Archiv für Mai 2017

Weggelesen und Weggehört – J. L. Carr: Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten

Ein Außenseiter gewinnt das alles entscheidende Spiel. Diese Geschichte ist ein Klassiker des Sportfilms, egal in welcher Sportart, egal in welchem Land. In der Literatur ist dieser Plot-Klassiker gar nicht so populär. Der Engländer J.L. Carr aber hat ihn in seinem 1975 erstmals erschienenen Roman „Wie die Steeple Sinderbey Wanderer den Pokal holten“ auf die Spitze getrieben. 547 Einwohner hat Steeple Sinderbey, das Yorkshire-Dorf, und es gibt dort einen Fußballverein, der in der Provinzliga Englands spielt. Dennoch gelingt es dem Dorfverein auf dem Weg ins Finale des FA Cups Leeds United, einen nicht näher bestimmten Manchester-Erstliga-Club und Aston Villa  zu schlagen. Den Pokal gewinnt die Mannschaft im Finale gegen die Glasgow Rangers. Ich recherchiere jetzt nicht, ob es mal eine Zeit des FA Cups gab, in der alle Verbände Großbritaniens teilnahmen.

Um eine möglichst genaue Positionierung des Märchenhaften in der historischen Wahrheit geht es ohnehin nicht. Es geht alleine um die Glaubwürdigkeit dieser Geschichte für sich genommen, so wie es J.L. Carr selbst für eine 1992 erschienene Neuauflage des Buchs im Vorwort anspricht. In dieses Buch sind seine Erinnerungen an seine eigenen Erfahrungen mit dem Fußball aus den 1930r Jahren eingeflossen. Die Handlung müsste aber irgendwann Anfang der 1970er Jahre spielen. Für Fußballfans wird genau das vielleicht ein Problem sein. Denn sobald ein Fußballfan auf die Fußballwirklichkeit der 1970er Jahre gestoßen wird, könnte es ihn aus der Geschichte reißen.

Der Roman handelt nicht vom Fußball der 1970er Jahre. Die Sprache des Romans in der Übersetzung von Monika Köpfer erinnert nämlich an noch weiter zurück liegende Zeiten. Sie erinnert an einen Fußball in Kinderschuhen. Im Verlauf des Romans war ich überrascht, als von TV-Journalisten die Rede war, so sehr hatte die Sprache mir eine Welt ohne  Technologie der 1970er Jahre suggeriert. J. L. Carrr zeigt vor allem die Dorfwelt, und er erzählt in Sachen Fußball ein Märchen im ureigensten Sinn.

Das liegt nicht nur an der Sprache. Schon die kleine Welt des Dorfes wirkt aus der Zeit gefallen. Der Ich-Erzähler schildert seine Geschichte der „Wanderers“ als Vorarbeit zur eigentlichen Chronik jener Saison. Dieser Erzähler berichtet zwar auch über die jeweiligen Spiele und über die immer unwirklicheren Zustände im Dorf, wenn die Anhänger der Gastvereine des professionellen Fußballs die wenigen Straßen in der Provinz überfluten.

Er erzählt aber gleichgewichtig von dem überschaubaren Dorfleben, in dem ein am Fußball uninteresserter wohlhabender Patriarch den Vereinsvorsitz hat, weil er eben als der wichtigste Mensch im Dorf von allen möglichen Vereinen Präsident ist. Er ist ein kleiner König in der Provinz. Daneben gibt es einen tchechischen Exilanten, der als Schuldirektor ein visionärer Pädagoge ist und die methodische Grundlage für den erfolgreichen Dorffußball gibt. Es gibt einen Ex-Profi in der Dorfmannschaft. Eine private Tragödie hat ihn den Beruf als Fußballer aufgeben lassen. Skurrile Figuren erinnern zudem an das einst sehr lebendige Klischee der exzentrischen Briten.

All das wird gefällig erzählt, und der Roman hat in England über die Jahre großen Erfolg gehabt. Mir selbst klingt die Sprache zu sehr nach Vergangenheit, ohne dass ich für diesen mir zu betulichen Sound einen erzählerischeren Mehrwert der Geschichte erhalte. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass Leser, die weniger mit dem Fußball an sich verbunden sind, diesen behaglichen Ton der Geschichte zu schätzen wissen.

