Der Zebra-Lottoschein war nicht mal ausgefüllt

Meine winzige Resthoffnung auf den Klassenerhalt des MSV hatte ich vor dem Spiel gegen den Karlsruher SC mit einer okkulten Beschwörung zu stärken versucht. Irgendwie sollte mein ganz persönliches Glück bei diesem Spiel als Vorbild für das Glück der Mannschaft wirken. Inzwischen erinnert mich das an einen alten Witz.

Ein sehr gläubiger Mann hatte große finanzielle Probleme und betete zu Gott: „Lieber Gott, bitte, lass mich im Lotto gewinnen.“
Die nächste Ziehung folgte, kein Gewinn. Das Auto wurde gepfändet.
Vor dem Wochenende betete er wieder: „Herr, bitte, lass mich im Lotto gewinnen.“
Ziehung, kein Gewinn. Die nächste Pfändung stand an. Eine Räumungsklage für die Wohnung flatterte ins Haus.
Verzweifelt betete der Mann wieder: „Lieber Gott, warum hast Du mich verlassen? Ich habe fast alles verloren. Für meine Familie kann ich nichts mehr zu essen kaufen. Ich war immer ein guter Christ. Habe ich schon ein einziges Mal um Hilfe gebetet? Bitte, lass mich nur dieses eine Mal im Lotto gewinnen. Dann sind wir gerettet.“
Plötzlich erfüllte eine donnernde Stimme den Raum: „Mein Sohn, verschaffe mir Gelegenheit. Gib endlich einen dieser Lottoscheine auch mal ab.“

Der Lottoschein des MSV Duisburg war die Leistung der Mannschaft. Mein persönliches Glück hatte gar keine Chance als Vorbild zu wirken. So ein Glück muss eine Mannschaft auch wahrscheinlich machen. Davon war sie weit entfernt. Die Mannschaft hat 1:0 verloren. Dieses eine Tor des KSC fiel in der ersten Minute beim ersten gegnerischen Angriff. Danach waren die Zebras am Boden. Wer ganz feine Offensivkraft-Wahrnehmungssensoren besitzt, konnte Mitte der zweiten Halbzeit einzelne Milli-µ Druck verzeichnen. Wir anderen resignierten. Ich dachte irgendwann, hoffentlich ist das bald hier zu Ende – nicht ohne jeden hohen Ball in den Strafraum zum Mittel gegen die eigene Resignation zu nehmen; nicht ohne jedem hohen Ball in den Strafraum mein Glück hinterher zu schicken. Genutzt hat es nichts.

Es ist müßig, über einzelne Spieler zu sprechen. Die Mannschaft hat in der ersten Halbzeit keinen Zugriff auf das Spiel gefunden und brauchte auch in der zweiten Halbzeit noch etwas Anlauf für die Milli-µ Druck. Die Spieler versuchten sich anzustrengen. Doch zu oft lief sowohl in der Defensive als auch in der Offensive diese Anstrengung ins Leere. Je nach Persönlichkeit entwickelten die Spieler dann ihr weiteres Spiel. Der eine wird wütend, der andere lethargisch und noch ein anderer zögerlich.

Aber halt, Kevin Scheidhauer muss ich noch erwähnen. Er stand in der Startelf, und seine Verunsicherung war bis auf die letzte Tribünenreihe zu erkennen. Ein Teil des Publikums hatte dazu beim Verlesen der Mannschaftsaufstellung beigetragen und damit ebenfalls früh in der Saison Drittliga-Reife bewiesen. Wie kann man einen Spieler vor dem Spiel auspfeifen? Selbst wenn dieses Pfeifen als Zeichen gegen die Trainerentscheidung hatte gemeint sein sollen. Kevin Scheidhauer kann das leider gar nicht unterscheiden. Der konnte solche Pfiffe nur auf sich beziehen. Die Last auf seinen Schultern war entsprechend größer als bei seinen Mitspielern. Wer das nicht gesehen hat, war blind. Kopf hoch, Kevin Scheidhauer, muss es nun heißen.

So stehen wir also im Abstiegskampf zusammen in Duisburg und können uns selbstgerecht das Spiel ansehen, weil wir das Versagen all dieser Spieler schon vorher gewusst haben. Dann wechselte Ilia Gruev Kevin Scheidhauer auch noch vier Minuten vor der Halbzeitpause aus. Um welches Zeichen zu setzen? Hätte das nicht noch bis zu Beginn der zweiten Halbzeit Zeit gehabt? Kevin Scheidhauer wurde also noch ein paar Extrapfiffen ausgesetzt. Ein Teil des Publikums hatte ein Ventil für seinen Zorn. An eine pädagogische Maßnahme möchte ich darüber hinaus nun gar nicht denken. Zu dem Zeitpunkt die Auswechlsung hat mir also ebenso wenig gefallen. Aber was weiß ich von Abstiegskampf? Ich hatte ja mit dem Gewinn meiner VIP-Karte nur Glück vor dem Spiel des MSV gegen den Karlsruher SC.

Gestern konnte ich mir nach dem Schlusspfiff nicht vorstellen, irgendein Wort über dieses Spiel schreiben zu können. Über meine Enttäuschung bei Nicht-Erreichen der gesteckten Ziele hatte ich in den zurückliegenden Jahren schon oft genug geschrieben. Nichts neues Unterhaltsames konnte ich meiner Enttäuschung abgewinnen, und reine Spielberichterstattung finde ich langweilig. Nun sind doch noch ein paar Worte zusammen gekommen. Zum Schluss nun fällt mir auch noch Würde ein. Wir alle, ob Spieler oder Zuschauer, sollten mit Würde die Saison zu Ende bringen. Ein frommer Wunsch, ich weiß.

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2 Responses to “Der Zebra-Lottoschein war nicht mal ausgefüllt”


  1. 1 jovan 19. Februar 2016 um 15:08

    der genauigkeit halber: es handelt sich um einen dezidiert jüdischen witz. und der wohl baldige lotto-gewinner ist jude und nicht irgendein „sehr frommer mann“. große frömmigkeit ist nicht mal anzunehmen; aber das klischeesierte verhältnis der juden zu ihrem gott will ich hier nicht zu sehr vertiefen.
    für den rest des (fußball-)jahres brauchen wir jedenfalls mindestens das glück, das auch ein immenser lotto-gewinn voraussetzt, allein…
    dass das kurze glück des wiederaufstiegs uns mit dieser saison so um die ohren gehauen wird, spricht übrigens gegen die existenz eines gütigen gottes, lässt die eines bösartig-schadenfrohen aber in betracht ziehen. ob sich das alles auf unsere aussichten im glücksspiel auswirkt, wage ich nicht zu beurteilen.

    • 2 Kees Jaratz 21. Februar 2016 um 07:28

      Danke für den Hinweis. Ist mir sofort einsichtig. Diese Wurzel ist bei der Aufnahme in die Witzesammlungen gekappt. Ebenfalls klar warum.

      Und am Freitag hat es ein kleines bisschen Glück ja dann doch gegeben. Vielleicht kommt ja noch was hinzu.


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