Archiv für September 2018

Wie abgestiegen schon am achten Spieltag

Am Morgen nach der 1:3-Niederlage gegen Jahn Regensburg fühlt es sich für mich noch immer so an, als stehe der Abstieg am achten Spieltag schon fest. Nach dem Spiel gegen Aue habe ich nicht gedacht, die Erfolgslosigkeit des MSV könne sich in einem noch deutlicheren Missverhältnis von Spielaufwand und Ergebnis zeigen. Gestern ist das aber geschehen. Noch immer bin ich leer, und viele Worte zum Spiel selbst kann ich nicht schreiben.

In der ersten Halbzeit haben die Zebras einen solchen kontinuierlichen Druck in der Offensive entwickelt, wie wir ihn in dieser Saison noch nicht gesehen haben. Die unverbundenen Einzelleistungen aus dem Spiel gegen Aue fanden in der ersten Halbzeit gestern gegen Regensburg zusammen. Variabel wurde der Ball Richtung Gegnerstrafraum gebracht. Doch in diesem Strafraum gelang zu wenig. Es fehlte ein Spieler, der im entscheidenden Moment sein Bein in einen wenig kraftvollen Schuss bringt. Es fehlt ein Spieler, der sich in engen Räumen bei Flanken vor die Abwehrspieler schleicht. Es fehlt ein Spieler, der bei Torwartunsicherheiten den frei gewordenen Ball abstaubt und im Tor unterbringt. Das ist der Blick in den Strafraum. Man kann auch vor den Strafraum schauen. Da es den einen Spieler des MSV im Strafraum nicht gibt, müsste die Mannschaft bei vielen Bällen in den Strafraum hinein präziser sein – egal ob Flanke oder letzter Pass.

Aber habe ich nicht etwas vergessen? Richtig. Der MSV lag nach zwei Kontern in Minute 11 und Minute 13 ja bereits mit 2:0 zurück. Das hatte so unfassbar einfach ausgesehen, wie die Regensburger das erste Tor erzielten. Es war entsetzlich. Zumal in der Spielsituation davor Stanislav Iljutcenko das Führungstor auf dem Fuß hatte. Einen hohen Ball in den Strafraum hatte er artistisch angenommen, bedrängt vom Gegenspieler im Rücken lag der Ball nicht perfekt auf seinem Fuß, so dass er dem herauseilenden Torwart beim Schuss eine Chance ließ. Die Chance nutzte der Torwart. Er hielt und leitete den ersten so ernüchternden Konter ein.

Aber auch ohne einen Konter, mit einem schnellen Spielaufbau gegen die formierte Abwehr kamen die Regensburger innerhalb des Strafraums immer wieder vor den Defensivspielern des MSV an den Ball. Das ist ein Grundproblem des MSV in dieser Saison, die gegnerischen Spieler wirken meist allesamt gedankenschneller als die Zebras auf dem Platz. Ob das mit der von Ilia Gruev gewünschten Spielkontrolle zusammenhängt? Sind die Spieler nicht in der Lage kontrolliert zu sein und in offenen Situationen auf ein höheres Tempo umzuschalten?

Der frühe Rückstand zusammen mit dem Stadionerlebnis mit den Freunden verhinderte zumindest die Wiederholung der Magdeburg-Erfahrung für mich. Keine spürbare Gesundheitsgefährdung entwickelte sich, die Kopfschmerzen blieben nach diesem Spiel aus. Ich war in gewisser Weise betäubt. Mein Ärger war gebremst und mündete nur in Dauerunruhe beim immer vergeblicheren Hoffen auf den Ausgleich. Denn in der zweiten Halbzeit gab es keine deutlichen Chancen mehr. Stattdessen fürchteten wir jeden Ballbesitz der Regensburger.

Wir spielten in der Kurve unser eigenes Spiel. Das Minutenspiel. Ich hoffte auf den Ausgleich in der 50. Minute und wollte ihn unbedingt in der 60. Der Freund wollte den Ausgleich spätestens zur 70. Minute. Beide erhöhen wir natürlich in jedem Spiel um 5 Minuten, um die Hoffnung zu erhalten, es könne noch gut ausgehen. Es! Das eine jetzt so bedeutende Spiel, das über unser persönliches Schicksal entscheidet. Wie gelassen habe ich diese Entscheidung abwarten können. Nur den Elfmeter habe ich mir dann nicht angeschaut. Wahrscheinlich war ich zum ersten Mal im Stadion altersweise. Ich ging zur Toilette. Eine Übersprungshandlung. Denn ich trank nur etwas Wasser aus dem Hahn. So konnte ich das spielentscheidende Tor ertragen. Erschöpt hielt ich bis zum Schlusspfiff aus.

