Archiv für April 2016

Die Aura einer Eintrittskarte

Über die Bilanz des MSV Duisburg gegen Fortuna Düsseldorf in den 1970er Jahren muss man sich vor dem heutigen Spiel gegen diesen Gegner jeden Gedanken verbieten. Es sei denn, wir blicken auf die Ausnahme als großes Vorbild für den heutigen Abend. In der Saison 1976/77 gewann der MSV am 27. Spieltag durch ein Tor in der 17. Minute von Ronnie Worm mit 1:0. Beim Kicker finden sich die Eckdaten des Spiels. Konkrete Erinnerungen an das Spiel habe ich nicht mehr. Doch die Aura des Sieges trägt meine Eintrittskarte von damals in die Gegenwart hinein. Ich nehme sie heute Abend mal vorsichtshalber mit. Man weiß ja nie.

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Tagesaktueller Freund, Köln, du Feind unseres Feindes – Kein Schwein will ein Alt

Es ist nicht nur die Saisonphase angebrochen, in der wir Tore in anderen Stadien manchmal genauso bejubeln wie die Tore unserer eigenen Mannschaft, es ist auch jene Saisonphase, in der die Nervosität vor den Spielen mich kaum zur Ruhe kommen lässt. In jeder ruhigen Minute stelle ich komplizierte Rechnungen auf, in welchem schlechten Fall beim nächsten Spiel des MSV dennoch alles gut ausgehen kann. Das hält den Kopf frisch. Wir Anhänger der Zebras brauchen keine Magazin-Tipps, um mit Sudoku, Rätsel und allerlei Hirn-Training auch im Alter geistig fit zu bleiben. Wir haben den Saisonverlauf unserer Mannschaft. Das reicht vollends. Vielleicht sollten Krankenkassen das Fantum beim MSV mal in ihre Präventionskonzepte aufnehmen. Rückenschule, Entspannungskurse und so ein Kram wird ja auch oft bezuschusst. Warum nicht eine Dauerkarte beim MSV als Prävention gegen Altersdemenz?

Außerdem erfordern besondere Spiele besondere Maßnahmen. Jede Möglichkeit ist uns recht, die das Selbstbewusstsein unseres Düsseldorfer Gegners morgen untergraben wird. Schauen wir uns nach Verbündeten um, die uns dabei zu Hilfe kommen. Getreu dem Motto, der Feind unseres Feindes kann durchaus trotz sonstiger Abneigung auch mal Freund sein, bin ich in Köln fündig geworden. Dort gehört das behagliche Dissen der Landeshauptstadt ja ebenso zur Brauchtumspflege wie die besondere Verbundenheit zur lokalen Biersorte. Wenn beides zusammenkommt, wird daraus bei Köbes Underground das Max-Rabe-Cover „Kein Schwein will ein Alt“. Als einzelnen, kompletten Song habe ich das Stück nicht gefunden. Hier aber ab 1.39, im kurzen Ausschnitt. Mit einem Klick weiter zum Text. Bitte schön, Kein Schwein will ein Alt. geschweige denn einen Sieg der Fortuna oder ein Unentschieden.

 

Übrigens habe ich mich als einer der Peter Neururers unter uns Anhängern des MSV schon vor Längerem dazu entschlossen, nicht mehr zum Friseur zu gehen, solange uns der direkte Klassenerhalt möglich ist. Wir sind in der heißen Phase der Saison. Wir müssen jede Möglichkeit des Einflusses auf das Schicksal des MSV in Erwägung ziehen.

Noch und eine letzte Chance will ich nicht lesen

Da an einem Dienstag der Freitag immer noch nicht übermogen ist, braucht mein magisches Denken jede Unterstützung. Hilfreich kann die Macht der Sprache wirken. Deshalb müssen wir vorsichtig sein, welche Sätze wir in unsere Köpfe lassen. „MSV Duisburg hat gegen Düsseldorf noch eine letzte Chance“ wird bei WAZ/NRZ  ein früher Vorbericht zum Spiel betitelt. Obwohl ich gestern ebenfalls von der Pflicht des MSV zum Sieg geschrieben habe, bringt dieser Titel meine Stimmung vor dem Spiel nicht auf den Punkt. Mehr noch, diese Überschrift nimmt mir Energie für das Spiel.

