Archiv für Mai 2016

Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 30: Mittelklasse mit Ruhrpott

Einiges weist darauf hin, dass die Punkcombo Mittelklasse ein kurzlebiges Projekt wiederbelebter Punkbegeisterung ist. Viel findet sich jedenfalls im Netz über die Band nicht. Konzerttermine, die schon länger zurück liegen und eine Facebook-Seite, auf der der letzte Eintrag nun auch schon fast drei Jahre alt ist. 

Ungeachtet dessen gibt es mit Ruhrpott ein Stück der Band, das fraglos in die Heimatlied-Sammlung gehört. Zentrale Motive des Lieds für das Gefühl zu Hause zu sein, sind viele Menschen, die malochen, die A40 und Fußballfieber. 5 Millionen leben hier, 4 Millionen malochen hier. Punk gefühlvoll, eine schöne Mischung.

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

Halbzeitpausengespräch: Die 9. Offene Lesebühne von DU schreib(s)t am 1.6. – Junge Texter und Autoren treten auf

Ein halbes Jahr ist wieder vergangen. Ihr könnt Kindern und Jugendlichen erneut von der Offenen Lesebühne in Hamborns Bücherei erzählen. Am Mittwoch, den 1. Juni findet sie wieder in der Bezirksbibliothek Hamborn um 16.30 Uhr.

Einmal im Halbjahr bietet DU schreib(s)t, das Duisburger Netzwerk für literarisches Schreiben von Jugendlichen, im Norden Duisburgs eine offene Lesebühne, damit junge Duisburger sich mit ihren Werken dem Publikum präsentieren können. Alle jungen Schreibenden sind gefragt. Jeder kann kommen. Jeder erhält die Möglichkeit, seinen Text zu lesen.

DU schreib(s)t – 9. offene Lesebühne
Junge Duisburger lesen aus ihren Texten
Ort: Bezirksbibliothek Hamborn, Schreckerstr. 10
Zeit: 1. Juni  2016 um 16.30 bis ca. 18.00 Uhr

Bei Lampenfieber stehe ich als Moderator des Nachmittags den Jugendlichen zur Seite. Was gelesen wird, bestimmen die jungen Duisburger selbst. Das können sowohl Rap als auch Liedtexte sein oder nur ein Gedicht. Es kann eine Kurzgeschichte sein oder der Ausschnitt einer längeren Erzählung. Von der Teilnehmerzahl hängt ab, wie viel Auftrittszeit jemand auf der Bühne bekommt.

Anmelden wäre schön, aber selbst der spontane Sprung auf die Bühne ist möglich. Wer schon jetzt weiß, dass er am 1. Juni auf die Bühne möchte, schreibt eine E-Mail an ralf.koss[at]web.de, meldet sich in der Bücherei Hamborn oder ruft im Jugendzentrum Zitrone unter 0203-479 48 88 an.

DU schreib(s)t – Eine Initiative von Lemonhaus e.V.
Im Programm vom Kulturrucksack NRW
in Kooperation mit
Jugendzentrum Zitrone, Jungs e.V., jugendstil – kinder- und jugendliteraturzentrum nrw, Bezirksbibliothek Hamborn, Förderschule Kopernikusstraße, Gesamtschule Emschertal, Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium, Gesamtschule Meiderich,
GGS Kampstraße, Max-Planck-Gymnasium, PSAG– Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft Duisburg, Bürgerhaus Neumühl

Fundstücke – Jorge Valdano und Wolfgang Grupp in der SZ vom Wochenende

In der Süddeutschen Zeitung vom Wochenende gibt es es ein Interview von einer Seite, das Javier Cáceres mit Jorge Valdano geführt hat. Man weiß, der heute 60-jährige Ex-Profi von Real Madrid macht sich viele kluge Gedanken über den Fußball. Einen dieser Gedanken aus dem Interview möchte ich hervorheben, weil er über den Fußball hinausweist.

Javier Cáceres und Jorge Valdano kamen auf die wirtschaftliche Macht des englischen Fußballs zu sprechen und über die Folgen, die das Geld haben wird, das die Fußballunternehmen dort in diesem Jahr zur Verfügung haben.