Ilia Gruev erklärt übrigens in der Pressekonferenz, warum er Cauly Souza für Joseph-Claude Gyau einwechselte. Diese Auswechslung war Anlass für laute Gruev-raus-Rufe. Wen hätte er sonst auswechseln sollen? Gruev erklärt, Gyau braucht Räume für seine Spielweise, die Regensburg zum Ende nicht mehr ließ. Souza sei im eins gegen eins besser. Das erklärt den Wechsel.

Im Fußballgeschäft gibt es nur wenige Vereine, denen es gelingt kontinuierlich mit einem Trainer bei anhaltendem Misserfolg zu arbeiten. Der MSV Duisburg gehört nicht dazu. Nun wird in Duisburg Ilia Gruev von einem Großteil der Zuschauer als Grund für die Misserfolge dieser Saison angesehen. Es sei dahin gestellt, ob das stimmt. Aber wie soll eine Mannschaft am Tabellenende gegen Unruhe im Umfeld und unter den Zuschauern Erfolg haben? Es ist weiter zum Verzweifeln, denn ich glaube nicht, dass ein neuer Trainer die Mannschaft erfolgreicher machen wird. Was nicht heißt, dass sie nicht noch erfolgreich werden kann. Auch nach einem Trainerwechsel, und auch dabei wird offen bleiben, ob so ein Wechsel der Grund für den Erfolg gewesen ist. Für das Aufkeimen meiner Hoffnung auf diesen Erfolg, egal unter welchem Trainer, müssen noch ein paar Tage vergehen.

Sprachwandel mit Ilia Gruev

Wenn Deutsch als Fremdsprache gelernt worden ist, bieten sich dem Sprecher oft intuitive Möglichkeiten des Sprechens, die ein Muttersprachler nicht besitzt. Dann wird die deutsche Sprache erweitert. Ob sich so eine Erweiterung durchsetzt, ist eine andere Frage. Ilia Gruev hat im Vorbericht unten die deutsche Sprache um die Konstruktion einer Zeitform erweitert.

Ab Minute 1.07 sagt er zum heutigen Spiel: „Das macht mich zuversichtlich, dass wir das Spiel am Samstag gewonnen werden wollen … und müssen“.

Er bringt zwei Zeitformen im Propositionalsatz zusammen, das Futur II und das Präsens. Er mischt: „Ich bin zuversichtlich, dass wir gewinnen wollen“ und „Ich bin zuversichtlich, dass wir gewonnen haben werden“. So beginnt der Bedeutungsgehalt von „wollen“ und „müssen“ zu flirren. Die zwei Modalverben, also Verben der Notwendigkeit und Möglichkeit, nehmen auf diese Weise die Eigenschaften des Hilfsverbs „haben“ an. Sie verlieren ihren Bedeutungsgehalt und dienen nurmehr der Zeitbestimmung in dem Satz.

Ilia Gruev erweitert die deutsche Sprache so, dass die vollendete Vergangenheit in der Zukunft auch durch ein Verb der Notwendigkeit erzählbar wird. Er drückt aus, wonach wir uns alle so oft sehnen. Die Kraft unserer Gedanken bestimmt auch unsere Zukunft.

 

Heimatlied – Sektion Duisburg – Folge 38: Max und Florian – Exemplarischer Lebenszyklus eines Duisburgers

Es gibt einen Versuch in Duisburg, meine Sammlung Heimatlied – Sektion Duisburg  institutionell zu unterstützen. Oder sagen wir, ich nehme diesen Musikwettbewerb mal als institutionelle Unterstützung. Ob er nun „Ich bin DU!“  oder „Ich und meine Stadt Duisburg“ heißt, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Die Musik- und Kunstschule der Stadt Duisburg kooperiert jedenfalls mit der Gitarrenschule Peter Bursch, und Lieder über Duisburg sollten eingereicht werden.

Die Zielgruppe des Wettbewerbs hatte sich in diesem Jahr erweitert. Ich meine, es waren zunächst vornehmlich Kinder und Jugendliche angesprochen. Die Teilnehmerliste dieses Jahres aber zeigt, gestandene Musiker der Duisburger Szene haben sich ums Heimatlied – Sektion Duisburg gekümmert. Philipp Eisenblätter war mit seinem auch in meiner Sammlung schon aufgenommen Duisburg-Lied dabei und hat gewonnen. Anna Maria Schroeter hat nach ihrer Duisburg-Hymne eine Ballade zur Stadt aufgenommen und wurde zweite. Das Lied finde ich leider nicht in einer Version im Netz, die ich hier einbinden kann; auf der oben verlinkten Seite ist es zu hören. Die drittplatzierten Die Krauses habe ich bereits vorgestellt.