Der Titel rückt die Schwäche der Mannschaft in den Blick. Mit dem „noch“ klingt an, dass niemand beim MSV selbst verantwortet hat, wozu es am Freitag  nun kommen wird. Scheinbar schicksalhaft ergibt sich in der Überschrift die Bedeutung des Spiels gegen Düsseldorf. Wenn ich diese Bedeutung  auf den Punkt bringen soll, möchte ich, dass die Leistung der Mannschaft in den meisten der letzten Spiele mit anklingt. Ich möchte nur Sätze lesen, in denen die Spieler als handelnde, aktive Personen mitgedacht sind. Die Spieler sollen nicht etwas ausgesetzt sein wie eben der letzten Chance.

Die Spieler sollen am Freitag das Spiel gestalten, und nur Sätze, in denen so etwas anklingt, sind erlaubte Sätze – zumindest für die Spieler-Köpfe und meinen, wenn ich die Zeit bis Freitag in größtmöglicher Zuversicht verbringen will.

Soll und Haben im Tabellenrechner – 31. Spieltag

Alten Traditionen folgend werde ich bis zu endgültigen Entscheidungen über das Schicksal des Vereins unserer Zuneigung die Wirklichkeit und meine Fieberfantasien mit dem Tabellenrechner gegenüberstellen. In der Klammer steht meine Punkteprognose am Ende der Saison, dann folgt inwiefern die bisherigen Ergebnisse von meiner Prognose abweichen.

Auf den ersten Blick sieht alles so aus, als folge die Wirklichkeit noch meinem Plan. Besser noch, der FSV Frankfurt gesellt sich als ernsthafter Anwärter auf einen direkten Abstiegsplatz hinzu. Gut, Paderborn sammelt mehr Punkte als gedacht, aber da ist noch immer Luft bis der MSV erreicht wird, wenn der MSV macht, was wir uns wünschen. Unangenehm war der Heimsieg des TSV 1860 München, weil sich daraus hoffentlich nicht ein Aufwärtstrend durch den Trainerwechsel einstellt. Passiert ist nichts, weil die Mannschaft vorher zwei Punkte wider Erwarten verloren hatte. Ich habe diesen neuen Stand in die Tabellen unten nochmals eingerechnet.

Es gibt einen Vorteil für den MSV an den letzten beiden Spieltagen. Die Konkurrenten im Abstiegskampf spielen noch gegeneinander. Von diesen Spielen wird der MSV bei jedem Spielergebnis profitieren, wenn, ja wenn der MSV am Freitag gegen Fortuna Düsseldorf gewinnt. Das ist notwendig. Am Freitag heißt es für den MSV wieder, Endspielstimmung, ein Sieg muss her. Sonst müsste aus einem Heilungswunder eines der Wiederauferstehung von den Toten werden.

14. Fortuna Düsseldorf:  29 (31)   +/- 0
15. FSV Frankfurt 29 (32) +/- 0
16. TSV 1860 München:  28 (32)  +/- 0
17. SCP Paderborn: 28 (28)  +/- 0
18. MSV Duisburg:  25 (32) +/- 0

Nachdem ich den Tabellenrechner seine Arbeit hatte machen lassen, endete die Saison für mich wie unten. Beim gegenwärtigen Stand der Dinge und wenn sich die Vereine an meine weiteren angenommenen Ergebnisse hielten, stände der MSV Duisburg nun sogar auf dem 15. Platz. Es wird knapp. Das Torverhältnis kann entscheiden.

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Auch erwartete Niederlagen vermiesen die Laune – nur kürzer

Die Niederlage gegen den SC Freiburg ist in meinem Klassenerhaltsszenario einkalkuliert gewesen. Was mich natürlich nicht daran hinderte, auf einen anderen Ausgang des Auswärtsspiels zu hoffen. Verstohlen hatte ich auf die zu vergebenden Punkte geschielt und zugleich an das 2:2-Unentschieden der Freiburger in Braunschweig gedacht, nach einem Rückstand von 0:2. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die spielstarken Freiburger sich ein zweites Mal die Aufstiegsstimmung trüben lassen wollten. Ich hoffte dennoch und mit mir das überfüllte „Ostende“ in Duisburg.