Welchen Effekt wird das haben?
Sie werden mit dem Besen zusammenkehren, was essenziell ist im Fußball: Talent. Die Frage ist dann aber, was sie mit so viel Talent anstellen. Wenn man keinen Geschmack hat, ist es fast viel schlimmer viel Geld zu haben; dann siehst du verkleidet aus, wenn du Armani trägst. […]
Was setzt man gegen die Macht des Geldes?
Kultur.

Jorge Valdano sagt nur dieses eine Wort dazu. Offensichtlich meint er nicht nur die Spielkultur einer Mannschaft, sondern etwas Gewachsenes, etwas was sich nicht allein auf den Sport beschränkt. Es geht um etwas, was sich nicht kaufen lässt.  Weil er selbst als Sportchef für Real Madrid gearbeitet hat, braucht er auch nicht darüber reden, dass Kultur ohne finanzielle Grundlage unmöglich ist.

In derselbsen Ausgabe gibt es im Wirtschaftsteil ein Interview mit dem Unternehmer Wolfgang Grupp, der Inhaber des Textilunternehmens Trigema. Thema des Interviews ist die neue Werbestrategie des Unternehmens. Anscheinend wurde nur für die Werbung ein sehr großes Luftschiff gebaut, das seinen Jungfernflug am Tag des Pokalfinales hatte und dabei in Berlin über dem Stadion flog. Der Kapitän des Luftschiffes berichtete danach, der DFB habe sofort einen Hubschrauber aufsteigen lassen, um zu prüfen, ob alle Genehmigungen auch ordnungsgemäß waren.

Wolfgang Grupp ist als Mann deutlicher Worte bekannt und kommentiert die Nachfrage:

Als der DFB kam, hat Kapitän dann abgedreht?
Natürlich nicht; es war ja alles ordentlich vorbereitet und genehmigt, aber sicher hat sich der DFB geärgert, dass wir indirekt eine kostenlose Werbung hatten. Es ist ja interessant, dass der Fußball-Bund sich um solche Dinge sofort kümmert und dafür auch noch sinnlose Kosten ausgibt, etwa einen Hubschrauber aufsteigen lässt, obwohl er ja selber mit einigen Skandalen nicht gerade positiv aufgefallen ist. Aber Geld scheint ja bei diesen Herr nicht unbedingt eine Rolle zu spielen.

 

Fußballgefühle wie früher

Faszinosium Fußball – das Finale der Champions League zwischen Atletico und Real erinnerte mich tatsächlich an die Spiele vom MSV Duisburg. Was habe ich mich gestern gelangweilt. Wie erinnerte die Dynamik des Spiels an die meist ergebnislosen Bemühungen um Schnelligkeit beim MSV. Was habe ich dem Überangebot im Netz gedankt für ablenkende Zerstreuung. Über weite Strecken des Spiels musste ich fortwährend an den MSV Duisburg beim Auswärtsspiel gegen Paderborn in der letzten Saison denken.

So jung habe ich mich dabei gefühlt. Früher, in den 70ern und 80ern war das eigentlich immer so für mich. Viel mehr als Fußball mit deutscher Beteiligung bekam man im TV ohnehin nicht zu sehen, und weil Fußball meist über lange Strecken eines Spiels langweilig war, war für mich nur der Fußball des MSV Duisburg wirklich wichtig. In Abstufungen kamen die Länderspiele und Europapokalspiele deutscher Mannschaften hinzu. Faszinosium Fußball hieß früher Sieg oder Niederlage meines Vereins.

Eine Zeit lang wurde das anders, weil die technischen Fähigkeiten der Spieler besser wurden. Weil es tatsächlich interessant wurde, die Kunstfertigkeit in anderen Spielen sich anzusehen. Heute aber fühle ich mich allzu oft an meine Jugend erinnert. Heute geht es mir wieder immer mehr so, dass mich nur noch Sieg oder Niederlage meines Vereins interesssiert. Denn ich bin ungnädiger geworden, wenn ich Fußballspiele ohne meinen Verein sehe, die mir als besondere Fußballspiele dargeboten werden. Wir wissen das, diese sollen ein konkurrenzloses Unterhaltungsangebot sein. Ein Angebot der Unterhaltungsindustrie aber, das nicht unterhaltsam ist, ist ein schlechtes Angebot. Das Eis ist dünn geworden für den Fußball als Angebot der Unterhaltungsindustrie. Zumindest bei mir. Ob es da wieder rausgeht?

