Spontanheilungen gibt es, wenn auch selten

Allmählich beginnt für mich die Zeit mit dem MSV Duisburg, in der mir die Worte zu den Spielen der Mannschaft ausgehen und nichts anderes mehr übrig bleibt als die Fakten des Zustands. Das ist wie im richtigen Leben. Immer will alles gedeutet werden. Immer will alles auf Sinn abgeklopft werden. Immer könnte im Geschehenen eine Einsicht stecken, die Veränderung mit sich bringt. Je aussichtsloser eine Situation aber scheint, desto weniger gibt es zu sagen. Es bleibt das schweigende Warten, nur unterbrochen vom Verkünden der Fakten. Es bleibt das Weitermachen bis zum sich abzeichnenden Ende. Es bleibt das Genügen an diesem Weitermachen und eine gewisse Pflicht.

Der MSV Duisburg hat gegen den FC St. Pauli gestern mit 0:2 verloren. Die Mannschaft hat gut gespielt. Alleine die Leistung von Zlatko Janjic fiel gegenüber der seiner Mitspieler ab. In der ersten Halbzeit kontrollierte der MSV das Spiel. Ruhig und diszipliniert wurde gegen einen abwartend spielenden FC St. Pauli der Spielaufbau versucht, und wahrscheinlich war meine durchgängige Nervosität dem Abstiegskampf geschuldet. Jeder Angriff St. Paulis, der nur in Strafraumnähe kam, sorgte mich mehr, als ein Angriff des MSV auf der anderen Seite in selber Position mir Hoffnung machte. Vielleicht entspricht diese Gemütslage auch der der Mannschaft in ihrem Abstiegskampf. Wir alle sind nicht frei im Kopf, obwohl die Fakten des Spiels bis zum Halbzeitpfiff dazu keinen Anlass boten. Torchancen gab es auf beiden Seiten nicht.

Nach dem Wiederanpfiff schien der FC St. Pauli zunächst druckvoller spielen zu wollen. Die Mannschaft griff früher an und versuchte, mehr Spielkontrolle zu erhalten. Doch der MSV hielt dagegen und erneut befand sich das Spiel wieder im Gleichgewicht. Im Unterschied zur ersten Halbzeit wirkte es nun dynamischer. Die Spieler des MSV suchten früher den Weg zum Tor. Für die Spieler des FC St. Pauli war dieser schnelle Zug zum Tor ohnehin taktischer Bestandteil des Spiels, weil sie auf Ballverluste des aufbauenden MSV hofften und sie erzwingen wollten.

Entsprechend gab es sogar eine Ahnung von Torchancen für den MSV. Die Mannschaft schaffte es einige Male, in den Strafraum zu dringen. Abwehrbeine verhinderten freie Schüsse, weil beim Kleinklein innerhalb des Strafraums die Spieler zu lange brauchten, Pässe zu verarbeiten oder freie Bälle unter Kontrolle zu bringen. Der FC St. Pauli war dagegen vor allem mit einem Distanzschuss einmal gefährlich. Es war klar, die Mannschaft, der  ein Tor gelingen würde, ginge wahrscheinlich als Sieger vom Platz.

Dieses Tor fiel für den FC St. Pauli in der 64. Minute. Ein Spielzug über den rechten Flügel, bei dem die Defensive des MSV den Gegner bis in den Strafraum spielen ließ und die jeweils Ball führenden Spieler nicht aggressiv genug attackiert wurden. Pass, Zug in den freien Raum, Pass, freier Schuss, Tor.

Drei Minuten zuvor war Kingsley Onuegbu  für Janjic eingewechselt worden. Gerade hatte ich zu hoffen begonnen, die Strafraumszenen könnten angesichts seiner Ballbehauptung auf engem Raum wirklich gefährlich werden. Nun war diese Hoffnung weggeweht. Auch das ist ja ein Zeichen für Stimmung rund um den MSV. Meine Hoffnung hätte ja lebendig bleiben können. Ein Gegentor war gefallen, mehr nicht. Dennoch lastete dieses Gegentor nun auf dem Spiel und machte es mir schwerer an einen Erfolg des MSV zu glauben. Ich vermute, die Spieler werden ähnlich eine zusätzlich Last zu tragen gehabt haben.

Der MSV mühte sich für den Rest des Spiels. Victor Obinna wurde nach seiner langen Verletzungspause erstmals wieder für 11 Minuten noch eingewechselt. Thomas Bröker kam kurz vor Schluss. Doch zwingende Chancen ergaben sich nicht mehr. In der letzten Spielaktion verlor Kevin Wolze in der eigenen Hälfte den Ball gegen einen Spieler St. Paulis, der anschließend alleine aufs Tor zumarschieren konnte und erfolgreich abschloss. Über dieses zweite Tor des Gegners ärgerte sich Kevin Wolze offensichtlich mehr als ich. Stoisch nahm ich es als Schicksal.

Dieses Erleben weckt keine schönen Bilder in mir. Ich fühle mich erinnert an Tage, die ich mit Schwerkranken verbracht habe. Ich sehe Behandlungen, von denen nicht klar war, ob sie heilend, lebensverlängernd oder einfach nur überflüssig waren. Ich sehe Ärzte von Wahrscheinlichkeiten sprechen. Ich sehe Ärzte, die traurige Wahrheiten mitfühlend, aber klar aussprachen, und ich sehe Ärzte, die dennoch Raum ließen für das Schicksal. Diese Welt ist trotz aller wissenschaftlichen Anstrengung noch voller unerklärbarer Begebenheiten. Spontanheilungen gehören dazu. Sie geschehen, ohne dass die Medizin erklären kann, wieso sie geschehen. Sie geschehen selten, so dass die statistischen Daten keine kausalen Schlüsse zulassen. Bislang habe ich immer, wenn ich Zeit mit einem schwerkranken Menschen verbracht habe, irgendwann an Spontanheilungen denken müssen.

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