Archiv für November 2018

Der Blick zurück – Duisburger Fußballstadtmeisterschaft 1946

Der Fußball organisierte sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs recht schnell wieder und half dabei, Normalität des Alltags in den Besatzungszonen wieder herzustellen. Der sportliche Wettbewerb konnte diesen beginnenden Alltag rhythmisieren. So wurde in Duisburg schon für die Saison 1945/1946 ein Stadtmeister ausgespielt.

Auf der der Historie des Duisburger Spielvereins gewidmeten Seite im Netz finden sich grundlegende Informationen zu dem Wettbewerb und Bemerkungen zu dem Finale, das in Hin- und Rückspiel im Mai 1946 zwischen dem Meidericher Spielverein und dem Duisburger Spielverein ausgetragen wurde.

Beide Vereine qualifizierten sich über Gruppenpiele für das Finale. Die Ruhr bildete dabei die Grenze für eine Süd- und Nordgruppe, in die die teilnehmenden Fußballvereine Duisburgs eingeteilt wurden. Im Süden spielten Duisburger SV, VfL Hüttenheim, TuS Duisburg 48/99, VfL Wedau, Duisburger FV 08, Duisburger SC 1900, Kaßlerfelder BC, TuRa 88 Duisburg, SV Wanheim 1900, SV Neuenkamp, Viktoria Buchholz und DSC Blau-Weiß 01.

Im Norden starteten Meidericher SV, SV Hamborn 07, SV Union Hamborn, SV Beeckerwerth, VfVB Ruhrort/Laar, SV Westende Hamborn, Gelb-Weiß Hamborn, Sportfreunde Hamborn 20, SV Laar 21, SV Hamborn 90, Grün-Weiß Beeck und Schwarz-Weiß Hamborn.

Das Hinspiel des Finales gewann der Meidericher SV mit 5:1 vor 12.000 Zuschauern an der Westender Straße. Der Sieg fiel laut vom DSV-Historiker zitierten Beobachter zu hoch aus: „Während dem Gegner einfach alles glückte, gelang unserer Mannschaft gar nichts. Wenn Meiderich auch besser war, so ist das Resultat viel zu hoch. 1:2 oder 2:3 wäre gerechtfertigt gewesen.“ Das Rückspiel gewann der DSV mit 1:0. Durch das bessere Torverhältnis war der Meidericher SV der erste Stadtmeister Duisburgs nach dem Zweiten Weltkrieg.

Man beachte die Ehrenpreise, Ölgemälde einer Industrielandschaft, die wertvoll (!) gewesen sind. Die Zeitungsauschnitte habe ich ohne Quellenangabe und Veröffentlichungsdatum erhalten.

Mit der Anmeldung beim FC-Innenhafen-Kickerturnier das MSV-NLZ unterstützen

Am 27. Januar 2019, einem Sonntag, veranstaltet der MSV-Fanclub Innenhafen zum zweiten Mal sein Kickerturnier für Fans. 40 Zweier-Mannschaften werden am Innenhafen im Atrium der Volksbank Rhein-Ruhr den Sieger ausspielen. Neben den selbstverständlichen Pokalen gibt es Sachpreise, seien es Logen-, Business- und Sitzplatzkarten zu einem Heimspiel des MSV Duisburg, MSV-Trikots sowie Wellness-Gutscheine. Turnierbeginn ist um 13 Uhr. Gegen 17 Uhr wird das Finalspiel beendet sein.

Ein Team besteht aus mindestens zwei und maximal vier Spielern. Gespielt wird in 8 Gruppen zu 5 Mannschaften im Turnier-Modus. Die ersten beiden Mannschaften je Gruppe ziehen in die Finalrunde ein.

Startplätze sind noch frei.

Die Startgebühr pro Team beträgt 40 Euro. Bei Firmenmannschaften erwartet der gemeinnützige Fanclub eine zusätzliche Spende von 200 Euro. Hierfür erhalten die Unternehmen selbstverständlich eine Spendenquittung.

Der Erlös der Veranstaltung wird dem MSV-Nachwuchsleistungszentrum gespendet.

Alle weiteren Infos und das Anmeldeformular findet Ihr mit einem Klick auf der Seite des Fanclub Innenhafen.

