Archiv für Dezember 2016

Nachhaltig formulieren für Duisburg

Das hat sich in den Zeitungen bei Funkes Ende Dezember neben dem üblichen Rückblick auf die Ereignisse des Jahres im Lokalteil Duisburgs etabliert: eine Doppelseite Rückblick auf das Jahr in Zitaten. Und was soll ich sagen, der Kollege Koss hat anscheinend was Nachhaltiges zu Duisburg im letzten Jahr gesagt. Ihm ging es um die gute Geschichte für die Stadt, als im Sommer 2013 die Menschen für die Rettung des MSV zusammenstanden und dem Verein zwei Jahre später der Wiederaufstieg in die 2. Liga gelang. Wie passend, dass ausgerechnet gerade eben mit „Mehr als Fußball“ das Buch vom Kollegen Koss und mir über diese Zeit fertig geworden ist. Zufälle gibt es! Wer den Satz umfänglicher erklärt haben will, mit einem Klick geht es zum Vorwort des Buchs. Bestellen kann man das Buch dort übrigens auch. Was nun kein Zufall ist.
2016-12-29_waz_zitat_msv_buch_2016

Und noch eins: Kommt gut ins neue Jahr! Feiert ausgelassen oder ruhig. Lasst es euch gut gehen. Auf dass wir uns bald wiedersehen und wiederlesen. Die nachhaltigen Sätze zu 2017 gibt es dann morgen.

Was von zwei Tonnen Büchern nach dreizehn Tagen übrig bleibt

Ganz allmählich bin ich wieder erholt. Zehn Tage lang bestimmte vor Weihnachten mein Buch „Mehr als Fußball“ meine Zeit. Zehn Tage mit Arbeit, die mein Ein-Mann-Start-Up des Literaturbetriebs wegen der Nachfrage doch etwas überforderten. Nichts anderes gab es als mein Buch über den Sommer 2013 rund um den MSV und die zwei folgenden Jahre bis zum Wiederaufstieg. Ich habe wenig geschlafen. Ich habe Duisburger Buchhandlungen beliefert und mit Thomas Richter von der Funke Mediengruppe über das Buch gespochen. 2016-12-28_waz-msv Der Artikel in WAZ und NRZ erschien einen Tag später. Ich habe etwa 160 Buchsendungen beschriftet, eingepackt und versendet. Ich habe die Bestellungen über den Zebrastreifenblog in Excel-Dateien eingepflegt und mir per Google-Maps meine Auslieferungstouren zusammengestellt.

Denn vor allem bin ich 9 Tage lang durch Duisburg und die Nachbarstädte gefahren. Etwa 180 Adressen habe ich aufgesucht. Dabei habe ich leider nicht jeden angetroffen, der mich beim Crowdfunding unterstützt hat oder in den Tagen vor Weihnachten bei mir noch ein Buch bestellte. In diesen neun Tagen habe ich so viele freundliche und sympathische Menschen getroffen, die mir jedes Mal aufs Neue bestätigten, dass ich mit dem Titel meines Buchs richtig liege.

All diese Begegnungen gehören zu diesem „Mehr“, das der MSV Duisburg seinen Anhängern bedeutet. In diesen kurzen Begegnungen habe ich ganz unterschiedliche Gespräche geführt. Mal sind wir auf vollkommen andere Themen als den Fußball gekommen in der Kürze der Zeit, mal ging es um „unseren“ MSV, mal ging es um die Arbeit an dem Buch. Während diese Arbeit an dem Buch sich immer länger hinzog, festigte sich mein Vorsatz, nicht noch einmal so ein ähnliches Projekt mit einem Herzensthema anzupacken. So anstregend war diese Arbeit gewesen. So zäh an manchen Tagen. Heute erinnere ich diesen Vorsatz nur noch sehr dunkel. Er verblasste, weil diese Begegnungen mit all den Anhängern des MSV mir meine Energie zurückgaben.

