Wie? Ihr steigt auf und wir steigen ab?

Vorgenommen hatte ich mir, ohne Erwartungen auf einen Erfolg das Spiel des MSV gegen den 1. FC Köln anzusehen. Doch es war wie immer, je näher der Anpfiff rückte, desto mehr schielte ich auf einen möglichen Punktgewinn, desto lauter machte sich die Stimme bemerkbar, die den unberechenbaren Fußball mir vor Augen hielt. Eine Stimme, die mir sagte, meine Bilanz der letzten Jahre im Müngersdorfer Stadion, vulgo Rheinenergie Stadion, sei hervorragend. Ich solle mal ruhig sogar an mögliche drei Punkte denken. Beim Anpfiff hätten wir schließlich schon einen Punkt im Sack.

Ein Kölner Basketballkollege hatte mich eingeladen in eine Loge mitzugehen. So begann der Abend früh. Denn der frühe Vogel gibt die Siegeswünsche am effektivsten auf das Spielfeld. Nichts stört seine zwingenden Gedanken. Nicht einmal die strengen Blicke namenloser FC-Spieler an der Logenwand. Man muss die Namen nicht kennen. Es sind Verlierernamen. Gewinner schreiben die Geschichte.

Mit dem Anpfiff übernahmen die Zebras die Spielkontrolle. In den ersten Minuten wusste die Spieler des FC nicht, wie ihnen geschah. Ballverlust um Ballverlust führte zu Angriff um Angriff. Cauly Souza hatte schon in der zweiten Minute das Führungstor auf dem Fuß. Leider hatte er den Ball etwas zu weit nach rechts im schnellen Lauf getrieben, so dass der Schusswinkel ungünstig wurde. Das 1:0 erzielte er dennoch mit einer Direktabnahme nach einer zu kurz geklärten Ecke. Es war ein Lehrbuchschuss. Großartig, und wir wussten, diese Führung kam zu früh. Wir schreibe ich deshalb, weil ich dort in den Logen nicht der einzige Mensch in blau-weiß war. Vereinzelt waren sie überall zu sehen. Zebragäste von überall her im rot-weißen, das Bild bestimmende Einheitston.

Noch blieb der MSV spielbestimmend. Der FC kam nur zum Ausgleich, weil für zwei, drei Minuten der Versuch in der Defensive den Ball kontrolliert zu spielen, zu ambitioniert war. Der FC presste zu stark. Anstatt sich einmal kurz Luft zu verschaffen durch einen Befreiungsschlag, dribbelten die Spieler selbst im eigenen Strafraum. Dustin Bomheuer gelang das nicht gut genug. Das führte zu einem Eckball und meiner Furcht vor den Torchancen des Gegners bei ruhenden Bällen. Die Furcht war berechtigt. Der Ausgleich folgte und meine zur Angst gewordene Furcht, dass nun alle Schleusen geöffnet waren. Was nicht stimmte. Meine Angst linderte das nicht. Ich hatte die drei Punkte gesehen und hatte noch einen weiteren Punkt zu verlieren.

Das führte in der zweiten Halbzeit zu einem, sagen wir, dreizehnten Mann vor der Loge auf der West, der zwölfte Mann stand ja lautstark in der Gästekurve. Ich habe dort oben schon lange vor der tatsächlichen Führung mindestens zwei Tore erzielt, dreimal zur Ecke geklärt, diverse Konter unterbunden und bei nicht zu zählendem Stochern in unklaren Situationen den Ball für uns gewonnen.

Ganz anders ging es auf der Nordkurve zu. Gedanklich war der Kölner dort unterwegs. Irgendwann hatte diese Nordkurve im Kölner Stadion nach dem Ausgleich ein Lied auf den Lippen, das man so früh in der Saison nicht oft singt. Ich meine, es war in der zweiten Halbzeit, als wir kurz hörten: „Wir steigen auf und ihr steigt ab!“ Sehr laut und begeistert wurde gesungen. Dazu muss man wissen, dass auf der Nordkurve die old school des FC-Supports sitzt. Sie meldet sich nicht mehr oft führend zu Gehör. Vielleicht liegt es also am Alter, dass man an diesem Abend dort beim Spiel des MSV gegen den 1. FC Köln jenes Selbstbewusstsein spürte, dass dem Kölner qua Geburt verordnet wird. Üblicherweise fühlt sich ein Kölner als Kölner ganz toll und vergisst dabei im Laufe seines Lebens gerne den Abgleich mit der Realität. Im Alter ist man dann darin geübt.

Dann wird die erste Halbzeit eines Fußballsspiels komplett ausgeblendet und in der zweiten Halbzeit werden missglückte Dribblings, Abspielfehler, nicht ausgespielte Konter und verunglückte Flanken wahrscheinlich nur als vorübergehende Erscheinungen einer grundsätzlich druckvollen Kölner Leistung gesehen. Dann kann man wohl vorauseilend glauben, das Spiel sicher zu gewinnen. Dann kann man einmal mehr mit seinem Hochmut kräftig vor die Wand laufen. Mich daran zu erinnern, macht Spaß. Ich stelle mir all diese Gesichter vor, wie sie den MSV kontern sehen. Ich stelle mir vor, wie Ahmet Engin über den rechten Flügel zieht und tatsächlich endlich wieder einmal scharf und flach hereingibt auf den mitgelaufenen Cauly Souza. Sein Gegenspieler und er grätschten gemeinsam, und dann war der Ball im Tor. Im Nachhinein stellte es sich als Eigentor heraus, doch Souza gehört der Treffer mit.

Was für ein Jubel bei uns Zebras, was für eine Enttäuschung unter den FC-Fans. Dieses Tor kam spät genug, um den Sieg für möglich zu halten. In der zweiten Halbzeit waren beide Mannschaften fehleranfällig bei ihrem Offensivspiel, so dass es hin und her ging. Zuweilen glich das Spiel einem unterhaltsamen Spektaktel bis zur Strafraumgrenze. Wirklich gefährlich wurde es für den MSV nur zweimal, einmal klärte Daniel Mesenhöler einen Terodde-Schuss innerhalb des Strafraums mit einem großartigen Reflex auf der Linie, das andere Mal schwamm die Defensive nach einer Ecke und Mesenhöler traf statt Ball das Gesicht eines Kölners. Über strafwürdige Folgen denke ich keine Minute nach.

Die Kölner wirkten zunehmend hilflos. So sehr sehnte ich dennoch ein drittes Tor durch einen Konter herbei. Das gelang nicht, die Konter brachten nur Entlastung. Der Schlusspfiff war Erlösung und unbändiger Jubel für uns. Die Kölner Fans schwelgten in Unmut. So ganz befolgt der Kölner, als Spezie FC-Fan, eben doch nicht das kölsche Grundgesetz. Nichts da mit „et kütt, wie et kütt“. Wenn der FC verliert, dann kütt die Wut und dann wird herrlich, herrlich gepfiffen. Schöne Pfiffe in meinen Ohren. Wir sind in Duisburg gerne behilflich, wenn der FC-Fan abhebt. Bodenständigkeit ist unser zweiter Name. Und wer nicht hören will, muss Niederlagen fühlen. Ein jeder weiß genau, das war der MSV.

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