Radiogespräch mit Helmut Hahues beim Bürgerfunk Moers und Weihnachtsgeschenke

Neulich bekam ich eine E-Mail mit dem Betreff: „Zebrastreifenblog! Sie sind so verführerisch. Sie“. Man kann von Spam-Mails halten, was man will, aber manchmal machen sie mit einfachen Mitteln gute Laune. So eine gute Laune hatte ich auch nach meinem Gespräch mit Helmut Hahues vom Bürgerfunk Moers an jenem Samstag, als der MSV gegen Paderborn gespielt hat. Es war mein persönliches Vorprogramm zu dem Heimspiel, wie auf dem Foto unten leicht zu erkennen ist. Gutes Gespräch, gutes Spiel: Der Heimsieg folgte als Hauptprogramm.

Am 11. November wurde das Gespräch dann gesendet, bei dem uns wir zunächst über meine Fußballbuchprojekte unterhalten haben, über 111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss und über Mehr als Fußball. Anschließend kamen wir auf die Geschichte des Ruhrgebiets zu sprechen. Dabei hatte ich auch die Gelegenheit einen Text aus 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen zu lesen, den Text über die „Zeche Friedrich Heinrich“ in Kamp-Lintfort, ab Minute 12.35.

Und was die Bücher angeht, bleibt noch das Stichwort Weihnachtsgeschenke. Die Fußballorte im Ruhrgebiete gibt es zusammen mit Mehr als Fußball für 20 Euro statt früher knapp 30 Euro. Die Fußballorte alleine kosten 8,90 Euro statt früher 14,95 Euro. Mehr als Fußball alleine kostet 14,90 Euro. Einfach oben klicken und bestellen. Wenn ihr in Duisburg oder näherer Umgebung wohnt, bringe ich die Bücher auf meinen Wegen durch die Stadt vorbei, sonst kommt Versand noch hinzu.

Und wer die gesamte Sendung einschließlich Zebratwist und anderer Musik hören möchte, der kann das über NRWision machen.

Heimatlied – Sektion Duisburg – Folge 40: Icy Rose – Aus Kohle und Stahl

Es gibt einen Versuch in Duisburg, meine Sammlung Heimatlied – Sektion Duisburg  institutionell zu unterstützen. Oder sagen wir, ich nehme diesen Musikwettbewerb mal als institutionelle Unterstützung. Ob er nun „Ich bin DU!“  oder „Ich und meine Stadt Duisburg“ heißt, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Die Musik- und Kunstschule der Stadt Duisburg kooperiert jedenfalls mit der Gitarrenschule Peter Bursch, und Lieder über Duisburg sollten eingereicht werden.

Die Zielgruppe des Wettbewerbs hatte sich in diesem Jahr erweitert. Ich meine, es waren zunächst vornehmlich Kinder und Jugendliche angesprochen. Die Teilnehmerliste dieses Jahres aber zeigt, gestandene Musiker der Duisburger Szene haben sich ums Heimatlied – Sektion Duisburg gekümmert. Philipp Eisenblätter war mit seinem auch in meiner Sammlung schon aufgenommen Duisburg-Lied dabei und hat gewonnen. Anna Maria Schroeter hat nach ihrer Duisburg-Hymne eine Ballade zur Stadt aufgenommen und wurde zweite. Das Lied finde ich leider nicht in einer Version im Netz, die ich hier einbinden kann; auf der oben verlinkten Seite ist es zu hören. Die drittplatzierten Die Krauses habe ich bereits vorgestellt.

Icy Rose habe ich ebenfalls über die Wettbewerbsseite kennengelernt. Mit einem Klick geht es zur Icy-Rose-Seite im Netz, mit dem anderen Klick zur Seite bei FacebookDie Band spielt Rock, „Akustik-Rock“ so schreiben sie selbst auf ihrer Seite. In „Aus Kohle und Stahl“ wird Duisburg zum einen im Text als „du“ angesprochen, zum anderen werden die Sätze als plakative positive Aussagen in die Welt gesungen. Der Gegensatz von gutem Lebensgefühl und äußerem schlechten Eindruck wird in der ersten Strophe durch das Verlieben überwunden.

Wenn das passiert ist, erlebt man nicht nur die Menschen als besonders sondern auch das Kulturangebot mit Theater am Marientor. Man fühlt den Lebenswert der Stadt durch Landschaftspark sowie den Sport mit Zebras und Wellenbad im Mattlerbusch. Das sind gängige Versatzstücke des Duisburger Stadtmarketings. Im Refrain heißt es dann Duisburg, „auf Kohle gebaut, aus Stahl deine Haut, aus Eisen deine Lunge, die Adern der Rhein, hast kein Herz aus Stein“. Dahinter steht der Stolz auf die Heimatstadt.

 

 

Hinweise auf weitere online zu findende Duisburg-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Duisburg – Alle Folgen

Spieltagslyrik – Gastgeschenk in Bielefeld

Gastgeschenk in Bielefeld
Für Arminia B.