Auf den vierten Platz wurde Exemplarischer Lebenszyklus eines Duisburgers von Max und Florian gewählt. Zu hören ist ein ungewöhnliches Stück, abseits eines üblichen Besingens der Stadt. Zu elektronischer, langsamer Musik wird der Text gesprochen, zum Ende mündet er in ein Sprechgesang-Finale. Mit dem Text wird eine persönliche, literarisierte Geschichte erzählt, für die Duisburg der Handlungsort ist. Man lernt Duisburg in Ausschnitten kennen, ohne die wertenden Sätze der üblichen Heimatlieder. Der Bezug zu Duisburg ergibt sich aus den besonderen Erfahrungen, die in dieser Stadt gemacht werden. So ein Lied fällt auf. Es ist eigenständig, und Duisburg braucht mehr solcher Blicke. Der Duisburger Lyriker Werner Muth fällt mir dabei ein, von dem es solche Texte über Duisburg von Musik begleitet schon länger gibt. Arbeitsnotiz gemacht. Muss demnächst auch mal drüber geschrieben werden.

Hinweise auf weitere online zu findende Duisburg-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Duisburg – Alle Folgen

20 Anmerkungen zum MSV-Spiel gegen den 1. FC Magdeburg, die die Welt noch nicht gesehen hat

  1. Am Donnerstag in einer englischen Woche muss ein Text schneller als an einem Montag nach einem Wochenendspiel entstehen. Deshalb gibt es keine Rücksicht auf stilistische Feinheiten.
  2. Das 3:3-Unentschieden des MSV gegen gegen den 1. FC Magdeburg hat mich an den Rand der mir erträglichen Verzweifelung gebracht. Verzweifelung über den Lauf der Dinge. Verzweifelung über kurz unaufmerksame Spieler des MSV. Verzweifelung über eine Schiedsrichterentscheidung.
  3. Nach dem 2:1-Rückstand dachte ich kurz, ich könne mir das Spiel im Neudorfer Ostende nicht weiter ansehen. Im Stadion ertrage ich jegliche Spielverläufe. Vor dem Fernseher geht das nicht. Dort komme ich an gesundheitsgefährdende Grenzen. Als durch den Freistoß das zweite Tor für Magdeburg fiel, wurde die Ohnmacht unerträglich, einer erneuten Niederlage des MSV ausgesetzt zu sein. Ich merkte, jegliche Hoffnung meines Lebens war in diesem Moment auf den MSV gerichtet. Das war zu viel Hoffnung an der falschen Stelle. Ich wollte aus dem Ostende fliehen. Kevin Wolzes schnell folgendes Freistoßtor zum Ausgleich war ein betäubendes Schmerzmittel. Ich konnte es nicht bejubeln. Die Ohnmacht war einer gefühllosen Beruhigung gewichen.
  4. In der ersten Halbzeit hat der MSV gut gespielt. Die Magdeburger wurden früh bei ihrem Aufbauspiel gestört. So konnte immer wieder schnell umgeschaltet werden. Der MSV wirkte auf mich für Phasen spielbestimmend.
  5. Diese Wahrheit gab es aber auch: Das einer Balleroberung folgende Umschaltspiel führte auch hin und wieder zu spekulierenden Pässen ins Nichts. Es waren hilflose Pässe im Wissen darum, auf diese Weise bleibt der Ball nicht im Spiel. Auf diese Weise unterbindet man einen Konter der Magdeburger. Solche Pässe sind dann weniger ein Instrument der Offensive als der Defensive. Besser geht es in dem Moment nicht. Das müssen wir akzeptieren.
  6. Vier sehr gute Torchancen ohne Torerfolg für Magdeburg in der ersten Halbzeit belegen nicht das Glück für den MSV sondern die Tatsache, dass es in der Liga Mannschaften gibt, die mit denselben Schwierigkeiten umgehen müssen wie der MSV. Diese vier Torchancen sind eigentlich ein Beleg dafür, wie schwer es für den MSV in dieser Saison ist und wie wenig ein anderer Trainer als Ilia Gruev an der Situation ändern können wird.
  7. Die Mannschaft des MSV spielt offensiv so gut, wie sie es kann. Sie spielen inzwischen gut genug, um ein Spiel zu gewinnen.
  8. Die Führung des MSV war verdient. Nach einem schlechten Versuch zu flanken, verlor Kevin Wolze den Ball und eroberte ihn sofort zurück. Der Flankenversuch zwei in den Lauf von Stanislav Iljutcenko gelang. Der Raum für den Stürmer war da und souverän schob er den Ball ins Tor.
  9. Zuvor schon hatte der MSV mit variablem Spiel die Defensive von Magdeburg unter Druck gesetzt – zum einen über die Flügel, gefahrvoll oft durch Andreas Wiegel; zum anderen durch Mittelfeldläufe von Cauly Souza und Fabian Schnellhardt mit folgendem Pass ins Zentrum auf Tashchy oder Iljutcenko.