Halbzeitpausengespräch: Junges Licht – Die Ruhrstadt der 60er im Kino

Gestern hat für Junges Licht von Adolf Winkelmann die dritte Kinowoche begonnen. Den Film über eine Bergarbeiterfamilie zu Beginn der 1960er Jahre in der Ruhrstadt sahen in den bisheringen 14 Tagen Laufzeit laut Produzentenallianz.de 24.000 Kinobesucher, davon 5.100 in der zweiten Woche. Das könnten ruhig noch ein paar mehr Kinobesucher werden. Zeit für ein paar weitere hinweisende Worte nach den sehr guten Kritiken zum Filmstart, die Google News mit einem weiteren Klick auflistet.

Als Vorlage für Junges Licht hat Adolf Winkelmann der gleichnamige Roman von Ralf Rothmann gedient. Ein Autor der Geschichten des Ruhrgebiets hat für seine Worte jenen Filmemacher des Ruhrgebiets bekommen, der für diese Worte berührende und ausdrucksstarke Bilder fand, der ein bis in die Nebenrollen großartig besetztes Schauspielerensemble zusammenstellte und der  atmosphärisch dicht die Wirklichkeit um 1960 herum wieder erweckte.

Eine starke, vorwärtstreibende Handlung darf man nicht erwarten, wenn man sich diesen Film ansieht.  Junges Licht erzählt nicht mehr als den Alltag der Ruhrstadt jener Zeit vor allem aus der Perspektive des zwölfjährigen Julian Collien, und das ist vollauf genug. Sein Vater arbeitet unter Tage, die Mutter ist in ihrer Ehe frustiert. Für seine kleine Schwester ist er öfter verantwortlich als ihm lieb ist. Kinder sind damals meist sich selbst überlassen und erhalten Aufmerksamkeit dann, wenn sie den Ablauf des Alltags stören. Aufmerksamkeit bedeutet die Tracht Prügel von der Mutter mit dem Kochlöffel, bis der zerbricht.

Wir erleben mit Julian Collien seine in Teilen schmerzhafte Emanzipationsgeschichte. Einige Sehnsüchte bestimmen sein Leben, vielem ist er einfach ausgesetzt. Für Erwachsene hat er kaum Mitspracherecht. Das 15-jährige Nachbarsmädchen spielt mit seinem erwachenden Interesse für das andere Geschlecht. Einer „Bande“ möchte der empfindsame Julian angehören, einer Welt, die ihm eigentlich fremd ist und in der er ausgenutzt wird. Der Hausbesitzer sucht auf verstörende Weise seine Nähe. Viel wird in Junges Licht nur angedeutet. Manche Nebenlinie bleibt offen. So schafft Adolf Winkelmann Raum für Atmophäre. Wer die direkte Sprache und den trockenen Humor des Ruhrgebiets liebt, wird an den Dialogen seine helle Freude haben. Allein das musikalische Leitmotiv dieses Films riss mich aus der dichten Atmosphäre des Films kurz hinaus, sobald es erklang. Es wirkt auf mich zu modern, zu schnell und nicht stimmig.

Es ist nichts Neues, welch großartiger Schauspieler Charly Hübner ist, aber wie ihm das Sprechen des Ruhrgebiets als Julians Vater, Walter Collien, über die Lippen kommt, ist erstaunlich. Man kann es kaum glauben, dass solch eine selbstverständliche Ruhrpott-Färbung jemand spricht, der in Neustrelitz, im Nordosten Deutschlands, aufgewachsen ist. Lina Beckmann als dauerrauchende Mutter Liesel Collien beindruckt so sehr wie der junge Oscar Brose in der Rolle Julians. Man müsste sie alle bis in die Nebenrollen erwähnen diese Schauspieler, weil sie jede Szene für sich genommen so berührend, manchmal komisch, immer kraftvoll und lebendig haben werden lassen. Egal ob Greta Sophie Schmidt, die die 15-jährige Marusha auf der Grenze zwischen mädchenhafter Naivität und weiblicher Verführung spielt; ob Peter Lohmeyer,  der die pädophile Neigung des Hausbesitzers so subtil in der Schwebe hält oder Ludger Pistor als polternder Pfarrer, dem seine Berufung manchmal auch nicht mehr ist als lästiger Berufsalltag.