Bielefeld in Ostwestfalen,
eine Stadt, die es doch gibt,
folglich auch Arminia B.
und dass man sich dort verliebt.

Alles aber gibt es nicht,
trotz Arminia, die es gibt,
wenn der Stürmer vor dem Tor
seine Torchance stets versiebt.

Was es gibt, ist dann gefährdet.
ganz besonders die Gefühle.
Bleibt Arminia immer torlos
herrscht in Bielefeld bald Kühle.

Wer Arminia aber sieht,
ruft das Beste nur hervor,
kann die Gästechance dann nutzen
und schenkt Bielefeld sein Tor.

Auf zu den Wochenendrebellen am 15.12. in der Sportschule Wedau

Als Mirco von Juterczenka und sein Sohn Jason das erste Mal an den gemeinsamen Besuch eines Fußballstadions dachten, war Jason sechs Jahre alt. Jason mochte Fußball, war aber kein Anhänger eines bestimmten Vereins. Für Jason war klar, wie sollte er seinen Lieblingsverein finden, wenn er nicht zuvor alle Fußballvereine spielen gesehen hatte? Eine bestimmte und sehr logische Haltung. Nun ist Mirco dreizehn Jahre alt. Unzählige Fußballstadien haben die beiden besucht und zusammen das Buch Wir Wochenendrebellen geschrieben.

In diesem Buch erzählen sie nicht nur von den den Fußballspielen, die sie gesehen haben, sondern auf berührende Weise auch über ihre besondere Sicht auf die Wirklichkeit. Denn Jasons Haltung und entsprechend die seines Vaters erklärt sich aus einer Besonderheit. Jason ist Autist. Auf Wochenendrebell, ihrer Seite im Netz, geben sie einen kurzen Einblick in das Buch:

2017 haben wir dann unser gemeinsames Buch „Wir Wochenendrebellen“ veröffentlicht. Die 18 Kapitel behandeln jeweils im Wechsel Geschichten, die wir auf unseren Reisen und in Fußballstadien erlebt haben und von Beschreibungen, wie wir als Familie mit der Behinderung unseres Sohnes umgehen, welche Lösungen wir für Probleme entwickeln und warum ich sehr stolz auf meine Frau, meine Tochter und meinen Sohn bin. Jason ist Autist und in Anbetracht der teils katastrophalen Berichterstattung über Autismus und den daraus resultierenden Konsequenzen entschieden wir uns für einen sehr offensiven Umgang innerhalb unseres Umfelds.

Dank Zebraherde e.V. und dem Fanprojekt Duisburg kommen die Wochenendrebellen zu einer Lesung am 15. Dezember nach Duisburg in den Panorama-Raum der Sportschule Wedau, Friedrich-Alfred-Straße 15. Begonnen wird natürlich um 19.02 Uhr. Wer keine Zeit hat, sollte sich unbedingt auf Wochenendrebell umsehen. Denn vor dem Buch gab es schon Blog und Podcast – mit Fortsetzung bis jetzt.

Vielleicht wird am 15. Dezember auch jener Satz Jasons zu hören sein, für den er fraglos begeisterten Zwischenapplaus bekäme. Die Wochenendrebellen waren nämlich auf Schalke, und irgendwann war „Steht auf, wenn ihr Schalker seid!“ zu hören. Jason saß  aber in dem Moment auf dem Boden und sagte: „Ich muss sitzen, ich bin kein Schalker.“ Dass er auch bei den Zebras sitzen bliebe, kann man an so einem Abend dann mal getrost außer Acht lassen.

Einen ersten Eindruck von beiden gibt der Clip unten, der für eine Lesung in ihrer Heimatstadt erstellt wurde.

 

Halbzeitpausengespräch: Vor Sonnenuntergang – Großartige Theaterpremiere im Ruhrorter Zum Hübi

Seit geraumer Zeit möchte das Theater oft gar kein Theater mehr sein. Es holt Laien auf die Bühne, um mit ihnen als Stellvertreter für gesellschaftliche Gruppen soziale Probleme in den Blick zu nehmen. Authentizität soll das Zaubermittel sein, in der Hoffnung genutzt, mit ihm verloren gegangene gesellschaftliche Relevanz des Theaters zurück zu erobern. Der Wille dahinter ist durchaus löblich. Schließlich fühlt man sich der Aufklärung verpflichtet, der Emanzipation und dem Versuch politisch wirksam zu werden. Das Schauspiel als sinnliches Ereignis geht dabei oft verloren. Wir sehen dann auf der Bühne gesprochenen Journalismus zwischen Leitartikel-Debatte und Sozialreportage. Ich lese so etwas lieber, als es auf der Bühne zu sehen.