Schon die ersten Spielminuten dämpften allerdings meine Erwartungen. Der SC Freiburg wirkte weitaus stabiler in allen Mannschaftsteilen als die Nürnberger vor 14 Tagen. Nach etwa fünfzehn Minuten Spielzeit war für mich ein Unentschieden das Glück verheißende Ziel, für das der MSV aber auch eben viel Glück gebraucht hätte. Sicher, die Defensive der Zebras stand bis dahin sicher, doch die Freiburger gaben sich keinerlei Blöße. Souverän und früh wurde jede offensiv gemeinte Spielaktion des MSV unterbunden. Ruhig, zugleich im Tempo variierend wurde das eigene Offensivspiel aufgezogen. Noch wurde es vor dem Tor des MSV nicht wirklich brenzlig, doch wie oft der Ball in halbgefährliche Zonen der MSV-Defensive gebracht werden konnte, machte mir keine Freude. Nur durch große gemeinsame Anstrengung der MSV-Defensive konnten etwa Angriffe durch die Mitte aufgehalten werden. Zwei, drei Defensivspieler brauchte es manchmal um einen einzigen technisch starken Angreifer der Freiburger aufzuhalten. Der alternative Weg über die Flügel wurde ebenso versucht. Zwingend wurden die einzelnen Aktionen weiterhin nicht.

Wenn dann aber zum individuellen Können schnelles Passspiel hinzu kommt, reicht auch die konzertierte Defensivaktion nicht mehr. Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass jemand zu spät für das Grätschen ohne Foul kommt. Gegen diese MSV-Defensive ging es in der Spielphase für die Freiburger gar nicht darum, aus dem Spiel heraus ein Tor zu erzielen. Aussichtsreiche Standardsituationen als Ende einer Spielaktion waren auch ein Mittel für Torgefahr. Das 1:0 fiel nach einem Freistoß aus einer Distanz, die für eine Mannschaft wie den MSV gar nicht so vielversprechend gewesen wäre. Die Freiburger haben aber einen Freistoßschützen wie Vincenco Grifo. Für ihn hätten in der Mauer mindestens zwei Spieler mehr stehen müssen. Dann hätten allerdings im Strafraum Defensivspieler gefehlt. Die Aufstellung der Spieler des MSV war eine schwierige Entscheidung bei dieser Freistoßdistanz. In dem Fall blieb Grifo für den Freistoß genügend Raum neben der Mauer. Das 1:0 fiel.

Nun hätte das Schicksal nicht nur eine Tür dem MSV für den Erfolg im Spiel öffnen müssen. Ein großes Einfallstor hätte es nun gebraucht und dazu am besten noch zwei, drei Hintertüren. An eine Torchance erinnere ich mich, knapp ging ein Schuss von Hajri (?) aus dem Getümmel im Strafraum heraus am Pfosten vorbei. Es ist bezeichnend für meine aufgekommene Resignation, dass ich nicht mal mehr weiß, ob das der Ausgleich hätte sein können oder später der Anschlusstreffer nach dem 2:0. Bezeichnend für das Gefühl der Unterlegenheit ist auch, wie unaufgeregt die meisten im „Ostende“ und die Mannschaft dieses 2:0 nach einem Eckstoß haben hingenommen. Schließlich stand ein Freiburger Stürmer im Abseits versetzt neben Michael Ratajczak. So etwas wird auch schon mal als Sichtbehinderung und aktives Abseits ausgelegt. Darüber aufregen, dass das nicht geschah? Fehlanzeige.

Ich hatte den Eindruck, die Mannschaft und wir vor dem Bildschirm begannen uns mit der Niederlage anzufreunden. Sie war uns als Wahrscheinlichkeit vor dem Spiel vertraut.  Bei mir rief sie eine Mischung aus Enttäuschung und Schicksalsergebenheit hervor, die nach der Halbzeitpause mit irrationalem Hoffnungsschimmer garniert wurde. Die Spieler versuchten noch einmal alles zu geben, doch dieser große Einsatz brachte der Mannschaft und uns keine Ahnung, wie ein Unentschieden noch erreichbar hätte sein können.

Wir befinden uns nun in jener Saisonphase, in der Tore in anderen Stadien manchmal genauso gefeiert werden wie die eigenen. So blieb der MSV zwar chancenlos nach dem Wiederanpfiff, gejubelt wurde dennoch. In Düsseldorf hatte die Fortuna 1:0 geführt. Nun fiel endlich der Ausgleich für St. Pauli. Auch dieses Unentschieden hatte ich im Abstiegsszenario einkalkuliert. Läuft doch alles nach Plan, dachte ich.

