In Halbfinalen kennt man sich – Erinnern mit REFAIT

Nach dem Sieg Frankreichs gegen Island gestern Abend findet am Donnerstag bei einer Fußballeuropameisterschaft ein Halbfinale statt, dass es bei einer Weltmeisterschaft schon einmal gegeben hat. Zur Einstimmung auf das Spiel hat sich in diesen Räumen das Abspielen einer Art „Dinner for one“ der  deutsch-französischen Turnierbegegnungen etabliert. 2010 entstand der Kurzfilm „Refait“, ein zeitloses Werk, mit dem das Künstlerkollektiv Pied la Biche  die letzten 15 Minuten des Halbfinales der Fußballweltmeisterschaft 1982 zwischen Deutschland und Frankreich so detailgetreu wie möglich in der französischen Stadtlandschaft von Villeurbanne nachstellte und das durch die französische TV-Übertragung vermittelte Originalgeschehen im Splitsceen daneben setzte.

Auch wenn mein Französisch mirnur noch in Grenzen zugänglich ist, weiß ich „refaire“ als Grundform für das Partizip „refait“ bedeutet etwas „noch einmal machen“. Dennoch warf ich einen Blick in „Langenscheidts Großes Schulwörterbuch“ aus den 70ern, und nur deshalb brachte der Titel „REFAIT“ das Wortspiel zum Leuchten. Zumindest in der damaligen Umgangssprache bedeutete „refait“ auch „geklaut“  und als Adjektiv hieß es „betrogen“. In den Netz-Lexika finde ich für diesen Sinn heute keine Hinweise.

Ich vermute dennoch, der Titel des Films erinnert an das Grundgefühl der Franzosen nach der damaligen Niederlage der französischen Nationalmannschaft im Elfmeterschießen. Frankreich war nicht nur enttäuscht, in der Enttäuschung schwang auch das Gefühl mit, ungerecht behandelt worden zu sein. Die dafür entscheidendende Szene des Dramas ist nicht nur uns Älteren bekannt: Der deutsche Torhüter Harald Schumacher springt in brutaler Straßenschläger-Manier außerhalb des Strafraums Patrick Battiston an und trifft ihn mit Ellbogen und Hüfte im Gesicht. Der Schiedsrichter pfiff kein Foul, und Schumacher zeigte sich von der schweren Verletzung Battistons völlig ungerührt. Battiston war bewusstlos liegen geblieben, hatte zwei Zähne verloren und ein Halswirbel erwies sich im Krankenhaus als gebrochen. Dieses Foul und Schumachers Reaktion nach dem Spiel bot der französischen Öffentlichkeit ein Ventil für die immense Enttäuschung nach dem Spiel. Aus Enttäuschung wurde Wut und Zorn.

Frankreich hatte sich zweimal dem Finale ganz nahe gefühlt. Da gab es die 3:1-Führung nach acht Minuten der Verlängerung. Doch Karl-Heinz Rummenige schoss das Anschlusstor in der 102. Minute und Klaus Fischer konnte in der 108. Minute ausgleichen. Zudem traf auch beim Elfmeterschießen mit Uli Stielike zuerst ein deutscher Spieler nicht ins Tor. Doch sofort nach Uli Stielike hielt Harald Schumacher den von Didier Six geschossenen Elfmeter.  Deutschland gewann schließlich 8:7. Die Berichterstattung in den französischen Medien kochte hoch und erinnerte oft genug an die vergangenen Zeiten alter Feindschaft. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt und Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterand entschlossen sich sogar zu einer gemeinsamen Presseerklärung, mit der sie die aufgebrachte öffentliche Stimmung beschwichtigen wollten.

In meiner Erinnerung fraß in diesem Spiel zum ersten Mal eine einzige Aktion eines Spielers meine Loyalität für eine Mannschaft an. Auch wenn ich mich damals schon nicht als ein Anhänger der Fußballnationalmannschaft bezeichnet hätte, ich wollte Deutschland im Finale sehen. Ich war nicht hin- und hergerissen, sondern dieses Foul wirkte wie der bittere Geschmack von Kiwis im süßen, sahnigen Fruchtquark. Während des ganzen mich mitreißenden Aufbäumens der deutschen Mannschaft in der Verlängerung machte sich die Erinnerung an das Foul unangenehm bemerkbar.

Ich konnte mich also nicht von dem Wunsch zu gewinnen distanzieren. Heute weiß ich, mein unangenehmes Gefühl damals wurzelte in einer Mitverantwortung für das Foul, in der ich durch meinen unbedingten Wunsch  auf den Sieg mit einem Mal stand. Ich hatte durch diesen Wunsch, die deutsche Mannschaft möge weiter kommen, Mitschuld zu tragen. So ist das mit Gemeinschaften, und es ist unangenehm und eigentlich nicht einsehbar. Ich hatte dieses Foul doch so entschieden verurteilt. Mancheiner wird nun sagen, was schreibt der für einen Unsinn. Das war doch Fußball. Das stimmt, und darüber bin ich ziemlich froh.

Für Frankreich war das Spiel auf jeden Fall auch ein bisschen mehr als Fußball. Wenn fast 28 Jahre nach dem Halbfinale ein Kurzfilm wie „REFAIT“ entsteht, wird das erneut deutlich. Voilà:

Quelle: Piedlabiche on Vimeo.

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