Wahrscheinlich werde ich am 30. Januar noch einmal auf diesen Vorsatz schauen. An diesem Tag halte ich einen Vortrag in der Volkshochsschule über die Rettung des MSV und den Sommer 2013. Mir schwebt vor, dabei auch einen Blick in die Autorenwerkstatt zu werfen, weil mit diesem Blick klarer wird, dass in einer Gesellschaft das Erinnernswerte nicht aus sich selbst heraus vorhanden ist.

2016-12-28_bestseller_msv_buch Weiter wird das Buch nachgefragt und Bestellungen müssen bearbeitet werden, Mängelexemplare brauchen Ersatz beim Leser. Die Buchpremierenparty ist noch zu organisieren. Beim Crowdfunding bereits gebuchte Lesungen müssen geplant werden. Neue Lesungen wollen organisiert sein. Und wenn ein Autor in einer Buchhandlung dann unter seinem Titel ein einziges Wort nur liest, lächelt er zufrieden und denkt daran, dass von zwei Tonnen Büchern nur noch etwas über 200 Kilogramm vorhanden ist. Recht schnell muss nachgedruckt werden. Bis dahin lässt sich nach dem Klick noch bestellen.

Versendearbeit abholen

Das Kind nach Hause holen, um es sofort wieder in die Welt zu entlassen. Wer sich einen Eindruck verschaffen will oder bestellen möchte, ein Klick genügt.

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Heimatlied – Sektion Duisburg – Folge 30: Hilde Marie Zuschneid mit Duisburg

Eine Liedermacherin tourt durchs Land und lässt sich von ihren Auftrittsorten zu neuen Liedern inspirieren. So muss man es sich wohl vorstellen, wie Duisburg von Hilde Marie Zuschneid entstanden ist. Neben diesem Lied über den Ruhrstadt-Stadtteil gibt es von ihr bei youtube Stücke etwa über Frankfurt, Augsburg oder Eschwege. Im Netz findet sich so gut wie keine schnelle Information über diese Liedermacherin. Wer länger rechercherieren möchte, die Infos sind hier willkommen.

Musikalisch führt der Auftakt zunächst in die Folk-Ecke der 70er, um schnell  Richtung Lied-Tradtion á la der beiden Kurts, Weil und Eisner, abzubiegen. Textlich schmeißt sie sehr unterschiedliche Zeiten der Duisburger Arbeitswirklichkeit zusammen, um tief in die Versatzstück-Kiste des sozialkritischen Lieds zu greifen. Immer haben es die Arbeiter schwer, die herzlosen „Herren“ fehlen ebenso wenig wie die streikenden Arbeiter, auf die einmal geschossen wurde. Duisburgs Wirklichkeit ist eine der Akkordarbeit, des unbarmherzigen Arbeitsalltag und des kleinen Glücks einfacher Menschen, das zwischen den Finger zerrieselt.

Böse formuliert ist das ein Herzens-Schlager für das gereifte linke Publikum. Freundlicher geht es allerdings auch, und dann ist dieses Lied das Bemühen im Vorübergehen, etwas von Duisburg zu erfassen, was allerdings viel zu ungenau und oberflächlich bleibt, um als Beschreibung der städtischen Gegenwartswelt wirkliche Kraft zu entfalten.

Hinweise auf weitere online zu findende Duisburg-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Duisburg – Alle Folgen

Halbzeitpausengespräch: Franz Voll – Inside Duisburg Marxloh

Im Oktober auf der Buchmesse sprang mir beim Vorübergehen am dtv-Stand das Wort „Marxloh“ ins Auge. Marxloh, ein einziges Wort in großen Lettern. Erst beim zweiten Blick las ich den erläuternden Vorspann zum Stadtteilnamen vom Gesamttitel des Buchs „Inside Duisburg“. Ein Buchcover als Beleg für eine Karriere der unangenehmen Art. Der Stadtteilname Marxloh ist in der öffentlichen Debatte über die Entwicklungen in Deutschland zu einer Chiffre geworden, mit der schnell eine Wirklichkeit behauptet werden kann, die als schreckliche Zukunft dieses Landes uns allen bevor steht.