Bleibt noch die rote Karte für Enis Hajri zu erwähnen. Auch diese rote Karte nahm ich nur halbwegs verärgert hin. Der einzig wichtige Gedanke dabei schien mir, am Freitag ist Branimir Bajic wieder fit für 90 Minuten. Hajri hatte im Strafraum am Trikot des an ihm vorbeiziehenden Freiburgers allenfalls etwas gezuppelt. Das war mehr eine freundschaftliche Geste, die Bewegung des Arms von Hajri war dennoch offensichtlich und die Reaktion des Schiedsrichters entsprechend. Der Elfmeter war obligatorisch. Danach stand es 3:0. Zwei Tore weniger wären mir lieber gewesen.

Die Enttäuschung hielt nur kurz an. Lasst mich aber lieber nicht länger darüber nachdenken warum. Sonst könnte ich womöglich an der Wirksamkeit meines Tabellenrechners zweifeln. Eine halbe Stunde nach Abpfiff schien es mir nämlich so, als passe sich die Wirklichkeit meinem geplanten Saisonverlauf an. In meinem Kopf sind die jeweiligen Spieltagsprognosen momentan schon das Geschehen der Vergangenheit, eine unveränderbare Wirklichkeit, die für den MSV Duisburg und uns keine unangenehmen Erfahrungen an den letzten drei Spieltagen mehr bereit hält. Wir befinden uns in einer Phase der Saison, in der magisches Denken immer mächtiger wird. Zumindestens mir hilft es, die Zeit bis zum nächsten Spiel auszuhalten.

Die schönsten Fußballtorten der Welt – XXVIII – Hertha BSC

Mit freundlicher Unterstützung von „111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben musspräsentiert der Zebrastreifenblog in loser Reihe die schönsten Fußballtorten der Welt.

Heute Abend ist Hertha BSC sehr nah daran, endlich einmal das DFB-Pokalfinale auch für die Profi-Mannschaft des Vereins zu einem ihrer Heimspiele  zu machen. Borussia Dortmund will das verhindern. Waren die Chancen der Hertha überhaupt jemals so gut wie heute Abend? So genau kenne ich die Vereinshistorie in Berlin nicht. Wir in Duisburg sind gerade auch mitten drin in einem solchen Hoffnungs-Szenario, bei dem etwas erreichbar scheint, was lange Zeit unvorstellbar war. Das spannt die Nerven an, und der tiefe Fall droht.

Sollte das Vorhaben nicht gelingen, hilft ablenkende Beschäftigung und Süßkram als Nervennahrung. Deshalb mein Service für den Niederlagenfall: die ausführliche Anleitung, um ein Fußballtortenkunstwerk im Zeichen der Hertha zu schaffen. Schon das Betrachten der Anleitungen wirkt meditativ und hilft, selbst Niederlagen nach Elfmeterschießen zu verarbeiten. Ich empfehle vor allem die Anleitung für den Schal.

Der Ball ist der Kuchen ist der Ball

So gelingt der Schal

So gelingt das Logo

 

 

Tortentalk

Soll und Haben im Tabellenrechner – 30. Spieltag

Nach dem Sieg gegen den TSV 1860 München werde ich alten Traditionen folgen und bis zu endgültigen Entscheidungen über das Schicksal des Vereins unserer Zuneigung die Wirklichkeit und meine Fieberfantasien mit dem Tabellenrechner gegenüberstellen. In der Klammer steht meine Punkteprognose am Ende der Saison, dann folgt inwiefern die bisherigen Ergebnisse von meiner Prognose abweichen.

14. FSV Frankfurt 29 (33)  -1
15. Fortuna Düsseldorf:  28 (32)   +/- 0
16. SCP Paderborn: 27 (27)  +1
17. TSV 1860 München:  25 (30)  – 2
18. MSV Duisburg:  25 (32) +/- 0

Nachdem ich den Tabellenrechner seine Arbeit hatte machen lassen, endete die Saison für mich wie unten. Beim gegenwärtigen Stand der Dinge und wenn sich die Vereine an meine weiteren angenommenen Ergebnisse hielten, stände der MSV Duisburg nun sogar auf dem 15. Platz.

Weil der Übergang vom 32. auf den 33. Spieltag Irritationen hervorgerufen hat, eine Erklärung:  Im ersten Anlauf bin ich mit einem doch zu ungünstigen Ergebnis für den Verein unserer Zuneigung gelandet. Deshalb bin ich noch mal zurück zum Spieltag 33, um an einer Stellschraube zu drehen. In der Tabelle wurde der 34. Spieltag aber nicht gelöscht, was ich erst mitbekam, nachdem ich die Screenshots angefertigt hatte.

