Spieler werden ähnlich eine zusätzlich Last zu tragen gehabt haben.

Der MSV mühte sich für den Rest des Spiels. Victor Obinna wurde nach seiner langen Verletzungspause erstmals wieder für 11 Minuten noch eingewechselt. Thomas Bröker kam kurz vor Schluss. Doch zwingende Chancen ergaben sich nicht mehr. In der letzten Spielaktion verlor Kevin Wolze in der eigenen Hälfte den Ball gegen einen Spieler St. Paulis, der anschließend alleine aufs Tor zumarschieren konnte und erfolgreich abschloss. Über dieses zweite Tor des Gegners ärgerte sich Kevin Wolze offensichtlich mehr als ich. Stoisch nahm ich es als Schicksal.

Dieses Erleben weckt keine schönen Bilder in mir. Ich fühle mich erinnert an Tage, die ich mit Schwerkranken verbracht habe. Ich sehe Behandlungen, von denen nicht klar war, ob sie heilend, lebensverlängernd oder einfach nur überflüssig waren. Ich sehe Ärzte von Wahrscheinlichkeiten sprechen. Ich sehe Ärzte, die traurige Wahrheiten mitfühlend, aber klar aussprachen, und ich sehe Ärzte, die dennoch Raum ließen für das Schicksal. Diese Welt ist trotz aller wissenschaftlichen Anstrengung noch voller unerklärbarer Begebenheiten. Spontanheilungen gehören dazu. Sie geschehen, ohne dass die Medizin erklären kann, wieso sie geschehen. Sie geschehen selten, so dass die statistischen Daten keine kausalen Schlüsse zulassen. Bislang habe ich immer, wenn ich Zeit mit einem schwerkranken Menschen verbracht habe, irgendwann an Spontanheilungen denken müssen.

Die schönsten Fußballtorten der Welt als Spieltagsvorbericht – XXVII – FC St. Pauli

Mit freundlicher Unterstützung von „111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss“ präsentiert der Zebrastreifenblog in loser Reihe die schönsten Fußballtorten der Welt.

Wenn wir uns an den unglamourösen Fußball der Präprivat-TV-Historie erinnern, ernährte sich auch der gemeine Profi-Fußballer von Bier und Zigaretten. Ewald Lienen hingegen bevorzugte schon zu Oberligazeiten des MSV Müsli, wie wir aus den Erzählungen seiner Mitspieler wissen. War er als Trainer dann einer der ersten, die sich auch um die Ernährung ihrer Spieler kümmerten? Ich meine mich zu erinnern, die staunenden Geschichten über „Zettel-Ewald“ aus den Anfangstagen seiner Trainerkarriere kamen nie ohne den Hinweis auf den all umfassenden pädagogischen Ansatz seiner Arbeit aus. Wenn es sportlich gut lief, war das eine amüsante Randnotiz. Wenn es schlecht lief, war das das Einfalltor für die grundsätzliche Frage nach der Trainerentlassung.

Ob sich Ewald Lienen bei den Profifußballern heute noch immer mit Ernährungsfragen beschäftigen muss? Wahrscheinlich ist er gelasssener geworden. Und wahrscheinlich gibt es den Ernährungsberater als Kostenstelle im Saison-Etat und die Fußballer selbst sollen ja auch alle so ungemein vernünftig sein.  Alle wollen schließlich immer auch der Mannschaft helfen. Aber so ein Stück Kuchen vor dem Spiel gegen den MSV? Wär das nicht was? Schön schwer im Magen liegend. Ich hätte nichts dagegen, wenn die Laufbereitschaft des Gegners heute etwas beeinträchtig wäre.

Den Gleichschritt der drei Tabellenletzten hat der TSV 1860 München ja gestern aufgekündigt. Oder war es der SC Paderborn am Freitag schon? Das käme mir besser zupass. Euch wahrscheinlich auch, wenn ihr nicht vornehmlich wegen der Pauli-Fußballtorten vorbeischaut. Der Sieg ist an diesem Spieltag der Gleichschritt. Lieber MSV, nehmt euch Hannover 96 zum Vorbild. Ich schicke vorsichtshalber dennoch auch Bilder von St.-Pauli-Fußballtorten in die Welt. Vielleicht wirken ein paar Stücke Kuchen  auf unerklärliche Weise auf die Leistungsbereitschaft dieses FC St. Pauli. Mit allen Mitteln für den Sieg.

