Wer braucht schon Eurhytmieschuhe in Lotte?

Die Verkehrshinweislegende Lotte/Osnabrück ohne Stau. Ein Gästeparkplatz, der im sonstigen Leben Bauernhof ist. Ein Stadion, bei dem in jeder Ecke der Amateursport der unteren Ligen sympathisch hervorlugt. Ein Dorf behauptet seinen Platz im Unterhaltungsbetrieb Fußball. Ein 2:0-Auswärtssieg bei den Sportfreunden Lotte. Was für ein gelungene Auswärtsfahrt.

2016-12-04_lotte_vorherDie Sportfreunde müssten allerdings die Haupttribünenkarten mit einem Warnhinweis verkaufen. Der Blick auf das Spielfeld kann in den Wintermonaten während der Nachmittagsspiele zu dauerhafter Beeinträchtigung ihrer Sehleistung führen. Ohne geeignete Schutzbrillen gefährdet die tief stehende Sonne ihre Gesundheit. Manchmal war es anstrengend, sich das Spiel des MSV in Lotte anzusehen. Das lag aber nicht an der Spielweise des MSV.

Endlich wieder hat die Mannschaft zu ihrem Selbstbewusstsein zurück gefunden. Endlich waren Ballsicherheit und Entschlossenheit zurückgekehrt. Endlich wieder war die verhaltene, zögerliche Spielweise der letzten Spiele verschwunden. Vom Anpfiff an wollte der MSV dieses Spiel bestimmen. Zunächst versuchten die Lotter Spieler noch das Spiel im Gleichgewicht zu halten. Zunächst sah es außerdem so aus, als wollten beide Mannschaften den im Tribünenschatten der Gegengerade gelegenenen vereisten Rasenstreifen tunlich nicht bespielen. Die Lotter agierten zumeist auf ihrer linken Angriffshälfte, und Fabio Leutenecker hatte alle Mühe mit seinem schnelleren Gegenspieler, der ihn zwei-, dreimal überlaufen konnte, ohne dass das zu gefährlichen Anschlussaktionen führte.

2016-12-04_lotte_choreoDer MSV verteilte seine Angriffe mehr im Raum. Die Mannschaft versuchte sich über rechts und die Mitte. Schon früh ließ Kingsley Onuegbu mit einem Drehschuss auf eine dauerhaft gute Leistung hoffen. Denn lange haben wir ihn nicht mehr mit einem so schnellen Abschluss in enger, technisch schwieriger Strafraumposition gesehen. Schon in der 10. Minute fiel dann der Führungstreffer nach einem Freistoß, den der Lotter Torwart nur abklatschen konnte. Sowohl der King als auch Tim Albutat waren zum Nachschuss bereit.

2016-12-04_lotte_tribueneDieses Mal hätte ich Zlatko Janjic nicht widersprochen, wenn er erneut gesagt hätte, der MSV hätte das Spiel im Griff gehabt. Baris Özbek allerdings bereitete dem in der 26. Minute ein Ende. Rot wegen einer Tätlichkeit und danach ein Abgang, bei dem es kurzzeitig nach einer Rudelschlägerei aussah. Die Lotter Spieler hatten auch ihren Anteil daran, zu solcher Art Konflikt gehören immer zwei Parteien. Ob die Infotafel der Sportfreunde auf der Haupttribüne Özbek vor seinem Handeln bewahrt hätte, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Wenn man sich die TV-Bilder ansieht, können wir erleben, wie ein überschaubarer Konflikt innerhalb von Sekunden eskalieren kann. Ein idealtypisches Fallbeispiel zur Konfliktforschung. Özbeks leichtes Schubsen des ersten Lotter Spielers folgt der blicklose Abwehrstoß gegenüber dem zweiten Lotter Spieler. Dummerweise war dessen Gesicht in Handhöhe und die Steilvorlage zum Schmerzensdrama hat der Lotter Spieler gern genommen. Natürlich war das eine Tätlichkeit, schaut man genau hin, spielt der Zufall eine große Rolle. Da gibt es nichts zu entschuldigen, sondern nur zu verstehen.

Nach der roten Karte brauchte der MSV die Halbzeitpause, damit die Mannschaft sich auf das eigene Spiel wieder besinnen konnte. Die Führung war in diesen 20 Minuten bis zum Halbzeitpfiff gefährdet. Doch die Zebras stemmten sich mit aller Macht gegen den Ausgleich. Mark Flekken bot den Rückhalt in dieser Zeit, einmal kam Glück hinzu. Ein Schuss der Sportfreunde ging an den Innenpfosten und sprang ins Feld zurück.

Einmal war der Sieg noch gefährdet. Ein Eckball direkt nach dem Wiederanpfiff führte zu einem Schussversuch im Getümmel. Ich hatte den Ball schon im Tor gesehen. Doch Mark Flekken hielt mit großartigem Reflex auf der Linie. Unfassbar, dass er diesen Schuss abwehren konnte. Diese Parade war das Vorspiel zur Siegsicherung. Das 2:0 fiel, nachdem Kingsley Onuegbu sich auf dem rechten Flügel durchsetzte und flanken konnte. Es war die Bestätigung seiner sehr guten Leistung in diesem Spiel. Er agierte variabler, war nicht nur der Wandspieler, der den Ball behaupten sollte.  In seine Flanke lief Zlatko Janjic und köpfte im Lauf unhaltbar ein. Solche Kopfballtore kann er machen.

Danach war nicht mehr zu erkennen, dass der MSV mit einem Mann weniger spielte. Unermüdlich wurden die Lotter Spieler schon in deren eigenen Hälfte angelaufen. Nie wurde ihnen die Ruhe zum Spielaufbau gelassen. Es war beeindruckend, wie ausdauernd und intensiv noch in den letzten Spielminuten Tim Albutat, Fabian Schnellhardt oder auch der King noch die Gegner attackierten. Dieser Sieg war hoch verdient, und meine Notfallvorsorge mit Funny van Dannens Eurhythmischuhen für die ausgeglichene Stimmung war nicht nötig gewesen. Vielleicht hätten Baris Özbek die Eurhytmieschuhe genutzt. Aber wie man damit zugleich Fußball spielen soll, weiß ich auch nicht.

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3 Responses to “Wer braucht schon Eurhytmieschuhe in Lotte?”


  1. 1 Catenaccio 07 5. Dezember 2016 um 13:31

    Endlich finde ich Ort und Gelegenheit, meine Leiche im Keller zu offenbaren. Ich war zwei Jahre als Integrationshelfer an der Waldorfschule Essen (Heliandzweig) tätig, besaß Eurythmieschuhe und kann noch heute meinen Namen tanzen. Danke, angenehmen Tag noch.

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    • 2 Kees Jaratz 6. Dezember 2016 um 08:54

      Immer wieder bringt mich dein reicher Erfahrungsschatz in ganz unterschiedlichen Lebenszusammenhängen ins Staunen. Ein schönes Bild – der tanzende Mann mit dem Fußballbier in der Hand und dem wachen Blick für die schöne Frau 😉

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  1. 1 Wie geht das Leben als Spieler und Anhänger eines Tabellenführers? | Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 11. Dezember 2016 um 11:55

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