Archiv für Juni 2018

Leichtes Auftaktschreiben zur Saison 2018/2019

Damit das mal klar ist: Schon einige Zeit vor dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft aus der WM habe ich ein paar Fragen der 11Freunde-Redaktion für deren Sonderheft zur neuen Saison beantwortet. Nach dem Motto, was fällt Kees Jaratz Launiges zu seinem MSV ein, hieß es da: „Diesen WM-Star sähe ich gerne bei meinem Klub…“ Die Antwort lag für mich auf der Hand. „Wofür steht noch mal WM? Muss ich das kennen?“, habe ich geschrieben.

Gut, das war vielleicht etwas zugespitzt. Aber meine Grundstimmung in diesen Wochen wird so klar erkennbar. Was ich schon bei Bundesliga und Champions League deutlich gemerkt habe, zeigt sich nun einmal mehr. Mich stößt dieser Fußball als Unterhaltungsangebot und gesellschaftliches Großereignis auf eine widersprüchliche Weise ab. Die Fußballweltmeisterschaft habe ich nebenbei wahrgenommen, ohne Konzentration, ohne wirkliches Interesse. Natürlich lasse ich mich in ein Spiel selbst hineinziehen. Für die Spiele der deutschen Nationalmannschaft habe ich mir sogar Zeit genommen. Ich steige aber auch bei einem Basketballspiel in der Kreisliga von mir zwei unbekannten Mannschaften ein, weil ich irgendwann zu einer Mannschaft halte. Das ist das Wesen meiner Sportbegeisterung. Alles andere interessiert mich nicht. Wenn dieses andere aber immer mehr Raum einnimmt, wird mein eigentlicher Bezug zum Sport erstickt.

Mich nervt die Inszenierung des Fußballs der Gegenwart, und ich sehe den Widerspruch, dass ich sie beim MSV in einer der Vereinsgröße entsprechenden Ausführung ebenso mitmache. Der MSV selbst lässt mich diesen Widerspruch aushalten. Denn der Fußball des MSV ist immer noch ein Fußball, der nah an der Lebenswelt seiner Zuschauer ist. Der Trainingsauftakt fand statt auf einem Gelände, bei dem ich noch immer die Sportanlage meiner Kindheit erkenne. Die Spieler des MSV sind keine fernen Stars. Ilia Gruev und Ivo Grlic wissen nicht nur, sondern fühlen es, was der Fußball des MSV in der Alltagswelt Duisburgs bedeutet. Die Menschen rund um den MSV sind eingebunden in die Alltagswelt dieser Stadt.

Insofern erhält das Inszenierte des Trainingsauftakts eine andere Qualität. Was in der Unterhaltungswelt des Glitzer- und Glamourfußballs den Sport überhöht, hat beim MSV noch einen ordnenden Charakter für den Tag. Die Überhöhung liegt allerdings immer nahe, wenn ich an die Finalspiele im Niederrheinpokal denke und an die Inszenierung der Pokalübergabe. Als Zuschauer bin ich also ein wandelnder Widerspruch, denn die Glitzer- und Glamourwelt des Unterhaltungsbetriebs ist zugleich die Sehnsuchtswelt des Aufstiegs, um den ich sportlich betrachtet immer mitspielen will. Was uns zurückführt zur neuen Saison. Nicht dass ich an Aufstieg denke, aber wenn Ilia Gruev vom erhofften attraktiveren Spiel der Mannschaft spricht, wenn ich die Neuverpflichtungen sowie die schnelle, ruhige Umsetzung der Transfers sehe, kann ich den Beginn der Saison kaum abwarten. Eine Vorfreude, die mir bei dieser WM vollkommen fremd war.

Discofoot – Eine Fußballverirrung aus Frankreich

Die Fußball-WM ist nah. Zeit für Verirrungen, wenn die Kunst sich des Fußballs annimmt. Discofoot heißt der Unsinn, und er kommt aus Frankreich. Zur EM vor zwei Jahren hatte das Projekt des CCN Ballet de Lorraine seine Premiere. Nun ist es wieder hervorgekramt worden.

Wenn Tänzerinnen und Tänzer neben ihren tänzerischen Möglichkeiten kein anderes sportliches Talent haben, kommt mir sofort der Sportunterricht in unteren Klassen während der 1970er Jahre in den Sinn. Wenn es hieß, was machen wir heute?, hieß die Antwort, Fußball spielen. Das war dann für viele, egal ob Mädchen oder Jungen, ein Wir-tun-so-als-ob. Zu sehen waren komische Tritte in die Luft, mit dem Ball rennen, der immer wegspringt, irritierende Ausweichbewegungen aus Angst vor Ball und Mitspielern. Trotz aller Gender-Debatten der Gegenwart muss ich auch das noch sagen: ausschließlich die Mädchen versuchten beim Einwurf den Ball auf eine merkwürdige Weise von hinter dem Kopf direkt vor die eigene Füße zu werfen. Ball und Körper waren sich überall immer wieder fremd. Nur goldene Sporthosen hatten wir damals noch nicht.

