Archiv für März 2016

Fokussiert sein

Je beschwerlicher das Leben, desto klarer gilt die Konzentration den wesentlichen Dingen. Fußballländerspiel gegen England: Weg damit. Ich habe geschlafen. Nachträglich auch noch über die Stimmung im Olympiastadion reden: Du meine Güte, dafür keine Energie. Länderspiel gegen Italien? Egal. Max Kruse und DFB-Doppelmoral, nächste Woche kommt die neue Sau für die Ethik-Diskussion. Viktoria Köln besiegt RWE, Fußballberichterstattung überhaupt. Null Aufmerksamkeit.

An den Freitag denke ich. Das ist das einzige, was zählt. Ich denke an eine Mannschaft mit gestreiften Trikots. Ich denke an den MSV, sehe all die Spielergesichter, ohne dass ich an Namen denke. Ich sehe nur diese Mannschaft in den Zebratrikots auf dem Rasen. Nach und nach gesellen sich Spieler vom FC Heidenheim dazu. Die sehen alle gleich aus und versuchen offensiv zu spielen. Ihr seht, mein erstes Bild vom Freitag ist eines der Bedrohung. Doch dieser Angriff trifft auf eine konzentrierte Defensive. Ich sehe Licht. Ich sehe die Gegenbewegung. Ich sehe einen Torwart, der wie der Spieler aussieht, der gerade so kläglich beim Dribbling am linken Flügel scheiterte. Ich sehe einen Torwart, der mit derselben enttäuschten Miene den Ball aus dem Netz holt. Einmal, zum zweiten Mal. Zum dritten Mal. Freitag, so heißt der Tag, der wichtig ist in dieser Woche. Der einzig wichtige Tag ist der Freitag.

Schrieb ich schon, dass ich noch immer wieder Fieber habe? Ich meine ja nur, einfach zur Einordung zu all dem, was mir durch den Kopf geht zurzeit. Meine kleinen Freunde des Immunsystems, diese klitzekleinen Virenfresszellen, die scheinen sich in Paderborn den MSV zum Vorbild genommen zu haben. Bislang meinen die tatsächlich, so ein Unentschieden gegen die Viren könne reichen. Das reicht Freitag nicht, damit ich dabei sein kann. Ich hoffe, die wissen das genauso gut wie die Mannschaft vom MSV. Denn die Spieler wissen das sicher, dass so ein Unentschieden nicht reicht.

Fieberfantasien mit Tabellenrechner

Am Montag begann meine Erkältung mit starkem Husten und heftigem Krankheitsgefühl. Sie nahm einen für mich klassischen Verlauf. Der leichten Besserung am zweiten Tag folgte Fieber am dritten. Da lag ich also im Bett, war genervt, las zuweilen etwas ohne Konzentration, döste ein, guckte wach werdend, was Facebook und Twitter mir ins kranke Leben reinschickten und langweilte mich immer mal wieder. Mir war heiß – trockene Hitze auf der Haut in müder Unruhe.

Plötzlich hörte ich ein Flüstern: „Weißt du noch, wie es schon zweimal war? Du warst Gott der Zweiten Liga.“

Oh, nein, dachte ich, das glaube ich jetzt nicht.

Das Flüstern wurde lauter. „Der Tabellenrechner“, raunte es, „Du hast es in der Hand. Die Mannschaft braucht dich. Jetzt, in diesem Moment. Mach es!“

„Das hilft doch nichts“, warf ich ein, „jetzt doch nicht mehr. Die Ausgangslage war damals beide Male sehr viel besser“.

„Unsinn“, hörte ich, „das denkst du nur. Hast du nicht gerade noch geschrieben, die Mannschaft spielt inzwischen so, dass ein Platz im unteren Mittelfeld kein Problem gewesen wäre, wenn sie von Anfang an  so aufgetreten wäre?“

Jetzt diskutierte ich mit der Wand über den MSV. Ich fasste es  nicht und rief: „Ich habe aber auch geschrieben, diese Mannschaft kann ein Spiel nicht unbedingt gewinnen. Sie braucht Glück. Glück! Manchmal klappt’s auch, wenn sie gar nichts mehr zu verlieren hat.“

„Und? Ist es etwa gerade anders?“, raunte es beruhigend.

