Akzente 2017 inoffiziell: Heinrich Heine kannte Deutschland im Jahr 2017

Am Freitag sind die  38. Duisburger Akzente eröffnet worden. In diesem Jahr lautet das Motto des Kulturfestivals Umbrüche. Wenn sich etwas umfassend verändert, eben das geschieht, was gemeinhin mit einem Umbruch einhergeht, dann ist eins gewiss, wie das Leben nach einem solchen Umbruch aussieht, weiß niemand genau. Behauptet wird zumeist etwas anderes.

Heinrich Heines literarisches Werk wurde in Deutschland bis Anfang der 1980er Jahre immer wieder herabgesetzt, weil er sich auch als politischer Schriftsteller verstand, als politischer Lyriker gar. Der romantische Dichter Heine wurde gegen den politischen Schriftsteller ausgespielt. Ein rechts-konservatives Milieu der deutschen Gesellschaft wollte von solchen Werken nichts wissen, die eine konkrete politische Entwicklung kommentieren.

Wer sich Heines Gedicht „Die Wahlesel“ anhört oder es liest, wird sofort verstehen warum. Auch in der Gegenwart wirkt es als satirischer Kommentar zu nationalistischem Populismus jedweder Art. Die Zeiten haben sich geändert, nationalistischer Populismus ist derselbe geblieben.

Das Gedicht ist im Nachlass erschienen. Das genaue Entstehungsjahr habe ich auf die Schnelle nicht herausbekommen. Wahrscheinlich wird es Ende der 1840er Jahre entstanden sein, als Kommentar zu Debatten in der Frankfurter Paulskirche, wo ab Mai 1848 die Nationalversammlung tagte.

Und nun Herr Heine, bitte schön.

Die Wahlesel

Die Freiheit hat man satt am End,
Und die Republik der Tiere
Begehrte, dass ein einzger Regent
Sie absolut regiere.

Jedwede Tiergattung versammelte sich,
Wahlzettel wurden geschrieben.
Parteisucht wütete fürchterlich,
Intrigen wurden getrieben.

Das Komitee der Esel ward
Von Alt-Langohren regieret.
Sie hatten die Köpfe mit einer Kokard,
Die schwarz-rot-gold, verzieret.

Es gab eine kleine Pferdepartei,
Doch wagte sie nicht zu stimmen.
Sie hatte Angst vor dem Geschrei
Der Alt-Langohren, der grimmen.

Als einer jedoch die Kandidatur
Des Rosses empfahl, mit Zeter
Ein Alt-Langohr in die Rede ihm fuhr,
Und schrie: Du bist ein Verräter!

Du bist ein Verräter, es fließt in dir
Kein Tropfen vom Eselsblute.
Du bist kein Esel, ich glaube schier,
Dich warf eine welsche Stute.

Du stammst vom Zebra vielleicht, die Haut
Sie ist gestreift zebräisch.
Auch deiner Stimme näselnder Laut
Klingt ziemlich ägyptisch-hebräisch.

Und wärst du kein Fremdling, so bist du doch nur
Verstandesesel, ein kalter.
Du kennst nicht die Tiefen der Eselsnatur,
Dir klingt nicht ihr mystischer Psalter.

Ich aber versenkte die Seele ganz
In jenes süße Gedösel.
Ich bin ein Esel, an meinem Schwanz
Ist jedes Haar ein Esel.

Ich bin kein Römling, ich bin kein Slaw.
Ein deutscher Esel bin ich,
Gleich meinen Vätern. Sie waren so brav,
So pflanzenwüchsig, so sinnig.

Sie spielten nicht mit Galanterei
Frivole Lasterspiele.
Sie trabten täglich, frisch-fromm-fröhlich-frei,
Mit ihren Säcken zur Mühle.

Die Väter sind nicht tot! Im Grab
Nur ihre Häute liegen,
Die sterblichen Hüllen. Vom Himmel herab
Schaun sie auf uns mit Vergnügen.

Verklärte Esel im Gloria-Licht!
Wir wollen Euch immer gleichen
Und niemals von dem Pfad der Pflicht
Auch nur einen Fingerbreit weichen.

O welche Wonne, ein Esel zu sein!
Ein Enkel von solchen Langohren!
Ich möcht es von allen Dächern schrein:
Ich bin als ein Esel geboren.

Der große Esel, der mich erzeugt,
Er war von deutschem Stamme.
Mit deutscher Eselsmilch gesäugt
Hat mich die Mutter, die Mamme.

Ich bin ein Esel, und werde getreu,
Wie meine Väter, die Alten,
An der alten, lieben Eselei,
Am Eseltume halten.

Und weil ich ein Esel, so rate ich Euch,
Den Esel zum König zu wählen.
Wir stiften das große Eselreich,
Wo nur die Esel befehlen.

Wir alle sind Esel! I-A! I-A!
Wir sind keine Pferdeknechte.
Fort mit den Rossen! Es lebe, hurra!
Der König vom Eselsgeschlechte!

So sprach der Patriot. Im Saal
Die Esel Beifall rufen.
Sie waren alle national,
Und stampften mit ihren Hufen.

Sie haben des Redners Haupt geschmückt
Mit einem Eichenkranze.
Er dankte stumm, und hochbeglückt
Wedelt er mit dem Schwanze.

 

Es gibt zwei wunderbare Rezitationsfassungen des Gedichts von Lutz Görner. Nehmt euch die kurze Zeit und hört euch wenigstens eine dieser ausdrucksstarken Auftritte an. Bei dem älteren Bühnenauftritt überraschte mich die Reife der Rezitationsstimme schon des jungen Lutz Görner. Mir war das nicht bewusst, auch wenn ich ich ihn bereits Mitte der 1980er Jahre im Kölner Schauspielhaus gesehen habe. Er war es, der mir zum ersten Mal die Gedichtrezitation als ein bereicherndes Kulturerleben nahe brachte.

In der anderen Fassung ist Lutz Görner einige Jahre älter und nicht minder ausdrucksstark. Die Wahlesel, ab Minute 4.17

Mit einem Klick weiter zu allen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms 2017 im Zebrastreifenblog.

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