Wenn Theater aber neben dem Willen zur gesellschaftlichen Bedeutung weiter zum künstlerischen Anspruch der Gestaltung steht, kann aus der Arbeit mit Laien für Mitwirkende und Zuschauer ein großartiges Erlebnis werden. So geschehen am letzten Samstag im Duisburger Hafenstadtteil Ruhrort, wo das Theaterstück „Vor Sonnenuntergang“ in der Hafenkneipe „Zum Hübi“ Premiere hatte.

 

Sieben in die Jahre gekommene Männer betreten die Bühne. Sie nehmen ihre Plätze ein im Gegenlicht der untergehenden Sonne vor dem Hafenmund-Panorama. Das Wetter ist wie bestellt für diesen Tag. Diese Männer erinnern sich fortan an ihr Leben, an ihre ersten Lieben, an ihre Hoffnungen auf gesellschaftliche Veränderungen als junge Menschen. Sie erinneren sich an ihre Väter und manchmal an ihre Mütter.

Während die Erinnerungen kommen und gehen, bewegen sich die Männer in dem Kneipenraum. Denn Erinnerungen werden auch körperlich spürbar. Die Männer werden im wahrsten Sinne des Wortes bewegt. Einmal mündet dieses körperliche Erinnern in einen minutenlangen Tanz von Thomas Frahm, der sprachlos den Zwiespalt zwischen ekstatischer Befreiung und den wo auch immer herkommenden Grenzen einer ganzen Existenz sichtbar werden lässt. Beeindruckend.

 

Die Mitwirkenden haben zusammen mit Stefan Schroer und Sarah Mehlfeld die eigenen, verschieden gestalteten Texte mit Texten anderer Herkunft montiert. Wenn sonst Stefan Schroer mehr dramaturgisch arbeitet und Sarah Mehlfeld als Regisseurin, so haben sie  bei diesem Projekt auch den künstlerischen Bereich des jeweils anderen mitverantwortet. So sind die Erinnerungen dieser Männer auf vielfältige Weise künstlerisch bearbeitet. Die Sprache auf der Bühne ist zu Beginn und zum Ende hin sehr poetisch. Dieser künstlerische Rahmen legt nahe, die Männer spielen nicht sich selbst. Die eigenen Erinnerungen verweisen über das Biografische hinaus auf etwas Allgemeineres. Vor allen Dingen spielen sie, und der Wechsel zwischen stilisierter Bühnensprache und alltäglichem Reden wird als Mittel zur Komik genutzt. Wir sehen nicht auf das reale Leben dieser Männer. Dennoch ist dieses reale Leben jederzeit spürbar durch die Sehnsüchte der Männer und durch die Kraft der emotionalen Beziehungen, die ihr Leben geprägt haben. Wir begegnen immer wieder auch der Komik eines normalen Lebens, wenn Ideal und Wirklichkeit gegenüber gestellt sind, wenn Strategien entworfen werden, um mit dem Leben im Alter zurecht zu kommen.

Das private Erinnern ist zugleich polititisch deutbar. Wenn von der großen Liebe gesprochen wird, die sich als Hure entpuppt, gelten diese Worte der Enttäuschung zugleich linker Politik. Sie sind Metapher. Dieser Bühnentext flirrt und lässt Deutungsräume entstehen. Er gibt Anlass, weiterzudenken, etwa, wie ein Scheitern im Privaten soziale Bedeutung gewinnt. Denn das Politische ist unübersehbar. Keine der erinnerten Frauen aller sieben Leben steht so präsent im Raum wie Rosa Luxemburg. In Theo Stegmanns politischer Biografie spielt sie eine große Rolle und entsprechend gewürdigt wird sie an diesem Nachmittag.

„Vor Sonnenuntergang“ ist ein großer Wurf auf kleiner Bühne. Nicht nur der entstandene Text des Stücks ist überaus gelungen. Die Regie von Sarah Mehlfeld und Stefan Schroer hat die spielerischen Möglichkeiten aller sieben Männer genau ausgelotet und in Bühnenkunst verwandelt. Zwei Aufführungen gibt es noch am nächsten Wochenende. Noch mehr wären wünschenswert. Der Premierenapplaus wollte nicht enden.

Von und mit: Thomas Frahm, Wolfgang Grafers, Klaus Grospietsch, Fritz Hemberger, Wolfgang Müller, Theo Steegmann, Hans Twittmann – und mit Dirk Hübertz als Wirt

Regie & Dramaturgie: Sarah Mehlfeld, Stefan Schroer

Weitere Vorstellungen: 24. 11. und 25. 11., 15.45 Uhr.