Die Seite vom Kicker war bereits geöffnet. Wer machte so etwas? Ich starrte über den Laptopbildschirm hinweg ins Leere und hörte immer weiter diese Stimme. „Ein Sieg gegen Heidenheim. Fang klein an.“

Ich traute meinen Ohren nicht. Der letzte Rest gesunder Verstand meldete sich zaghaft, während die Stimme immer hoffnungsfroher klang: „Sechs Punkte. Du packst das. Acht Punkte! Quatsch Relegation. Klassenerhalt. Streng dich an.“

„Aber…“, begann ich und hatte schon das 1:0 gegen Heidenheim eingetippt. Weiter ging es, und wenn ich mir das heute morgen alles ansehe, habe ich in meinem Fieberwahn nur ein einziges ganz unwahrscheinliches Ergebnis vorgegeben, sieht man mal davon ab, dass Siege vom MSV in gewisser Weise grundsätzlich wenig wahrscheinlich sind in dieser Saison. Dieses sehr unwahrscheinliche Ergebnis ist ein Sieg des MSV gegen RB Leipzig, denen ich am letzten Spieltag eine mächtige Aufstiegsfeierlaune verordnet habe. Dafür gab es in Sandhausen ein Unentschieden. Notfalls lässt sich das noch tauschen. Relegationsrang habe ich geschaffft als Zweitliga-Gott im Fieberwahn per Tabellenrechner.

Seht selbst. Und wenn ich dann bei diesem dritten Male meines göttlichen Tabellenrechner-Daseins mit der Saisonziel-Gelingensprognose zum ersten Mal scheitern sollte, hat´s mir zumindest dabei geholfen, wieder gesund zu werden.

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Heimatlied – Sektion Duisburg – Folge 27: Tobz mit Duisburg und mehrmals MSV

Bevor heute das eigentliche Heimatlied Duisburg vorgestellt wird, kommt es zu einem MSV-Spezial. Denn den Rapper Tobz habe ich mit „Ein Leben für den MSV“ kennengelernt. Bei Facebook findet ihr eine Seite von ihm. In „Ein Leben für den MSV“ rappt er zusammen mit Lone über die jüngste Geschichte des Vereins und den Stolz, Anhänger der Zebras zu sein. Letzeres sind bekannte Versatzstücke in Vereinssongs deutschlandweit. Mit Wohlwollen sehe ich auf solches Engagement, muss aber auch zugeben, dass ich nicht nur über die betonte Endsilbe von „Meiderich“ im Refrain gestolpert bin. Der Rhythmus zwingt den Text zuweilen doch etwas gewaltvoll, damit alles im Flow bleibt. So sagt man wohl unter Hiphoppern. Da war noch Luft nach oben.

In dem danach entstandenen „Spielverein“ passen Text und Beats schon sehr viel besser zusammen.

Als Kommentar zur zweiten Saisonhälfte ist „Klassenerhalt“ entstanden. Mein 3-Watt-Hoffnungsglimmen in Gottes Augen mal daneben gestellt.

Einen Song über Duisburg gibt es von Tobz ebenfalls. Er ruft bekannte Bilder vom harten Straßenleben hervor, von Kriminalität und Polizeirepression, nennt die Stadt verdreckt und weiß dennoch, er bleibt, auch wenn der Rest gehen sollte.

Hinweise auf weitere online zu findende Duisburg-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Duisburg – Alle Folgen

Fundstück: David Beckhams Frisuren in der Graham Norton Show

Ohne viele Worte: Ein kurzer Ausschnitt aus der britischen Graham Norton Show, bei der David Beckham vor etwa einem Jahr zu Gast war. Spaßig.

 

Ein Unentschieden ist immer noch kein Sieg

Nun hat Fortuna Düsseldorf gestern gewonnen. Acht Punkte Abstand. Anscheinend will nun auch die Fortuna wie zuvor schon 1860 München nicht mehr richtig mitspielen dort unten. Schon Freitagabend fragte ich mich, ist es tatsächlich erst vorbei, wenn es vorbei ist? Der MSV Duisburg spielt zu spät in der Saison so, wie es für einen Platz im unteren Mittelfeld hätte reichen können. Einmal mehr ließe sich bei einem anderen Tabellenstand zwar von einem verpassten Sieg sprechen, doch die Enttäuschung über das torlose Unentschieden im Auswärtsspiel gegen den SC Paderborn ginge nicht zu tief. Bei einer Mannschaft auf Tabellenplatz 18 reicht das nicht. Dann wird diese sieglos gebliebene Mannschaft nach dem Schlusspfiff von vielen als Absteiger beschimpft. Erst nach und nach war keinesfalls unverdienter Beifall zu hören.

