Archiv für Juli 2018

Die Jubiläumswochen – 21. 7. 2009 Aufstiegshoffnung und öffentliche Meinung

Zehn Jahre Zebrastreifenblog – ein Anlass, um in den Jubiläumswochen bis zum Saisonstart zurückzublicken. Heute erlaube ich mir eine zwiespältige, in Teilen schmerzhafte Erinnerung. Das mache ich, weil der Text uns etwas über die Gegenwart lehrt, über öffentliche Meinung nämlich. Ich schaue mit diesem Text auf eine Hoffnung für den MSV, die es nach dem Bundesligabstieg tatsächlich einige Zeit in der 2. Liga gegeben hat. Die Hoffnung auf den Wiederaufstieg in die Bundesliga. Diese Hoffnung war angreifbar. Denn das Vertrauen in die Arbeit im Verein unter Walter Hellmich hatte sehr gelitten.

Es war jene Zeit, in der wir vermuten konnten, dass Walter Hellmich im Alleingang Trainer und Spieler engagierte, während es in der Öffentlichkeit hieß, alles geschähe in Absprache mit anderen sportlich Verantwortlichen. Es war jene Zeit, als in der zweiten Zweitligasaison auch im Umfeld deutlich wurde, welch Rasierklingenritt die Finanzierung von Zweitligaspielzeiten war. Und dennoch dachte ich noch nicht daran, meine Hoffnungen ganz zu begraben. Durch die Sorgen um den MSV entstanden rund um den Verein widersprüchliche Stimmungen unabhängig von kommunizierten Fakten. Über das Eigenleben von Stimmungen habe ich deshalb vor der Saison 2009/2010 nachgedacht.

 

Stimmungsschwankungen überall – veröffentlich am 21. Juli 2009

Vor einigen Jahren habe ich mich einmal mit dem Begriff der öffentlichen Meinung beschäftigt. So eine öffentliche Meinung ist ja nicht ein Naturereignis. So eine öffentliche Meinung ist menschengemacht. Und weil sie menschengemacht ist, müssen die gesellschaftlichen Verhältnisse so sein, dass Meinungen öffentlich gesagt werden dürfen. Aufklärung und in Deutschland vor allem die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts sind hier die Stichworte. In jener Zeit begann also ganz zaghaft so etwas wie öffentliche Meinung zu entstehen, und die Menschen haben sich sehr intensiv darüber Gedanken gemacht, was diese öffentliche Meinung eigentlich ist und wie sie idealer Weise zu befördern sei. Ganz aufklärungsoptimistisch, wie gerade Popularphilosophen damals so waren, glaubten diese an einen vom Verstand geleiteten Prozess.

Die Menschen – damit war das Bürgertum gemeint – sollten ihre Meinungen mit Texten in die Welt bringen. Die Leser sollten aber auch zu Verfassern von neuen Texten werden und somit zum einen das Flüchtige der öffentlichen Meinung verfestigen und ihr zudem zu größerer Wahrheit verhelfen. Ein kleines Problem war der Irrtum in Gemeinsamkeit. Den kannte man, und Bildung sollte die Lösung dieses Problems sein.

Klingt alles doch sehr aktuell und moderner denn je, da im Zeitalter des Internets wir endlich jenen Zustand erreichen, den die Popularphilosophen des 18. Jahrhunderts als Voraussetzung für eine aufgeklärte öffentliche Meinung eigentlich als notwendig angesehen hatten und der damals natürlich überhaupt nicht gegeben war. Heute kann jeder Leser zum Verfasser eines veröffentlichten Textes werden. Jede Stimme, sofern sie des Produktionsmittels PC und Internetzugang habhaft ist, kann gehört werden.

Allerdings war seinerzeit so etwas wie wechselhafte Stimmung eine etwas vernachlässigte Einflussgröße zur Herausbildung von öffentlicher Meinung. Das geht mir nämlich durch den Kopf, wenn ich versuche die öffentliche Meinung zur Saisonvorbereitung beim MSV Duisburg zu erfassen. Mir kommt das so vor, als seien die der Meinung zugrunde liegenden Tatsachen keine so große Einflussgröße wie die Sorge um den Erfolg des Vereins. War es um das vorletzte Wochenende herum, als die Berichterstattung in den Print-Medien für mich aus unerklärbaren Gründen plötzlich einen positiven Klang bekam? Ende der letzten Woche nun schwankte diese Stimmung wieder in die andere Richtung. Peter Neururer wird mit seinen Aussagen zum nicht-aufstiegsfähigen Kader in den Blick gerückt. Die Situation selbst war aber überhaupt nicht verändert. Alle – die sportliche Leitung, die Spieler und die Fans – wissen, ohne weiteren Stürmer wird es schwer. Das ist aber schon die ganze Zeit bekannt.

Es gab kein Ereignis nach dem Verhandlunsdesaster mit Markus Brzenska – das in großen Teilen ein Kommunikationsdesaster war -, das für sich genommen den zukünftigen Erfolg des MSV Duisburg wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher gemacht hätte und das der sportlichen Leitung anzulasten war. Der Strihavka-Wechsel scheiterte, Ben-Hatira-Verpflichtung wurde sehr unwahrscheinlich. Dafür geriet die Ausleihe von Caiuby Francisco da Silva in den Blick. Die sportliche Leitung machte also ihre Alltagsarbeit. Und da vertraut man entweder oder man vertraut nicht. Fakten werden nur durch Anwesenheit von Spielern geschaffen.

