Weggelesen – Wintertransfer von Philip Kerr

Lese ich die Besprechungen zu „Wintertransfer“ von Philip Kerr beantrage ich schon mal vorsorglich Minderheitenschutz. Der Roman wird meist gelobt – für seine Spannung, für seinen Realismus und für seinen genauen Blick auf den Fußball. Verstehen kann ich das nicht.

Philip Kerr habe ich in den 1990ern mit seinen historischen Kriminalromanen um den Berliner Kommissar Bernie Gunter kennengelernt, der später den Dienst quitierte und Privatdetektiv wurde. Eine englischsprache Fan-Seite führt in diese Krimiwelt des Nationalsozialismus ein. Neben dieser sehr gelungenen Serie schrieb er immer wieder Genre-Einzelstücke mit unterschiedlichen Themen und unterschiedlicher Qualität. Nun also spielt „Wintertransfer“ im Fußballmilieu der Premier League.

Im fiktiven Premier-League-Klub London City arbeitet Scott Manson als Co-Trainer an der Seite von João Zarco, für den José Mourinho das Typen-Vorbild gegeben hat. Manson ist der Ich-Erzähler des Romans, der einiges zu tun bekommt, nachdem Zarco ermordet aufgefunden wird. Zum einen übernimmt er als Interims-Trainer die Mannschaft, zum anderen möchte der Clubbesitzer, ein ukrainischer Oligarch, dass er den Fall diskret löst, auch wenn die Polizei selbstverständlich ermittelt. Eine etwas ungewöhnliche Zusatzqualifikation, um Cheftrainer des Vereins zu bleiben.

Philip Kerr ist bei seiner Recherche sicher viel aus erster Hand erzählt worden. Er hat also die richtigen Leute getroffen, um die Wirklichkeit eines Vereins der Premier League kennenzulernen und sie entsprechend gestalten zu können. Detailreich und überspitzt gezeichnet entfaltet er zunächst die Welt des englischen Profi-Fußballs der Gegenwart. Allerdings bleibt es bei der anekdotenhaften Oberfläche dieser Welt mit einer Ausnahme, alleine mit dem Mordopfer gibt es eine Figur mit Potential, die zum Beispiel das Hinterfragen des Fußballs als Segment der Unterhaltungsindustrie hätte möglich gemacht. So lässt sich mit João Zarco erleben, wie sehr die Medieninszenierung des Fußballs neben den eigentlichen Sport getreten ist und wie das wiederum rückwirkt auf die Arbeit innerhalb des Sports. Leider ist der Mann recht bald schon tot.

Sicher hat Philip Kerr viel Mühe darauf verwendet, seine erhaltenen Informationen über die Premier League in den Roman einfließen zu lassen. Zu meinen Anspruch an einen ambitionierten Kriminalroman mit dem Thema Fußball gehört aber auch ein Plot, der die dem Fußball immanente Kriminalität erzählt. Den gibt es nicht, stattdessen baut Philipp Kerr die Kulisse Premier League mit der größt möglichen Zahl von Versatzstücken auf und lässt eine beliebige Handlung mit konventionellem Amateurdetektiv der Thrillerwelt darin stattfinden.

Manche dieser Versatzstücke wirken zudem klischiert, weil Philip Kerr an ihnen kein wirkliches erzählerisches Interesse hat. Die kurze Nebenhandlung Homosexualität etwa, sagt uns inhaltlich das, was wir ohnehin wissen. Als aktiver schwuler Fußballprofi outest du dich besser nicht. Philip Kerr macht für diese Botschaft den schwulen Fußballer zum Klischee-Homosexuellen und erzählt zu guter Letzt sogar einen Mythos der Homophobie als reales Geschehen. Dem ermittelnden Trainer wird erzählt, die Mannschaft wisse dennoch von der Homosexualität, weil der schwule Stürmer unter der Dusche seine Erregung nicht verhehlen kann. Dieses Aufgreifen von Mythen der Homophobie nenne ich Trivialliteratur, weil dieser Mythos nur Leserreflexe bedient. Die kleine Nebenlinie spielt für den Romanverlauf keinerlei Rolle. Nun lässt sich sagen, sie diene dazu die Welt des Fußballs umfassend darzustellen. Dann frage ich zurück, welchen literarischen Wert hat das, wenn dabei nicht mehr als ein Klischee und das Aufgreifen von Vorurteilen herumkommt?

Und wie es sich für einen Trivialroman gehört, bleibt die erzählte Kriminalität dem Milieu des Fußballs äußerlich. Geraunt wird immer von dem kriminellen Hintergrund des den Klub finanzierenden russischen Oligarchen. Genutzt wird dieser Hintergrund für die Handlung aber nicht. Philip Kerr nimmt einen einfachen Weg, um das Tat-Rätsel zu konstruieren. Außerdem bringt mich zu Beginn des Romans die Übersetzung ins Stolpern. Mit der Sprache des Fußballs fremdelt der Übersetzer  manchmal. Ein Stürmer, der einlocht. Ein Tor, heiß wie Frittenfett. Ein Knöchel, der zumacht. Das liegt jeweils knapp daneben und stört mich.

Ihr seht, ich bin unzufrieden mit dem Roman, aber lest selbst.

Aufgenommen in den Meidericher Kanon des literarischen Fußballs wird der Roman dennoch.

kerr_wintertransferPhilip Kerr: Wintertranfer
Aus dem Englischen von Axel Merz (Original: January Window)
Tropen Verlag, Berlin 2015. 3. Aufl. 2015, 425 Seiten, Klappenbroschur
€ 14,95
ISBN: 978-3-608-50138-4

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