Die letzten drei Minuten des Spiels waren symptomatisch für die zweite Halbzeit. Die Mannschaft versuchte auf spielerische Weise eine Lücke in der Paderborner Defensive zu finden. Das gelang der Mannschaft nicht. Sie spielte vom linken Flügel nach Rechtsaußen um den Strafraum herum, dann noch einmal kurz hinten herum, und zurück ging es auf die andere Seite. Die Sekunden verrannen. Bei jeder Bewegung Richtung Torauslinie ersehnten wir die Flanke. Sie kam nicht. Was normalerweise auch richtig ist, weil so wenige Tore nach Flanken entstehen. Aber besser eine Minimalchance per Kopfball als gar keine Chance.

Wenn eine Mannschaft das Tor auf spielerische Weise zu erzielen versucht und der Gegner sehr tief steht, muss sie in der Offensive kreativer sein. Kreativ sind im Übrigen die wenigsten Mannschaften in der 2. Liga. Was dem MSV Duisburg aber nicht weiterhilft. Dem MSV hätte nur eine wilde, unkontrollierte Schlussphase zu einem Tor verholfen. Diesen Weg wollte oder konnte der MSV nicht gehen. Die Mannschaft fand nicht zu dem unbedingten Siegeswillen aus dem Spiel gegen Union Berlin. Ohne diesen Biss des Alles oder Nichts, den Victor Obinna und Nico Klotz vor einer Woche verkörperten, kann der MSV keine stabile Defensive aus der Ruhe bringen.

Auch dieses Mal wurden Victor Obinna und Nico Klotz in der zweiten Halbzeit eingewechselt. Doch vielleicht hemmte das Unentschieden mehr, als dass es ein freies Spiel ermöglichte. Es gab noch etwas zu verlieren. Die Mannschaft stand noch nicht mit dem Rücken zur Wand. Sie konnte sich sogar im leichten Vorteil fühlen, weil von etwa der 60. Minute an die Paderborner einen Mann weniger auf dem Feld hatten. Vielleicht wurde dieser Vorteil aber auch zum Nachteil, weil nun die Paderborner kein Risiko mehr eingingen und sich vollends zurückzogen. Schon ohne diesen Mann mehr auf dem Feld begann der MSV nach der Halbzeitpause den Druck zu erhöhen. Eine große Chance zur Führung hatte die Mannschaft kurz nach dem Wiederanpfiff. Schnelles Spiel über den rechten Flügel, Pass in den Rückraum, ein freier Schuss von knapp außerhalb des Strafraums. Der Ball flog weit über das Tor.

Bei uns im völlig überfüllten Gästeblock verstärkte dieser Auftakt die Zuversicht. Wir wollten diese Mannschaft zum Sieg schreien, den Ball mit nach vorne treiben. Schon in der ersten Halbzeit hatten wir allenfalls zweimal den Atem kurz anhalten müssen. Zumindest erinnere ich mich nur an zwei Chancen der Paderborner. Diese Heimmannschaft blieb offensiv genauso harmlos wie die Zebras, die defensiv erneut solide spielten. Bis zum Halbzeitpfiff ging der Plan auf, den Rückstand zu vermeiden. Unbedingt siegreich spielen können die Zebras aber nicht. Dazu fehlt die spielerische Qualität. Den einen Satz des Abstiegskampfs versuche ich Mitte der kommenden Wochen noch einmal überzeugend auszusprechen. Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist. Kann schon sein, sage ich heute.

Halbzeitpausengespräch: Im Dichterviertel gelingt was

Was alles gerade nicht klappt, das lesen wir täglich, das sehen wir im Fernsehen und hören es im Radio. Wir machen uns mit diesen Meldungen ein Bild von der Wirklichkeit, von den sozialen Zuständen und befeuern uns gegenseitig in unserer trüben Weltsicht beim so oft nur scheinbaren Social-Media-Austausch. Manchmal möchte ich – gerade in diesen Social-Media-Welten – laut rufen, seht hin, es gibt überall Geschichten des Gelingens. Seht hin und nehmt wahr, was zu diesem Gelingen nötig ist. Erzählt von diesem Gelingen weiter. Mit diesem zweiten Schritt schon beginnt der Blick sogar politisch zu werden. Bleibt mit dem Blick in eurem nahen Alltag.