Doch wie gesagt, zunächst muss man sich auf das langsame Erzählen und das Fehlen eines starken Plots einlassen. Wäre der Film in Frankreich produziert worden, würde man solch ein Erzählen auch unabhängig von der Kritik als ureigene Qualität des Films wahrnehmen. Ohne Frage hätte das Gütesiegel Frankreich schon für mehr Zuschauer gesorgt. Noch läuft der Film in den Kinos – Junges Licht eigentlich ein Pflichtprogramm für Ruhrstadt-Kinogänger.

Im Wikipedia-Artikel zu Junges Licht ließe sich vorab noch weitere Eindrücke von Handlung und Kritik gewinnen.

Zudem der Trailer zum Film

 

Und eine der berührendsten Szenen des Films – das Vater-Sohn-Gespräch über die Zukunftsvorstellungen von Julian

 

 

Wann beginnt nochmal der Dauerkartenverkauf für die nächste Saison?

Mir ist noch nicht klar, ob ich zum Rückspiel der Relegation vom MSV gegen die Würzburger Kickers gestern noch etwas schreiben werde.  Im Zebrastreifenblog sind die Fakten des Spiels ja nur Grundlage für etwas anderes. Mit meinem Schreiben über Fußball möchte ich immer über den Fußball hinausweisen. Für reine Sportberichterstattung gibt es Leute, die dafür bezahlt werden. Mich langweilt das auch. Dieses Spiel gestern bietet keine Geschichte. Dieses Spiel war mit dem Ausgleich vorbei, und dieser Ausgleich fiel früh. Das gilt sowohl für den zeitlichen Abstand zum Führungstor als auch für den Zeitpunkt im Spiel. Die 40. Minute war noch nicht einmal angebrochen. Es war früh, und ich ärgerte mich nur kurz. Zu mehr war ich nicht mehr fähig.

Beide Spiele der Relegation bieten in ihrem Ablauf nichts für eine Geschichte. Die gesamte Relegation bietet nichts für eine Geschichte. Das liegt vor allem daran, dass die anderen Geschichten in den Wochen zuvor über den MSV Duisburg zusammen mit uns auf den Rängen so ungeheuer dramatisch waren. Die Mannschaft führte uns in emotionale Höhen und ließ uns von dort im freien Fall mehrere Male hart in der vermeintlichen Tiefe des Abgrunds aufschlagen. Das schmerzte so sehr, dass wir uns schon am Ende dieser Saison wähnten, der Aussichtslosigkeit des Abstiegs. Doch die Tiefe des Abgrunds erwies sich mehrmals als Felsvorsprung auf halbem Weg. Die Mannschaft und wir auf den Rängen standen auf. Wir kletterten wieder hoch. Das war unglaublich. Staunend sahen wir uns immer wieder an, wenn wir die plane Fläche direkt neben dem Abgrund erreichten.

Der Mensch ist auf dieser Erde deshalb so eine erfolgreiche Spezie der Säugetiere geworden, weil es keine andere konkurrierende Art zu einer derartigen Meisterschaft der Anpassung gebracht hat. Egal bei welchen Lebensbedingungen, der Mensch pegelt seinen Zustand auf dieser Welt auf Normalität ein. Das gelingt über Generationen, wenn es um klimatische Bedingungen geht. Das macht jeder für sich selbst, wenn es um die Emotionen geht. Anscheinend war der Ausnahmezustand Fall in den Abgrund für mich so normal geworden, dass ich gestern staunend merkte, wie nervenschonend ich mir dieses Spiel anschauen konnte. Der Grund war nicht nur die Chancenlosigkeit des MSV in diesem Spiel. Wir hatten den Abstieg in dieser Saison schon oft genug erlebt. Als Zwischenresultat in einem einzigen Spiel, aber auch als Gefühl, wenn nach dem Abpfiff die Niederlage feststand. Für mich ist dieses Erleben anscheinend so normal geworden, dass ich nicht mehr mit größeren Gefühlsausschlägen reagiert habe.