In den herkömmlichen Medien gilt, Seiten müssen gefüllt werden und immer das gleiche zu schreiben wird als uninteressant bewertet. Wie öffentliche Meinung sich verfestigt, wie also Texte der herkömmlichen Medien nun zusammenspielen mit den Texten von Lesern, die heute ebenfalls Sender oder einfacher Verfasser von Texten sein können, das lernen wir gerade erst. Die Popularphilophen der Vergangenheit hätten jedenfalls ihren großen Spaß an dem Geschehen heute, und wahrscheinlich stellten sie dann recht schnell auch fest, womöglich mit ein wenig Wehmut, neben Bildung und Verstand spielen die Emotionen beim Zustandekommen der öffentlichen Meinung keine kleine Rolle. Welche Chancen der MSV Duisburg zum Aufstieg hat, wird sich jedenfalls nicht schon jetzt endgültig entscheiden.

Die Jubiläumswochen – 2. März 2011 – Branimir Bajic und wir fahren nach Berlin

Zehn Jahre Zebrastreifenblog – ein Anlass, um in den Jubiläumswochen bis zum Saisonstart zurückzublicken. Was bietet sich nach dem Abschiedsspiel von Branimir Bajic für einen Rückblick mehr an als einen der Texte, der die Leistung jener Fußballer feiert, die wir zum Teil am Samstag in Duisburg wieder gesehen haben. Für Branimir Bajics Verbundenheit mit dem MSV Duisburg ist es bezeichnend, welche Spieler der MSV-Vergangenheit in Duisburg vor allem zu sehen waren. Ob Tobias Willi, Srdjan Baljak, Stefan Maierhofer oder Victor Obinna, um nur einige Beispiele für die anwesenden Spieler zu nennen, sie entwickelten auf ihre je eigene Weise eine besondere Beziehung zum Duisburger Publikum. Gerade Victor Obinna, der nur kurz in Duisburg war, macht das besonders deutlich, weil es um eine Haltung den Menschen gegenüber geht. Diese Haltung lässt dann auch Rückschlüsse auf den Fußballer im Mannschaftsgefüge zu. So wurde der Fußball des Abschiedsspiels auch zu einem Sinnbild für jenen gemeinschaftlichen Geist, der sich über das Sportliche hinaus erweist.

Auch ohne Elfmeterschießen wurde es dramatisch – veröffentlich am 2. März 2011

Nein! Nein! Jaa! Ja. Nein, nicht, nein. Aah. Pfffffff. EM-ES-VAU-EM-ES. Aaaah. Ooooh. Nein. Pfffff. Hhhhhhhhhha. JAAAAAAAAA. So ungefähr muss ich mich angehört haben in den letzten Momenten dieses Halbfinales vom MSV Duisburg gegen den FC Energie Cottbus. Was war das für ein taumelndes Stemmen vom MSV Duisburg gegen den drohenden Ausgleich kurz vor dem Abpfiff im Halbfinales des DFB-Pokals gegen den FC Energie Cottbus. Was war das für eine Energie im Stadion auf den Rängen und auf dem Spielfeld. Diese Energie drohte in den letzten Minuten immer wieder richtungslos zu wabern. Und doch bündelte sie sich auf dem Spielfeld in großartigen Rettungsaktionen, mit denen das Tor der Cottbusser im letzten Moment verhindert wurde. Auf den Rängen verwandelte sich das Aufstöhnen und unartikulierte Schreien in das peitschende EM-ES-VAU, das diese Mannschaft unten auf dem Spielfeld zu dem so nah wirkenden Sieg tragen sollte.

So sicher schien der Sieg für den MSV Duisburg über etwas mehr als 70 Minuten, und so dramatisch wurden die letzten Spielminuten. Viel zu viele Spieler in roten Trikots befanden sich im Strafraum vor dem Tor von David Yelldell. Viel zu viele, um jeden so zu decken, dass er wirkungslos sein würde. Der Angriff kommt über den linken Cottbusser Flügel. Kein Bein eines MSV-Verteidigers verändert die Flugbahn der Flanke, und ich weiß irgendeiner dieser Spieler in den roten Trikots wird an den Ball kommen, schießen und wahrscheinlich treffen. Aber David Yelldell zerstört mit einem beeindruckenden Reflex auf der Linie die dritte Riesenchance zum Ausgleich.

Plötzlich bündelt sich nichts mehr, es wabert nur noch. Plötzlich entsteht ein Teppich an Energie, die nicht weiß, was das nächste Ziel ist, außer dass Schiedsrichter das Spiel abpfeifen soll. Plötzlich scheint das Tempo dem Spiel verloren gegangen zu sein. Sind die meisten Spieler zu weit vom Ball entfernt? Ist es Olcay Sahan, der den Ball in die Cottbusser Hälfte treibt. Schon im Ansatz ist zu sehen, er schafft das mit letzter Kraft und nur um den Ball möglichst weit Richtung Südtribüne zu bringen. Doch auch die Cottbusser Spieler sind so langsam. Wahrscheinlich kommt es mir auch nur so vor, weil sich die Zeit bei den drei Cottbusser Großchancen kurz hintereinander so sehr verdichtet hatte. Dreimal hatte ich die Schüsse der Stürmer von Cottbus im Tor des MSV Duisburg gesehen. Ich war auf den Sturz in den Abgrund der Enttäuschung schon gefasst, und dann packten David Yelldell, Olivier Veigneau und der lebendig gewordene Pfosten mich bei der Hand. Sie zogen mich auf den schmalen Geröllpfad wieder hoch, der in die Glückseligkeit nach dem Abpfiff führen sollte.