  10. Die Spieler des MSV sind defensiv bei Spielunterbrechungen immer wieder nicht präsent. Der Ausgleich zum 1:1 fiel auf dieselbe Weise wie in Dresden das Tor zur Niederlage. Das Tor wäre einfach zu verhindern gewesen, wenn Sebastian Neumann den Ball die ganze Zeit im Blick gehalten hätte und der Einwurfsituation nicht den Rücken gekehrt hätte. Die Spieler des MSV versuchen bei Spielunterbrechungen aber oft als erstes, ihre Position in der Defensivformation einzunehmen und verlieren den Blick dafür, dass das Spiel unterdessen weitergeht. Grundsätzlich muss beides zugleich beachtet werden, wo ist der Ball und wo bin ich im Verhältnis zu meinen Mitspielern. Das geschieht immer wieder einmal nicht. Das führt zu Toren vom Gegner. Das führt zu Wut und Verzweifelung bei mir, weil ich schon vor der Ballberührung des Gegners sehe, dass Gefahr droht. Ich kenne das aus dem Basketball. Dort ist es am Spielfeldrand oder auf dem Spielfeld einfacher. Spieler reagieren, wenn ich schreie. Sebastian Neumann hat mich in Magdeburg nicht gehört.
  11. Schon der Klärungsversuch von Sebastian Neuman, der zum Ausball führte, war der Anfang der Fehlerkette. Er hatte sich nicht entscheiden können zwischen präzisem steilen Pass und Ballwegschlagen. Es wurde irgendwas dazwischen, so dass der Ball zu nah am eigenen Tor ins Aus flog.
  12. Kurz darauf folgt ein Freistoß für Magdeburg nahe der Strafraumgrenze. Die Mauer bei diesem Freistoß stand nicht gut. Der Ball brauchte nicht viel Effet, um rechts dran vorbei zu fliegen. Magdeburg führte 2:1.
  13. Die Anforderungen an Kevin Wolzes Schusstechnik bei dem Freistoß zum 2:2-Ausgleich waren größer. Solche Freistoßtore kennen wir von ihm.
  14. Nach dem 2:2 entwickelte sich ein offenes Spiel. Ist meine Vereinsbrille der Grund dafür, dass ich den MSV mit leichten Vorteilen sah? Auf mich wirkten die Zebras spielerisch variabler als Magdeburg, sicherer im Ballbesitz, bissiger beim Stören der Gegenspieler.
  15. Jeder ruhende Ball für die Magdeburger machte mir Sorgen. Deshalb verzweifelte ich schon vor dem Eckstoß, der zum 3:2 führte über die Fehlentscheidung des Schiedsrichters. In welchem Winkel stand der Schiedsrichter zu Kevin Wolze und dessen Gegenspieler? Der Gegenspieler sprang nicht nur höher, sondern befand sich auch zwischen Wolze und der Torauslinie. Unabhängig vom TV-Bild schien es mir unmöglich zu sein, dass ein von Wolze berührter Ball auf direktem Weg ins Aus hat gehen können. Quasi überall um ihn herum war sein Gegenspieler, der von einem über Wolze kommenden Ball danach berührt werden musste.
  16. Ich habe keine Erinnerung an eine solche dichte Abfolge von Fehlentscheidungen der Schiedsrichter, die so spielbeeinflussend gewesen sind. Denkt nur nicht, dass ich damit die Niederlagen erklären will. Dennoch sind diese Fehlentscheidungen Mühlsteine angesichts der momentanen spielerischen Möglichkeiten des MSV.
  17. Die Ecke war die klassische Gegentor-Ecke der Zebras. Die erneute Führung der Magdeburger erschöpfte mich. Ich fügte mich ins Schicksal der Niederlage.
  18. Die Spieler des MSV fügten sich nicht in die Niederlage. Sie hielten an ihrem Plan fest. Die Mannschaft brach nicht in sich zusammen.
  19. Der Ausgleich zum 3:3 war verdient und gerecht. Im Moment des Ausgleichs kam ein wenig Glück hinzu. Denn Lukas Daschner drückte einen eroberten Ball ins Netz, der zuvor im Magdeburg Strafraum einmal herumgeflippert war. Das Glück hatte aber erarbeitet und erspielt müssen. Dem Glück zuvor gingen Glaube der Mannschaft an die Mischung von spielerischer Lösung und hohem Ball in den Strafraum sowie Gedankenschnelle von Lukas Daschner. Daschner musste erst einmal im rechten Moment am rechten Ort sein. Das ist Können und kein Glück.
  20. Im Stadion beim notwendigen Sieg gegen Regensburg werde ich die Anspannung leichter ertragen als vor dem Fernseher.