Darauf werden die Duisburger auch von der lokalen Presse immer wieder hingewiesen. Das Schrecken verbreitende Schlagwort dieser Gemeingut gewordenen Marxloh-Beschreibung lautet „No-Go-Area“. Am Wochenende noch wurde in einem längeren Artikel der Rheinischen Post Marxloh als Biotop der libanesischen Clan-Kriminalität beschrieben.  Als Schauersoundverstärker fand sich selbstverständlich auch eine Politikerstimme, die mahnend „No-Go-Area“ brummte. Am Montag wurde das entworfene Bild in den Blättern der Funke Medien Gruppe korrigiert. Marxloh ist laut Polizeipräsidentin Elke Bartels keineswegs eine „No-Go-Area“. Die polizeiliche Präsenz müsse allerdings hoch gehalten werden, um die Entfaltung des kriminellen Milieus zu verhindern.

Festzuhalten bleibt, „No-Go-Area“ ist  kein Begriff, der Voraussetzungen der Polizeiarbeit beschreibt. Es ist ein Debattenbegriff, ein Schlagwort. Das wusste auch der Fernsehjournalist Franz Voll. Schlagworte vereinfachen und sind deshalb für recherchierende Journalisten eine bestens geeignete Arbeitsgrundlage. Schlagworte sind übergroße Hinweisschilder für geeignete Themen, weil die genau rechercherierte Wirklichkeit jedes Schlagwort zerbröseln lässt. Ein halbes Jahr hat Franz Voll in Marxloh zugebracht. Er hat mit vielen Menschen gesprochen und festgehalten was sie gesagt haben. Er hat seine eigenen Beobachtungen notiert, um mit „Inside Duisburg-Marxloh“ sein Bild der Wirklichkeit des Duisburger Stadtteils zu zeichnen.

Das Buch stellt vor allem diese vielen Stimmen des Stadtteils nebeneinander. Franz Voll lässt Marxloher der unterschiedlichen Generationen zu Wort kommen. Er befragt die Repräsentanten der Stadt wie den Ober- und Bezirksbürgermeister. Er verdichtet die Stadtteilgesellschaft, indem er typische Bewohner Marxlohs versammelt. Zu- und Weggezogene lässt er sprechen, Deutsche, Türken, türkischstämmige Deutsche, Flüchtlinge. Schüler kommen zu Wort, Rentner, die wegziehen wollen.

Er schreibt aus einer subjektiven Perspektive in einem gewöhnungsbedürftigen Stil, der an die TV-Dokumentationen des Privatfernsehens erinnert. Sein Blick auf Marxloh wirkt in Teilen bewusst naiv gehalten. Eigene Gefühle nutzt er immer wieder plakativ, um die erlebte Wirklichkeit darauf zu beziehen. So macht er sich zum Sprachrohr der Sorgen und Ängste eines vorurteilsbelasteten Besuchers des Stadtteils, der nach und nach seine Befürchtungen entkräftigt sieht. Dennoch beschönigt er nichts. Er lässt Menschen zu Wort kommen, die lieber gestern als heute dem Stadtteil den Rücken kehren wollen. Dagegen stellt er die Stimmen von überzeugten Marxlohenern, die dankbar sind, dass endlich mal jemand versucht zu beschreiben, wie es wirklich in dem Stadtteil aussieht.

Sein Fazit: Marxloh ist ein Stadtteil mit Problemen, aber keinesweg eine No-Go-Area. Franz Voll kennt Orte wie Marxloh überall in Deutschland und appeliert mit einer Auflistung solcher Orte am Ende an die Bereitschaft der Leser, die Wirklichkeit Marxlohs nicht als Besonderheit sondern als gewisse Normalität in diesem Land zu bewerten.