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Wenn ein Stadion die Abstiegsangst wegschreit

Der Schalldruck im Duisburger Süden muss groß gewesen sein in der 85. Minute des Spiels vom MSV Duisburg gegen den TSV 1860 München. Als Victor Obinna den 2:1-Führungstreffer für die Zebras erzielte, knallte diese Arena ihre Begeisterung als Explosion heraus. Danach hielt das Toben und Schreien an, nicht nur auf der Nord, wo es ohnehin immer am lautesten ist. Auch auf den Geraden wussten die Zuschauer nicht mehr wohin mit ihren Gefühlen. Dieser Jubel von knapp 22.000 Anhängern des MSV Duisburg walzte aus dem Stadion, ließ Fensterscheiben vibrieren, schwappte über die Parkplätze, hob das Wasser auf der Regattabahn zu kleinen Wellen und verlor sich in der anderen Richtung allmählich in den Straßen zum Hauptbahnhof. Der Duisburger Süden wurde mit gemeinsamer Glückseligkeit und Erlösung durchdrungen.

Solch ein ekstatischer Ausbruch des Jubels geschieht, wenn die kaum mehr vorhandene Hoffnung auf eine Glück verheißende Rettung wie den Klassenerhalt wider Erwarten durch eine Heldentat wie den Auswärtsieg gegen einen hohen Favoriten befeuert wird. Wenn dieser Hoffnung ein paar Tage Zeit bleiben zu wachsen und sie zugleich in Gedanken schon wieder gefährdet wird. Wenn diese Hoffnung nur durch den Sieg im Spiel weiter lebendig bleibt. Wenn das Spiel selbst dann doch verloren scheint, das Ende nahe ist und wenn dann, in der eigentlichen Torschuss-Situation wir einen winzigen Augenblick Zeit haben, die große Chance zum Tor in dem Ausmaß ihrer gesamten Folgen für die Zukunft intuitiv zu erfassen. Wir denken es nicht, aber wir fühlen es, weil das Tor nicht von jetzt auf gleich fällt. Wir sind  dann vom Scheitern bedroht. Unsere Körper werden miterfasst von der Bewegung des Stürmers, wir spielen gleichsam mit.

Unsere Beine verknoteten sich beim Versuch, zugleich auf unserem Platz zu bleiben und diesen halbhohen Ball unter Kontrolle zu bringen, der von Kingsley Onuegbu zurückgeprallt war in den freien Raum an der Strafraumgrenze. Diese Ekstase konnte Raum greifen, weil wir alle die Last der Verantwortung in diesem Moment spürten. Weil wir diesen winzigen Moment Zeit hatten, um zu fühlen, wie nah Erfolg und Versagen beieinander liegen. Das alles geschah in uns, ohne dass wir es in Begriffen dachten, denn wir waren nichts anderes als unsere Körper, die sich vorbeugten, hin- und herbewegten, verkrampften, die bereit waren, etwas zu machen, ohne dass sie eingreifen konnten. Wir waren dabei, holten noch einmal Luft, hielten den Atem an und wurden eins mit Victor Obinna, dem es gelang den halbhoch springenden Ball direkt zu nehmen und ihn ins Tor zu schießen – am heraus eilenden Torwart ebenso vorbei wie an den versetzt stehenden zwei Feldspielern. Weil für all das dieser winzige Moment Zeit war, entlud sich die angestaute Luft in diesem ekstatischen kollektiven Aufschrei. JA!

Wir hatten eine erste Halbzeit gesehen, in der beide Mannschaften vor allem anderen keine Fehler machen wollten. Beide Mannschaften versuchten ein kontrolliertes Aufbauspiel, was auf Seiten des MSV zu erwarteten Schwierigkeiten führte. Dieser MSV entwickelt bei dieser Spielanlage keine durchgängige Offensivkraft. Das wissen wir, und das fürchtete nicht nur ich. Sehr viel druckvoller wurden auch die Münchner nicht, obgleich ihr Zusammenspiel mehr Potential aufwies, als wir es bei den Zebras entdecken konnten. Pässe und Laufwege der Löwen wirkten besser aufeinander abgestimmt. Die Mannschaft ließ den Ball besser laufen. Zu unserer Beruhigung blieb das ohne Folgen.