In eigener Sache: Lesung am Freitag, um 18.45 Uhr bei der Meidericher Literarte 2018

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Von Freitag bis Sonntag feiert in Meiderich die Kulturwerkstatt in Meiderich auf ihrem Gelände an der Bahnhofstraße und auf dem Markt ihr vierzigjähriges Jubiläum. Der Literatur und Büchern gilt an den Tagen besondere Aufmerksamkeit, und so steht das Ganze unter dem Motto „Literarte 2018“ Es gibt viele Lesungen und am Sonntag einen Büchermarkt.

Auf dem Büchermarkt werde ich mit einem Stand vertreten sein. Natürlich werde ich auch Mehr als Fußball im Gepäck haben, die  111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss und die 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen. Schließlich braucht ein Jubiläum günstige Jubiläumsangebote.

Außerdem werde ich am Freitag von  18.45 bis 19.30 Uhr Auszüge aus meinen Programmen „Nach dem Anpfiff alles möglich“ und „Der Himmel über der Ruhr ist wieder blau“ lesen. Die Lesungen finden statt in der Kulturwerkstatt, Bahnhofstraße 157, 47137 Duisburg.

Das komplette Programm der Literarte 2018 findet sich mit einem Klick.

Halbzeitpausengespräch: Die Leiden der Jungen (Werther) am Theater Oberhausen

Ein marmomiertes Weiß auf Boden und Leinwand vor der Hinterbühne schaffen einen weit wirkenden Raum, in dem sich zwei große runde Podeste befinden. Sie werden später an Drehscheiben von Peepshows erinnern. Wir Zuschauer nehmen Platz, begleitet von einem sanften Klangteppich, den Johannes Rieder am Keyboard vorne am Bühnenrand schafft. Freundlich lächelnd betrachtet er in seinem lila glänzend, fast clownesken Kostüm das Treiben.

Wir sollen etwas Grundsätzliches über die Liebe erfahren. Wir sollen sehen, wie sich heute jene Liebe zeigt, die Goethe für den jungen Werther erdichtet hat. Es geht um die verzehrende Liebe, die das Ich auflöst oder gar erst finden lässt. Es geht um die Hoffnung auf Erfüllung, um das Werben und den Schmerz der Vergeblichkeit. Wir werden sehen.

Ein junger Mann tritt auf, während im Hintergrund die Musik weiter säuselt. Das ist also einer der Jungen und zugleich Werther, von dem im Titel auch die Rede ist? Er liebt, begehrt – doch wen? Es ist eine Frau, die vor ihm im Publikum sitzt. Nah ist sie, dennoch unerreichbar, und nur eine von vielen, wie sich herausstellen wird. Obgleich er auf Werthers absolute Liebe zitierend verweist. Schon schleichen sich Zweifel ein, ob dieser der Jungen es mit seiner Liebe tatsächlich ernst meint. Ironisch gebrochen bespiegelt er sich selbst. Schmunzeln müssen wir über ihn, und er über sich. Was ist echt? Er sei nicht Werther, sagt er sogar, er heiße eigentlich Christian. Er versucht Tanz als Ausdruck und wirkt dabei ungelenk. Kann solch ein Gefühl in den Wunsch führen, sterben zu wollen? Eine Liebe, die er schon bei vielen Frauen gefühlt hat? Schließlich probiert er den einen Verzweifelungsschrei, und wir sehen, ihn gibt es aus seiner selbst heraus nicht. Seine Liebe läuft eher ins Leere, als dass sie in Verzweifelung endet.