Mrs und Mr Backorphine sind für folgendes Kuchenkunstwerk verantwortlich. Diese Torte ist nur eine von vielen Motivtorten, die das Paar auf ihrem Backorphine vorstellt.

St. Pauli Kuchen Backorphine

Love in all heißt der Blog von Susi Stengl, die diesen Kuchen gestaltet hat. Eines können nur sehr erfahrene Experten für Fußballkuchen der Unterart FC St. Pauli erkennen. Dieser Kuchen war nicht der Profimannschaft gewidmet, er wurde für eine Spielerin beim FC St. Pauli gebacken. Wie es gemacht wird, erzählt Susi Stengl bei Love in all.

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Als Profibetrieb gestaltete die Bäckerei Grimm eine Torte.

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Auf der Seite vom GAL-Politiker, Farid Müller. ist folgende Torte zu finden. Er war 2010 GAL-Abgordneter im Hamburger Senat, als der Verein anlässlich des 100. Vereinsjubiläums dort empfangen wurde und von der GAL-Fraktion diese Torte überreicht bekam.

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Akzente inoffiziell: Ruhrort 1988 – Lyrische Beobachtung zum Strukturwandel

Am Spieltag fehlt mir die Zeit für Neues. Deshalb gibt es im Programm heute eine Wiederaufführung aus dem letzten Jahr: Als ich das Gedicht in den 1980ern schrieb, konnte ich das nur als Ralf Koss machen. „Kees“, „Jara“  und „-tz“ kannte ich nur von den Namen der MSV-Spieler einer vergangenen erfolgreichen Zeit her. Gerade erst hatte das Ruhrgebiet begonnen, seine Industriearchitektur als Kulturgut zu entdecken. Der RVR, der Regionalverband Ruhr, hieß noch KVR, Kommunalverband Ruhrgebiet, und erste Reisegruppen waren in der Ruhrstadt unterwegs. Wahrscheinlich kamen sie meist auch aus der Ruhrstadt.

 

Zu neuen Ufern – Duisburg-Ruhrort 1988

Die Reisegruppe auf der Mühlenweide: 30 Minuten Zeit.
Man betrachtet Rhein, Hafenmund, die Homberger Brücke
Fotoapparate werden entladen.
„Der ist breiter als ich dachte“, ist zu hören.
Derweil fühlt sich ein Pärchen allein.

Und am gespundeten Ufer brechen sich die Wellen.
Wer hätte das gedacht?
Ursache: Wind und Schiffe auf dem Rhein.
Heute ist es eine offene Frage, wo passt das hinein?
Der Mensch macht Wirklichkeit und denkt.
Noch zehn Minuten Zeit.
Etwa das Pärchen: So was wie Strand,
dort Hand in Hand, der Rest: geschenkt.

Die Masse aber folgt der KVR-Information.
Denn Diesel stinkt in Andeutungen hier rum.
Wenn zudem noch hochglanzfarbene Kräne kreischten.
Fünf weitere Minuten Imagination.
Das Pärchen: Extrawurst.
Jemand murmelt: „Auf eine eigene Weise interessant.
Früher hat man das alles doch gar nicht gekannt.“
Deshalb gibt es Reiseleiter. Der beantwortet Fragen.

Nur Ignoranten werden hier vorübergehen.
Dann die Ermahnung: Weiter. Tross zum Bus.
Der Bergbau weiter östlich wartet.
Eine Stunde vorgesehen: Zeche Zollern.
Mühlenweide abgehakt.
Rentner jeden Alters wieder unter sich.
Einer hat eine Meinung: „Dat sind Zeiten.
Statt Aabeit hamma Seenswüadichkeiten.“
Allgemeines Nicken. Kurzes Schweigen.