Der MSV Duisburg ist abgestiegen. Mich schmerzt das heute nicht sehr. Heute Nacht, als ich nach Hause kam, war ich leer. Ich fand keine Worte für diesen Verlauf der Relegation. Ich sah nur dieses Missverhältnis zwischen der ungeheuren Intensität in den letzten Wochen der regulären Saison und dem, was in den beiden Relegationsspiele von der Mannschaft zu sehen war und was ich selbst dabei empfand. So viel Anstrengung für so wenig, fast nichts in der Relegation. Auf dem Rasen war Freitag und gestern von der Intensität der entscheidenden Meisterschaftspiele kaum etwas zu spüren. Jeder einzelne Spieler kämpfte, das war sichtbar. Diese Einzelanstrengungen konnten aber nicht zusammen geführt werden zu einem geschlossenen Ringen und Kämpfen gegen den Abstieg. Die Mannschaft hat gestern die Stimmung im Stadion zu Anfang des Spiels nicht aufgenommen. Der Versuch, das Spiel zu kontrollieren, stand dem im Weg. Das kontrollierte Spiel des MSV emotionalisiert nicht, unkontrolliertes Spiel birgt aber unkontrollierte Risiken. Vielleicht hätte man die eingehen müssen? Vielleicht hätte Würzburg dann schon nach zehn Minuten wieder geführt? Müßige Fragen.

Der MSV Duisburg ist abgestiegen nach nur einer Saison in der 2. Liga. Die finanzielle Lage macht die Zukunft schwierig. Uns beschäftigt also einmal mehr die Frage, erhält der Verein die Lizenz für die 3. Liga. Welche Aussichten gibt es in der nächsten Saison mit welchem Etat? Einmal mehr wissen wir,  der sofortige Wiederaufstieg müsste das Ziel sein. Der Teufelskreis Schuldenanstieg und abnehmende Kaderqualität droht wieder. Ist er schon Wirklichkeit? Diese Fragen sind gestern Abend nach dem Schlusspfiff aufgetaucht.

Heute aber denke ich schon wieder: MSV Duisburg. Der Verein ist da, und das ist verdammt nochmal großartig. Vor knapp 3 Jahren konnte das niemand sicher sagen. Die Rettung des Vereins damals zeigte, der MSV Duisburg, das ist mehr als der Wettkampfsport Fußball. Der MSV, das sind die Menschen, die von diesem Verein bewegt werden. Der MSV, das ist die Verbundenheit zwischen diesen Menschen. Der MSV, das ist das soziale Engagement dieser Menschen für Kinder in Duisburg, die in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen aufwachsen Der MSV, das ist das grenzüberschreitende Engagement seiner Anhänger für elternlose Kinder in Afrika. Der MSV, das ist der Einsatz seiner Anhänger für Gerechtigkeit und Toleranz in der Stadtgesellschaft Duisburgs. Der Fußball des MSV Duisburg ist nur Anlass für all das. Deshalb ist der MSV Duisburg sehr viel mehr als dieser Wettkampfsport. Deshalb ist dieser MSV mehr als die Niederlage im Kampf um den Klassenerhalt.

Wann beginnt der Dauerkartenverkauf? Ich beginne mich auf die nächste Saison zu freuen. Klingt komisch, ist aber so.

 

Warum der Klassenerhalt wichtig ist – BILD erklärt

Erst heute habe ich verstanden, warum der Klassenerhalt so wichtig ist. Die Schlagzeile der BILD klärt auf. Nur der Klassenerhalt verhilft dem MSV Duisburg zur sicheren Lizenz für die 3. Liga.

