Akzente inoffiziell: Rheinlied II – Der Rhein und Deutsche Stämme von Kurt Tucholsky

Wie im letzten Jahr begleite ich die 37. Duisburger Akzente mit einem inoffiziellen Programm. In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“. Eine Gelegenheit zu einem Hafenfilm-Special.

Mir ist gar nicht klar, wie gegenwärtig Kurt Tucholsky bei jüngeren Lesern überhaupt noch ist. Für meine Generation gehörte diese Stimme der Weimarer Republik zum literarischen Kanon. Sein fortwährendes publizistisches Engagement für ein demokratisches Deutschland und gegen den bornierten Nationalismus seiner Gegenwart weckte den Hass der Nazis und machte ihn zum verachteten Linksintellektuellen in ultrakonservativen Kreisen. Er war aber nicht nur Beobachter der politischen Zustände der Weimarer Republik. Ihm ging es immer auch um den gesellschaftlichen Boden für diese Zustände. Als Theobald Tiger hat er im Sommer 1927 die Rheinlied-Begeisterung in Deutschland mit folgendem Liedtext kommentiert.

Der Rhein und Deutsche Stämme

Es fließt ein Strom durch das deutsche Land,
drin spiegeln sich Schlösser und Zinnen;
er ist in den deutschen Gauen bekannt,
kein Refrain kann demselben entrinnen.

Und alle Romantik hat hier ihr Revier,
und je lauter das Rheinlied, je kälter das Bier
der kleinen und großen Verdiener.
Zum Beispiel so der Berliner:

»Ein rheinischet Meechen – beim rheinischen Wein –
Ja, Donnerwetter nich noch mal!
Na, det muß ja der Hümmel auf Erdn sein –!
Wat, Lucie –?«

Wer Lieder für Operetten schreibt
aus Prag, aus Wien und aus Bentschen –:
den Rhein möcht ich sehn, der da ungereimt bleibt –
es sind halt geschickte Menschen!

Und was sie dichten, ganz Deutschland grölts,
von Aachen bis Dirschau, von Kiel bis nach Ölz;
wo nur Treue und Weinbrand wachsen.
Zum Beispiel so unsere Sachsen:

»Ein rheinisches Mädchen – beim rheinischen Wein –
Nu heere mal, Agahde, was hasdn dn
Krachenschonr nich midgenomm? ’s is doch
so giehle uffm Wasser?
Diß muß ja der Himmel auf Erden sein!
Eicha … !«

Im Rhein, da quillt unsere Mannesbrust,
da liegen dicke Tantiemen;
und befällt den Deutschen die Sangeslust:
hier kann er das Ding unternehmen.

Es reimt sich der Rhein
auf Schein und auf Sein
und auf mein und auf dein,
auf Jüngferlein, Stelldichein, Gänseklein…

Und ist auch zerklüftet das Deutsche Reich:
im Moorbad der Lyrik verstehn sie sich gleich.
Viel schneller als bei Richard Dehmel.
Zum Beispiel so jener aus Memel:

»Äin rhäinisches Mädchen – bäim rhäinischen Wäin –
äi, das muß ja der Himmel – auf Erden säin –
Wäißt, wenn dir der Wäin nich schmeckt,
jieß noch ’n kläin Schnapsche räin! –
Äi, das muß ja der Himmel auf Erden säin –!
Oder mäinst näin –?«

So ist der Rheinstrom ohne Fehle,
das Familienbad der deutschen Seele.

 

Bei Youtube findet sich mit einem Klick weiter eine mit dem Suchbegriff „Rheinlied“ gefundene Auswahl solcher Rhein-Weib-und-Gesang-Lieder.

Mit einem Klick weiter zu den bisherigen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms im Zebrastreifenblog.

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