 

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Akzente inoffiziell: Nordseestadt Ruhrort

Wenn etwas zum zweiten Mal im Zebrastreifenblog geschieht, beginnt der Kölner in mir schon von unserer schönen Tradition zu sprechen. Gestern Abend sind im Landschaftspark Nord die  37. Duisburger Akzente eröffnet worden. Wie im letzten Jahr werde ich versuchen, das Kulturfestival mit einem inoffiziellen Programm zu begleiten. Ob ich tatsächlich jeden Tag Programm bieten kann, werden wir sehen. Ich weiß es noch nicht.

In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“. Duisburg als den Hafen erweiternden Namenszusatz klingt fremd für mich, der ich in Ruhrort die ersten elf Jahre meines Lebens verbracht habe. Der Hafen war meine Welt, und die lag nun einmal in Ruhrort. Bühne frei für den Auftakt des inoffiziellen Akzente-Programms im Zebrastreifenblog.

Nordseestadt Ruhrort

Meine ersten Lebensjahre habe ich in Ruhrort verbracht. Dort bin ich in den Kindergarten gegangen, pumpte im Hafenmund, jedes Mal aufs Neue begeistert, Wasser aus den Handpumpen am Leinpfad und wartete im Hochsommer meist vergebens auf dem Hanielspielplatz, dass das Wasser aus den Spritzdüsen der Klettergerüste spritzte. Von der Geschichte Ruhrorts erfuhr ich in Heimatkunde auf der Grundschule Homberger Straße, und ich habe mir nicht vorstellen können, dass die Kinder anderer Stadtteile etwas wie “Heimatkunde” überhaupt brauchten. Was sollten die lernen, wenn der Stadtteil keinen Hafen hatte? Alles andere war doch uninteressant und ohne besondere Bedeutung. Der Hafen war meine Welt. Wenn ich etwas malte, waren das Schiffe. Immer wieder Schiffe.

Der Blick von der Mühlenweide den Rhein hinunter, das war mein Blick auf die Nordsee. Selbst die größten Dinge wurden rheinabwärts ganz klein. So etwas gab es in keinem anderen Teil von Duisburg, so dachte ich. In anderen Stadtteilen versperrten Häuser die Sicht und alles Große verschwand hinter der nächsten Ecke. Der Zutritt zu den großen Werksgeländen war sogar verboten. Im Ruhrorter Hafen lagen die Dinge offen. Schiffe waren beim An- und Ablegen zu beobachten. Abgedeckte Planken gestatteten Blicke in die Bäuche eines jeden Lastschiffs. Die Kräne als riesige Vögel mit großen gefährlichen Schnäbeln auf der anderen Seite des Hafenbeckens verlangten Respekt. Ich konnte mir selbst ein Bild von ihnen machen anders als von den Hochöfen, die auch gefährlich sein mussten. Der Vater meines Patenonkels war auf der „Hütte“ tödlich verunglückt.

Schon der Wohnort meiner Großeltern, Meiderich, war für mich im Gegensatz zur Nordseestadt Ruhrort ein staubiges Wüstendorf tief im Landesinneren, dessen Einwohner ich bedauerte. Ich fragte mich, wieso das vom Rhein noch entfernter gelegene Oberhausen im Rheinland liegen sollte. Immer wieder las ich dieses Wort rätselnd auf dem Bahnhofsschild im Oberhausener Hauptbahnhof. Als Kind aber nimmt man die verwunderlichsten Aussagen von Erwachsenen einfach hin. Nach dem Essen von Obst darf man nichts trinken etwa. Unzählige Male habe ich mich nicht an diese damalige Grundregel erwachsenen Lebens gehalten und nichts passierte. Da kam es auf eine Ungereimtheit mehr auch nicht an.

Ich selbst wusste es besser. Ruhrort, das war die einzige lichte Welt des Wassers in dieser Gegend.