 

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Nicht zuletzt aus diesem Grund sind auch wir auf den Rängen besonders gefordert. Für ein Wunder hielte ich den Klassenerhalt nach einem 2:0-Rückstand übrigens nicht, auf den Gesamtverlauf der Saison trifft das Wort natürlich, aber in der Relegation alleine bringt mir dieses Wort zu viel Aussichtslosigkeit mit sich. Aber selbstverständlich wird es verdammt schwer, und wir auf den Rängen werden da sein. Was am Samstag erst in Ansätzen zu spüren war, steht nun außer Frage. Das Stadion wird die „Hölle“, die Bernd Hollerbach für seine Spieler erwartet und wie ich es am Samstag nur erhofft hatte.

 

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Das Stadion ist ausverkauft. Die Mannschaft des MSV Duisburg wird nun hoffentlich ihren Teil zum Klassenerhalt dazu tun. Wir sind alle bereit. Endspieltag.

Fußball ist doch auch nur eine andere Form Tennis

Sportbegeistert wie ich durchs Leben gehe, habe ich ja schon die ein und andere sportliche Mode in Deutschland mitgemacht. Als nach dem ersten Wimbledon-Sieg von Boris Becker 1985 das Tennis neben dem Fußball zum bedeutendsten TV-Sport wurde, staunte ich immer wieder, wie fokussiert Tennisspieler – ich meine Frauen wie Männer – auf jeden einzelnen möglichen Punktgewinn sind.

Egal, wie hoch der Gegner in einem Satz führt, die Kunst der Besten bestand immer darin, diese hohe Führung im eigenen Kopf zum Verschwinden zu bringen. Ich sah zu und staunte, wie sie selbst bei hohem Rückstand im Satz sich auf diesen einen Aufschlag und den folgenden Ballwechsel konzentrierten. Als Zuschauer wusste ich, der nächste Fehler bringt sie der Niederlag so nahe, dass jeder neue Ballwechsel in meinen Augen auch gleich abgeschenkt hätte werden können. Nichts dergleichen geschah.

Oft genug sah ich dann zu, wie es Spielern gelang, diesen einen Ballwechsel noch zu gewinnen. Dann folgte ein weiterer Punktgewinn und schließlich war der eigene Aufschlag durchgebracht. Der Aufschlag wechselte, und weiter wurde Ballwechsel um Ballwechsel der Rückstand vermindert.

Diese Fähigkeit im Moment zu bleiben und sich von der Gesamtsituation zu lösen ist das, was die Spieler vom MSV Duisburg morgen brauchen. Im Grunde ist der Fußball morgen nur eine andere Form Tennis. In jeder Spielsituation geht es um deren erfolgreiches Bestehen als Einzelaktion. Bei jedem Angriff geht es nur darum ein Tor zu erzielen. Bei jeder Defensivaktion gilt es diesen einzelnen Ball zu erobern. Mehr nicht. Das müssen die Spieler im Kopf haben. Der Rest ergibt sich von alleine. Hoffentlich kennt Ilia Gruev   professionelle Tennisspieler, mit denen er sich schon mal ausgetauscht hat.

Wir Zuschauer im Stadion werden unseren Teil ebenfalls beitragen müssen. Wir dürfen den Trainer der Würzburger Kickers, Bernd Hollerbach, und seine Spieler auch nicht enttäsuchen. Bernd Hollerbach erwartet die „Hölle“ für seine Mannschaft. Wir müssen also die Zebras sehr laut unterstützen. Nicht nur die Nord, das ganz Stadion. Wie schon geschrieben, gegen Leipzig hat das schon einmal sehr gut geklappt. Das wiederholen wir einfach, nur sehr viel länger und von Anpfiff an.

Wenn eine Befürchtung wirklich wird

Nun spielt auch der Tatort heute Abend in Würzburg. Die Nürnberger Tatort-Kommissare machen einen ermittelnden Ausflug. Mir hilft das, wenigstens ein paar Worte noch zum Hinspiel der Relegation  zu schreiben. Eigentlich schaue ich nämlich nicht mehr zurück. Eigentlich bin ich mit jedem Gedanken schon beim endgültigen Endspiel um den Klassenerhalt am Dienstagabend und bereite mich vor. Eigentlich will ich so schnell wie möglich auf meinem Platz im Stadion stehen und mit aller Energie die Mannschaft nach vorne treiben, zusammen mit allen anderen auf den Rängen. Ich will ein frühes Tor der Zebras herbeischreien, den folgenden Ausgleich des 2:0-Rückstands und dann weitersehen. Lese ich im Netz herum, weiß ich mich nicht alleine. Überall gibt es wieder die kämpferischen Stimmen. Überall wird die Hoffnung auf die kleine Chance im Rückspiel lebendig. Überall wird nach vorne gesehen.

