Ein neues Wort im Favoritenleben – Sich absetzen

Zugegeben, es geht um nur einen Punkt mehr, als an einem Spieltag aufzuholen ist. Doch in dieser Saison müssen wir uns auf den Rängen und die Mannschaft sich mit so ungewohnten Selbstbildern beschäftigen, dass man besser früh beginnt, damit klar zu kommen. Nach dem 1:0-Heimsieg gegen den Chemnitzer FC führt der MSV die Drittliga-Tabelle mit vier Punkten Vorsprung an. Als ich mir diese Tabelle, sicher länger als unbedingt nötig, ansah, ging mir unweigerlich die Fußballfloskel „sich absetzen“ duch den Kopf. Ganz vorsichtig dachte ich daran. Selbstverständlich. Wer traut in Duisburg als langjähriger Stadiongänger schon ohne weiteres den veränderten Verhältnissen. Aber wer unsere Vergangenheit mit diesem Verein mal für einige Zeit vergisst, wird feststellen, der MSV wird seiner Favoritenrolle in der Liga im Moment gerecht.

Die Niederlage gegen Wiesbaden wie das einzig wirklich schwache Spiel gegen Kiel sind Ausnahmen geblieben. Das schlechte Spiel wurde nicht einmal verloren. Zwei Siege schlossen sich an, während die anderen Mannschaften der oberen Tabellenregion an diesem Spieltag ohne Punkte blieben. So fühlt es sich an, wenn eine Mannschaft in der Saison sich als Spitzenmannschaft etabliert. Doch es sind ja nicht nur die Ergebnisse. Der MSV spielte gegen Chemnitz wieder mit der Dominanz, die über das einzelne Spiel hinauswirkt. Solch ein Auftreten beeindruckt und lässt die Trainer der anderen Mannschaften vorsichtig werden. Solch ein Auftreten führt aber auch bei der Mannschaft selbst zu immer mehr Selbstvertrauen.

Wenn ich an die erste Einwechslung von Simon Brandstetter in dieser Saison denke, sehe ich noch immer, wie er voller Übereifer zweimal hintereinander schneller war als der Ball an seinen Füßen. Das sah nicht gut aus. In zwei Spielen nacheinander erzielte er nun jeweils den Siegtreffer, indem er im Strafraum seine Gegenspieler aussteigen ließ. Im Spiel gegen Chemnitz stand dieser Verteidiger zwar etwas zu weit von ihm weg, doch das mindert nicht Simon Brandstetters Leistung in diesem Moment. Er hat nun die Ruhe, seine technischen Fähigkeiten auszuspielen. Sein Selbstbewusstsein ist da. Es wird getragen durch das Selbstbewusstsein der gesamten Mannschaft.

Kamen die Chemnitzer zwei- oder dreimal in den Strafraum des MSV Duisburg? Defensiv spielt der MSV sehr stark. In fast jedem Spiel bislang werden die Offensivbemühungen des Gegners schon weit vor dem Strafraum erstickt. Je näher der Gegner dem Strafraum kommt, desto weniger Möglichkeiten des Zusammenspiels bleiben ihm. Dann kommt es zu hilflosen Einzelaktionen, die in unpräzisen Flanken oder schwachen Schüssen enden, mit denen Mark Flekken keine Schwierigkeiten hat. Weite Bälle hingegen nehmen Branimir Bajic und Dustin Bomheuer problemlos auf.

Es wäre nur schön, wenn so einer 1:0-Führung öfter mal ein zweites Tor folgte. Die Chancenverwertung kann ich für dieses Spiel dennoch in der Schublade lassen, denn klare Chancen innerhalb des Strafraums, die vergeben wurden, hat es keine mehr gegeben. Tim Albutat kam nach schnellem Einwurf zum Schuss aus etwa  zwanzig Metern, der knapp über das Tor ging. Fabian Schnellhardt hatte bei Freistoß und Weitschuss zu wenig Glück für dieses Tor. Außennetz und Latte waren das Ergebnis. Im Strafraum, links neben dem Tor traf Zlatko Janjic eine scharfe Hereingabe nur ungenau, als er aus dem Rückraum heranrauschte. Zu schwierig war sie zu nehmen. So sorgte ich mich noch ein wenig in den letzten Minuten vor dem ominösen Glückstor der Chemnitzer. Aber auch das hielt sich in Grenzen. Die Gäste schienen nicht einmal mehr an diese Möglichkeit zu glauben. Viel Druck hat es auch bei diesem letzten Aufbäumen nicht mehr gegeben. Wenn ich recht überlege, kann ich das nicht einmal Aufbäumen nennen. Aber sich absetzen, das stimmt, der MSV Duisburg beginnt sich von den Verfolgern in der Tabelle abzusetzen. Favoritenleben, immer wieder neu.

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