So erinnert mich der Clip unten an meine Schulzeit. Aber Discofoot hat ja einen künstlerischen Anspruch. Das hat sich der  kürzlich verstorbene Klaus Quinkert sicher nicht gedacht. Der Fußballtrainer war gar kein Sportlehrer am Meidericher Max-Planck-Gymnasium. Er war ein Choreograf und bereitete seine Schüler langfristig auf die Karriere im künstlerisch hervorgehobenen Modesport der Zukunft vor, dem Discofoot.

Hier erklärt der Macher vor zwei Jahren im Interview das Projekt. FSK 0, aber Bewegtbild im franzöischen Original.

Im offiziellen Video des Balletts wirkt das Ganze wegen der schnellen Schnitte weniger deplatziert.

DISCOFOOT from CCN Ballet de Lorraine on Vimeo.

Die Lehre aus dem Niedergang vom 1. FC Kaiserslautern – Eine Dokumentation

Wahrscheinlich müsst ihr euch den Beitrag hier später noch einmal vornehmen, weil ich auf eine knapp 45-minütige Dokumentation hinweise. Zwar geht es in der Dokumentation um den Niedergang des 1. FC Kaiserslautern, doch das Wirtschaften in diesem Fußballverein spielt dabei keine kleine Rolle. Was uns in Duisburg erhellende Einsichten gibt. Auch wenn der 1. FC Kaiserslautern erfolgreicher als der MSV war und die Konkurrenz in der Region überschaubar ist, liegen strukturelle Ähnlichkeiten auf der Hand. Worauf im Übrigen auch die bei uns oder in Bochum bekannten Gesichter wie Milan Sasic oder Stefan Kuntz hinweisen.

Der 1. FC Kaiserslautern ist in die 3. Liga abgestiegen, und wir in Duisburg wissen, was einem Verein dieser Größenordnung in der 3. Liga droht. Vereine mit der Größe und dem Anspruch eines MSV Duisburg oder eines 1. FC Kaiserslautern brauchen die Zweite Liga, um finanziell über die Runden zu kommen. Denn die schnelle Anpassung der Kostenstruktur bei gleichzeitigem Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit ist unmöglich, besonders dann wenn Schulden aus der Vergangenheit das Wirtschaften in der Gegenwart belasten. In der 3. Liga wachsen die Schulden.

Der SWR hat in der Dokumentation „Stirb Langsam – 1. FC Kaiserslautern“ Ursachenforschung zum Niedergang des Vereins betrieben. Für die Macher der Dokumentation nahm alles mit der Meisterschaft in der Saison 1997/1998 seinen Anfang. Von da an begannen die mit dem gewachsenen Anspruch entstehenden Kosten die vorhandenen finanziellen Möglichkeiten zu übersteigen. Damit wird ein Grund für wachsende Schulden genannt. Was lässt sich aber als strukturelle Ursache für die ungebremste Geldausgabe im Verein erkennen?

Die Dokumentation macht ein Grundproblem offensichtlich: Es gab keine Möglichkeit, das Arbeiten der Entscheider kritisch zu begleiten. In den unterschiedlichen Phasen der sporlichen Entwicklung übernahm stets ein mächtiger Entscheider, der seinen Weg ging und an den finanziellen Möglichkeiten scheiterte. Auch der zwischenzeitliche Retter Stefan Kuntz ging irgendwann zu hohe Risiken für den unberechenbaren Erfolg im Fußball. Lässt sich diese Struktur einer mangelnden Kritikfähigkeit aufbrechen?

Beim MSV Duisburg haben sich hoffentlich Möglichkeiten der internen Kritik entwickelt. Abhängigkeiten des Vereins sind ja vorhanden. Gerade wenn alle nur das Beste wollen, ist ein regelmäßiges Überprüfen von einzelnen Entscheidungen auf diesem Weg zum Besten unbedingt notwendig. Der Niedergang des 1. FC Kaiserslautern verweist jedenfalls auf diese eine gewichtige strukturelle Ursache, Korrektive verlieren sich im Erfolgsfall, weil der Erfolgreiche aus nachvollziehbaren Gründen bei der ihm zugewiesenen Verantwortung auch die Hoheit über immer mehr Entscheidungen beansprucht. In der Folge können Sachfragen schnell zu Machtfragen werden, die die Einheit eines Vereins sprengen. Das Bewältigen von Krisen wird dann immer schwieriger.

 


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: