Ein früher Prüfstein für das „Top“ des Favoritendaseins

Wie schön, wenn ganz früh in der Saison eine erste etwas anspruchsvollere Prüfung für den MSV Duisburg ansteht. Wie schön, wenn diese Prüfung zudem zwar knapp, doch erfolgreich bewältigt wird. Wie schön, dass dieses knappe Bewältigen in einer so zugespitzten Weise geschieht, dass daraus nicht Erschöpfung folgt sondern zusätzliche Kraft. Der MSV Duisburg und der VfL Osnabrück trennen sich 1:1-Unentschieden. Hinter dem unspektakulären Ergebnis verbergen sich die Euphorie eines Ausgleichs durch den Torwart des MSV, Mark Flekken, in der allerletzten Spielaktion und ein paar Einsichten.

Lange Zeit sah es so aus, als werde der MSV Duisburg das Spiel gewinnen. In der ersten Halbzeit bestimmte die Mannschaft die Begegnung. Angriff um Angriff wurde ruhig aufgebaut und die wenigen Bemühungen der Osnabrücker in der Offensive wurden im Keim erstickt. Die Osnabrücker mussten auf Fehler des MSV hoffen. Zwei-, dreimal hielt ich den Atem an, weil der ruhige Aufbau im letzten Drittel der eigenen Hälfte misslang. Die kurzen Pässe wurden in die Füße des Gegners gespielt. Wenn das tornah geschieht, kann das auch torgefährlich werden. Die Osnabrücker konnten mit den  Geschenken von Tim Albutat, Kevin Wolze oder Branimir Bajic aber nichts anfangen.

Wieder bewies sich die neue Qualität des Aufbauspiels. Kontrolliertes Spiel war in den letzten Spielzeiten immer auch mit zu wenig Bewegung verbunden. Kontrolliertes Spiel bedeutete immer auch ein sehr statisches Spiel. Das ist Vergangenheit. Wieder ergaben sich aus der kontrollierten Spielweise heraus dynamische Angriffszüge. Es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, wann die dynamischen Angriffszüge auch in Torgefahr mündeten. Zweimal hatte ich den Torschrei auf den Lippen. Ein drittes Mal holte ich tief Luft. Der Osnabrücker Torwart hielt großartig.

In dieser ersten Halbzeit wurde erkennbar, was uns diese Saison erwartet. Dichte Abwehrreihen,  viel Laufarbeit für die Offensive, viele vergebliche Sprints von Spielern abseits des Balls, um Anspielstationen zu schaffen. Eine schwierige Balance, die Defensive stabil zu halten, wenn aufgerückt werden muss. Denn anscheinend lassen sich die Gegner kaum aus der Defensive herauslocken. Immer wieder gibt es Kontergefahr. Nehmen wir das zusammen, muss die Verwertung der Torchancen besser werden. Sehr gute Chancen werden nur mit viel Arbeit zu erspielen sein. Das kostet Kraft. Sehr gute Chancen müssen genutzt werden.

In der zweiten Halbzeit schien die Mannschaft nahtlos an die Leistung der ersten anknüpfen zu wollen. Der Druck auf das Osnabrücker Tor wurde hoch gehalten. Zlatko Janjic kam nach einer schönen Kombination frei zum Kopfball. Wieder verhinderte der Osnabrücker Torwart mit einem großartigen Reflex die Führung. Nach dem Eckball brachten die Osnabrücker ihren ersten Konter des Spiels wirklich gefährlich in den Strafraum. Fast hätte der Querpass noch geklärt werden können. Doch der Osnabrücker Halil Savran lief in den zur Seite weggeschlagenen Ball und wehrte sich nicht dagegen, als Torschütze wahrgenommen zu werden.

Die Enttäuschung war zu spüren bei uns im Gästeblock und auf dem Spielfeld. Die Zebras waren zu überlegen gewesen, um dieses Tor in der 48. Minute einfach wegstecken zu können. Sie hatten zu viele Chancen vergeben. Es kitzelte die Befürchtung, der Ausgleich könne nicht mehr gelingen, obwohl noch so lange zu spielen war. Nach diesem Tor dauerte es einige Zeit, bis die Angriffe des MSV wieder die Klarheit besaßen, um Torgefahr zu entwickeln. Die Mannschaft bemühte sich zwar, doch die Osnabrücker Defensive konnte nicht stark genug unter Druck gesetzt werden. Stattdessen wurde aus der Kontergefahr die Konterwirklichkeit. Die Osnabrücker besaßen zwei Chancen auf ein zweites Tor, ehe der Druck des MSV in den letzten 15 Minuten wieder so groß war, dass die Osnabrücker nichts mehr riskieren wollten.

In diesen letzten 15 Minuten wurde alles von den Zebras versucht. Immer wieder drangen sie in den Strafraum. Ich erinnere mich allerdings nur an eine einzige halbwegs gute Chance. Gefährlich zum Abschluss kam die Mannschaft nicht. Dann aber folgte der Eckball, bei dem Mark Flekken mit in den Strafraum der Osnabrücker kam. Branimir Bajic köpfte Richtung Toreck, und Mark Flekken, mit dem Rücken zum Tor stehend, verlängerte den Ball mit der Hacke entscheidend ins Tor hinein. Der Jubel explodierte. Was wir in der letzten Saison erst im Saisonfinale erleben konnten, gibt es nun bereits am zweiten Spieltag. Lieblingsauswärtsgegner VfL Osnabrück, die Fahrt hat sich einmal mehr gelohnt.

Als Nebeneffekt des Spiels hat nun die Fußballwelt den Beleg dafür, René Müller, der Trainer des SC Paderborn, verfügt über einen großen Vorrat an Nebelkerzen auf seinem Trainingsgelände. Die braucht er um die Podeste unsichtbar werden zu lassen, auf die er Gegner und eigene Mannschaft je nach Wunsch vor und nach dem Spiel stellt. In Osnabrück hat Fußballdeutschland jedenfalls sehen können, der Müllersche „Topfavorit“ der Liga ist der MSV nicht. Für solch eine herausragende Rolle fehlte der Mannschaft Souveränität nach dem Rückstand. Sie schien doch einige Zeit verunsichert. Einige Spieler waren mehr mit der Enttäuschung beschäftigt als dass sie auf das Gelingen dank eigener Fähigkeiten vertrauten. Ich bin ohnehin zufrieden mit dem Aufstiegsfavoriten in einer Reihe mit ein paar anderen Mannschaften. Wieviel „Top“ dann noch hinzu kommt, wird sich die Mannschaft erarbeiten müssen.

Als ab Mitte der zweiten Halbzeit die Mannschaft sich gegen die drohende Niederlage stemmte, entwickelte sich im Gästeblock ein Dauersupport mit immer größerer Dynamik, der trotz Rückstand immer euphorischer wirkte und nach dem Schlusspfiff Feierhymne wurde: Du bist es schon immer gewesen. Du wirst es für alle Zeit sein. Die einzige ganz große Liebe. Mein Herz schlägt für dich, Spielverein. Kann man mal eine halbe Halbzeit singen.

 

 

Und nun bin ich auch fast schon in Münster. Das geht schnell diese Woche. Nach dem Spielverlauf kommt das der Mannschaft nur zugute. So lässt sich vielleicht noch etwas mehr von diesem selbstbegeisternden Gefühl des Last-Second-Tores mitnehmen.

Du bist es schon immer gewesen. Du wirst es für alle Zeit sein….

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