Was waren das für dramatische letzte Minuten. Dabei habe ich selten zuvor ein so entscheidendes Spiel des MSV Duisburg einfach nur genossen. Bis ungefähr zur 75. Minute. Die Mannschaft des MSV Duisburg ließ dem FC Energie Cottbus in der ersten Halbzeit keine Chance. Cottbus wirkte verunsichert und übernervös. Dagegen schien die Mannschaft des MSV Duisburg von der Atmosphäre im Stadion beflügelt. Diese Zuschauer waren für den MSV Duisburg gekommen und sie glaubten an ihre Mannschaft.

Klare Chancen konnte sich die Mannschaft vom MSV Duisburg zunächst nicht erspielen. Aber es war deutlich, solange jeder Cottbusser Angriffsversuch derart konsequent unterbunden wurde, könnte jederzeit ein Fehler in der Cottbusser Verteidigung zum Führungstor des MSV Duisburg werden. Das 1:0 von Stefan Maierhofer wirkte dann auch wie das perfekte Bild für die gesamte Spielweise des MSV Duisburg. Es wirkte wie die Mischung aus geplantem Angriff, dem unentwegten Hinterhergehen bei jedem verlorenen Ball und der in so einem ersten Moment der Balleroberung nicht ganz vorhandenen Ballkontrolle. Die Flanke in den Strafraum konnte Stefan Maierhofer nicht direkt köpfen, sondern der vom Verteidiger abgewehrte Ball prallte dem synchron mitspringenden Maierhofer an den Kopf, um dann erst ins Tor zu gehen.

Die Cottbusser starteten in der zweiten Halbzeit mit einem neuen Spieler, der sehr viel Gefahr verbreitete. Doch nachdem die ersten zwei heftigen Angriffe abgewehrt waren, gewann der MSV Duisburg die Kontrolle über das Spiel zurück. Konter wurden möglich, und so einen Konter schloss Srdjan Baljak nach Pass von Ivica Banovic zum 2:0 ab. Die Cottbusser gaben aber noch nicht auf. Das Anschlusstor durch den Elfmeter hätte mich nicht weiter beunruhigt. Erst die rote Karte gegen Bruno Soares ließ das Spiel noch einmal kippen. Für mich war diese rote Karte eine zu harte Entscheidung. Diese rote Karte brachte zwar zunächst keine Unruhe in der Hintermannschaft, sie brachte aber Zweifel beim Spiel nach vorne. Beeindruckend wie ruhig und abgeklärt in so einer Spielphase Branimir Bajic die Abwehr organisiert. Dieser Mann ist ein Phänomen. Wie kann ein Spieler derart unauffällig präsent sein? [Hervorgehoben im Nachhinein]

Diese Mannschaft hat als Einheit den Sieg errungen. Ein so konsequentes Agieren wie in der ersten Halbzeit funktioniert nur als sorgsam organisiertes Miteinander. Ein Sinnbild dafür ist für mich auch der Jubel der Ersatzspieler beim zweiten Tor. Sie wollten nicht am Rand stehen bleiben, sondern sich gemeinsam mit David Yelldell über das Baljak-Tor freuen. Berlin, wir kommen. Und egal, was da im Finale passiert, es wird wieder gut werden.

Die 11FREUNDE-Redaktion fragt – Kees Jaratz antwortet

Das zweite Jahr nach dem Aufstieg in der 2. Liga – das bedeutet auch, eine Tradition während der Saisonvorbereitung fortzuführen. Wie gewohnt landete nämlich eine E-Mail mit ein paar launigen Fragen aus der 11FREUNDE-Redaktion im Posteingang. Im Bundesliga-Sonderheft erscheinen dann die Antworten, die von den Erst- und Zweitligabloggern zurückgesendet werden. Ein paar Seiten kostenloser Content für 11FREUNDE. Damit kennen wir uns aus. Für euch nun exklusiv die Sonderedition Jaratz zum MSV des 2018er 11FREUNDE-Jahrgangs.

11Freunde: Die nächste Saison wird toll, weil…

Kees Jaratz: …es ja heißt, die zweite Saison nach einem Aufstieg sei die schwerere Saison, wahlweise die schwerste. Der Fußballer aber ist Mensch und so einer wächst mit seinen Aufgaben. Das weiß MSV-Trainer Ilia Gruev auch und verspricht Verbesserung auf allen Ebenen. Versprochen ist versprochen.

Wenn ich an die vergangene Saison denke, dann…

….brauchten Fans sorgsam gefütterte Tabellenrechner für die Nerven. Abstiegsgefahr bis Platz fünf noch kurz vor Ende der Saison ließ in den Spielen Pokalkampfatmosphäre entstehen. Doch die Ruhe vom 38jährigen Branimir Bajic wirkte noch vom Tribünenplatz aufs Spielfeld hinunter. Nach dem Klassenerhalt nahm eine MSV-Legende dann Abschied.

Auf diesen Videobeweis-Fauxpas freue ich mich besonders.

Auf den einen Elfmeterpfiff, der für den MSV nach übersehenem Foul an Iljutcenko erfolgt, weil die Offline-Testphase des Videobeweises in Liga 2 ohne Einfluss auf das Spiel mal kurz vergessen wird.

Wenn 50+1 fällt, kauft uns…

…ein chinesischer Investor, der eigentlich in Safariparks investiert und die Zebraherde zur Abrundung seines Portfolios nutzen will.