 

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Weggelesen – Wintertransfer von Philip Kerr

Lese ich die Besprechungen zu „Wintertransfer“ von Philip Kerr beantrage ich schon mal vorsorglich Minderheitenschutz. Der Roman wird meist gelobt – für seine Spannung, für seinen Realismus und für seinen genauen Blick auf den Fußball. Verstehen kann ich das nicht.

Philip Kerr habe ich in den 1990ern mit seinen historischen Kriminalromanen um den Berliner Kommissar Bernie Gunter kennengelernt, der später den Dienst quitierte und Privatdetektiv wurde. Eine englischsprache Fan-Seite führt in diese Krimiwelt des Nationalsozialismus ein. Neben dieser sehr gelungenen Serie schrieb er immer wieder Genre-Einzelstücke mit unterschiedlichen Themen und unterschiedlicher Qualität. Nun also spielt „Wintertransfer“ im Fußballmilieu der Premier League.

Im fiktiven Premier-League-Klub London City arbeitet Scott Manson als Co-Trainer an der Seite von João Zarco, für den José Mourinho das Typen-Vorbild gegeben hat. Manson ist der Ich-Erzähler des Romans, der einiges zu tun bekommt, nachdem Zarco ermordet aufgefunden wird. Zum einen übernimmt er als Interims-Trainer die Mannschaft, zum anderen möchte der Clubbesitzer, ein ukrainischer Oligarch, dass er den Fall diskret löst, auch wenn die Polizei selbstverständlich ermittelt. Eine etwas ungewöhnliche Zusatzqualifikation, um Cheftrainer des Vereins zu bleiben.

Philip Kerr ist bei seiner Recherche sicher viel aus erster Hand erzählt worden. Er hat also die richtigen Leute getroffen, um die Wirklichkeit eines Vereins der Premier League kennenzulernen und sie entsprechend gestalten zu können. Detailreich und überspitzt gezeichnet entfaltet er zunächst die Welt des englischen Profi-Fußballs der Gegenwart. Allerdings bleibt es bei der anekdotenhaften Oberfläche dieser Welt mit einer Ausnahme, alleine mit dem Mordopfer gibt es eine Figur mit Potential, die zum Beispiel das Hinterfragen des Fußballs als Segment der Unterhaltungsindustrie hätte möglich gemacht. So lässt sich mit João Zarco erleben, wie sehr die Medieninszenierung des Fußballs neben den eigentlichen Sport getreten ist und wie das wiederum rückwirkt auf die Arbeit innerhalb des Sports. Leider ist der Mann recht bald schon tot.

Sicher hat Philip Kerr viel Mühe darauf verwendet, seine erhaltenen Informationen über die Premier League in den Roman einfließen zu lassen. Zu meinen Anspruch an einen ambitionierten Kriminalroman mit dem Thema Fußball gehört aber auch ein Plot, der die dem Fußball immanente Kriminalität erzählt. Den gibt es nicht, stattdessen baut Philipp Kerr die Kulisse Premier League mit der größt möglichen Zahl von Versatzstücken auf und lässt eine beliebige Handlung mit konventionellem Amateurdetektiv der Thrillerwelt darin stattfinden.

Manche dieser Versatzstücke wirken zudem klischiert, weil Philip Kerr an ihnen kein wirkliches erzählerisches Interesse hat. Die kurze Nebenhandlung Homosexualität etwa, sagt uns inhaltlich das, was wir ohnehin wissen. Als aktiver schwuler Fußballprofi outest du dich besser nicht. Philip Kerr macht für diese Botschaft den schwulen Fußballer zum Klischee-Homosexuellen und erzählt zu guter Letzt sogar einen Mythos der Homophobie als reales Geschehen. Dem ermittelnden Trainer wird erzählt, die Mannschaft wisse dennoch von der Homosexualität, weil der schwule Stürmer unter der Dusche seine Erregung nicht verhehlen kann. Dieses Aufgreifen von Mythen der Homophobie nenne ich Trivialliteratur, weil dieser Mythos nur Leserreflexe bedient. Die kleine Nebenlinie spielt für den Romanverlauf keinerlei Rolle. Nun lässt sich sagen, sie diene dazu die Welt des Fußballs umfassend darzustellen. Dann frage ich zurück, welchen literarischen Wert hat das, wenn dabei nicht mehr als ein Klischee und das Aufgreifen von Vorurteilen herumkommt?

