Arbeitserleichterung samt verlorenen Illusionen

Meine Großmutter hat ihrem Sohn, also meinem Vater, neben manch anderem eine Lebensweisheit mit auf den Weg gegeben. Diese Lebensweisheit sollte Trost sein, wenn etwas nicht geklappt hat, und sie war Auftrag zugleich. Es sei kein Schaden so groß, dass nicht ein Vorteil dabei ist, muss sie wohl oft gesagt haben, und selbstverständlich hat mein Vater das bei passender notwendiger Gelegenheit  auch mir gegenüber wieder erwähnt.

Daran musste ich denken, nachdem der MSV Duisburg am Freitag gegen den 1. FC Heidenheim im Heimspiel mit 0:2 verloren hatte. Dieser Niederlage bedeutet weniger Arbeit für mich. Das wusste ich schnell und begann deshalb schon bald nach dem Schlusspfiff wieder nach vorne zu schauen. Diese Niederlage enthebt mich von der Aufgabe, nach jedem Spieltag meine Tabellenrechner-Fieberfantasie mit der Wirklichkeit abzugleichen. Unbescheiden darf ich dennoch darauf hinweisen,  die anderen Konkurrenten im Abstiegskampf hielten sich alle an meine Vorgaben. Nur dem MSV Duisburg missriet die unverzichtbare Arbeitsgrundlage für das Erreichen meines vorhergesagten Saisonziels. Ich sehe nicht, dass diese fehlenden drei Punkte stattdessen im Auswärtsspiel gegen den 1. FC Nürnberg eingefahren werden könnten. Das wäre in meiner Rechnung die einzige Chance den Schaden zu beheben.

Der Heimsieg war nicht möglich. Einmal mehr stieß die Mannschaft an ihre Grenzen. Sie glich damit meinen kleinen weißen Freunden des Immunsystems, denen es über 14 Tage auch nicht gelang, mehr als ein Unentschieden gegen Viren und Bakterien herauszuarbeiten. Deshalb war ich nicht im Stadion und musste am Bildschirm mit ansehen, wie ein in dieser Form nicht oft wiederholbarer Distanzschuss in der ersten Halbzeit die Führung für Heidenheim brachte. Das geschah in jener Spielphase, als der MSV Duisburg etwas die Oberhand zu gewinnen schien. Es war aber zugleich erkennbar, wie gefährdet die Mannschaft war bei ihren Versuchen, die Offensive druckvoll zu gestalten. Voraussetzung dafür war der kontrollierte Ballbesitz, und damit komme ich zurück zu diesem 1:0, bei dem der Schuss vielleicht von Glück begleitet war. Die Entstehung aber zeigt, warum es dem MSV Duisburg nicht gelingt, stabil erfolgreich zu sein.

Dem Tor ging ein Angriff der Heidenheimer über den linken Flügel voran. Wenn die Heidenheimer nach vorne spielten, wirkten sie gefährlich, auch wenn die Defensive des MSV bis dahin sich recht sicher bewegte. Auch dieses Mal konnte der Angriff selbst zunächst unterbunden werden. Thomas Meißner ließ sich dann sogar vom Gegenpressing nicht aus der Ruhe bringen und wollte die Situation spielerisch lösen. Die Ballbehauptung gegen den pressenden Stürmer war noch kein Problem. Der Pass danach ins Mittelfeld aber konnte dort nicht mehr gesichert werden. Der Pass kam zwar zu seinem Mitspieler – ich weiß gar nicht mehr, wer es war –  aber der Pass war nicht genau genug für die technischen Möglichkeiten des Passnehmers. Zu Pässen gehören zwei Spieler, und es geht mir nicht um Schuldzuweisung. Es geht mir um das Aufzeigen der spielerischen Grenzen, die momentan vorhanden sind. Aus dem Zusammenspiel zweier Spieler ergibt sich ein Fehler. Der Ball wurde von den Heidenheimern abgefangen, sofort ins Zentrum gepasst. Der Heidenheimer Spieler hielt drauf. Das Ergebnis kennen wir.

Die Einsicht ist natürlich banal. Der MSV macht Tore des Gegners wahrscheinlicher als es umgekehrt der Fall ist. Die Mannschaft muss im Verhältnis sehr viel mehr für ein Tor arbeiten als es die Gegner tun, weil der Mannschaft zu viele kleine Fehler passieren. Diese Mannschaft will. Sie kämpfte. Sie hat versucht den Rückstand auszugleichen. Es gab vereinzelte Spielzüge fast über das gesamte Feld, bei denen die Heidenheimer schlecht aussahen. Kevin Wolze wurde kurz vor der Pause wunderbar frei gespielt, sein Abschluss im Strafraum ging knapp am Tor vorbei. Der Ausgleich wäre verdient gewesen. Das schnelle 2:0 nach der Halbzeitpause habe ich nicht gesehen. Mein Fieber war zurückgekehrt. Ich fühlte mich schlecht. Der Rückstand tat dazu sein Übriges, als ich ihn sah. Mir war klar, das Spiel war verloren.

Meine kleinen weißen Freunde des Immunsystems haben seit Samstag endlich die Verstärkung erhalten, die dieses leidige Unentschieden allmählich in einen Sieg verwandelt. Der abgebende pharmazeutische Verein spricht von bewährter Durchschlagskraft, die sogar vor Sehnen nicht halt mache. Deshalb müsse ich meine Achillessehnen schonen. Kein Problem, dachte ich bei mir. Basketball pausiert, und in die Verlegenheit von Jubelsprüngen bringt mich der MSV momentan ja auch nicht. Auch der MSV hat diese Verstärkung gesucht und nur in Ansätzen gefunden. Was uns den Beweis erbringt, so eine Fußballmannschaft ist ein sehr viel komplexeres System als  ein menschlicher Körper.

Der Stig hat übrigens ziemlich gemeckert, weil sich die Fans in der Kurve von der Mannschaft so abgewendet haben wie am Freitag. Respekt, fügte er noch hinzu, Respekt vor der Mannschft, die sich den wütenden Stimmen dort in der Kurve gestellt hat. Vielleicht schreibt er demnächst mal was dazu. Diese Distanzierung der Fans von der Mannschaft bahnte sich bei den Auswärtsspielen in Braunschweig und Paderborn schon an. Ich kann das auch nicht verstehen. Es ist für mich so offensichtlich, dass diese Spieler an ihre Grenzen gehen. Meine kleinen weißen Freunde des Immunsystems habe ich auch nicht beschimpft, obwohl ich genervt von ihnen war. Sie gehören zu mir. Wie die Spieler des MSV. Ich mache ihnen keinen Vorwurf und kann dennoch sagen, dass sie nicht gut genug spielen.

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