Sinnbildhaft für die Offensivstärke des MSV wird an solchen Tagen Giorgi Chanturia. Weil das Spiel des MSV in der kontrollierten Ausführung wenig Dynamik besitzt, liegt mehr Verantwortung bei ihm und seinen Dribblings im eins gegen eins. Sein Gegenspieler aber kannte von Anfang an seine Haken und seine typischen Bewegungen. Entsprechend harmlos blieb Giorgi Chanturia. Er wirkte früh frustriert. Auch sonst war irgendwann der Frust der Offensivspieler bei Fehlpässen zu sehen. Die Mannschaft wirkte so, als müsse sie irgendwann auch gegen eine schlechte Stimmung angehen.

Nach der Halbzeitpause blieb das Bild unverändert. Wenn ein Tor fiele, käme das überraschend zustande. Das war uns klar. Die Überraschung gelang den Münchnern mit einem Weitschuss in der 64. Minute. Das kannten wir aus dem Spiel gegen Heidenheim, und angesichts der Leistung an dem Tag konnte ich mir nicht vorstellen, wie nun noch der Ausgleich fallen sollte. Doch es gibt Gründe, warum auch 1860 München vom Abstieg bedroht ist. Die Ordnung der Defensive gerät bei druckvollem Spiel schneller durcheinander als die anderer Gegner. Als Nico Klotz für den immer unauffälligeren Chanturia eingewechselt wurde, geriet die Münchner Defensive sofort aufgeregt in Bewegung. Das wiederum war anders als im Spiel gegen Heidenheim. Es erinnerte vielmehr an das Spiel gegen Union Berlin. Thomas Bröker musste noch hinzukommen, damit in der Strafraummitte ein weiterer Stürmer Flanken aufnehmen konnte. Die Unruhe in der Münchner Defensive führte zu dem kuriosen Ergebnis, dass der Ausgleich bei der ersten Ballberührung Brökers aus einer recht statischen Situation heraus fiel. Flanke aus dem Stand heraus, Kopfballsprung fast aus dem Stand heraus, ein Kopfball nahezu in Rückenlage, der gegen den Innenpfosten trudelte, Richtung Tornetz sprang und vom Torwart auf diesem Weg zurückgeschlagen wurde. Wir lesen heute, Grund für einen Protest der 60er, die die Tatsachenentscheidung Tor als falsch ansehen. Hingegen hatte ich auch schon ohne Tatsachenentscheidung gejubelt – mit einer kurzen Irritation zwischendurch.

Die Stimmung war nun hochgekocht. Der Zorn der Münchner blieb erkennbar wie der Siegeswillen der Zebras immer mächtiger wurde. Zu Entlastungsangriffen kamen die Münchner nicht. Kurz nur sorgte ich mich, als Milos Degenek die gelb-rote Karte erhielt. Zu viele Erinnerungen an den Misserfolg gibt es in dieser Saison. Paderborn, das blitzte kurz auf, doch sofort war deutlich, kein Handballspiel-Imitat bekämen wir noch einmal zu sehen. Weiter ging es Richtung Münchner Tor, egal ob über die Mitte oder über die Außenbahnen. Der Ball musste irgendwie ins Netz. Das wollten die Spieler. Das wollten wir auf den Rängen. Das wurde geschrien. Das wurde bei jedem Angriff versucht, bis in der 85. Minute Victor Obinna jenen Angriff einleitete, den er selbst mit dem Führungstreffer abschloss.

Die Nachspielzeit bot noch einmal eine besondere Prüfung unserer Nerven. Drei-, viermal gelang es den Zebras nicht mehr, ruhig zu bleiben und den Ball in den eigenen Reihen zu halten. Dieser Ball war nur noch ein potentielles Gegentor. Möglichst weit weg vom eigenen Strafraum sollte er sein. Jeder Spieler des MSV schlug ihn nun weit nach vorne. Dummerweise kam der Ball augenblicklich wieder zurück. Zäh nur vergingen diese Minuten, in denen schließlich ein Münchner ein letztes Mal derart frei zum Schuss kam, dass ich den Ball schon zum Ausgleich im Netz gesehen hatte. Festgekrallt an der Schulter des Freundes bekam ich den Schlusspfiff nicht mehr richtig mit. Das Feiern des Sieges begann, und Erfolg im Abstiegskampf bedeutet nicht nur ein ekstatischer Jubel beim Führungstor. Erfolg im Abstiegskampf bedeutet auch, volle Zuschauerränge noch lange nach dem Schlusspfiff.