Franz Voll hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau hinzusehen und das ist schon viel in dieser Gegenwart, die Fakten gegenüber so oft gleichgültig ist. Allerdings führt sein Ansatz, dieses Marxloh in eine Reihe ähnlicher Orte in Deutschland zu stellen, nicht all zu weit bei der Korrektur des öffentlchen Bildes von Marxloh. Um diese Bestandsaufnahme auf grundlegende Weise fruchtbar zu machen, braucht es das Verstehen, wozu eine Gesellschaft solche Chiffren wie Marxloh benutzt.

Beim genauen Hinsehen auf eine vielfältige Wirklichkeit löst sich zwangsläufig ein Schwarz-Weiß-Denken auf. Doch wird jeder Leser in diesem Buch Argumente finden, um seine gewohnte Einstellung zu Vierteln wie Marxloh bestätigt zu sehen. Als aufklärerische Erkenntnis des Buchs ergibt sich alleine das Resumée, Marxloh ist keine No-go-Area. Das erstaunt nun nicht. Bei allen Problemen dieses Deutschlands lässt sich doch festhalten, dass das Gewaltmonopol des Staates nur in Ausnahmefällen gefährdet ist. Die Ausnahmen werden sogleich Skandale und führen zu großen öffentlichen Diskussionen. Der Ausnahmefall bleibt damit Ausnahmefall.

Wer also über die Wirklichkeit in Marxloh nachdenkt und Perspektiven aufzeigen will, muss in einem nächsten Schritt sich darüber Gedanken machen, welche sozialen Probleme mit einer Chiffre wie Marxloh im Gespräch gehalten werden. Es nutzt nichts, darauf zu verweisen, dass es an anderen Orten dieses Deutschlands genauso aussieht wie in Marxloh. Diese Gesellschaft braucht für das öffentliche Reden griffige Formeln, und so lange das Denken in dieser Gesellschaft an vielen Orten aus unterschiedlichen Gründen von Angst bestimmt wird, so lange werden Orte wie Marxloh für diese Angst symbolhaft herhalten müssen. Die Aufgabe die Wirklichkeit in ihren Facetten festzuhalten, gibt es dennoch. Das hat Franz Voll gemacht, und dafür hat sich sein Aufenthalt in Marxloh gelohnt.

Inside Duisburg-Marxloh, Umschlag gross anzeigen

Franz Voll: Inside Duisburg-Marxloh. Ein Stadtteil zwischen Alltag und Angst. Verlag Orell Füssli, 224 S., 17,95 €.

Wie geht das Leben als Spieler und Anhänger eines Tabellenführers?

Doch, ich muss noch einmal davon schreiben. Ich muss noch einmal davon schreiben, wie ungeübt auch wir Anhänger des MSV Duisburg mit dem Leben als Anhänger eines dauerhaften Tabellenführers sind. Nicht nur manche Spieler haben damit ihre Schwierigkeiten, wenn es um die realistische Selbstwahrnehmung ihrer Leistung geht. Auch wir auf den Rängen haben keine uns selbstverständliche Haltungen dazu. Zu Beginn der Saison haben wir nur gestaunt, wie sicher die Mannschaft aufgetreten ist, wie überlegen sie auftrat. Überall hing sprachlose Freude und Überraschung in der Luft. Wir waren Anhänger eines Favoriten für jedes Spiel. Dann schien mit den schlechteren Leistungen der Mannschaft die altbekannte Wedau-Stimmung wieder Einkehr zu halten. Nichts ist sicher, jede Niederlage ist möglich. Das stimmte so nicht. Der MSV blieb Tabellenführer. Aber wir waren schon wieder dabei, die Gründe nicht bei der Leistung der Mannschaft zu suchen, sondern in der günstigen Konstellation der anderen Spielergebnisse.