Mir ging es sogar so, dass ich der von Thomas Sarbacher eingesprochenen Hörbuchfassung gerne zugehört habe. Die Sprache des Buchs verlangt geradezu danach, vorgelesen zu werden. So entstand der märchenhafte Raum sehr viel unangreifbarer für mich, als es bei der eigenen Lektüre möglich war. Als ich selbst las, stand für mich die Kluft zwischen der Sprache und der Gegenwart des Erzählten zu sehr im Vordergrund. Thomas Sarbacher hat das Buch großartig eingesprochen. Zumal es auf den ersten Seiten ungeheuer schwierig gewesen muss bei all den Orts- und Personennamen, die manchmal dicht aufeinander folgten. Sofort erinnert das nämlich an eine der ganz großen Sprechleistungen von Evelyn Hamann mit einem Text von Loriot.

 

 


J.L. Carr: Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten.
Aus dem Englischen von Monika Köpfer.
DuMont Buchverlag, Köln 2017.
192 Seiten.

€ 22,00

 

 


Ungekürzte Lesung mit Thomas Sarbacher
4 CDs | ca. 5 h 11 min

Der Audio Verlag

Unverbindliche Preisempfehlung: € 19,99

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Filterblasen waren gestern – Such doch mal was anderes als was zum MSV

Neulich bei Pinterest: Meine Filterblase rund um den MSV ist endlich geplatzt. Deshalb demnächst in diesem Internet: Kees Jaratz, der Food-Blogger, mit einem großen Herz für Nudeln.

Fußball unser – Ein Saisonabschluss-Gebet

Fußball unser, der du wirst gespielt
auf heiligen Rasen.
Dein Torschuss komme,
dein Wettkampf geschehe.
Wie in Arenen
so auf Bezirkssportanlagen.
Unser sehenswertes Spiel gib uns heute
und beschenke uns mit großem Sport.
Und zeige dich nicht nur als Arbeit,
sondern erlöse uns vom Alltag.
Denn nach dem Anpfiff
ist allen alles möglich.
Stets neu
und immer wieder.

Mit elf

Geht in die Sommerpause in Frieden, murmeln gerade sämtliche alten Pfarrer meiner Kindheit mir zur Erlösung der Sonntagsmessen-Langeweile. Was diese Langeweile angeht, nicht dass ihr denkt, in der Sommerpause sind hier Betriebsferien. Zu schreiben gibt´s immer was.  In dem Sinne, wahrscheinlich bis morgen.

Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 35: Mottek – Kommsse rauf, kannze kucken

Ein paar Mal habe ich schon darüber nachgedacht, ob ich in der Heimatliedsammlung neben dem Ruhrstadt-Stadtteil Duisburg auch die anderen Stadtteil-Sektionen eröffnen sollte. Wenn ich das mache, muss eine eigene Seite her. Heute erwähne ich das, weil der Gasometer in Oberhausen als besungene Landmarke zum zweiten Mal im Ruhrstadt-Heimatlied auftaucht. „Oberhausen“ von den Misfits ist hier eben nur nicht aufgenommen, weil es sich auf diesen Ruhrstadt-Stadtteil konzentriert. Alleine wegen dieses Lieds müsste ich meine Sammlung ausweiten. So sehr gefällt es mir.

Nun habe ich von Mottek den Gasometer ein weiteres Mal besungen gefunden – mit der Perspektive Ruhrstadt, die man von Dortmund bis zum Rhein sehen kann, wenn man oben steht. Das ist nun etwas übertrieben, aber Heimatlieder nehmen es oft nicht ganz genau. Es geht ja mehr ums Gefühl, wenn man dort oben auf die Städtelandschaft sieht. Eigentlich ist Mottek eine Coverband und spielt Rock quer durch die Musikgeschichte. Anscheinend haben sie aber auch ein paar eigene Stücke gemacht. Es sei denn, auch „Kommsse rauf, kannze kucken“ hat ebenfalls einen anderen Original-Interpreten, den ich auf die Schnelle nicht gefunden habe.

Wenn in Köln ohne den Dom in den Standardkarnevalsschlagern nichts geht, so könnte nach und nach der Gasometer der Kölner Dom des Ruhrstadt-Heimatlieds werden.

Und die Gelegenheit zu „Oberhausen“ von den Missfits lasse ich mir nun auch nicht nehmen.

 

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

Niederrheinpokalsieger…EM…ES…VAU…weiß und blau…EM…ES…VAU

Die Mannschaft des MSV war gestern sehr viel motivierter als ich heute. Ein Text für das Ruhrort-ABC wartet, und der wird  sehr viel länger gelesen werden, als die Worte heute über den Sieg des MSV im Niederrheinpokal 2017. Das Ruhrort-ABC benötigt also meine Aufmerksamkeit sehr viel mehr als dieses Finale. Welch brisante Spiele waren das in den ersten beiden Drittligajahren vom MSV in diesem Wettbewerb. Viel war davon nicht mehr zu spüren. Das war schon im Spiel gegen RWO so.