Das alles ging mir vorgestern im Dichterviertel durch den Kopf. Einmal im Jahr lädt das Quartiersbüro Dichterviertel Akteure und Institutionen des Viertels ein, Projekte des letzten Jahres vorzustellen, die mit kleinem Fördergeld verwirklicht werden konnten. In der Aula der Schule im Dichterviertel versammelte sich also eine bunt gemischte Gruppe Menschen. Professionelle Akteure der Jugend- und Sozialhilfe sowie der Schulen begegneten engagierten Ehrenamtlern. Menschen unterschiedlicher Herkünfte kamen zusammen. Manche sprachen nur gebrochen Deutsch, manche sprachen nur gebrochen Türkisch, auch wenn man es anders erwartet hätte. Lokalpolitiker waren ebenso anwesend wie Vertreter der stadteigenen Entwicklungsgesellschaft, EG DU, und von Vivawest Wohnen Gmbh, der Wohnungsgesellschaft, die im Dichterviertel so viele Häuser besitzt.

Ob Krebs-Selbsthilfegruppe türkischer Frauen, ob Geschichtswerkstatt Dichterviertel, ob Nähkurs oder Integrationskurs für Flüchtlinge, ob Ausflüge vom Jugendzentrum Zitrone und vom Mädchenzentrum Mabilda, ob Trommelkurs für Flüchtlingskinder in der Schule Kunterbunt, ob Schreibwerkstatt in der Schule im Dichterviertel, letztlich geht es bei allen Projekten um Begegnung und um das Gefühl, dort zu Hause zu sein, wo man wohnt. Die im Dichterviertel lebenden türkischstämmigen Ehrenamtler erzählten, wie durch das von ihnen geleitete Projekt Nachbarschaft gestärkt wurde. Ich selbst erlebe im Jugendzentrum Zitrone, bei Mabilda und in den Schulen das große Engagement für die Bildungschancen und aktuellen Lebensmöglichkeiten der Kinder; Engagement für Erfahrungen, die in ihren Elternhäusern nicht selbstverständlich sind. An diesem Nachmittag war die Aula der Schule erfüllt von diesem Gelingen.

Wir brauchen die Geschichten des Gelingens, um eine Richtung für Entwicklung zu erkennen, bei allen Problemen, die es im Moment gibt. Am besten kann ich noch von dem Gelingen erzählen, das ich selbst erlebe. Im Moment treffe ich mich wöchentlich mit acht Schülern aus vierten Klassen der Grundschule im Dichterviertel, damit sie „schöne Worte“ finden für das, was sie beschäftigt. Alle teilnehmenden Kinder sind in Deutschland geboren. Ihre Eltern sind Migranten. Nicht für alle ist dieses Schreiben gleich wichtig. Nicht jede Woche erlebe ich eine harmonische Zeit mit diesen Kindern. Oft geraten wir in Streit, ehe es wieder produktiv weitergeht. All das gehört dazu und nervt mich nicht selten. Dennoch entstehen schöne Texte.

Leen ist vor elf Monaten mit ihrer Mutter aus Syrien geflüchtet. Sie konnte kein Deutsch, als sie ankam und spricht die Sprache inzwischen so gut, dass ich erst glaubte, sie missverstanden zu haben bei der Dauer ihres Aufenthalts in Deutschland. Eine ihrer kleinen Geschichten möchte ich hier vorstellen, weil diese Geschichte einen Teil der Wahrheit ihres Lebens erzählt. Mit dieser Geschichte lässt sich vom Gelingen erzählen, denn in dieser Geschichte steckt ein Potential, mit dem Leen uns und unsere Gesellschaft bereichern kann.

Der große Elefant

Es war einmal ein großer Elefant und ein Mädchen, die Emliy heißt. Emliy ist mit dem Elefanten zum Markt gegangen. Der Elefant ist so groß. Alle Menschen rennen weg von dem Elefanten.
Emliy fragt sich: Warum rennen alle Menschen weg?
Der Elefant ist ganz traurig, weil alle vor ihm weggerannt sind.
Emliy muss den Elefanten verlassen. Später ist sie mit dem Elefanten zum Zoo gegangen. Dort hat Emliy den Elefanten gelassen.

Die Geschichten des Gelingen haben Voraussetzungen. Im Dichterviertel gehört dazu die Bereitschaft der Stadt und von Vivawest Wohnen dauerhafter als üblich Verantwortung für den sozialen Zusammenhalt des Viertels zu übernehmen. Das ist notwendig und das muss ebenfalls erzählt werden. Wenn das dann noch öffentlich gefordert wird, ist das Erzählen vom Gelingen endgültig politisch geworden.