Gestern nun bestätigte die Mannschaft ihre gute Leistung vom Spiel in Lotte. Sie gewann gegen Fortuna Köln mit 2:0. Dennoch ist die Stimmung nicht in jeder Fanecke, wie es eigentlich zu erwarten wäre, ruhig und zufrieden. Dennoch sieht es so aus, als zwackte bei einigen das Tabellenführer-Trikot. Irgendetwas war unangenehm. Was genau, war nicht richtig zu erkennen. So bot einmal mehr Zlatko Janjic das Ventil, um dieses unangenehme Gefühl aus der Welt zu schaffen. Sicher, er hatte sich ins Rampenlicht gestellt mit seiner eigenwilligen Betrachtung der eigenen Leistung und dem Unverständnis gegenüber dem Unmut von uns auf den Rängen. Dann verschoss er den Elfmeter in der 71. Minute beim Stand vom 1:0, und er brachte kurze Zeit später einen Ball nicht ins Tor, den ich schon als 2:0 bejubelt hatte. Ein Verteidiger bedrängte ihn bei diesem Schuss am hinteren Pfosten aufs leere Tor.

Schon früher in dieser zweiten Halbzeit war es auf den Rängen unruhig geworden, ehe der größere Teil der Anhänger spürte, die Mannschaft braucht Unterstützung, kurz brandete das EM-ES-VAU durch die Arena, die Unruhe der Ungewissheit über die Möglichkeiten der Zebras war wieder vorüber. Die Stimmung im Stadion war wieder stabil. Die Zebras spielten zu diesem Zeitpunkt wieder zu vorsichtig. Die Mannschaft versuchte sich in Spielkontrolle und wieder schien es so, dass dieser Versuch der Spielkontrolle mehr aus mangelndem Mut als aus bewusstem Entschluss heraus entstand. So schien die 1:0-Führung immer gefährdeter, weil die Fortuna immer wieder sehr gut nach vorne kombinierte. Immer wieder gelangen dem Gegner Angriffe vor allem über ihren linken Flügel. Auch in diesem Spiel war die rechte Defensivseite eine Schwachstelle im Spiel des MSV. Fabio Leutenecker bemüht sich sehr, aber die Flügelspieler der Fortuna waren schneller und technisch gewandt. Glücklicherweise erreichten die freien Flanken meist nicht die Mitspieler oder das Eindringen in den Strafraum endete mit einem unpräzisen Abschluss.

Mit dem verschossenen Elfmeter und der vergebenen Konterchance war dann die Unruhe der Ungewissheit auf die Ränge zurückgekehrt. Die Auswechslung von Zlatko Janjic bot nun erneut ein Ventil für diese Unruhe. Wo zuvor das Murren auf den Rängen spürbar gewesen war, kam es nun zu einigen Pfiffen. Wir haben keine selbstverständliche Haltung zu dieser ungewohnten Situation, gute Leistungen von unserer Mannschaft erwarten zu dürfen. Wir wissen nicht, wann genau diese Mannschaft Zuspruch braucht und wann sie unsere harsche Kritik verdient. Sich in diesem Moment der Auswechslung auf einen einzelnen Spieler zu konzentrieren, während die Mannschaft eigentlich unsere Unterstützung braucht, wirkt auf mich wie ein Zeichen dafür, dass auch wir nach einer passenden Haltung zu dieser andauernden Tabellenführung suchen. Die Maßstäbe müssen neu gelernt werden. Vielleicht müssen wir es uns hin und wieder bewusst machen, unter welch guten Voraussetzungen wir diese Maßstäbe seit ein paar Wochen lernen. Tabellenführer MSV Duisburg.