Zum einen habe ich den Eindruck, die letzte Saison in der 2.Liga hat für viele von uns den Wert dieses Wettbewerbs gemindert. Wir sind in diese Saison mit dem Selbstbewusstsein eines Zweitligisten gegangen. Auch deshalb waren wir so oft unzufrieden mit der Leistung der Mannschaft in den Punktespielen. So war der Aufstieg das einzig wichtige Ziel und entsprechend gering war die Aufmerksamkeit für den Niederrheinpokal. Doch gerade im Niederrheinpokal war zu erkennen, das Selbstbewusstsein hat es zurecht gegeben. Am Sieg des MSV gegen RWE gab es keinen Zweifel.

Die Zebras spielten souverän. Jeder einzele Spieler schien sich seiner überlegenen Fähigkeiten sicher. Als einziger fiel Mael Corboz im defensiven Mittelfeld etwas aus der Reihe. Offensichtlich sollte er währnd der Saison im Niederrheinpokal Spielpraxis gewinnen. Er wirkte sehr vorsichtig und fast immer darauf bedacht, nur keinen Fehler zu machen. Er lief mit und muss für Einsätze in anderen Wettbewerben deutlich mehr Verantwortung übernehmen.

In der ersten Halbzeit hatte die Mannschaft das Spiel komplett im Griff. Ruhig, kontrolliert, aber stets mit Zug zum Tor wurden die Angriffe heruntergespielt. Die Führung durch Simon Brandstetter nach hervorragender Vorarbeit von Fabian Schnellhardt war verdient. Nach der Halbzeitpause dann die Pyroshow auf beiden Seiten. Fußball als Bühne für Selbstdarstellung und den Versuch, sich in dieser Gesellschaft wichtig zu fühlen. Ihr seht, ich versuche meinen Ärger etwas zu bändigen, indem ich Erklärungen anbiete. Nach der längeren Spielunterbrechung passierten den Essenern leichtere Stockfehler, die die Zebras zu gefährlichen Offensivaktionen nutzten. Die Folge: ein Freistoß nahe der Strafraumgrenze, den Kevin Wolze sehr gefühlvoll ins Toreck hob.

Die Freude von Ilia Gruev an der Seitenlinie zeigte so deutlich, wie sehr er nach dem Aufstieg in Köln auf diesen perfekten Saisonabschluss hingearbeitet hat, wie sehr er ihm am Herzen lag. Danach gelang es RWE ab der 60. Minute etwa etwas Druck zu entwickeln. Zum ersten Mal kam ein wenig Pokalkampf auf. Mit etwas Glück wäre vielleicht ein Anschlusstreffer gefallen. Ein Abseitstor fiel ja sogar, aber der MSV wirkte weiter sehr souverän angesichts der beschränkten Offensivmöglichkeiten der Essener in Strafraumnähe.

Nach dem Schlusspfiff leerte sich das Stadion schnell. Dieser Niederrheinpokal war also auch für die Essener als Wettbewerb nicht wirklich wichtig gewesen. Es gab nichts auszukosten. Auch die Spieler von RWE erhielten schließlich eine Medaille bei der Siegerehrung. Diese Siegerehrung war unscheinbarer als vor drei Jahren in Duisburg. Sie entsprach der Bedeutung dieses Wettbewerbs, der ja durch den Titel „Tag der Amateure“ und der Dauerpräsenz durch die TV-Übertragung sämtlicher Länderpokalspiele aufgewertet werden soll. Dabei offenbart sich einfach nur der Widerspruch, den professionellen Unterhaltungsbetrieb Fußball mit dem Breitensport des Amateurbereichs auszusöhnen.

Wenn ich darüber wirklich nachdenke, werde ich genauso ärgerlich wie über die Pyro-Selbstdarsteller auf beiden Seiten. Zu Ärger nach einem Finalsieg des MSV habe ich aber keine Lust. Also, Niederrheinpokalsieger EM-ES-VAU, und damit Schluss für heute, höchstens noch ein paar Fotos anschauen und Bewegtbilder.

 

Die Mannschaft wartete auf die Siegerehrung und vertrieb sich die Zeit beim gemeinsamen Feiern mit den Fans.

Lyrischer Niederrheinpokalfinalistenvergleich

RWE-MSV

Doch, gut, die Hafenstraße weist drauf hin,
was Becken am Kanal für Essen sind.
Doch, ja, das macht für Essen wirklich Sinn,
das sind so Häfen für ein kleines Kind.

Mit wenig Schiffsverkehr, kaum Fläche Wasser,
der Name nur verspricht die weite Welt.
Wenn man dorthin fährt, wird die Aussicht blasser.
Für Essener aber gilt, die Stimmung hält.