 

Motivationshilfe für das Spiel in Paderborn

Das Auswärtsspiel beim SC Paderborn kommt mir wie ein Pokalspiel vor. Den direkten Gegner im Abstiegskampf zu bezwingen kann bei dem einen zusätzliche Kraft entfalten und den anderen endgültig in den Abgrund stürzen. Auswärtssieg, so heißt die Parole. Als zusätzliche Motivationshilfe möchte ich an den Zusammenhalt des Sommers 2013 erinnern, weil ich gerade für mein Buch über die zwei Drittligajahre mein Interview mit Andreas Kuklinski transkipiert habe. Seine Worte machen jenen Zusammenhalt wieder sehr lebendig. Vor allem aber erinnern sie auch daran, welch ungewöhnlichen Dinge jemand in kurzer Zeit schaffen kann.

Andreas Kuklinski ist jener Anhänger des MSV Duisburg, der den Fanmarsch am 4. Juni 2013 hauptverantwortlich organisierte. Für ihn ist es in der Rückschau eine Aufgabe gewesen, die es zu erledigen galt und bei der ihn andere Anhänger des MSV unterstützten. Es war nichts Besonderes. Allerdings muss man wissesn, dass Andreas Kuklinski nie zuvor eine größere, gar öffentliche Veranstaltung organisiert hatte. Entscheidet also selbst, wie ungewöhnlich dieses Geschehen gewesen ist.

Die Idee zum Fanmarsch gab es in einer der MSV-Gruppen bei Facebook kurz nach der Nachricht, der MSV habe die Lizenz nicht erhalten. Andreas Kuklinski fackelte nicht lange und sagte, dann frage ich mal bei der Polizei nach, was wir brauchen, um so was durchzuführen. Als erstes brauchte die Polizei jemanden, der den Kopf hinhielt, wenn was schief läuft. Wenn er schon anruft, so dachte Andreas Kuklinski, dann ist es am einfachsten, wenn ich das bin. Zack, eine Unterschrift und schon war er in Haftung für in dem Moment unüberschaubare mögliche Schäden, ein Mann, der den Lebensunthalt für sich und seine Familie als LKW-Fahrer verdiente.

Wenn zu der nun manchmal aufscheinenden Spielkultur des MSV noch der in Duisburg spürbare Geist jener Monate im Jahr 2013 morgen seine Kraft entfaltet, jener Mut, jener Glaube an das schier Unmögliche und jener dazu nötige Zusammenhalt, dann ist mir vor dem Spiel in Paderborn nicht bange. Lesen wir also, wie sich Andreas Kuklinski an den am Stadion ankommenden Fanmarsch erinnert.

Dann kommste an…anne Arena, anner Glaswand…und drehst dich um und siehst praktisch so ne Welle auf dich zukommen, nur Leute in verschiedensten Trikots, und, und…und dat hört gar nicht mehr auf. Und du stehst da unten und du denks, wat is hier los. Ich hätte den Marsch machen können, et hätten zehn Leute sein können, zwanzig, ich hätt auch allein sein können, aber datte sonne Menge dann zusammenkriss, da fällt auch von dir wat ab, weile weiß, der Marsch an sich, der iss jetzt beendet, den hasse geschafft, aber den hasse richtig geil gewuppt….Auch wenn mich danach noch Leute angesprochen haben, dat hasse gut gemacht. Aber ich hab dat nur in die Wege geleitet. Jeder einzelne, der da mitgegangen iss, der hat dafür gesorgt, dat dat so’n Ding geworden ist. Ich hätt auch mittem Ralf* Hand in Hand den Weg ablaufen können, hätt keine Sau interessiert. Aber die, die alle mitgelaufen sind, die gesagt haben, da gehen wir mit, da zeigen wir Flagge, die haben den Marsch zu dem gemacht, wat er geworden ist. Et gab keine Abteilung VIP, Abteilung Vorstand, et gab nur Abteilung Attacke. Alle sind mitgelaufen. Alle sind marschiert und haben für dat Bild gesorgt

*Ralf Gilles hat als notwendiger zweiter Mann die Verantwortung gegenüber der Polizei für den Marsch übernommen und war für Andreas Kuklinski unverzichtbare Stütze.

Karton mit Zehn-Watt-Hoffnungs-Glühbirnen gefunden

Heute muss es schnell gehen. Ich muss gleich meinen wieder entdeckten Vorrat an Zehn-Watt-Hoffnungs-Glühbirnen unter die Leute bringen. Endlich mal wieder ein bisschen Licht schon in der Woche, ganz zu schweigen vom Spieltag, an denen es in der letzten Zeit für uns alle ja doch ziemlich dunkel geworden war.