Lasst mich nun von Fabian Schnellhardt schwärmen. Von Spielbeginn an haben einzelne seiner Spielaktionen mich verzückt. Anders kann ich das nicht schreiben. Hier eine Körpertäuschung, die zwei Gegner ins Leere laufen lässt, dort ein Antritt aus dem Nichts mit einer anschließenden gegenläufigen Bewegung, die ihm den Raum öffnet, dann ein Pass aus dem Fußgelenk sofort nach der Ballannahme und zwar in eine andere als die zu erwartende Richtung, ich kam aus dem Schwärmen nicht heraus und wusste noch nicht, dass dieser Fabian Schnellhardt in der 21. Minute an der Mittellinie loslief und die heran eilenden Gegenspieler stehen liess, um in der Enge der Strafraumnähe einmal kurz etwas Glück zu haben, als ein Verteidiger zur Bande für sein Dribbling wurde. An der rechten Strafraumseite spielte er sich durch, Körpertäuschung, Verlangsamen und Wiederantritt, der Ball klebte an seinen Füßen. Unwiderstehlich drang er weiter Richtung Torauslinie. Was sollte nun geschehen? Das Zentrum vor dem Tor war dicht. Kein freier Spieler des MSV war dort zu sehen. Also, weiter bewegen, zum Tor ziehen, sich in Schussposition bringen und aufs lange Eck zielen. Alles war eine fließende Bewegung, von der Mittellinie an. Wann habe ich hier in diesen Räumen einmal von Eleganz geschrieben? Eleganz und der MSV Duisburg zusammen in einem Satz. Unfassbar. Es war Eleganz, was wir vor diesem Schuss von Fabian Schnellhardt zu sehen bekamen. Er schoss aufs lange Eck und der Ball war im Tor. Was für ein großartiges Tor. Welch ein staunender Jubel! Fabian Schnellhardt – Fußballgott.

Bleibt noch das 2:0 nachzutragen. Stanislav Iljutcenko erzielte es in der 87. Minute, nachdem dieser eine Konter endlich konsequent ausgespielt worden war. Wir hatten zwei, drei andere, sehr schlecht genutzte Konter gesehen in diesem Spiel. Dieser aber war an der Mittellinie durch einen Pass auf Andreas Wiegel eingeleitet worden. Nach seinem Sprint spielte er im Strafraum quer, Iljutcenko war zur Stelle, ein Konter fürs Lehrbuch.

Fortuna Köln war ein guter Gegner, der sich nicht hinten reingestellte. Die Mannschaft wollte mutig mitspielen. Der Sieg des MSV war verdient. So muss ein Tabellenführer siegen, wenn er am Ende der Saison aufsteigen will. Bis dahin bleibt noch einige Zeit, weiter zu lernen, wie das Leben so geht als Spieler und Anhänger eines Titelfavoriten.

Jetzt bestellen: Mehr als Fußball – Das Buch über Duisburg im Sommer 2013 und den Wiederaufstieg des MSV

Mehr als Fußball ist lieferbar. Das Buch ist in den meisten Duisburger Buchhandlungen erhältlich, im ZebraShop und beim Oligarchen des Onlinebuchhandels. Am meisten unterstützt ihr meine Arbeit hier, wenn bei mir bestellt wird.

Mehr als Fußball – so  habe ich das Buch genannt, in dem ich vom Geschehen im Sommer 2013 rund um den MSV Duisburg bis zum Wiederaufstieg des Vereins in die 2. Liga zwei Jahre später erzähle. Was im Sommer 2013 geschah, schuf die Voraussetzung für den Erfolg zwei Jahre später. Diese besondere Geschichte des Sports ist zugleich eine besondere Geschichte Duisburgs, eine Geschichte zum Weitererzählen.

Ralf Koss, Kees Jaratz: Mehr als Fußball, 363 Seiten, € 14,90
ISBN 978-3-00-054423-1
(plus € 2,10 Versand)

Bislang habe ich das Buch immer sofort nach dem Mail-Eingang versendet im Vertrauen auf Bezahlung. Leider gab es  so viele Besteller, die nicht bezahlt haben, dass ich nur noch nach Vorkasse verschicke.

Falls ihr Interesse am Buch habt, das Kontaktformular unten ausgefüllt und abgeschickt.

Damit ihr einen ersten Eindruck gewinnen könnt, habe ich Vorwort und die ersten Seiten der Geschichte des Sommers online gestellt. Zum Lesen die Seiten anklicken.

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Wer braucht schon Eurhytmieschuhe in Lotte?

