Wenn Durchhalteparolen Tagesgeschäft sind

Ist das Wort „rechnerisch“ schon gefallen? Ich habe mir die O-Töne nach dem Spiel noch nicht angesehen. Auch für Durchhalteparolen werden Ivo Grlic und Ilia Gruev bezahlt. Das ist auch gut so im professionellen Fußball. Irgendwer muss doch die Hoffnung in der Welt halten, dass der MSV Duisburg die Klasse hält. Das Klagen gibt es in unserem Fall völlig umsonst. Wobei – wenn Katar zur Handball-WM unlängst für supportende Fans bezahlte, vielleicht ist der Klagefan auch ein Geschäftsmodell?

Vor dem Spiel schon war meine Resthoffnung auf den den Klassenerhalt abhängig von der Aussicht auf ein kleines Wunder. So ein klitzekleines Heilungswunder hatte ich mir vorgestellt – für die Abschlusschwäche in der Offensive und für Abspielfehler im Spielaufbau. Nach der 2:1-Niederlage gegen Arminia Bielefeld wird das nicht reichen. Da muss noch so was wie der Wandel von Wasser zu Wein fußballgerecht adaptiert werden. Dazu ein wenig über Wasser laufen und die volle Kraft der Rettungswunder. Wahrscheinlich können wir sogar auf die Totenerweckungen nicht verzichten.

Mir persönlich fehlt momentan der Glaube an diese Dinge, aber, wie gesagt, beim MSV Duisburg gibt es ja Menschen, die extra für solch einen Glauben bezahlt werden. Was das Spiel gestern angeht, will ich es kurz machen. Durch einen soliden, selbstbewussten Spielbeginn gelang dem MSV die 1:0-Führung. Das Tor war schön herausgespielt. Thomas Bröker erzielte es nach einer sanften Kopfballvorlage von Zlatko Janjic. Endlich einmal wieder passten Janjics Kopfball-Möglichkeiten zur Spielsituation.

Bezeichnenderweise fiel der Ausgleich nach einem Konterversuch des MSV. Bezeichnenderweise leitete Dennis Grote mit einem Ballverlust nach halbherzig wirkenden Einsatz den Bielefelder Gegenangriff ein. Es blieb nicht sein letzter haarsträubender Fehler. Bezeichnenderweise wirkte es auf mich erst so, als bekomme die Defensive gerade noch einmal den Bielefelder Angriff in den Griff. Doch Fabian Klos blieb zentral vor dem Tor am Ball gegen aufgeregte Defensivspieler, die sich vor ihm zusammenfanden und ihn weder vom Ball trennen konnten, noch den Schuss verhindern. Der Ausgleich war nicht zwingend.

Die Bielefelder legten sofort nach und bauten Druck auf. Fehlpässe des MSV, die versprungenen Ballannahmen, die zuvor ohne Folgen geblieben waren, nahm die Arminia nun dankbar, um selbst gefährlich zu werden. Die 2:1-Führung folgte schnell, und wieder einmal in dieser Saison konnte ich mir nicht vorstellen, wie dieser Mannschaft des MSV ein Ausgleich ohne zusätzliches Glück gelingen könnte.

Einmal mehr bemühten sich die Spieler und kämpften. Durch die Passungenauigkeit machten sie sich ihr Leben schwer. Auch wenn sich die Zebras im Verlauf der zweiten Halbzeit eine optische Überlegenheit erspielten, es fehlte der Zug zum Tor. Es fehlte die Präzision schon bei unbedrängten Pässen, geschweige denn bei solchen unter Druck. Je näher die Mannschaft dem Bielefelder Tor kam, desto zufälliger wirkte das Mannschaftsspiel. Ein Freistoß an der Strafraumgrenze wurde zur größten Ausgleichschance. Zlatko Janjic schoss knapp über das Tor.

Interessant wäre es zu wissen, warum Ilia Gruev erst sehr spät wechselte. Sicher, der Druck des MSV nahm kontinuierlich zu, aber hätte dieser Druck nicht noch größer werden können, wenn etwa Abspielfehler von Dennis Grote durch seine Auswechslung vermieden worden wären? Die Frage stelle ich wertfrei in den Raum, einfach aus Interesse.

Schlusspfiff. Niederlage. Jeder kann jeden schlagen in der 2. Liga, so sagen die Trainer gerne alle. Dieses Trainer-„Kann“ ist im Duisburger Sprachraum ein Spezialmodus des Verbs geworden. Wir Linguisten erkennen hier den sogenannten Duisburger Irrealis, eine Verbform, die das Unmögliche als Gegenwart des Möglichen formuliert.

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