Diesen WM-Star sähe ich gerne bei meinem Klub…

Wofür steht noch mal WM? Muss ich das kennen?
(Kleine Anmerkung dazu: Lange vor dem WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft geschrieben und beim „leichten Auftaktschreiben“ zur Saison länger begründet.)

Die beste Bratwurst gibt es in:

Immer dort, wo ein Auswärtssieg den Geschmacksinn mit begeistert.

Das müsste passieren, damit ich nicht mehr ins Stadion gehe…

…kann ich mir gerade nicht vorstellen, weil beim MSV momentan alles so gut zusammen passt, dass der Unterhaltungsbetrieb Fußball mit seinen Glitzer- und Glamourgeschichten weit entfernt ist. Und der interessiert mich inzwischen nicht mehr sonderlich.

Dieser Song beschreibt meinen Klub perfekt…

Wenn es ein Swing-Punk-Ska-Crossover von Duke Ellingtons „It don’t mean a thing if it ain’t got that swing“ gäbe, könnte ich darin meinen MSV der Gegenwart gut erkennen.

Die folgende Fassung von Joe Jackson, für die er Iggy Pop als Sänger hinzuzuog, nähert sich meiner Vision schon an. Punk müsste nur stärker sein, und fehlende Ska dazu kommen. Der Text des Songs gilt aber uneingeschränkt.

Dieser Twitter-Account ist für Fans unverzichtbar:

Zu viele, um einen zu nennen. Schaut selbst.

Zweite Liga ist eh viel schöner als Bundesliga, weil…

…der Unterhaltungsbetrieb Fußball in der Ferne nur winkt. Zudem liegen Bochum und Köln um die Ecke und die Chance zum Bundesligaaufstieg ist greifbar nahe. Denn wenn der MSV erstmal wieder ganz oben mitspielt, wird das mit dem Unterhaltungsbetrieb Fußball und mir natürlich ganz anders.

Hinter dem HSV und Köln schafft es in die Relegation:

Ihr habt euch verdruckt. Das heißt VOR dem HSV und Köln schafft es in die Relegation. Darauf lautet die Antwort natürlich nicht der MSV, weil der damit in seiner schweren zweiten Saison nichts zu tun hat. Denn siehe oben, Antwort 1, und deshalb heißt es auch für die Tabelle: siehe oben. Aus Aberglauben sage ich aber nichts.

Völlig überraschend absteigen wird:

Siehe zuvor: der HSV, weil der Verein nach diesem langen Abschiednehmen von der Bundesliga gar nicht genug bekommen kann vom Gefühl des Neuanfangs und der 1. FC Köln, damit Deutschland einen Drittligaspieler als Nationalspieler vorweisen kann und alle weiter an das Gute im Fußball glauben können.

Und wenn ihr nun ganz andere Antworten gewusst hättet, ich bin gespannt. Nachspielzeit in den Kommentaren.

Jubiläumswochen – Eine Erkenntnis zur Verwandtschaft von MSV- und FC-Hyme vom 26. 2. 2009

Zehn Jahre gibt es den Zebrastreifenblog, ein Anlass, um in den Jubiläumswochen bis zum Saisonstart zurückzublicken. In einem frühen Text des Zebrastreifenblogs habe ich versucht, ein wenig Licht in das Entstehen der MSV-Hymne zu bringen. Ein Zufall hatte zu diesem Text geführt. In dem Fall war es eine Top- und Flopliste vom Kölner Stadt-Anzeiger, die die Karnevalssession 2008/2009 zusammenfassen sollte. Ein Flop beschäftigte sich mit der Frage, wer darf wo seine Aufwartung machen, genauer, wo dürfen die Höhner mit welchen Vereinsinsignien auftreten? Ist das nicht interessant, wo überall so etwas wie Loyalität und Identität als Konfliktgrund auftauchen? Da Köln nicht Deutschland, Mönchengladbach nicht die Türkei und eine Mönchengladbacher Karnevalsgesellschaft kein autokratischer Staatspräsident ist, mussten die Höhner nicht beim damaligen Bundespräsidenten von Köln, Oberbürgermeister Fritz Schramma, ihren Karnevalsauftritt in Mönchengladbach erklären. Ich aber hatte einen Anlass, um über die MSV-Hymne zu schreiben.

Was verbindet MSV Duisburg, 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach?

Die eine Antwort auf die oben gestellte Frage wird euch sofort einfallen, und ihr werdet genauso schnell vermuten, dass es mir wahrscheinlich darum hier nicht geht. Regelmäßiger Auf- und Abstieg in den letzten Jahren soll nicht das Thema sein. Es geht im weitesten Sinn um Musik und im engeren Sinn um die Aktivitäten einer populären Kölner Karnevalsband in Sachen Fußball.

Dazu muss ich nun etwas ausholen. Gestern wurde vom Kölner Stadt-Anzeiger ein Resumée der zurück liegenden Karnevalsaison gezogen. Das geschah nun nicht in einem rückblickenden Artikel, sondern ganz im Zeichen einer journalistischen Mode der jüngsten Vergangenheit als Ranking von „Hits und Flops der Session“. Was ich als Platz 5 bei den Minuspunkten las, empfand ich aber als etwas kleingeistig. Man schimpfte nämlich darüber, dass die „eingefleischten FC-Fans“, De Höhner, auf der Karnevalssitzung von Borussia Mönchengladbach mit einem Fanschal der Borussia um den Hals aufgetreten sind. Die moralische Keule wurde herausgeholt und den anscheindend heftig diskutierenden FC-Fans nach dem Mund geredet. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“ hieß es da abschätzig und vergessen wurde, dass die Musiker der Karnevalsband in erster Linie als Unterhaltungskünstler einen Beruf ausüben und nicht beim 1.FC Köln angestellt sind. Das ist purer Populismus, wenn dieser Auftritt in eine Reihe mit  Karneval-Hooligans und „Kids“, die „saufen“, gestellt wird. Ich kann das nicht ernst nehmen, hatte aber ein Thema für den Blog.