Still geht er ab. Die Spielfreude auf der Bühne und Johannes Rieder als Beobachter sowie Tröster bleiben. Denn dem ersten Monolog schließt sich der beeindruckende Auftritt von Emilia Reichenbach als Wertherin der Gegenwart an. Ein furioser Tanz zu Technoklängen macht sie so atemlos wie das Herausschreien ihrer Liebe. Auch diese Frau findet ihre Liebe im Publikum. Die Grenze der Bühne wird an dem Abend mehrmals aufgehoben. Zu ihrer Liebe gewinnt sie keine Distanz, die ihr hilft, den Schmerz des Unerfüllten zu bewältigen. In ihrer Liebe zeigt sie sich mit ganzer Seele und bis auf die nackte Haut. Dann glaubt auch sie, sterben zu wollen. Ihr wird geholfen allein durch eine sie umhüllende Hand – im wortwörtlichen Sinn; ein Kostüm, in das Johannes Rieder geschlüpft ist.

Mit dieser schützenden Hand zieht das Komödiantische auf der Bühne vollends ein. Die Wertherin geht ab. Das Leid an der Liebe wird nun für alle gelindert. Johannes Rieder sucht mit Fistelstimme seine Form der Nähe. Der Liebe? Er möchte küssen und findet im Publikum einen Mann, der sich auf die Stirn küssen lässt. Das Spiel ist aus. Selbsterkenntnis hat ihre Liebe den Liebenden nicht gebracht. Sie blieben konventionellen Rollenvorstellungen verhaftet. Die Frau, die tief einen Menschen liebt, steht im Gegensatz zum Mann, der nur vorgibt tief zu lieben und das gleich bei vielen Frauen. Selbsterkenntnis aber wäre einem humanistischen Verständnis von Liebe in der Gegenwart zu wünschen. Womöglich hat diese Neubestimmung der Liebe das Publikum zu leisten, wenn es aus der besänftigenden Kraft des Komödiantischen wieder erwacht ist

Mit: Christian Bayer, Emilia Reichenbach, Johannes Rieder

Regie: Leonie Böhm
Bühne: Zahava Rodrigo
Kostüm: Helen Stein, Magdalena Schön
Musiker: Johannes Rieder
Dramaturgie:Elena von Liebenstein

Die Informationen zum Stück beim Theater Oberhausen nach dem Klick.

Weitere Aufführungen:
SA, 29.09.2018, 19:30 Uhr
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SO, 30.09.2018, 18:00 Uhr
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MI, 10.10.2018, 19:30 Uhr
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SA, 27.10.2018, 19:30 Uhr
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FR, 07.12.2018, 19:30 Uhr
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FR, 11.01.2019, 19:30 Uhr
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Ein Spiel zum Verzweifeln

Am Morgen nach der 1:2-Niederlage des MSV Duisburg gegen den FC Erzgebirge Aue bin ich immer noch in einer Art Duldungsstarre. Zwar habe ich mir gestern Abend mit Rico Brömseklöten noch eine Dosis Gegengift gegeben, so dass mich das Wort Erzgebirge fortan nicht nur noch in tiefe Verzweifelung stürzt. Doch solches Gegengift hilft anscheinend zunächst nur als Akutmaßnahme.

Für längeres Wohlbefinden muss anderes hinzukommen. Am besten natürlich ein erfolgreicherer MSV Duisburg. Allerdings vertraue ich auf diese begleitende Unterstützung momentan nicht wirklich. Wo soll das Vertrauen auch herkommen, wenn ich mir die Leistung der Mannschaft im Spiel gegen Aue genau ansehe?

Die Zebras haben in der ersten Halbzeit gut gespielt. Sie waren so gut, wie sie im Moment sein können. Sie haben sich in dieser ersten Halbzeit eine so sichere Torchance erspielt, dass ich den Torwart habe vergeblich hechten sehen. Ich war bereit zum Jubeln. Boris Tashchy hat den freien Schuss über das Tor gesetzt. Einen nicht ganz so freien Schuss setzte Cauly Souza zudem an die Latte. Mit der Jubelbereitschaft kam ich nicht hinterher. Dazu gab es zwei, drei Chanchen, die nicht ganz so klar waren, die aber in anderen Spielen von anderen Spielern in ähnlichen Situationen schon genutzt wurden, um Tore zu erzielen. Der MSV konnte sie nicht nutzen. Auch in einem dieser Momente hatte ich meine Arme schon erhoben.