Und wie es sich für einen Trivialroman gehört, bleibt die erzählte Kriminalität dem Milieu des Fußballs äußerlich. Geraunt wird immer von dem kriminellen Hintergrund des den Klub finanzierenden russischen Oligarchen. Genutzt wird dieser Hintergrund für die Handlung aber nicht. Philip Kerr nimmt einen einfachen Weg, um das Tat-Rätsel zu konstruieren. Außerdem bringt mich zu Beginn des Romans die Übersetzung ins Stolpern. Mit der Sprache des Fußballs fremdelt der Übersetzer  manchmal. Ein Stürmer, der einlocht. Ein Tor, heiß wie Frittenfett. Ein Knöchel, der zumacht. Das liegt jeweils knapp daneben und stört mich.

Ihr seht, ich bin unzufrieden mit dem Roman, aber lest selbst.

Aufgenommen in den Meidericher Kanon des literarischen Fußballs wird der Roman dennoch.

kerr_wintertransferPhilip Kerr: Wintertranfer
Aus dem Englischen von Axel Merz (Original: January Window)
Tropen Verlag, Berlin 2015. 3. Aufl. 2015, 425 Seiten, Klappenbroschur
€ 14,95
ISBN: 978-3-608-50138-4

Zehn Mann auf des toten Manns Kiste

Bei dieser Tabellenlage muss der MSV Duisburg Punkte nehmen, egal, wie er sie bekommt. Was interessieren noch Details. Mir geht das beim Schreiben momentan nicht anders. Recht bald nach dem 1:1-Unentschieden der Zebras bei der SpVgg Greuther Fürth ging mir ein Lied nicht mehr aus dem Kopf, das beim genauen Hinsehen als Leitmotiv weder für das Spiel noch für den Rest der Saison passt. Egal, wir stehen alle unter Druck.

„Zehn Mann auf des toten Manns Kiste“. Das sang ich leise vor mich hin, als ich vom „Ostende“ aus nach Hause fuhr. Ihr kennt das Lied? Vielleicht sogar  noch aus Robert Louis Stevensons Schatzinsel? Es sind ja eigentlich fünfzehn Mann, und die holt auch noch der Teufel, anstatt dass sie gerettet werden. Aber ich sagte es ja schon, was interessieren Details.

 

 

Erstmal waren also die zehn Mann meiner Version auf dem Sarg ans rettende Ufer gepaddelt. Ich war etwas erschöpft. Eine Halbzeit lang bangten wir um das torlose Unentschieden und überstanden dabei drei sehr große Fürther Chancen ohne weitere gesundheitliche Probleme. Michael Ratajczaks gute Reflexe hielten die Mannschaft im Spiel.

Gleichzeitig begann ich sogar schon in dieser ersten Halbzeit immer mächtiger zu hoffen, Punkte mitnehmen zu können. Den Fürthern gelang es nicht, ihre Überlegenheit vor dem Tor des MSV in dauerhaften Druck zu verwandeln. Immer wieder gelang es den Zebras, sich ein wenig zu befreien und den Ball für einige Zeit auch in den eigenen Reihen zu halten. Hin und wieder gelang sogar etwas, was als Offensivaktion ohne Torgefahr hat bezeichnet werden können. Nicht mal allzu viel Wohlwollen brauchte ich.

Ich gebe zu, meine Ansprüche an den MSV sind inzwischen nicht mehr sehr groß. Wie gesagt, der Verein und ich wir sind in einer Situation, in der wir ein halbgares Geschehen auch einmal in die uns genehme Wirklichkeit zwingen müssen, um überhaupt noch weiter zu machen. Wir nehmen etwas nahe Liegendes, schauen uns an, ob damit vielleicht was geht und den Rest muss bis auf Weiteres das  Glück erledigen.

