Halbzeitpausengespräch: Franz Voll – Inside Duisburg Marxloh

Im Oktober auf der Buchmesse sprang mir beim Vorübergehen am dtv-Stand das Wort „Marxloh“ ins Auge. Marxloh, ein einziges Wort in großen Lettern. Erst beim zweiten Blick las ich den erläuternden Vorspann zum Stadtteilnamen vom Gesamttitel des Buchs „Inside Duisburg“. Ein Buchcover als Beleg für eine Karriere der unangenehmen Art. Der Stadtteilname Marxloh ist in der öffentlichen Debatte über die Entwicklungen in Deutschland zu einer Chiffre geworden, mit der schnell eine Wirklichkeit behauptet werden kann, die als schreckliche Zukunft dieses Landes uns allen bevor steht.

Darauf werden die Duisburger auch von der lokalen Presse immer wieder hingewiesen. Das Schrecken verbreitende Schlagwort dieser Gemeingut gewordenen Marxloh-Beschreibung lautet „No-Go-Area“. Am Wochenende noch wurde in einem längeren Artikel der Rheinischen Post Marxloh als Biotop der libanesischen Clan-Kriminalität beschrieben.  Als Schauersoundverstärker fand sich selbstverständlich auch eine Politikerstimme, die mahnend „No-Go-Area“ brummte. Am Montag wurde das entworfene Bild in den Blättern der Funke Medien Gruppe korrigiert. Marxloh ist laut Polizeipräsidentin Elke Bartels keineswegs eine „No-Go-Area“. Die polizeiliche Präsenz müsse allerdings hoch gehalten werden, um die Entfaltung des kriminellen Milieus zu verhindern.

Festzuhalten bleibt, „No-Go-Area“ ist  kein Begriff, der Voraussetzungen der Polizeiarbeit beschreibt. Es ist ein Debattenbegriff, ein Schlagwort. Das wusste auch der Fernsehjournalist Franz Voll. Schlagworte vereinfachen und sind deshalb für recherchierende Journalisten eine bestens geeignete Arbeitsgrundlage. Schlagworte sind übergroße Hinweisschilder für geeignete Themen, weil die genau rechercherierte Wirklichkeit jedes Schlagwort zerbröseln lässt. Ein halbes Jahr hat Franz Voll in Marxloh zugebracht. Er hat mit vielen Menschen gesprochen und festgehalten was sie gesagt haben. Er hat seine eigenen Beobachtungen notiert, um mit „Inside Duisburg-Marxloh“ sein Bild der Wirklichkeit des Duisburger Stadtteils zu zeichnen.

Das Buch stellt vor allem diese vielen Stimmen des Stadtteils nebeneinander. Franz Voll lässt Marxloher der unterschiedlichen Generationen zu Wort kommen. Er befragt die Repräsentanten der Stadt wie den Ober- und Bezirksbürgermeister. Er verdichtet die Stadtteilgesellschaft, indem er typische Bewohner Marxlohs versammelt. Zu- und Weggezogene lässt er sprechen, Deutsche, Türken, türkischstämmige Deutsche, Flüchtlinge. Schüler kommen zu Wort, Rentner, die wegziehen wollen.

Er schreibt aus einer subjektiven Perspektive in einem gewöhnungsbedürftigen Stil, der an die TV-Dokumentationen des Privatfernsehens erinnert. Sein Blick auf Marxloh wirkt in Teilen bewusst naiv gehalten. Eigene Gefühle nutzt er immer wieder plakativ, um die erlebte Wirklichkeit darauf zu beziehen. So macht er sich zum Sprachrohr der Sorgen und Ängste eines vorurteilsbelasteten Besuchers des Stadtteils, der nach und nach seine Befürchtungen entkräftigt sieht. Dennoch beschönigt er nichts. Er lässt Menschen zu Wort kommen, die lieber gestern als heute dem Stadtteil den Rücken kehren wollen. Dagegen stellt er die Stimmen von überzeugten Marxlohenern, die dankbar sind, dass endlich mal jemand versucht zu beschreiben, wie es wirklich in dem Stadtteil aussieht.

Sein Fazit: Marxloh ist ein Stadtteil mit Problemen, aber keinesweg eine No-Go-Area. Franz Voll kennt Orte wie Marxloh überall in Deutschland und appeliert mit einer Auflistung solcher Orte am Ende an die Bereitschaft der Leser, die Wirklichkeit Marxlohs nicht als Besonderheit sondern als gewisse Normalität in diesem Land zu bewerten.

Franz Voll hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau hinzusehen und das ist schon viel in dieser Gegenwart, die Fakten gegenüber so oft gleichgültig ist. Allerdings führt sein Ansatz, dieses Marxloh in eine Reihe ähnlicher Orte in Deutschland zu stellen, nicht all zu weit bei der Korrektur des öffentlchen Bildes von Marxloh. Um diese Bestandsaufnahme auf grundlegende Weise fruchtbar zu machen, braucht es das Verstehen, wozu eine Gesellschaft solche Chiffren wie Marxloh benutzt.

Beim genauen Hinsehen auf eine vielfältige Wirklichkeit löst sich zwangsläufig ein Schwarz-Weiß-Denken auf. Doch wird jeder Leser in diesem Buch Argumente finden, um seine gewohnte Einstellung zu Vierteln wie Marxloh bestätigt zu sehen. Als aufklärerische Erkenntnis des Buchs ergibt sich alleine das Resumée, Marxloh ist keine No-go-Area. Das erstaunt nun nicht. Bei allen Problemen dieses Deutschlands lässt sich doch festhalten, dass das Gewaltmonopol des Staates nur in Ausnahmefällen gefährdet ist. Die Ausnahmen werden sogleich Skandale und führen zu großen öffentlichen Diskussionen. Der Ausnahmefall bleibt damit Ausnahmefall.

Wer also über die Wirklichkeit in Marxloh nachdenkt und Perspektiven aufzeigen will, muss in einem nächsten Schritt sich darüber Gedanken machen, welche sozialen Probleme mit einer Chiffre wie Marxloh im Gespräch gehalten werden. Es nutzt nichts, darauf zu verweisen, dass es an anderen Orten dieses Deutschlands genauso aussieht wie in Marxloh. Diese Gesellschaft braucht für das öffentliche Reden griffige Formeln, und so lange das Denken in dieser Gesellschaft an vielen Orten aus unterschiedlichen Gründen von Angst bestimmt wird, so lange werden Orte wie Marxloh für diese Angst symbolhaft herhalten müssen. Die Aufgabe die Wirklichkeit in ihren Facetten festzuhalten, gibt es dennoch. Das hat Franz Voll gemacht, und dafür hat sich sein Aufenthalt in Marxloh gelohnt.

Inside Duisburg-Marxloh, Umschlag gross anzeigen

Franz Voll: Inside Duisburg-Marxloh. Ein Stadtteil zwischen Alltag und Angst. Verlag Orell Füssli, 224 S., 17,95 €.

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