Der Tatort gibt mir aber etwas zur Hand, um ein letztes Mal zurück zu blicken. Überraschend sind Tatorte so gut wie nie. Wir wissen fast immer, was auf uns zukommt. Mit der Relegation verhält es sich nun ebenso. Vor dem Spiel in Würzburg hatte ich befürchtet, es könne sich wiederholen, was wir beim MSV Duisburg diese Saison mit einer einzigen Ausnahme im Spiel gegen Düsseldorf gesehen haben. Ich hatte gehofft, wir kämen drum herum. Dem ist nicht so. Wenn die Mannschaft etwas zu verlieren hatte und gegen Gegner auf vermeintlicher Augenhöhe spielte, war sie zu vorsichtig, häuften sich Fehler, nutzte keine Anstrengung eines jeden Spielers. Erst wenn fast alles verloren schien, konnte der Gegner unter Druck gesetzt werden. Vielleicht waren erst dann die Köpfe frei. Es gab nichts mehr zu verlieren. Es gab nur noch etwas zu gewinnen.

Das Spiel in Würzburg erinnerte an das Auswärtsspiel in Sandhausen. Die Kickers suchten vom Anpfiff an ihre Chance. Sie hatten nichts zu verlieren. Sie konnten frei aufspielen. Die Aufgabe der Zebras war es, dem Offensivdruck dieser ersten Minuten Stand zu halten. Das schien allmählich zu gelingen. Auch der MSV konnte Angriffe in die Nähe des Strafraums bringen, wenn auch in der Defensivbewegung auf dem gesamten Feld oft noch der ein und andere Schritt zu spät kam. Dann kam der Elfmeterpfiff und der Führungstreffer für die Kickers.

Der Elfmeterpfiff gegen den MSV gehört für mich in die Rubrik Erklärungsbedarf, auch wenn er anscheinend nicht weiter diskutiert wird. Der hohe Ball fiel in den Schussraum von Kingsley Onuegbu. Er wollte den Ball mit hohem Bein rausschlagen und traf den von der Seite in seinen Schussraum hineinspringenden Würzburger Stürmer am Kopf. Spektakulär sah das aus, eine Platzwunde war die Folge, aber Verantwortung hatte der Stürmer genauso. Oder ist jedes hohe Bein im Strafraum potentiell ein gefährliches Spiel? Schiedsrichter, helft mir.

Nach dem Führungstreffer bemühten sich die Zebras unbeeindruckt weiter zu spielen. Die Würzburger standen defensiv sicher und suchten ihre Konterchancen. Angestrengt wirkte das Duisburger Bemühen, und es blieb erfolglos. Dagegen wirkte jeder begonnene Kickers-Konter im Ansatz gefährlich, weil Pässe ankamen, oft sicher verarbeitet oder schnell weiter geleitet wurden. Ab der 30. Minute aber erspielte sich der MSV eine leichte Überlegenheit. Die Würzburger gerieten tatsächlich etwas unter Druck. Als Folge schoss Kevin Wolze kurz vor der Halbzeitpause an den Pfosten. Die Chance zum Ausgleich war vorüber.

Nach der Pause schien die Mannschaft wieder gehemmt zu sein. Vielleicht schien das 1:0 keine zu schlechte Ausgangsposition für das Rückspiel? Vielleicht war die Sorge vor einem weiteren Würzburger Tor zu groß? Jene Dynamik im Spiel des MSV der letzten Viertelstunde in der ersten Halbzeit war jedenfalls wieder verschwunden. Übrig blieben lange Bälle in die Spitze, ohne dass sie abgelegt werden konnten oder auf andere Weise für Gefahr sorgten. Auch die Würzburger riskierten kaum etwas. Sie hatten ihre Konter und wie in der ersten Halbzeit bargen sie Gefahr, sobald die Mittellinie überquert war. Einmal hatten die Zebras Glück, das zweite Mal in der 80. Minute fehlte das. Branimir Bajic konnte den scharfen Pass in die Mitte nicht verhindern. Im Strafraum gelang dem Würzburger Stürmer ein klassischer, schwer zu verteidigender Mittelstürmerschuss zum 2:0.