Selbst mein Spieltags-3-Watt-Hoffnungsglimmen war allerdings am Samstag während der ersten Halbzeit im Spiel vom MSV gegen Union Berlin auf einen 1-Watt-Rest runtergedimmt. Union spielte einen schön anzusehenden Kombinationsfußball. Das war sehr beeindruckend, wie Unions Spieler jederzeit wussten, in welche freien Räume die Mitspieler zogen, wie die Spieler selbst potentielle Wege des Balles aufnahmen und so ihren Mannschaftskollegen die Gelegenheit gaben, um schnelle Pässe zuzuspitzeln, um selbst scheinbar freie Bälle sofort wieder zu kontrollieren oder per Kopf sehr genau und bewusst abzuspielen. Das sah alles planvoll aus, blieb allerdings für diese Kombinationssicherheit erstaunlich ungefährlich. Sicher, es gab Chancen für Union Berlin. Doch so leicht und dynamisch wie diese Mannschaft sich an den Strafraum heranspielte, so wenig Durchschlagskraft hatte die Mannschaft vor dem Tor des MSV.

Meine Sorge vor diesem Kombinationsfußball erwies sich als zu groß, zumal auch der MSV ohne diesen Kombinationsfußball mit einem viel zufälligeren Spiel zu Chancen kam. Im Grunde sah die Spielweise des MSV nach dem Braunschweig-Spiel sogar in dieser ersten Halbzeit nach einem kleinen Rückschritt aus. Es fehlte der Offensive an Dynamik und der Defensive zu oft der Zugriff auf den Ball. Dennoch stand es zur Halbzeit torlos Unentschieden, dennoch hätte es auch gut 1:1 stehen können.

Die zweite Halbzeit begann, und das Spiel wurde anders. Mit dem Anpfiff war der MSV präsenter. Mit dem Anpfiff stellte sich endlich auch in der Spielanlage ein Gleichgewicht ein. Der MSV wurde besser, Union etwas schlechter und schon sah das Offensivspiel des MSV endlich so planvoll aus, dass meine Hoffnung nicht mehr nur gerichtet war auf das zufällige Herunterfallen eines Balles in Strafraumnähe bei zufälliger gleichzeitiger Anwesenheit eines Spielers im MSV-Trikots und weiteren Zufällen in der Folge. Passend für uns Duisburger kam in diese aufkeimende Hoffnung hinein der Elfmeterpfiff gegen den MSV. Eigentlich wurde ein aus der Ferne gefährlich wirkender Angriff von Union recht souverän geklärt; sofort wurde mit schneller Kombination das Gegenpressing überwunden, der Ball war auf Außen, zeitgleich brachte Rolf Feltscher  im Strafraum einen Spieler Unions zu Fall. War das so? Darf ich mit Recht sagen, selten ein so überflüssiges Foul im Strafraum gesehen zu haben?

Wenige Minuten später führte Union 1:0, und ich begann mir über Fortuna Köln und Auswärtsfahrten in den Osten Deutschlands Gedanken zu machen. Die Mannschaft hingegen war nur kurz irritiert. Sie hatte keine Zeit dazu, denn Victor Obinna und Nico Klotz wurden eingewechselt und schienen sich vorgenommen zu haben, den Ausgleich innerhalb der nächsten Minute zu erzielen. Vielleicht ging es den anderen Spielern auch von Anfang an so, aber dieser brennende Wille beider ragte heraus. Mit dem ersten Ballkontakt brachte Nico Klotz seine Gegenspieler ins Rotieren. Er war so schnell im Dribbling, suchte das Kombinationsspiel und ging mit einer Dynamik auf das Tor zu, die der Defensive von Union Angst machen musste. Ein ähnliches Bild bot Victor Obinna im offensiven Mittelfeld, wo er die freien Räume suchte, die hohen weiten Bälle gut behauptete und sie schnell verarbeitete. Das Spieltempo des MSV hatte angezogen.

Die Tore, die folgten, waren kein Zufall mehr. Diese Tore waren die Konsequenz jenes druckvolleren Spiels, das wir zu sehen bekamen. Den Ausgleich erzielte Stanislav Iljutcenko auf die intuitive Weise eines Weltklassestürmers. Diese Ballannahme im Strafraum mit dem Rücken zum Tor, die eine Selbstvorlage zum Fallrückzieher war, gehört zu den Unberechenbarkeit eines Instinktfußballers. Der 2:1-Führungstreffer fiel nur wenig später durch Nico Klotz, nach schnellem Kombinationsspiel über den linken Flügel, und auch das war ein wunderschön anzusehendes Tor.