Auf diese Weise fiel das 1:0 für den MSV Duisburg kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit. Von halbrechts flankte Zlatko Janjic einen Freistoß in den Strafraum. Der Ball fiel nach der Kopfballabwehr in den leeren Raum zentral vor dem Strafraum, wo Kevin Wolze lauerte. Sein harter Schuss passte perfekt, um vom Torwart aufgenommen zu werden. Doch ein Abwehrspieler lenkte den Ball ins Netz ab. Großer Jubel. Immer kleiner werdende Hoffnung für 20 Minuten.

Denn während dieser 20 Minuten war erkennbar, mit dem nun manchmal vorhandenen freien Raum in der Fürther Hälfte konnten die Spieler des MSV nicht allzu viel anfangen. Auf Konter brauchten wir nicht zu hoffen. Es ging nur ums Überstehen der Fürther Angriffsversuche. 20 torlose Minuten waren bei einer Restspielzeit von 43 Minuten aber eindeutig zu kurz, um das Spiel zu gewinnen. Ein Fürther Angriff nahm Fahrt auf mit einem Doppelpass in den Strafraum hinein. Im Ansatz wurde der Angriff von Branimir Bajic fast unterbunden. Doch aus dem Stören wurde eine Verlängerung der Doppelpasseinleitung. Ihm flipperte der Ball weg gegen das Bein von James Holland, der den Ball in den Lauf des Fürther Stürmers verlängerte. Holland ging hinterher, fingerte an der Schulter, der Fürther fiel. Elfmeter und rote Karte für Holland waren die Folgen.

23 Minuten plus Nachspielzeit waren nun zu überstehen. Das gelang in der Defensive gut. Weiterhin war der Raum in der Fürther Hälfte riesig. Zwei-, dreimal wurde sogar ein Ball in diesen freien Raum gepasst und von Tomané oder Thomas Bröker aufgenommen. Irgendeine nennenswerte Offensivaktion ergab sich daraus aber nicht. Trotz des Wissens um das Risiko, wenn Spieler der Zebras nachgerückt wären, kitzelte die Enttäuschung, die Konter nicht versucht zu haben. Den Fürthern gelang es allerdings auch nicht mehr, ihre Überlegenheit zur Torgefahr zu machen. Das Spiel plätscherte unter unserer Anspannung dem Ende entgegen. Die Nachspielzeit schien endlos. Es blieb bei einem Punkt für die Moral.

Anscheinend spielen der MSV, der SC Paderborn und der TSV 1860 München den Relegationsplatz in einer Art Mini-Turnier untereinander aus. Im Gleichschritt der Ergebniss sehen wir den Spieltagen mit den direkten Begegnungen entgegen. Es wäre schön, wenn sich die Erwartungen der Zuschauer des MSV bis dahin auch den Gegebenheiten anpassen könnten. Zu lesen ist vom Spieler-Dissen der mitgereisten Fans nach dem Spiel. Das kann ich nicht verstehen. Die Spieler haben sich angestrengt. Sie können es nicht besser, und nach dem völligen Tiefpunkt im Spiel gegen den KSC kann es nicht mehr schlechter werden. Wir müssen nehmen, was kommt und irgendetwas daraus machen. Wenn dann noch Glück hinzu kommt, sind wir im Relegationsplatz-Qualifikationsturnier trotz der schlechtesten Ausgangsposititon der drei Mannschaften wieder drin.

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Hermann Kurz – Ohne Titel

Im „Ostende“ habe ich das Spiel übrigens im Kreis des MSV-Hermann-Kurz-Gedächtnis-Fanclubs gesehen, der sich selbstverständlich am 19. 2. eines jeden Jahres trifft. Duisburger Künstler haben den Fanclub zum Gedenken an den 2006 verstorbenen Hermann Kurz gegründet, ein Künstler, der MSV-Fan gewesen ist und mehrere Bilder mit vom Fußball inspirierten Motiven gemalt hat. Mit einem Klick geht es zu einer Seite über Hermann Kurz mit kurzen biografischen Daten und einer kleine Galerie mit Werken von ihm.


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