Morgen, morgen, morgen – Von Hoffnung und Enttäuschung

Eines weiß ich sicher, wenn morgen im Spiel des MSV Duisburg gegen den TSV 1860 München zum Ende hin noch nichts entschieden ist, werde ich es etwas einfacher im Stadion haben als letzten Sonntag vor den Bewegtbildern aus Nürnberg. Ich werde die mögliche Spannung in diesem Spiel besser aushalten können. Ob ich nicht dennoch die Kurve verlassen muss, wird der Tag zeigen. Ich stand schon einmal kurz davor, ohne dass die Bedeutung des Spiels damals die des morgigen Spiels erreichte. Wäre die Bedeutung des Spiels der Maßstab für das Zuschauerinteresse, das Stadion hätte seit Dienstag ausverkauft sein müssen.

Wenn 25.000 Zuschauer kämen, wäre das großartig. Jeder Tausenderschritt mehr wäre sensationell. Der MSV braucht für den Massenzuschauerandrang Erfolg in der Aufwärtsbewegung. Das Ringen um Bewahrung der Klasse und die Existenz ist weniger attraktiv in Duisburg, auch wenn es intensiver berührt und den Stamm des Publikums auf mehr Gemeinsamkeit einschwört – so die Hoffnung groß genug ist. Nun ist die Hoffnung seit Sonntag wieder da, und die immer größere Distanzierung von der Mannschaft durch Teile der Zuschauer wieder verschwunden. Von dieser Distanzierung soll heute aber gar nicht die Rede sein. Sie ist einen eigenen Text wert, weil diese Distanzierung meiner Meinung nach eng  mit dem Selbstbild Duisburgs und dem Selbstbewusstsein der Duisburger bezogen auf ihre Stadt verknüpft ist.

In fast jedem meiner Gespräche über den MSV kommt seit Sonntag diese ungeheure Anspannung des Nürnberg-Spiels zur Sprache. Ich habe noch nie von so vielen Freunden und Bekannten gehört, dass sie in der zweiten Halbzeit, sich das Spiel nicht mehr haben ansehen können, dass sie nur noch das Ergebnis hatten hören wollen, dass diese Drohung enttäuscht zu werden durch einen möglichen Ausgleich einfach zu viel wurde.

Nun stehen wir vor dem Spiel gegen den TSV 1860 München vor genau solchen Gefühlen und wissen nicht, wie wir mit damit umgehen sollen, welche Haltung wir diesem Spiel entgegenbringen sollen, um nicht zwischen Hoffnung und Enttäuschung hin- und hergeschüttelt zu werden. Auch das ist in jedem Gespräch Thema, all die Erinnerungen an die verpassten Gelegenheiten des MSV Duisburg, wenn es wider Erwarten noch die Möglichkeit gab, ein gestecktes Ziel noch zu erreichen. Diese Erinnerungen bedrohen unsere Hoffnung. Plötzlich ist die Chance auf den Klassenerhalt wieder vorhanden. Doch worauf können wir unsere Hoffnung bauen, außer auf das Bild der Tabelle? Zu oft hat die Mannschaft nicht das im Spiel erreichen können, was notwendig war. Das ist der Grund für diese Sorge vor dem Spiel, die in allen Gesprächen aufscheint, dieses Misstrauen, sich dieser Hoffnung tatsächlich voll und ganz zu verschreiben. Natürlich wird das im Stadion vor Ort dann anders sein. Aber so lange die Zeit noch läuft, die Gedanken herumschwirren, sehen wir neben den spielerischen Grundlagen für den Erfolg in Nürnberg auch all die Schwierigkeiten dieser Mannschaft, die es uns so schwer machen.

Das ist menschlich: Wir wollen unsere Hoffnungen groß und ungefährlich zugleich. Wir wollen nicht tief fallen, wenn es doch nicht klappt, was plötzlich wieder möglich scheint. Das gelingt nicht. Zumindest mir nicht und vielen anderen, mit denen ich gesprochen habe. Wir wollen nicht tief fallen, und die einzige Möglichkeit, das zu verhindern ist ein Sieg des MSV Duisburg. Meine Hoffnung ist sehr groß.