Ich fragte mich nämlich, was nur werden solche Fans sagen, wenn sie etwas ganz anderes über De Höhner erfahren, etwas, was sich bislang, nun fast schon fünf Jahre, anscheinend unterhalb des Empörungsradars befunden hat. Und vielleicht gibt es MSV-Fans, die demnächst genauso heftig schimpfen, wenn ich an dieser Stelle wieder zur Musik komme, genauer gesagt zur MSV-Hymne. Als diese Hymne 2004 zum ersten Mal gespielt wurde, traute ich meinen Ohren nicht. Ich war kurze Zeit zuvor bei einem Heimspiel des 1. FC Kölns gewesen und erinnerte mich noch gut an das beeindruckende Spektaktel kurz vor dem Spiel mit dem Zusammenschnitt des kölschen Liedguts. Nun hörte ich in Duisburg etwas, was mir vom Sound her durch meine Kölner Stadionbesuche sehr bekannt vorkam.

Gab es da etwa ein Verbindung nach Köln? Woher kam diese Hymne nach Duisburg zum MSV?  Kurze Zeit später erhielt ich die CD mit der Hymne geschenkt und wusste sofort des Rätsels Lösung. Wer in Köln lebt, kennt unweigerlich nach einiger Zeit die Namen Henning Krautmacher und Janus Fröhlich und weiß sie als Mitglieder von den Höhnern einzuordnen. Unter dem zweiten Stück auf der CD nun fand ich beide Namen. Für Komponist und Texter der MSV-Hymne habe ich erst heute dann noch ein wenig gegoogelt. Der neben C. Ledwig für Text und Musik verantwortliche H. Schöner erweist sich als Hannes Schöner und ist Bassist bei den Höhnern.

Jetzt wisst ihr, was den MSV Duisburg, den 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach verbindet. Und tatsächlich stimmt es wortwörtlich, wes Brot ich ess, des Lied ich sing. De Höhner sind Musiker und verdienen ihren Lebensunterhalt mit Musik. Damals, als ich die Hymne das erste Mal hörte, hatte das ein G´schmäckle für mich, aber heute ist dieser Kölner Hintergrund der MSV-Hymne für mich verschwunden.  Sie klingt durch das ausdauernde Abspielen vor jedem Spiel so, als sei diese Art Musik immer schon nur in Duisburg gespielt worden.

Wie es genau dazu gekommen ist, dass De Höhner die MSV-Hymne eingespielt haben, kann ich natürlich einmal mehr nur vermuten. Ich weiß nur, dass in jenem Jahr 2004 im Innenhafen die „Höhner Rockin´ Roncalli Show“ gastierte. Für Duisburg war das ein kulturelles Ereignis, das sich bestimmt auch die lokale Prominenz samt Walter Hellmich angesehen hat. Damals wurde der MSV Duisburg ja rundum erneuert. Und wenn man schon mal beim After-Show-Event mit jemanden zusammensteht, der schon einmal sein Fußballhymnen-Können bewiesen hat, warum nicht auf dieses Know-How für die aufgefrischte corporate identity zurückgreifen? So stelle ich mir vor, ist es dazu gekommen, dass es nun zwei Vereinshymnen gibt, für die sich De Höhner-Musiker verantwortlich zeichnen. Dass De Höhner bei der Hymne für den MSV diskreter sein mussten und nicht als ausführende Band auf die CD wollten, kann ich angesichts des G´schmäckles natürlich verstehen. Jetzt aber, wo diese Hymne vom Publikum längst angenommen ist, sollte die Wahrheit auf den Tisch. Da könnten dann auch neue Zeiten anbrechen. Was wäre etwa mit einer Fan-Freundschaft zwischen dem FC und dem MSV, die mit einem Höhner-Medley besiegelt wird. Ich, als Vermittler zwischen beiden Kulturen, hätte da nichts gegen.

In den Kommentaren damals wurde darauf hingewiesen, dass Höhner-Mitglied Henning Krautmacher sogar schon für den FC-Rivalen aus Leverkusen als Hymnenproduzent aktiv war. Wir stehen also quasi vor einem Stadionhymnen-Imperium.

Heimatlied – Sektion Duisburg – Folge 37: Pilz Herb – Ruhrpott

Heißt diese Musik von Pilz Herb immer noch einfach „Rock“? Oder muss für deren Song „Ruhrpott“ heute ein „Melody“ davor? Wenn ich mir solche Fragen stelle, merke ich zum einen, wie fein segmentiert das Unterhaltungsangebot der Musikindustrie ist, zum anderen stelle ich meine Unkenntnis fest, was nichts anderes heißt als ganz schön alt geworden.

Pilz Herb findet man bei Facebook, wo die Seite aktueller wirkt als deren Webseite.

Wenn „Ruhrpott“ beginnt begegnet man in der ersten Strophe zunächst den gängigen Klischees des Heimatliedes, Sektion Ruhrstadt: Zwischen Kohle und Stahl ist jemand geboren, nirgendwo anders will er wohnen, er mag die Menschen im Pott und will das Leben feiern. Doch in der zweiten Strophe geht es ganz konkret um Duisburg, die Heimatstadt von Pilz Herb, und in dieser Strophe erhält der Song einen ironischen Beistrich, weil für den Wandel des Ruhrgebiets als Bild der Abbruch des Mr.-Softy-Gebäudes am Innenhafen gefunden wurde. Das Wahrzeichen wurde genommen und keine neue Milchtüte bestellt. Das Bild gefällt mir.

