Mit Wechselbad ein Schritt zur Wellness an der Alten Försterei

Allein unter Unionern

Meine Stadionbesuche beim MSV sind immer zugleich mein ganz persönliches Zen. Sie sind Übungen in Lebenszufriedenheit bei jeglichen Erfahrungen und den damit verbundenen aufwühlenden Gefühlen. Auch wenn man mir auf dem Stehplatz nur die äußere Aufregung ansieht, so wird manches Spiel mir doch zu einer Art Meditation. Denn was ist Meditation anderes als die Erfahrung, dass die Gedanken kommen und gehen, dass Gefühle kommen und gehen und ein fühlendes Erkennen, dass auch Ereignisse im Leben kommen und gehen, ohne dass wir einen Einfluss darauf haben.

Den Tag über war es mir in Berlin gelungen, die Sorge vor einem weiteren Misserfolg des MSV bei Union Berlin zu verdrängen. Je näher der Anpfiff rückte, desto unruhiger wurde ich aber. Früh war ich schon in die fast leere Gästekurve des Stadions an der Alten Försterei gekommen. Mit einem jungen MSV-Fan aus Mannheim kam ich ins Gespräch. Wurzeln der Familie in Duisburg führen zu familiären Fan-Traditionen. Der MSV in Berlin erwies sich als Zwischenstation auf seiner Inter-Railreise mit einer jener Inter-Railkarten, die die EU unter jungen Europäern verlost hatte. Auswärtsfahrt zum MSV. Gut genutztes EU-Geld für junge Leute.

Der Wechsel im Tor hatte sich angekündigt. Völlig abgesehen vom Leistungsvergleich war dieser Wechsel auch ein symbolisches Zeichen für Veränderung. Jetzt konnte alles anders werden. Meine Sorge wurde größer, dass das nicht geschah. Wenn die Spieler des MSV sich derart verunsichert zeigten, wie ich mich fühlte, hatten sie keine Chance. Die gesamte erste Halbzeit war ich mit dem Spiel und einer drohenden Enttäuschung beschäftigt. Immer wieder lehnte ich mich gegen etwas auf, was noch gar nicht eingetreten war.

Mit dem Anpfiff war die Gästekurve zweidrittel gefüllt. Die Zebras fanden gut in ein intensives Spiel mit durchweg hohem Tempo. Ballkontrolle führte kaum zu langsamen Passagen. Beide Mannschaften schafften es aber nicht, gefährlich vor das gegnerische Tor zu kommen. Defensiv drohte dem MSV nur auf der rechten Berliner Seite zwei-, dreimal Gefahr, weil Andy Gogia von Kevin Wolze alleine nicht gehalten werden konnte. Gogia dribbelte ihn aus oder überlief ihn. Doch im Zweierverband mit Sebastian Neumann konnten auch diese Angriffe neutralisiert werden, allerdings nicht dauerhaft. Kurz vor der Pause dann, ein Ballverlust im Mittelfeld, dem ein weiter Ball auf den frei stehenden Gogia folgt. Für einen Moment hatte ich die Hoffnung, er braucht Zeit, um den Ball anzunehmen. Doch wie Gogia in einer Bewegung diesen Ball herunterholt und verarbeitet, war großartig. Obwohl Kevin Wolze in der Nähe war.

Es geschah, was ich die ganze Zeit befürchtet hatte. Der MSV lag zurück nach einem Tor durch besagten Gogia. Diese Wahrheit wollte ich nicht hinnehmen. Alles lehnte sich in mir auf. Das ist die Zen-Übung, von der ich sprach. Das Auflehnen zu akzeptieren, vorbei gehen zu lassen und die Wirklichkeit wahrhaftig zu sehen. Vor diesem Tor hatte es noch eine wunderbare Kombination vom MSV über den linken Flügel gegeben. Sebastian Neumann hatte an der eigenen Torauslinie den Ball am Strafraumrand erobert, ihn nicht weggeschlagen, sondern zwei Berliner Spieler gelassen ausgespielt, um dann präzise auf den linken Flügel zu Moritz Stoppelkamp zu passen. Leider kam nach dem Dribbling über Außen der letzte Pass nicht in den Strafraum. Ich erzähle das so detailliert, um zu erinnern, wie kontrolliert der MSV auch unter großem Druck den Ball in die Offensive bringen konnte.

Nach dem Spiel habe ich nicht glauben können, wie schlecht die Leistung vom MSV im Netz von vielen Seiten bewertet worden ist. Nicht oft klaffen Stadionerleben und Bewegtbild-Bewertung des Spiels derart auseinander wie bei diesem Spiel. In der Gästekurve im Stadion war bei aller Enttäuschung über den späten Ausgleich doch von den meisten Anerkennung für die Leistung zu hören. Die entscheidende Botschaft dieses Spiels ist für mich der Glaube an ein Ausgleichstor nach dem Rückstand. Die Zebras haben das ganze Spiel über gelebt. Konzentration und Engagement ließen nicht einen Moment nach.