Unsere Nerven hätte es beruhigt, wenn einer von zwei vielversprechenden Kontern über den ebenfalls eingewechselten Tim Albutat erfolgreich vollendet worden wären. Ein Freistoß von Union an der Strafraumgrenze auf deren linken Flügel wagte ich kaum mir anzusehen. Knapp strich der Ball über die Latte. Es war die größte Chance zum Ausgleich in einem Spiel, das der Schiedsrichter für unser Gefühl nicht abpfeifen wollte. Vier Minuten Nachspielzeit waren es ohnehin schon. Gefühlte zehn wurden es für mich. Erlösung mit dem Schlusspfiff und die plötzliche Erinnerung an den Karton im Keller mit diesen Zehn-Watt-Hoffungs-Glühbirnen. Die bringe ich jetzt erstmal unter die Leute.

Akzente inoffiziell: Ruß von Feridun Zaimoglu und die Ruhrstadtidentität

Wie im letzten Jahr begleite ich die 37. Duisburger Akzente mit einem inoffiziellen Programm. In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“.

russ_zaimogluIn diesem Jahr gehörte zum Akzente-Programm eine Lesung von Feridun Zaimoglu, zu der es in der Rheinischen Post einen kurzen Bericht gibt. Zaimoglu selbst hat anscheinend von „Heimkehr“ gesprochen, wohnte er zur Recherche seines Duisburg-Romans „Ruß“ doch einige Zeit in der Stadt. Dieser Duisburg-Roman hat mich schon mehrmals beschäftigt, weil die Rezeption gerade direkt nach der Veröffentlichung für mich viel über Selbstbild und Selbstbewusstsein der Ruhrstadt verrät.

In der Zeit während der Arbeit am Roman hatte ich ein Interview mit Feridun Zaimoglu gesehen. Er sprach davon, dass ihn  “Revierkitsch” nicht interessierte, sondern “echte Menschengeschichten” in einer Stadt, in der die Epoche der Industriealisierung nicht vollends museal aufbereitet sei. Ihm ginge es um die Gegenwart. So hatte ich ihn verstanden. Er wollte nicht über eine hippe Szene schreiben, sondern eine „deutsche Arbeitersaga“.

Richtig nah ist er diesem „herben“ Arbeitermilieu aber nicht gekommen. Zum einen verknüpft er eine bemühte Kriminalhandlung mit dem Blick auf die Wirklichkeit des Ruhrgebiets. Zum anderen bekam ich bei der Lektüre das Gefühl, in eine Welt der 60er Jahre einzutauchen. Eigentlich waren seine Hauptfiguren Männer meiner Generation, doch wenn er sie sprechen ließ, hatte ich immer das Gefühl, meinen Großeltern zuzuhören.

Das mag für Leser und Kritiker ohne Anbindung ans Ruhrgebiet keine Rolle spielen. Für mich ist es eines von vielen Zeichen, dass Feridun Zaimoglu eine Kunstwelt geschaffen hat, mit der er seine  eigenen formulierten Ansprüche sicher nicht eingelöst hat. Er nimmt seine Wirklichkeit des Ruhrgebiets als Material, um sich vom alltäglichen Sprechen zu entfernen und zu versuchen, eine Kunst-Sprache zum Klingen zu bringen. Das macht die Lektüre stellenweise anstrengend und die Geschichte verschwindet zudem immer wieder hinter dieser Sprache. Der Klang der Sätze schiebt sich in den Vordergrund. Eine bedrückende Atmosphäre gelingt ihm so. Eine Balance zwischen Handlung und einer notwendigen Sprachform entsteht für mich  nicht.

Im Ohr hatte ich immer noch “echte Menschengeschichten” des Interviews, die er hat schreiben wollen. Was die Figuren erleben, wirkt zwar grundsätzlich gegenwärtig, doch gleichzeitig kommt mir die Handlung wie eine manieristische Anstrengung vor. Letztlich lese ich dort nichts über die „raue“ Gegenwartswirklichkeit Duisburgs. Zugespitzt formuliert sehe ich nur den Kunstwillen des Kulturbetriebs in einem Roman, der mir zudem zu oft zu sehr nach Vergangenheit klingt. Kurzum, ich erkenne all das nicht, worauf mich Feridun Zaimoglu neugierig gemacht hat.

