Als ich doch noch auf einen glücklichen Sieg zu hoffen begann

So fühlte sich das gestern an: Der DJ hatte die Menge auf der Tanzfläche zum kochen gebracht. Alles wogte, alles bewegte sich, leicht, euphorisch. Doch beim nächsten Set dimmt er einfach runter, kein treibender Rhythmus mehr, sondern Musik, bei der nicht klar ist, wohin sie führt. Viel langsamer als zuvor. Wir stehen da, zum Schwitzen bereit und warten auf das Treibende. Wir versuchen hinein zu kommen in diesen anderen Sound. Legt er jetzt nicht gerade auf, was uns begeistert? Doch. Das klingt, das vibriert. Jetzt geht`s wieder ab, und in diesen Soundwellen, auf denen wir vorsichtig wieder zu wogen beginnen, erfolgt der Absturz. Wir hören Magic Detlef aus Castrop-Rauxel am heimischen Keyboard mit seinem selbst gedrechselten Schlager, „Kerr, watt bisse schön“, 128 Klicks bei Youtube, einmal „gefällt mir“. Das war Kalle, sein Kumpel.

Der MSV Duisburg verliert gegen den FC St. Pauli mit 1:0 durch ein Tor nach einer Ecke in der 84. Minute. Natürlich wieder nach einer Ecke. Gibt es eine Mannschaft, die mehr Tore nach Ecken bekommt als der MSV? Wer es weiß, bitte in die Kommentare.

Wir sahen einen Klassenunterschied in der ersten Halbzeit. Der FC St. Pauli hat hervorragend gespielt. Die Zebras liefen ständig den angreifenden Paulianer hinterher. Auf der einen Seite schnelle, harte, präzise Pässe Richtung Duisburger Tor, auf der anderen Seite langsame, weiche, ungenaue Pässe, die nur manchmal in Richtung Hamburger Tor gespielt wurden. Ich werfe damit nur ein Schlaglicht auf einen  entscheidenden Unterschied. Dennoch ergaben sich für die Hamburger aus dieser spielerischen Überlegenheit kaum wirkliche Chancen. Das war erstaunlich. Ich war nicht nur bereit, mich mit einem Unentschieden zufrieden zu geben. Ich machte mir sogar berechtigte Hoffnungen.

Doch nach der Halbzeitpause gab es einen Bruch im Hamburger Spiel. Die Geschwindigkeit war verschwunden. Oder der MSV hatte sie den Hamburgern genommen? Endlich hatte der MSV Zugriff auf das Spiel gewonnen. Endlich schien die Mannschaft nicht mehr komplett unterlegen zu sein. Sie entwickelte Zug Richtung Hamburger Tor. Ab Mitte der zweiten Halbzeit war ich mit einem Unentschieden nicht mehr zufrieden. Ich wollte, dass der MSV gewinnt. Ich wollte eine kontinuierliche Steigerung der Leistung in dieser zweiten Halbzeit, und auch das war eine berechtigte Hoffnung.

Irgendwann hing für einen Moment ein Tor in der Luft. Der Ball war frei im Fünfmeterraum. Ahmet Engin versuchte zu köpfen. Ein Paulianer wollte klären und traf ihn am Kopf. Der Aktion folgte der wahrscheinlichen Schmerz von Ahmet Engins und kein Schiedsrichterpfiff. Nicht, dass für mich diese Aktion ein klares Foulspiel gewesen ist. Aber sie erinnerte mich an die erste Zweitligasaison nach dem Zwangsabstieg, als in Fürth Kingsley Onuegbu im Strafraum auf Höhe des Elfmeterpunkts ähnlich klärte, und der Schiedsrichter Elfmeter gegen den MSV pfiff. Solche Gedanken zeigen nur, wie gefährdet meine Hoffnung auf den Sieg war, wie sehr ich nach dem Glücksmoment suchte, den der MSV trotz der verbesserten Leistung in der zweiten Halbzeit brauchte.

Der FC St. Pauli kam ebenfalls zu keinen wirklichen Chancen. Aber es gibt ja Eckbälle, und solche Eckbälle reichen oft in einem Spiel gegen den MSV. Was für eine Enttäuschung brachte diese Niederlage. Und wer die Leistung als eine aus der Gruev-Zeit beschreibt, verweist nur auf die grundlegende Fähigkeiten der einzelnen Spieler, mit denen auch Thorsten Lieberknecht arbeiten muss.

2 Responses to “Als ich doch noch auf einen glücklichen Sieg zu hoffen begann”


  1. 1 Frank Hildebrandt-Waslowski 23. Oktober 2018 um 12:00

    Also ehrlich, war leider verdient. Aber das Tor…booahhh, Eckball, und wo vorher die Verteidigung des eingewechselten Paulianers Veemann gut antizpiert wurde, stand auf einmal das Kopfballungeheuer Alagui blank. Herrlich gepennt liebe Abwehr. Hinzu diese Torwartlethargie bei Eckbällen, kleben wir mal auf der Linie und gucken was passiert…..
    Die Burschen wären bei mir heute morgen an der Wedau aufmaschiert, mindestens drei Runden und dann regulär Frühtraining.
    Sagen wir mal 10 Minuten weiter ohne Gegentor und wir hätten von einer engagierten Leistung gegen bockstarke Paulianer sprechen können. Aber so, Edding raus, dick makiert über der Eckballaktion: „Absteigerfehler“.

    Gefällt 2 Personen

    • 2 Kees Jaratz 26. Oktober 2018 um 08:23

      Sorry, Frank, dass ich bislang keine Zeit zur Antwort gefunden habe. Der Kopf war zu voll und wahrscheinlich wollte ich das Spiel auch gerne schnell vergessen.
      ja, ich befürchte auch, wir balancieren gerade auf dem Hochseil mit der Frage, ob dein „Absteigerfehler“ sich als Wirklichkeit fortschreibt oder doch noch eine Wendung erhält.
      Und was Mesenhöler angeht, gehört das Kleben auf der Linie vielleicht in die Rubrik Persönlichkeit. Denn auch auf der Linie lässt er sich bei Eckbällen von Gegenspielern den Raum verschließen. Er macht sich keinen Platz und wenn geht das schief wie in Köln, wenn er dem Gegnerstürmer ins Gesicht faustet. Eigentlich muss so was vorher mit Körper und Armen geschehen, so dass er gar nicht mehr unbedingt fausten muss. Er müsste viel öfter außerhalb des Spielgeschehens die Stürmer wegschieben aus seinem Fünfer. Immer wieder, bevor der Ball in der Nähe ist, sich Platz verschaffen. Das kann er – hoffentlich noch! – nicht.

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