Mein Eishockey-Spiel beim FC St. Pauli

Manchmal gehe auch ich ins Stadion, und der Fußball auf dem Rasen ist weniger wichtig als ich selbst. Denn ohne mich hätte dieser Fußball nicht stattgefunden. Gut, an die 30.000 Zuschauer dieses Spiels und bestimmt auch die Spieler selbst sind sicher anderer Meinung, aber dieses Spiel des MSV beim FC St. Pauli erinnerte mich an eine zutiefst existentielle Frage. Was die Menschheit seit Jahrtausenden als Problem des Erkennens zunächst philosophisch und dann auch naturwissenschaftlich hin und her bewegt, bearbeitete ich am Sonntagnachmittag bei St. Pauli im Stadion. Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Ich habe das gesamte Spiel gesehen, ohne alles gesehen zu haben – das Ausgleichstor zum 2:2 etwa, aber auch die vermeintlichen Fouls vor den Elfmetern auf der Gegenseite. Dieses Spiel vom MSV gegen St. Pauli hätte es für mich nicht gegeben, wenn ich nicht gesehen hätte, was ich nicht gesehen habe.

Es war wie beim Eishockey. Wer zum ersten Mal ein Eishockey-Spiel sieht, sieht auch nichts vom Spiel, weil der Blick des Betrachters der vom Puck gesteuerten Bewegung des Spiels zunächst fast immer hinterher hängt. Man muss das Spiel sehen lernen. Was beim langsameren Fußball genauso ist, aber nicht auffällt, weil wir meinen, es sei einfach, dem Ball zu folgen. Aber auch den Fußball muss man sehen lernen. Womit ich vor Jahrzehnten begonnen habe. Deshalb sah ich gestern, was meine Augen nicht haben wahrnehmen können. Das meiste hat mein Kopf erledigt und die fehlenden Momente des Spiels immer wieder ergänzt.

Als Spezie eines Herdentieres habe ich bei dieser Wahrnehmung die Hilfe der Herdenstimmung nutzen können. Hinzu kamen Eindrücke der Hamburger Voll- und Teilzeit-MSV-Anhänger, mit denen ich nun schon zum wiederholten Male im norddeutschen Raum einen Auswärtsspieltag des MSV verbracht habe. Alles in allem ergibt sich nun eine ansehnliche erste Halbzeit, in der der MSV das Spiel sicher in der Hand hatte. Souverän wurde dem Druck der Paulianer in den ersten zehn Minuten stand gehalten. Danach war deutlich, gegen diese MSV-Defensive fand St. Pauli kein Mittel. Die Souveränität von Gerrit Nauber wirkte in die Mannschaft hinein. Wir durften auf eine gelungene Offensivaktion mit Torerfolg warten oder uns auf ein Unentschieden einrichten.

So war die Führung durch das Elfmetertor von Kevin Wolze keine überraschende Folge dieses Spiels vom MSV, auch wenn wir den Elfmeterpfiff selbst mehr als willkommene Gabe sahen. Der Schrecken war dann groß, als Gerrit Nauber durch einen Schuss ausgeknockt wurde. Stabile Seitenlage auf dem Spielfeld kommt nicht häufig vor und ließ Schlimmes ahnen. Als er dennoch weiterspielte, war die Hoffnung auf sein Durchhalten groß.

Er kam nach dem Halbzeitpfiff nicht mehr aus der Kabine, und damit war klar, nun würde es sehr schwierig. Denn St. Pauli bestätigte die Vermutung, nach dem Wiederanpfiff mit sehr viel Druck aufzutreten. Die Defensive des MSV begann zu schwimmen, und unsere Hoffnung, dass die Mannschaft die normalerweise 10 bis 15 Minuten vermehrte Offensivkraft des Gegners in einer solchen Begegnung schadlos überstehen würde, schwanden schnell. Nicht nur der Ausgleich fiel, St. Pauli ging in Führung. Für den MSV bestand sofort die Möglichkeit, die Niederlage noch zu verhindern, weil sich St. Pauli nach dem Führungstor ebenfalls sofort wieder zurück zog. Die MSV-Defensive war entlastet, und die Mannschaft konnte auf den Ausgleich hin spielen. Vielleicht brachte die rote Karte gegen St. Paulis Spieler einen Vorteil. Sicher bin ich mir  nicht. Ich glaube, ein Ausgleich  wäre auch beim elf gegen elf möglich gewesen, so unermüdlich wie die Zebras sich Richtung Tor St. Paulis bewegten. Das Tor von Stanislav Iljutcenko habe ich mir dann wieder sehr lebendig vorgestellt.

Wie der MSV dieses Unentschieden erspielt hat, macht Freude. Diese Mannschaft reagiert variabel auf Spielstände und Spielsituationen. Diese Mannschaft strahlt eine Selbstsicherheit aus, die beeindruckt. Die Hektik des Spiels in der zweiten Halbzeit ging von den verunsicherten Paulianern aus. Die Zebras ließen sich davon nicht anstecken, sondern nutzten die dadurch entstehende Unruhe beim Gegner. Hoffen wir nur noch, dass Gerrit Nauber möglichst nächsten Spieltag wieder da ist. So weit möchte ich dann doch nicht selbst die Wirklichkeit in meinem Kopf herstellen müssen und ihn im Spiel gegen Dresden mir vorstellen, obwohl er nicht auf dem Spielfeld steht. Sonst wird meine Wirklichkeit dann mittelfristig so anders als die von euch, dass es schwierig werden könnte.

 

 

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