 

Hinweise auf weitere online zu findende Duisburg-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Duisburg – Alle Folgen

Hurra, die Jubiläumswochen – Zehn Jahre Zebrastreifenblog

Heute morgen habe ich kurz überlegt, ob ich in Anzug, Traditionstrikot mit Kragen und Krawatte an den Schreibtisch gehe. Der Kollege Koss hat mir gestern sogar eine Flasche Sekt kalt gestellt. Zum Öffnen ist es allerdings noch ein wenig früh. Das mache ich zusammen mit Herrn Koss und dem Stig später. Es gibt was zu feiern.

Vor zehn Jahren standen die ersten Worte im Zebrastreifenblog online. „Hallo Welt“ hieß die formelhafte Wendung, die WordPress als Standardpremierentext zur Verfügung stellte. Für mein „Hallo Welt“ hielt ich Worte aus der Fußballwelt für angemessener.

 

Wenn ich auch Worte aus der Fußballwelt nutzte, so waren Herr Koss und ich uns damals einig, im Zebrastreifenblog müsste es um mehr als reine Sportberichterstattung gehen. Fußballjournalismus gab es schon satt und genug. Heute sind unzählige Online-Medien dazu gekommen. Das Schreiben hier sollte also immer auch über den Sport hinaus führen, und es sollte um den eigenen Spaß auch am Wort gehen. Ich wollte und will über das Ruhrgebiet schreiben, über Duisburg und über Kultur. So sind seitdem 1919 Beiträge entstanden.

Auch wenn ich als Anhänger des MSV in Teilen gerne eine andere Geschichte mit meinem Verein erlebt hätte als die in diesen zehn Jahren, so war sie für mich als Wortwerker ergiebig. Der Zwangsabstieg war ein Drama mit einem Happy End. Journalistische Neugier konnte ich befriedigen, indem ich Hintergründe erhellte. Immer wieder ging es um mehr als den eigentlichen Sport. So entstand aus der Arbeit im Zebrastreifenblog mit Hilfe von Anhängern des MSV auch „Mehr als Fußball“, das Buch über den Zwangsabstieg 2013, die Rettung des MSV und die Zeit bis zum ersten Wiederaufsteig.

Seit einiger Zeit habe ich hohe Zugriffszahlen aus den USA, hinter denen ich eher Robots vermute als tatsächliche Leser. Ein Teil dieser Klicks führt zu alten Texten und manchmal schaue ich sie mir dann wieder an. Mancher dieser Texte ist zeitlos. Vielleicht stelle ich demnächst mal einen Sammelband „Zehn Jahre Zebrastreifenblog“ zusammen. Mal sehen. In den nächsten Tagen blicke ich jedenfalls immer mal wieder zurück und hole einen dieser alten Texte hervor.

Zehn Jahre Zebrastreifenblog heißt auch, noch einmal zu überlegen, wie ich in diesen Räumen hier über die Spiele des MSV weiter schreiben kann. Ich möchte mit meinen Spielberichten, so es irgend geht, ja immer auch über den Sport hinaus ins wirkliche Leben führen. Inzwischen habe ich aber das Gefühl, das meiste schon gesagt zu haben. Meine Fußballlyrik in der letzten Saison war eine Möglichkeit, aus dem Dilemma herauszukommen. Ich weiß, Lyrik ist nicht populär, selbst wenn ich auf Komik abziele, und Lyrik ist vor allen Dingen zeitaufwändiger. Aber der Gedanke ist verführerisch: die Saison in 34 Gedichten. Realistisch ist das nicht, aber hat das jemals die Menschen gehindert? Eines ist jedenfalls sicher, die zehn Jahre im Zebrastreifenblog sind eine Wegmarke. Diese Zahl bedeutet nicht, dass sich etwas gerundet hat. Es geht weiter. Wie das Leben. Wir lesen uns. Wir sehen uns.

Weggelesen – Klaus Hansen: soccer

Seit der ersten Bundesliga-Saison kommt der 1948 geborene Sozialwissenschaftler Klaus Hansen zu den Spielen des MSV. Er reiste aus der Eifel an und kommt inzwischen aus Pulheim. Schon mehrere Male war er in diesen Räumen  zu Gast. In seinen Beiträgen erinnerte er an „Spitzenereignisse vom MSV“, er machte sich Gedanken über das WM-Endspiel 1966 und den Fußball der Gegenwart oder die postsaisonale Melancholie hatte ihn überfallen.   

Einen Teil der verlinkten Essays gibt es nun wiederum als Teil des neuen Buches von Klaus Hansen in gedruckter Form. „Soccer“ heißt dieses Buch, in dem eben nicht nur Essayistisches zu finden ist. Denn Klaus Hansen schreibt auch Lyrik und Prosa. Mit seinen lyrischen Texten steht er in der Tradition von Dadaismus und Konkreter Poesie. Und mit seiner Kürzestprosa gewinnt er dem gewöhnlichen Ereignis im Fußball eine im ersten Moment sinnfreie Pointe ab. Dann wirken die Texte nach und das Rätselhafte, Skurrile bringt die Gedanken in Bewegung.