Die Verkehrshinweislegende Lotte/Osnabrück ohne Stau. Ein Gästeparkplatz, der im sonstigen Leben Bauernhof ist. Ein Stadion, bei dem in jeder Ecke der Amateursport der unteren Ligen sympathisch hervorlugt. Ein Dorf behauptet seinen Platz im Unterhaltungsbetrieb Fußball. Ein 2:0-Auswärtssieg bei den Sportfreunden Lotte. Was für ein gelungene Auswärtsfahrt.

2016-12-04_lotte_vorherDie Sportfreunde müssten allerdings die Haupttribünenkarten mit einem Warnhinweis verkaufen. Der Blick auf das Spielfeld kann in den Wintermonaten während der Nachmittagsspiele zu dauerhafter Beeinträchtigung ihrer Sehleistung führen. Ohne geeignete Schutzbrillen gefährdet die tief stehende Sonne ihre Gesundheit. Manchmal war es anstrengend, sich das Spiel des MSV in Lotte anzusehen. Das lag aber nicht an der Spielweise des MSV.

Endlich wieder hat die Mannschaft zu ihrem Selbstbewusstsein zurück gefunden. Endlich waren Ballsicherheit und Entschlossenheit zurückgekehrt. Endlich wieder war die verhaltene, zögerliche Spielweise der letzten Spiele verschwunden. Vom Anpfiff an wollte der MSV dieses Spiel bestimmen. Zunächst versuchten die Lotter Spieler noch das Spiel im Gleichgewicht zu halten. Zunächst sah es außerdem so aus, als wollten beide Mannschaften den im Tribünenschatten der Gegengerade gelegenenen vereisten Rasenstreifen tunlich nicht bespielen. Die Lotter agierten zumeist auf ihrer linken Angriffshälfte, und Fabio Leutenecker hatte alle Mühe mit seinem schnelleren Gegenspieler, der ihn zwei-, dreimal überlaufen konnte, ohne dass das zu gefährlichen Anschlussaktionen führte.

2016-12-04_lotte_choreoDer MSV verteilte seine Angriffe mehr im Raum. Die Mannschaft versuchte sich über rechts und die Mitte. Schon früh ließ Kingsley Onuegbu mit einem Drehschuss auf eine dauerhaft gute Leistung hoffen. Denn lange haben wir ihn nicht mehr mit einem so schnellen Abschluss in enger, technisch schwieriger Strafraumposition gesehen. Schon in der 10. Minute fiel dann der Führungstreffer nach einem Freistoß, den der Lotter Torwart nur abklatschen konnte. Sowohl der King als auch Tim Albutat waren zum Nachschuss bereit.

2016-12-04_lotte_tribueneDieses Mal hätte ich Zlatko Janjic nicht widersprochen, wenn er erneut gesagt hätte, der MSV hätte das Spiel im Griff gehabt. Baris Özbek allerdings bereitete dem in der 26. Minute ein Ende. Rot wegen einer Tätlichkeit und danach ein Abgang, bei dem es kurzzeitig nach einer Rudelschlägerei aussah. Die Lotter Spieler hatten auch ihren Anteil daran, zu solcher Art Konflikt gehören immer zwei Parteien. Ob die Infotafel der Sportfreunde auf der Haupttribüne Özbek vor seinem Handeln bewahrt hätte, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Wenn man sich die TV-Bilder ansieht, können wir erleben, wie ein überschaubarer Konflikt innerhalb von Sekunden eskalieren kann. Ein idealtypisches Fallbeispiel zur Konfliktforschung. Özbeks leichtes Schubsen des ersten Lotter Spielers folgt der blicklose Abwehrstoß gegenüber dem zweiten Lotter Spieler. Dummerweise war dessen Gesicht in Handhöhe und die Steilvorlage zum Schmerzensdrama hat der Lotter Spieler gern genommen. Natürlich war das eine Tätlichkeit, schaut man genau hin, spielt der Zufall eine große Rolle. Da gibt es nichts zu entschuldigen, sondern nur zu verstehen.