Demnächst soll es die Fußballstraße geben.
An die Pokalestraße wird gedacht.
Erst so kann Essen dann auch damit leben,
wie Duisburg Wirklichkeit aus Namen macht.

 

Gastbeitrag: Klaus Hansen überfällt die „Postsaisonale Melancholie“

In gewisser Weise geht es heute schon wieder um eine Debatte – nämlich die, wie sich der Fußball als Unterhaltungsbranche entwickelt und was dabei verloren geht. Nachdem sich Klaus Hansen über den Aufstieg des MSV gefreut hatte, wurde er wehmütig und hat die Gründe dafür im Fußball der Gegenwart gefunden. Dabei hatte er zunächst nur über die Spielweise des MSV nachgedacht. Allerdings muss ich hinzufügen, Klaus Hansen hatte das letzte versöhnliche Spiel gegen Zwickau noch nicht gesehen, als er den Text geschrieben hatte. Der Sozialwissenschaftler Klaus Hansen kommt seit der ersten Bundesliga-Saison zu den Spielen des MSV. Mehrmals waren in diesen Räumen hier schon Gastbeiträge von ihm zu lesen.

Postsaisonale Melancholie

Paul Auster sagt, dass es im Sport „Gewinner und Verlierer gibt“; aber das ist banal. Nicht banal und geradezu tiefgründig ist seine Feststellung: Im Sport gibt es „viel mehr Verlierer als Sieger“. Eine Erkenntnis, die selbst auf höchster Erfolgsstufe gilt: Bayern München hat 27mal die die Deutsche Fußballmeisterschaft errungen – 83mal aber nicht. Real Madrid hat 11mal das europäische Championat gewonnen – 51mal aber nicht. Brasilien ist 5mal Weltmeister geworden – 15mal aber nicht.

Was Paul Auster nicht wissen kann, weil er Amerikaner ist und die großen amerikanischen Sportarten kein Unentschieden kennen, ist die Tatsache, dass nicht verloren haben muss, wer nicht gewonnen hat. Der genossenschaftlichen Punkteteilung sei Dank! (Leider durch die 3-Punkte-Regelung verwässert.) Das Remis erlaubt es sogar, dem Nichtverlieren Priorität vor dem Gewinnen einzuräumen.  Dazu passt natürlich die Zielsetzung für die kommende Saison in der 2. Liga: nicht absteigen!

Ans Gewinnen denkt in Meiderich schon lange keiner mehr. – Wie kann ein Verein ohne Titel, dem der Glauben abhanden gekommen ist, je auch nur einen Titel von Belang erringen zu können, vor seinen Fans, zumal den nachkommenden, bestehen? Indem er ohne Unterlassung für Spannung sorgt. Schon seit Jahren ist der Abstiegskampf in der Bundesliga spannender als der Meisterschaftskampf, und darum interessanter.

Sorgt für Spannung, Zebras, und überwindet den „Beamtenfußball“ dieser Saison, geht Risiko ein, macht Dinge, für die euch der liebe Gott nicht vorgesehen hat! Und wenn es nach unten geht, aber spannend, bleiben auch die Fans bei der Stange. Denn mit eben dieser Spannung kann es auch wieder nach oben gehen. – Dies schreibt ein Herzensfan, der alle ökonomischen Belange des modernen Fußballs hier einmal außen vor lässt.

Aber wir alten Fans, die wir zwischen 60 und 70 sind, kommen alle aus dem Amateurfußball, der uns geprägt hat. Vielleicht ist es gut, dass wir aussterben. Denn der Berufsfußball kann mit uns und wir mit ihm wenig anfangen. Die neuen Fußballfans sind von ESC-Fans nicht mehr zu unterscheiden. Die neuen Stadion-Sprecher – siehe RB Leipzig – sind von glamourösen Show-Moderatoren des Unterhaltungsfernsehens auch nicht mehr zu unterschieden. Das geht alles in eine Richtung, die nicht mehr meine Richtung ist. Das Schlimme ist die Ausweglosigkeit. Ich gehe zu einem Spiel letzten Kreisklasse Rhein-Erft, wo man nicht mehr absteigen kann, weil es darunter nichts mehr gibt. Aber auch da tragen die Spieler Trikots mit Sponsoren-Namen auf der Brust; selbst da bedankt man sich vor dem Anpfiff über Megaphon beim edlen Spender, „der für das heutige Spiel den Ball zur Verfügung gestellt hat.“ Der Fußball als Werberahmenprogramm ist nicht mehr mein Fußball.


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