Ob in den „Soccer stories“, in den „soccer lyrics“ und in den „soccer essays“ findet sich als Grundhaltung von Klaus Hansen eine gewisse Skepsis gegenüber dem Fußball der Gegenwart wieder. Demgegenüber steht aber nicht eine Verklärung der Vergangenheit, wie es vielleicht erwartet werden könnte bei einem MSV-Fan, der schon bei den Vizemeistern um Siege gebangt hatte. Vielmehr kann Klaus Hansen nicht nur mit den Auswüchsen des Unterhaltungsbetriebs der Gegenwart wenig anfangen, er betrachtet auch die kulturelle Überhöhung des Fußballs mit ironischer Distanz. Anekdotisches Erzählen über die Heldentaten im Fußball wird bei ihm formal und inhaltlich immer wieder gebrochen.

Wie passend, dass Klaus Hansen als Anhänger des MSV Duisburg durch sein Leben geht. Ein Verein, bei dem der sportliche Erfolg recht überschaubar ist, bietet in seiner Geschichte wenig Projektionsfläche, um die Standarderzählungen des Fußballs zu bedienen. Die Skepsis des Klaus Hansen ist gleichsam die gelebte Geschichte seines Vereins.

Vielleicht noch ein Beispiel aus dem Buch für die Konkrete Poesie, weil sich darunter wahrscheinlich nicht viele der Leser hier etwas vorstellen können.

 

 

 

Klaus Hansen: soccer
Roland Reischl Verlag
148 Seiten
€ 15,00
ISBN 978-3-943580-25-9

7000 – Siebentausend!

Schon seit zwei, drei Wochen staune ich. Dieses Staunen ist ein angenehmes Gefühl, weil immer wieder neue Zahlen für eine Stimmung rund um den MSV Duisburg stehen. Ich freue mich über die offensichtlich gute Stimmung rund um den MSV Duisburg. Siebentausend Dauerkarten sind vier Wochen vor Saisonbeginn verkauft. Siebentausend Dauerkarten! Vier Wochen vor der Saison! In Duisburg! Für eine Saison in der Zweiten Liga!

Wir müssen ein Jahr zurückschauen, um diese Zahl einzuordnen und mein Staunen zu begreifen. Aber vielleicht staunt ihr ja auch? Vor einem Jahr konnte ich nicht nachvollziehen, warum der Dauerkartenverkauf in der Sommerpause eher schleppend voranging. Die Verkaufszahlen blieben unter meinen Erwartungen. Siebentausend Dauerkarten waren erst knapp nach Saisonbeginn verkauft. Damals schien es so, als hätte der Wiederaufstieg des MSV den Zuschauern keinerlei Vorfreude auf die nächste Saison gemacht.

Natürlich überlegten Freunde und ich, woran das gelegen haben könnte. Das manchmal zähe Spiel der Aufstiegssaison wurde als möglicher Grund immer wieder genannt. Wirklich nachvollziehbar war mir das nicht. Die Mannschaft hatte den Aufstieg unter schweren Bedingungen souverän geschafft. Im Grunde genommen war ich leicht resigniert und sah vor meinem geistigen Auge ein überkritisches MSV-Publikum zu Hause herummäkeln.

In diesem Jahr ist es anders. Diese siebentausend verkauften Dauerkarten vier Wochen vor der Saison sind bemerkenswert. Ob diese Verkaufszahl endlich das Vertrauen ausdrückt, das die Verantwortlichen beim MSV, ob in Verein oder dem Unternehmen MSV, für ihre Arbeit verdienen? Ist die Vorfreude gegenüber dem letzten Jahr größer, weil in Interviews ob mit Ingo Wald, Ivo Grlic oder Ilia Gruev immer wieder deutlich wird, wie bodenständig und seriös gedacht wird, wie Ziele realistisch formuliert werden und dabei der ganz große Erfolg dennoch weiter im Blick gehalten wird?

Ich möchte gerne an das Gute dieser Welt glauben, und es wäre schön, die Verkaufszahlen seien eine Art Belohnung für die seit dem Zwangsabstieg geleistete Arbeit beim MSV. Es wäre auch eine Belohnung für uns selbst, weil wir Anhänger immer wieder mit dazu beitragen, diese Stimmung stabil zu halten. Für wieviele Anhänger ich mit einem solchen Satz spreche, weiß ich nicht, wenn ich an den aufgekommenen Unmut während der Talfahrt nach dem Auswärtsspiel in Kiel denke. Es ist schon verblüffend. Der Saisonverlauf im letzten Jahr, rein bezogen auf den Erfolg, unterschied sich gegenüber der Aufstiegssaison nicht wesentlich. Dennoch fühlt es sich rund um den MSV besser an.

Nun gibt es vier weitere Wochen für die Anhänger des MSV, um durch den Kauf einer Dauerkarte die Saison für den MSV kalkulierbarer zu machen. Gute Voraussetzungen für sportlichen Erfolg, damit unsere gute Stimmung nicht getrübt wird.

Halbzeitpausengespräch: Gutes tun und darüber sprechen – 20 Jahre Jungs e.V.

In diesen Zeiten kann man nicht oft genug vom Gelingen in einer Gesellschaft reden. Man kann nicht oft genug über jene Orte sprechen, wo jungen Menschen unterschiedlicher Herkünfte zu innerer Stärke verholfen wird, wo humanistische Werte und freies Denken die Grundlage eines Miteinanders verschiedener Kulturen sind.