Nach der roten Karte brauchte der MSV die Halbzeitpause, damit die Mannschaft sich auf das eigene Spiel wieder besinnen konnte. Die Führung war in diesen 20 Minuten bis zum Halbzeitpfiff gefährdet. Doch die Zebras stemmten sich mit aller Macht gegen den Ausgleich. Mark Flekken bot den Rückhalt in dieser Zeit, einmal kam Glück hinzu. Ein Schuss der Sportfreunde ging an den Innenpfosten und sprang ins Feld zurück.

Einmal war der Sieg noch gefährdet. Ein Eckball direkt nach dem Wiederanpfiff führte zu einem Schussversuch im Getümmel. Ich hatte den Ball schon im Tor gesehen. Doch Mark Flekken hielt mit großartigem Reflex auf der Linie. Unfassbar, dass er diesen Schuss abwehren konnte. Diese Parade war das Vorspiel zur Siegsicherung. Das 2:0 fiel, nachdem Kingsley Onuegbu sich auf dem rechten Flügel durchsetzte und flanken konnte. Es war die Bestätigung seiner sehr guten Leistung in diesem Spiel. Er agierte variabler, war nicht nur der Wandspieler, der den Ball behaupten sollte.  In seine Flanke lief Zlatko Janjic und köpfte im Lauf unhaltbar ein. Solche Kopfballtore kann er machen.

Danach war nicht mehr zu erkennen, dass der MSV mit einem Mann weniger spielte. Unermüdlich wurden die Lotter Spieler schon in deren eigenen Hälfte angelaufen. Nie wurde ihnen die Ruhe zum Spielaufbau gelassen. Es war beeindruckend, wie ausdauernd und intensiv noch in den letzten Spielminuten Tim Albutat, Fabian Schnellhardt oder auch der King noch die Gegner attackierten. Dieser Sieg war hoch verdient, und meine Notfallvorsorge mit Funny van Dannens Eurhythmischuhen für die ausgeglichene Stimmung war nicht nötig gewesen. Vielleicht hätten Baris Özbek die Eurhytmieschuhe genutzt. Aber wie man damit zugleich Fußball spielen soll, weiß ich auch nicht.

Falls das in Lotte wieder…

Sonntag spielt der  MSV in Lotte. Der Drittliga-Experte sagt, ein Spitzenspiel. Allerdings befinden wir uns ja in einer Saisonphase, in der jedes zweite Spiel in Spitzenspiel ist. Der Drittliga-Experte sagt deshalb gerne auch, die 3. Liga ist in der Breite der Spitze so stark aufgestellt wie keine andere Liga. Die Breite der Spitze macht das Spitzengeschehen deshalb unfassbar eng.  Auch das ist die 3. Liga – gefaltete Räume. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann die theoretische Physik sie zu erklären beginnt.

Die Physiker werden dann mit Drittliga-Experten diskutieren und vielleicht könnten sie im Vorbeigehen auch mal mit Zlatko Janjic reden, so von Theoretiker zu Praktiker. Um mal zu schauen, welche Vorstellung vom Spiel – um nicht von Theorie zu sprechen – seine erstaunliche Wahrnehmung leitet.

Auf nach Lotte, das war zu Beginn der Saison für mich keine Frage. You have to see before you die – die schönsten stauträchtigsten Autobahnkreuze der Verkehrshinweise. Lotte/Osnabrück, einen Haken dran. In den letzten Tagen aber war ich mir nicht mehr sicher, ob ich mir diesen Haken durch eine Auswärtsfahrt zu einem Spiel vom MSV holen wollte. Zu sehr hatte ich mich bei und nach dem Spiel gegen Aalen aufgeregt. Ich hatte es schon einmal angedeutet, eine ungesunde Aufregung.

Gestern Abend aber hat mich Funny van Dannen daran erinnert, dass ich bedenkenlos nach Lotte fahren kann, wenn ich nur das richtige Schuhwerk dabei habe. Ich muss mal sehen, wo ich die Eurythmieschuhe jetzt herkriege, falls in Lotte wieder… An etwas anderes denke ich seit Janjics mir uneinsichtiger Beurteilung des Spiels gegen Aalen vorsichtshalber gar nicht erst.

 


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