Im Tatort wird am Ende fast immer die Lösung des Falls schön aufbereitet erzählt. Damit auch noch der schläfrigste Zuschauer alles versteht. Es ist ein Erzählmuster, wie auch der MSV Duisburg in dieser Saison das immer selbe Erzählmuster für die Entwicklung seiner Spiele und für den Saisonverlauf selbst genutzt hat. Was ich Freitag noch befürchtet hatte, ist nun meine Hoffnung. Am Dienstagabend sind die Vorzeichen nun umgekehrt, die Würzburger Kickers haben etwas zu verlieren.  Der MSV besitzt nichts mehr. Er kann nur noch gewinnen. Ein letztes Mal kann das Erzählmuster dieser Saison erfüllt werden. Die ganze Saison in der Relegation en miniature, wie wir Franzosen gerne sagen. Das ließe ich mir gefallen. Das ist meine große Hoffnung für Dienstag.

 

 

Es wird verdammt schwer, und wir sind da

Bevor ich hier irgendetwas zum Hinspiel der Relegation schreibe, ist anderes sehr viel wichtiger: Unsere Spielvorbereitung für Dienstagabend. Seit gestern, 21 Uhr, hat diese Spielvorbereitung für mich begonnnen. Ich hoffe, das gilt für jeden, der ins Stadion kommt. Für mich hieß es als erstes, Enttäuschung aushalten, den Ärger rausschimpfen, dann noch ein Bier trinken, sich beruhigen. Die spät in der Nacht nochmals aufwallende Enttäuschung habe ich schon nur noch verächtlich angesehen und stehen gelassen. Soll sie irgendwoanders ihr Glück versuchen. Heute morgen der Samstagsalltag zur weiteren Ablenkung, und seit dem Mittag weiß ich, der Dienstag kann kommen.

Es wird verdammt schwer, mit dem 2:0-Rückstand den Klassenerhalt noch zu schaffen. Das wissen wir alle. Aber wie oft haben wir in dieser Saison so einen Satz mit „es wird verdammt schwer“ schon gesprochen? Wie oft schien die Situation der Mannschaft nahezu aussichtslos? Aussichtsloser als jetzt.  Es wird verdammt schwer, aber mit der Unterstützung von uns Zuschauern kann es gelingen.

Nach der Halbzeitpause im Spiel gegen Leipzig sah es für 15 bis 20 Minuten nicht mehr gut für den MSV Duisburg aus. Dass die Mannschaft die Spielkontrolle zurückgewann, haben wir Zuschauer auf den Rängen durch unsere Unterstützung mitgeschafft. Stellt euch vor, ich könnte nach dem Spiel gegen die Würzburger Kickers  die Worte zu dem Spiel gegen Leipzig wiederholen:

Das gesamte Publikum spürte, diese Mannschaft braucht Unterstützung und zwar nicht nur die Unterstützung des Stimmungsblocks. Diese Manschaft braucht das ganze Stadion, und das Stadion war da. Das Anfeuern aus der Nord wurde auf den Geraden aufgegriffen, und es wurde laut. Pausen bei diesem Anfeuern gab es nicht mehr. Ununterbrochen wurde nun die Mannschaft zu jener Stärke getrieben, die sie…

Stellt euch vor, ich könnte diese Sätze mit einer kleinen Änderung im letzten Teil noch einmal schreiben. Damit ich denn dann stimmigen Rest des Satzes schreiben kann, muss das ganze Stadion am Dienstagabend bereit sein, die Mannschaft des MSV bedingungslos zu unterstützen, nicht nur die Nord, auch die Geraden und die Süd. Das ganze Stadion muss da sein. So lange es irgend geht.

Es wird verdammt schwer für die Mannschaft, bei diesem 2:0-Rückstand den Klassenerhalt zu schaffen. Mit dem Stadion im Rücken kann es gelingen.


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