Bezeichnenderweise lese ich im oben verlinkten RP-Bericht das klare Urteil vom misslungenen Roman zum ersten Mal. Die überregionalen Medien waren da sehr viel nachsichtiger. Mir geht es aber gar nicht unbedingt um ein klares Urteil. Mir geht es überhaupt um Debatte, die eben nicht stattgefunden hat. Eine Debatte, in der die literarische Wertung ohne den Blick auf die Ruhrstadtidentität nicht ausgekommen wäre. Denn Zaimoglu hatte ja den Anspruch formuliert einen Roman zu schreiben, in dem er sich einer zentralen Identitätsfrage der Region hatte annehmen wollen. Was wird aus der Arbeiterwirklichkeit dieser Region, aus der das Ruhrgebiet seinen Stolz gezogen hat? Wo findet die gegenwärtige Ruhrstadt Identität, wenn diese Arbeiterwirklichkeit untergeht, an den meisten Orten untergegangen ist?

Der Roman bekam seine Geschichte in den Medien des Ruhrgebiets ohne diese Fragen. Schließlich wird die Region nicht oft zum Thema in Romanen bundesweit renomierter Autoren. Es gab Rezension und reportageartige Berichte über den Aufenthalt Zaimoglus im Ruhrgebiet. Man durfte geschmeichelt sein, weil der Autor nicht mit Lob sparte über diese von ihm als untergehend wahrgenommene Arbeiterwirklichkeit. Ob die Imagebeobachter der Ruhrstadt grimmig die Augen gerollt haben? Was für eine Steilvorlage für eine Debatte zur Ruhrgebietsidentät. Sie wurde verpasst.

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Akzente inoffiziell: Der Sportplatz des Ruhrorter TV als Keimzelle vom EuroPortsCup

Wie im letzten Jahr begleite ich die 37. Duisburger Akzente mit einem inoffiziellen Programm. In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“. Wie das diesjährige AkzenteMotto als gelebte Geschichte erkennbar wird, zeigt sich an einem vielleicht ungewöhnlichen Ort in Ruhrort, dem Sportplatz des Ruhrorter TV. Dieser Sportplatz mit einer seiner Geschichten ist einer der “111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss”. Der Text ist diesem 2012 erschienenen Buch entnommen.

Der Sportplatz Ruhrorter TV
Gestern Zeltplatz, heute Festsaal

Der Ruhrorter Verteilerkreis am Rand des Stadtteils liegt in fast jeder Himmelsrichtung nah am nächsten Hafengewässer. Ruhrort besaß nicht viel Platz zur Ausdehnung. Klein blieb so der Stadtteil, dessen Geschichte an vielen Ecken spürbar ist. In der letzten Zeit entdeckten Künstler und Kulturschaffende dessen Reiz. Ob das Hoffnungswort vom Kreativquartier sich weiter mit Leben füllt? Hafen – der weckt Bilder einer intensiven Wirklichkeit, und er könnte Motor dafür sein.
Genauso wie der Hafen auch die Freizeitfußballer im Ruhrorter Turnverein, RTV Staubwolke, und die vom VfvB Ruhrort/Laar, die »Amtsschimmel«, auf eine Idee mit andauernden Folgen brachte. »Hafenturnier« nannten sie die Fußballveranstaltung für Freizeitmannschaften europäischer Hafenstädte zu Pfingsten 1984. Gegner kamen aus Amsterdam, Basel und Bremen, und die Verhältnisse waren bescheiden. Übernachtet wurde in Zelten auf dem Sportplatz.
Inzwischen heißt das jährlich in wechselnden Hafenstädten stattfindende Turnier »EuroPortsCup«, zu dem Bürgermeister vor Ort, ob in Hamburg, Bergen oder Malmö, Eröffnungsreden halten. Es wird mit zwei Jahren Vorlauf geplant, und Festbankette stehen auf dem Programm. 12 bis 14 Mannschaften nehmen in der Regel teil, die Wirtschaftslage bestimmt, welche. Denn fast alle sind nun Betriebsmannschaften von Reedereien oder von Hafenbetreibern wie Duisburgs »duisport« und werden von den Arbeitgebern gesponsert. RTV Staubwolke blieb als einzig unabhängige Freizeitmannschaft übrig, auch weil der Spielergenerationenwechsel meist unproblematisch verlief.
Und warum Staubwolke? Der Ascheplatz des Ruhrorter TV, auf dem sich 1977 die noch jugendlichen Fußballer erstmals trafen, besaß einen Unterboden aus Trümmerschutt des Zweiten Weltkriegs. Der wurde zu einer solch wirksamen Drainage, dass die oft dichten Staubwolken den Ball nicht mehr erkennen ließen – im Pott nicht selten.

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