Endlich doch noch Zusatzarbeit mit dem Tabellenrechner

Lebensweisheiten sind etwas Wunderbares, passend für jede Gelegenheit. Letzte Woche noch half der Großmuttertrost bei der Niederlage gegen Heidenheim, nun hole ich ihn nach dem 2:1-Auswärtssieg des MSV Duisburg gegen den 1. FC Nürnberg noch einmal hervor. Es sei kein Schaden so groß, dass nicht ein Vorteil dabei ist, hat sie wohl immer gesagt, und vor welch großem Schaden stehe ich am Anfang der Woche doch schon wieder. Zusatzarbeit! Nun muss ich mich doch wieder um den Tabellenrechner kümmern. Aber was für einen großen, großen Vorteil das hat. Der MSV Duisburg hat wieder eine Chance im Kampf gegen den Abstieg.

Das Spiel selbst habe ich nur bis zur Halbzeitpause gesehen, genauer noch, eigentlich nur bis zum Führungstreffer des MSV durch  Kevin Wolze. Von dem Moment an spürte ich sämtliche Enttäuschungen dieser Saison schon mal gleichzeitig bei jedem Angriff der Nürnberger, bei jedem Fehlpass des MSV. Diffuse Bilder aus Leipzig und Fürth tauchten immer wieder in meinem Kopf auf, wo Kevin Wolze ebenfalls das Führungstor schoss und um mein Herz herum machte sich ein Ziehen bemerkbar. Ich habe es nicht ausgehalten, gerade weil diese Führung keineswegs glücklich zustande gekommen war. Ich habe es nicht ausgehalten, weil der MSV Duisburg gut im Spiel war und diese Mannschaft endlich einmal eine Belohnung für ihre Anstrengung verdient hatte.

2016-04-11_seufzerBis zur Halbzeitpause wagte ich zwischen meinen Endlosläufen durchs Wohnzimmer immer wieder einen Blick auf den Laptop-Bildschirm. Nach dem Wiederanpfiff aber war auch das vorbei. Einmal ließ ich das Browserfenster mit der Liveübertragung aufploppen und sah die Wiederholung vom 2:0 durch Steffen Bohl. Das linksrheinische Köln wird sich gewundert haben, wieso es von der Schäl Sick rüberschrie. Der FC spielte doch erst um 17. 30 Uhr.  Glücklicherweise fand sich gleichzeitig auch online  eine kleine Schicksalsgemeinschaft nach einem Facebook-Seufzer von mir zusammen. Thomas Beeking verhalf mir zu einem privaten Live-Ticker. Auf diese Weise wurde es mir möglich, den Spielstand zu verfolgen. Wenn ich in der Zusammenfassung die zwei großen Chance der Nürnberger zum Ausgleich sehe und Michael Ratajczaks Parade, bin ich immer noch dankbar auf diese gesundheitsschonende Weise das Spiel erlebt zu haben.

Wenn es am Freitag gegen den TSV 1860 München geht, ist das wie ein Viertelfinale im Pokal. Es geht um alles. Das Stadion müsste voll sein. Wenn alles normal läuft, Halbfinale gegen Düsseldorf, Finale gegen Sandhausen wahlweise die schwierigere Variante RB Leipzig. Die Mannschaft hat alles wieder in der Hand. Was für ein Wahnsinn. Wie oft hatte ich schon nach einem Spieltag abgeschlossen mit dieser Saison, und wie oft kamen die „verbotenen“ Gedanken während der Woche wieder. Zuversicht gibt mir die innere Stabilität, die diese Mannschaft trotz der Fehler in ihrem Spiel, ausstrahlt. Wir wissen aber, das Spiel gegen den TSV 1860 München wird schwerer als das gegen Nürnberg, weil die Münchner weitaus defensiver spielen werden als die Nürnberger. Der MSV wird das Spiel mehr gestalten müssen. Diese Woche aber gibt es keine verbotenen Gedanken mehr. Am Freitag ist wieder alles möglich.

Und hier nun der Stand der Dinge bei meinen Fieberfantasien mit dem Tabellenrechner, Abgleich Wirklichkeit und Prognose beim Zieleinlauf.

Fortuna Düsseldorf: Überprüft ihr heute Abend selbst. Tipp für heute: Niederlage
TSV 1860 München: -2
SCP Paderborn: – 1
MSV Duisburg: +/- 0

Tabelle nach dem letzten Spieltag sieht bislang so für mich aus.

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