Die vom Berliner Trainer in der Pressekonferenz verlorenen geglaubten zwei Punkte können wir genauso beklagen. Worauf bezieht er sein Gefühl der Überlegenheit? Auf das Potential seiner Spieler oder auf die tatsächlich gezeigte Leistung? In der ersten Halbzeit gab es nur eine weitere  Chance für Berlin. Den Lattentreffer von Gogia gab es deshalb, weil der Ball abgelenkt wurde, sonst wäre er Daniel Mesenhöler in die Arme gefallen.

Bei Union herrscht die Meinung vor, das Spiel in der zweiten Halbzeit im Griff gehabt zu haben. Doch diese Meinung lässt außer Acht, dass der MSV kontinuierlich mit Geschwindigkeit das Offensivspiel suchte. Zunächst ohne Torgefahr, sicher. Wenn zugleich aber individuelle Fehler angeführt werden als Grund für Gegentore, muss man doch schauen, wie diese Fehler zustande kamen. Ohne Fehler gibt es nie Tore. Ein Fehler nach einer Ecke ist aber ein anderer Fehler als einer, der im Spielverlauf geschieht. Und solch ein Fehler im Spielverlauf führte zum Ausgleich. Dieser Fehler musste erst einmal erzwungen werden. Dazu mussten Spielsituationen vom MSV geschaffen werden, die Fehler hervorrufen.

Man darf doch nicht übersehen, dass die Berliner Spieler in Teilen individuell besser waren. Die Defensivschwäche auf der linken Seite des MSV führte doch die ganze Zeit zu einem Risiko, bei dem die Mannschaft dennoch Offensivkraft entwickeln musste. Das war ein Ritt auf der Rasierklinge. und der hat nur deshalb nicht zu schmerzhaften Folgen geführt, weil der MSV zum schnellen Offensivspiel über alle Positionen durch das Mittelfeld zurückgefunden hat.

In diesem Spiel hoffte ich nicht einmal auf den Zufall als zwölften Mann des MSV, damit ein Tor fällt. In diesem Spiel hoffte ich auf ein Tor aus dem Spiel heraus. Und das war keine Träumerei, das war nicht unrealistischer Wunderglaube. Das ergab sich aus der Spielanlage vom MSV. Das ergab sich, weil die Mannschaft an ihr eigenes kontrolliertes Spiel glaubte und sich nicht davon irritieren ließ, dass die Zeit immer knapper wurde.

Was für ein Jubel dann, als Souza den Ball per Direktabnahme und Aufsetzer im Tor unterbrachte. Richtig getroffen hatte er den Ball nicht. Doch seine Torchance hatte sich in einem Spielzug angebahnt. Das kam nicht aus dem Nichts, egal, was in Berlin gesagt wird. Dort ist man blind dafür, dass diesem Tor Entwicklung vorausging. In Berlin richtet man nur den Blick auf die mangelnde Torgefahr der Zebrras bis zur 70. Minute etwa. In Berlin sieht man nicht, dass kontinuierliches Versuchen, auch wenn es im Strafraum zunächst ungefährlich bleibt, auch der eigenen Mannschaft Kraft nimmt, mental und körperlich. Das will man in Berlin vielleicht nicht sehen und in Duisburg vor dem Fernseher sieht man das nicht, weil es schlecht messbar ist. Im Stadion selbst ist das als Atmosphäre vielleicht eher zu spüren.

Dem frenetischen Jubel folgte sechs Minuten später die Ekstase in der Gästekurve. Nicht wissen, wohin mit diesem Jubel. Quer durch die Reihen in die Arme fallen, weil alles heraus muss. Weil alles möglich scheint an diesem Tag. Denn der Ausgleich hatte den Zebras nicht gereicht. Das Spiel war offen. Richard Sukatu-Pasu wurde mit einem wunderbaren Pass steil geschickt. Kühl schob er den Ball ins Netz.

Wenige Minuten blieben noch, dazu die Nachspielzeit, und immer noch zogen sich die Zebras nicht zurück. Trotz des nun größer werdenden Drucks durch Union. Ich glaube nicht, dass ohne ruhenden Ball Union noch ein Tor erzielt hätte. Dem Freistoß aus dem Halbfeld heraus in der 90. Minute folgte der Ausgleich. Schade. Noch einmal deutlich gesagt: Ein Sieg des MSV wäre keinesfalls glücklich gewesen. Er wäre verdient gewesen, weil die Mannschaft weiter an ihr Spiel geglaubt hat. Selbst nach dem Ausgleich suchte die Mannschaft noch die Chance auf ein drittes Tor. Das nehme ich aus dem Spiel mit. Die Zebras haben ihr Selbstvertrauen wiedergefunden. Natürlich muss ein Sieg gegen Aue her. Dann erst wird meine Meinung bestätigt. Bis dahin aber steht sie mit gleichem Recht in der Welt, wie all jene Wertungen, bei denen der MSV sehr viel schlechter wegkommt.

Beim Kollegen Sebastian Fiebrig vom Textilvergehen der Berliner Blick samt Presseschau.

Ebenfalls bei Textilvergehen Fotostrecke mit unübersehbarer Schwäche für die Heimmannschaft. Verstehbar.

Und bei Eiserne Ketten die Taktikanalyse für die Berliner Mannschaft.

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