Vorletzten Freitag feierte Jungs e.V. im Meidericher Parkhaus ein Jubiläum. Vor zwanzig Jahren wurde der Verein gegründet, in dem sich die Mitglieder für die pädagogische Arbeit mit Jungen engagieren wollten. Denn Jungen und deren besondere Schwierigkeiten beim Erwachsenwerden waren in den Institutionen der Jugendhilfe und den Schulen aus dem Blick geraten. Das Augenmerk für die Benachteiligung von Mädchen in dieser Gesellschaft besaß unbeabsichtigte Nebenwirkungen.

Holger Venghaus (links) und vier weitere Gründungsmitglieder von Jungs e.V.

Gründungsvorstand Holger Venghaus erinnerte zur Eröffnung des Abends an die Anfangsjahre des Vereins mit einer persönlichen Geschichte. Er hatte den neu gegründeten Verein bei Radio Duisburg im Interview vorgestellt und die Bedeutung von Jungenarbeit mit eigenen Erfahrungen im Elternhaus erläutert. Die Söhne hatten immer auf den in Wechselschicht arbeitenden Vater Rücksicht zu nehmen. Selten war dieser greifbar. Die Mutter verwies bei größeren Vorkommnissen an den Vater. Als Sohn hatte er sich später bewusst mit dem Männerbild seines Elternhauses auseinander gesetzt. Um diese Auseinandersetzung ging es bei der Jungenarbeit auch. Seine Eltern aber hatten am Radio das Interview gehört. Sie waren erschrocken und sorgten sich, ob sie als Eltern zu viel falsch gemacht hatten. Das wiederum führte zu vielen, zum Teil anstrengenden Gesprächen und zu einem gefestigteren Miteinander.

Solch in der persönlichen Geschichte aufscheinendes gegenseitige Verständnis ist schwierig. Dazu bedarf es auch der Bereitschaft in der Elterngeneration. Leichter gelingt das Stärken eines jungen Menschen alleine. Waren das zunächst Jungen in sozial benachteiligten Vierteln Duisburgs, so kümmert sich der Verein in den letzten Jahren zudem um das Projekt Heroes, von dem auch in diesen Räumen schon mehrmals die Rede war. Bei den Heroes machen sich per Schneeballprinzip Jugendliche und junge Männer aus sogenannten „Ehrkulturen“ mit aufklärerischem Denken vertraut. Die Religion ist dabei nur Teil all dessen, was im Alltag der Teilnehmer wirksam wird.

Zu den Erfahrungen in so einer Gruppe gehört auch der künstlerische Ausdruck, wie Soufian El Abdouni und Emre Bayanbas eindrucksvoll bewiesen. Beide gehörten zur Duisburger Heroes-Gruppe des letztes Jahres und zeigten sich beim Poetry Slam als talentierte Sprachkünstler. Berührend ließ Soufian El Abdouni die anwesenden Gäste an seinen Erfahrungen teilhaben. Im steten Wortfluss gestaltete er das Bild des heranwachsenden Außenseiters, ein sensibler Junge in einer Welt, die etwas anderes erwartet, als er es selbst in sich spürt. Er sprach von der Hoffnung auf einen eigenen Weg, er sprach von Freiheit und Offenheit des Denkens. Das war Wortakrobatik, wie man sie in diesem Alter nicht oft zu hören bekommt.

Für dasselbe Thema nutzte Emre Bayanbas eine ganz andere Sprache. Er griff auf die hohe Sprache klassischer Dramenliteratur und des Sturm und Drang zurück. Dieser literarische Weg ist auf andere Weise selten. Seine Worte sind nicht alltagsnah. Sie sind gefährdeter im Versuch der Kunstfertigkeit. Der Beifall war für beide groß.

Es ist ein schöner Zufall, dass gestern bei Zeit online eine Reportage über junge Muslime in Auschwitz online gestellt wurde, ein weiteres von Jungs e.V. gefördertes Projekt. Von der Landeszentrale für politische Bildung gibt es eine kurze Dokumentation zu einer der Fahrten in diesem Projekt.

 

Erwähnen möchte ich zudem noch eins: Die Arbeit von Jungs e.V. und des Heroes-Projekts wäre ohne das Jugendzentrum Zitrone in Obermarxloh sehr viel schwieriger. Hier gibt es einen weiteren Ort, wo für die Projekte von Jungs e.V. auch gearbeitet wird. Deshalb sind Jugendzentren in Städten von besonderem Wert. Gründungsvorstand Holger Venghaus arbeitet in diesem Jugendzentrum, Susanne Reitemeier-Lohaus, das erste weibliche Mitglied von Jungs e.V., ebenfalls. Die Stadt hält solche Jugendzentren offen und erachtet sie auch als notwendig.

Dennoch wird in einer Stadt wie Duisburg das Gemeinschaftliche mehr als in reicheren Städten über die Arbeit in Vereinen hergestellt. Auch wenn es innerhalb Duisburgs in der Form gar nicht wahrgenommen wird, bürgerliches Engagement ist in der Stadt selbstverständlicher als in reicheren Städten. Nur heißt das in Duisburg meist nicht so. Es wird oft als Feuerwehrmaßnahme in der armen Kommune empfunden und nicht als selbstbewusstes Handeln in jeglicher Gesellschaft. Auch in den Medien wird in solchen Fällen häufig nur das Defizitäre in den Blick genommen. Zu selten geht es um die Vereinsarbeit, die den Alltag einer Stadt lebenswert macht. Was nicht heißt, die rosa Brille aufzusetzen. Jungs e.V. steht für viele dieser Vereine in Duisburg, die sich Schwierigkeiten der Gegenwart ohne Larmoyanz stellen. Ihre Geschichten müssen erzählt werden.

 

 

 

 


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