Ich sorgte mich nicht mehr, der MSV könne in Gefahr geraten in diesem Spiel. Die Defensive stand sicher, mit einer Ausnahmen kurz nach Anpfiff. Daniel Mesenhöler klärte auf der Linie mit einem guten Reflex. Ein Konter hatte zu einem freien Schuss aus zwölf Metern geführt. Kurz vor der Pause hieß es zwar nicht drei Ecken, ein Elfer, doch drei halbe Jubel hatten diese Folge. Boris Tashchy wurde bei der Ballannahme gegen den Fuß getreten und fiel. Kevin Wolze verwandelte den Elfmeter sicher.

Kurz nach der Halbzeitpause pfiff Schiedsrichter Matthias Jöllenbeck erneut Elfmeter. Dieses Mal gegen den MSV. Wahrscheinlich haben die meisten Zuschauer wie wir bei uns in der Kurve diesen Elfmeterpfiff nicht richtig mitbekommen. Es war merkwürdig still geblieben im Stadion. Schließlich hatte es keine offensichtlich elfmeterreife Spielsituation gegeben. Wir konnten das Bedrohliche des Moments erst nicht erkennen, dann wollten wir es nicht wahrhaben. Aus heiterem Himmel verschwand die Zuversicht für dieses Spiel. Aus heiterem Himmel waren alle Sorgen wieder da. So ungerecht fühlte sich das an. Der Elfmeterpfiff war ungerecht.

Für die Spieler des MSV hatte dieser Pfiff anscheinend eine ähnliche Wirkung wie für mich. Gefährliche Chancen konnte sich die Mannschaft in der zweiten Halbzeit nicht mehr erspielen. Es war nicht leicht mit anzusehen, wie sehr sich jeder einzelne Spieler anstrengte, ohne dass diese einzelnen Anstrengungen vor dem Auer Tor sich bündelten. Es fehlten Ideen für das Zusammenspiel in der Nähe des Auer Strafraums.

Der Boden war tief. Lange hatte es geregnet, und zu Beginn des Spiels hatten sich alle, samt Schiedsrichter, an die Glätte des Rasens gewöhnen müssen. Man war ausgerutscht und geschlittert. Nun war bei den Sprints die zusätzliche Kraft erkennbar, die die Vergeblichkeit der Anstrengung noch spürbarer machte. Es war zum Verzweifeln. Wenn es doch wenigstens beim Unentschieden geblieben wäre. Doch ein Ballverlust von Joseph-Claude Gyau auf dem linken Flügel nach einem harten Tackling führte zu einem Konter, der mit einem Schuss, der nicht oft so gelingt, abgeschlossen wurde. Die 1:2-Niederlage stand fest. Es blieben noch ein paar Minuten mit hohen Bällen in den Strafraum. Ein aussichtsloses Hoffen auf den Zufall. Es war zum Verzweifeln. Ich sehe nicht, dass die Mannschaft besser spielen kann. Ich sehe Spieler, die alles geben. Ich sehe Spieler, die mit ihrem derzeitigen Können alles versuchen. Ich sehe Spieler an ihre Grenzen kommen. Es ist zum Verzweifeln.

Drei Stahlarbeiter stehen inzwischen nur noch vor dem Spiel auf dem Rasen. Beim letzten Heimspiel waren es vier. Beim ersten Spiel zehn? Ich weiß es nicht mehr genau. Überall sehe ich nur noch Zeichen des Niedergangs. Es ist zum Verzweifeln.

Bock-umstoßen-Revival im Osten

Früher haben die Menschen manchmal einfach nur nicht verstanden, warum ich ihnen etwas erzählte. Heute beginnen sie allmählich in mir einen von diesen alten Nörglern zu sehen. Zumindest wenn diese Menschen junge Bäckereiverkäuferinnen sind. Denn in einer Bäckerei wird es für mich immer schwieriger zu bekommen, was ich kaufen möchte. Mir kommt so vieles von dem, was es in Bäckereien gibt, beim Bestellen nicht mehr über die Lippen. Niemals werde ich sagen: „Ich hätte gerne einen Smiley“, wenn ich einen Amerikaner bestellen will, auf dem sich dummerweise gerade irgendwelche Schokoverzierungen befinden. Dann sage ich: „Ich hätte gerne einen Amerikaner“ und bin mir nicht mehr sicher, ob die junge Bäckereiverkäuferin weiß, was ich meine.

Wegen dieser recht konservativen Haltung bin ich auch ganz froh, dass Erzgebirge Aue laut Kicker morgen beim MSV Duisburg punkto Auswärtsschwäche den Bock umstoßen will. Schön, dass in der Fußballersprache sich wenig ändert. Noch besser, dass die Auer anscheinend nicht mitbekommen haben, was bei solchem Vorhaben auf dem Rasen im Stadion beim MSV geschieht. Wir erinnern uns alle jedenfalls sehr gut, dass Böcke auf dem Rasen der SIL-Arena gerne unüberwindbare Hindernisse bleiben. Ich bleibe dabei, der geplatzte Knoten gefällt mir als Bild ohnehin viel besser.

Zwei Mannschaften treffen also aufeinander, die am letzten Spieltag ihr erstes wirkliches Erfolgserlebnis hatten. Trotz der vielen Ausfälle im Kader gehe ich nicht nur wegen der Auer Unaufmerksamkeit in Sachen Böcke zuversichtlich ins Stadion. Die Hierarchie im Kader ergibt sich jedenfalls gerade von selbst. Und da es im Moment auch um Stimmung geht, sind die Ausfälle kein schlechtes Zeichen. Der MSV hat es vielleicht etwas schwerer als die Auer, weil der Siegeswille der Mannschaft von Anfang deutlich erkennbar sein muss. Sonst könnten die Zuschauer unruhig werden.  Eine Haltung, die in Berlin gegen die Übrmacht des Heimpublikums gerade in der zweiten Halbzeit auch als Geduld hat wirken können, wird es in Duisburg jedenfalls nicht geben. Dann kann der Heimvorteil leicht zum Nachteil werden.

Jérôme Boateng – In Interviews so deutlich wie wenige Fußballprofis

Am Mittwoch veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung ein ganzseitiges Interview mit Jérôme Boateng – für SZ-Leser mit Online-Abo per Klick. Es lohnt sich, Interviews mit ihm zu lesen. Denn Jérôme Boateng gehört zu den wenigen aktiven Spielern, die ihre Meinung bei Konflikten nicht verhehlen. Wenn er spricht, gibt es stets auch einen Einblick in die Welt des Fußballs, der über das individuelle Spielerleben hinaus führt. Mit seiner Meinung nimmt er uns mit auf die Hinterbühne des Fußballs. Nachvollziehbar und klar vertritt er seine Interessen in dem Spannungsgefüge von Verein, Mannschaft und individueller Karriere.

Außerdem sind uns in Duisburg von Jérôme Boateng die neulich schon von mir festgestellten strukturellen Gemeinsamkeiten von Nationalmannschaft und dem MSV der ersten vier Spiele bestätigt worden.

 

 

Der Stakeholder zieht ein in die Sportsprache

Vor ein paar Wochen habe ich für meinen Basketballverein, den Deutzer TV, regionale Rahmenpläne erstellt. Mit diesen Plänen wird Zeitnahme und Anschreiben in meinem Verein für die Saison 2018/2019 organisiert. Jede am Spielbetrieb teilnehmende Mannschaft muss dieses Kampfgericht bei den anderen Mannschaften in einer Saison etwa elf bis zwölfmal stellen.

Stellt euch vor, Vertreter aller Mannschaften meines Vereins träfen sich regelmäßig, um sich über die Entwicklung im Verein und im Basketball auszutauschen. Dann wäre Anschreiben sicher auch ein Thema. Denn das ist eine manchmal lästige Angelegenheit. Anschreibetermine kollidieren oft mit Trainingseinheiten. Manchmal müssen einen Tag nach einem Punktespiel Mannschaftsmitglieder schon wieder in anderer Funktion ran. Aber ob ein Sprecher dieser Mannschaften mir jemals öffentlich sagen würde: „Die Mannschaften müssen die Schlüsselfiguren bei der Ausarbeitung des neuen regionalen Kampfgerichtskalenders sein, da sie die einzigen Stakeholder des Vereins sind, die das das sportliche Risiko tragen.“ Das wiederum kann ich mir nicht vorstellen.

Stakeholder unterscheidet sich vom Steakholder lautlich übrigens nicht. Beiden Holdern geht es eben um das, was reinkommt. Im Fußball braucht man keine Fantasie mehr, wenn Interessenvertreter sprechen. Eine andere Sprache als die des Sports gibt es längst, wenn es um Interessen der Vereine gegenüber der UEFA geht. Die Sprache des Fußballs braucht das betriebswirtschaftliche Wortgeklingel inzwischen wie die Sportreporterklischees. Andrea Agnelli, der Vorsitzende der ECA, der European Club Association meinte neulich:

Die Vereine müssen die Schlüsselfiguren bei der Ausarbeitung des neuen internationalen Rahmenterminkalenders sein, da sie die einzigen Stakeholder der Industrie sind, die das das unternehmerische und sportliche Risiko tragen.

Stakeholder! Industrie! Sport, der mich interessiert, spricht öffentlich eine andere Sprache.

 


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