Achtung: Beginn der Aufführungen ist immer um 15.45 h – das Stück spielt während des realen Sonnenuntergangs!

Hafenkneipe „Zum Hübi“, Dammstr. 27, 47119 Duisburg-Ruhrort

VVK beim „Hübi“ und im Gemeindehaus Ruhrort, Dr.-Hammacher-Str. 6
Karten-Vorbestellungen: info@theater-arbeit-duisburg.de | 0203 – 66 930 44
Eintritt: 10 € / 5 €

„Vor Sonnenuntergang“ ist ein Projekt von Theaterarbeit Duisburg.

In Sandhausen kann Betteln taktisches Mittel sein

Das Martinsbrauchtum hat in Sandhausen nie Fuß fassen können. Bislang haben Historiker nicht klären können, warum die Verehrung des Heiligen St. Martin in Sandhausen auf solch großen Widerstand stieß. Niemals gab es Fackelzüge auf den Straßen, Weckmänner in den Bäckereien, Legionärskostüme und rote Mäntel, die geteilt wurden. Sandhausener Kinder sind seit Generationen neidisch auf ihre Freunde in den Nachbarortschaften. Vielleicht liegt es daran, dass Sandhausen seit dem frühen Mittelalter als Gemeinde des Geizes bekannt ist. Schon immer zogen die Bettler nach kurzem Aufenthalt nur weiter.

Hätten wir Anhänger des MSV Duisburg all das früher gewusst, wären uns unangenehme 10 bis 15 Minuten am Freitag erspart geblieben. Wir hätten uns in den Schlussminuten des Spiels vom MSV in Sandhausen nicht vor einer Niederlage gesorgt. Zudem hätte Thorsten Lieberknecht die taktische Marschroute bei der Pressekonferenz vor dem Spiel sehr viel konkreter benennen können. Der Match-Plan ist hervorragend aufgegangen.

Zunächst versuchten die Zebras die Spielkontrolle zu übernehmen. Sandhausen fühlte sich zumindest unter Druck gesetzt, denn die Mannschaft sicherte das eigene Tor mit nahezu allen Spielern, ohne selbst viel zu risikieren. Druck verwandelte sich für den MSV in Ballkontrolle mit bekannter Gefahr des Ballverlusts im Mittelfeld bei aufgerückter Defensive. Die Gefahr durch das Sandhausener Umschaltspiel verringerte sich durch schwache Abschlüsse in Tornähe. Tornähe bedeutete meist schon die Zone außerhalb des Strafraums. So standen sich zwei Mannschaften ohne wirkliche Torchancen gegenüber.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit ergab sich zunächst ein ähnliches Bild, doch da mit zunehmder Spieldauer die Möglichkeit eines Glückstores für Sandhausen gegeben war, gingen die Zebras auf Nummer sicher und probierten die Vorwärtsverteidigung. Torsten Lieberknecht kommentierte nach dem Spiel die Taktik, seine Mannschaft hätte am Ende um ein Tor gebettelt. Nur wer die Lokalgeschichte Sandhausens nicht kennt, wird das als Kritik verstehen. Der SV Sandhausen als Verein aus einem Ort des Geizes wollte mit der Bettelei nichts zu tun haben. Stattdessen wurde höhnend ein Schuss an die Latte gesetzt, so wie die Sandhausener den Bettlern Kronkorken in ihre Sammelbecher schmeißen. Auch der SV Sandhausen gab aus alter Tradition am Ort nichts. Die Bettelei-Taktik war aufgegangen. Von Bielefeld sind keine Brauchtumsbesonderheiten bekannt. Dort sollte sich der MSV wieder darauf besinnen, den Erfolg mit anderen fußballerischen Mitteln zu suchen.

Vorteil Zebras!

Wenn ich Uwe Koschinat, den Trainer des SV Sandhausen, bei der Pressekonferenz seines Vereins höre, muss ich mich zügeln, nicht zu optimistisch für das Spiel der Zebras heute Abend zu werden. Er bewertet erfreulich offen seine bislang mögliche Arbeit und dabei hören wir implizit etwas, was seinen noch nicht lang zurück liegenden Arbeitsbeginn in Sandhausen deutlich von dem Thorsten Lieberknechts in Duisburg unterscheidet.

Ab Minute 3.00 etwa ordnet Uwe Koschinat die längere Zusammenarbeit mit der Mannschaft außerhalb einer englischen Woche folgendermaßen ein: Sie sei gut gewesen, „wenn du noch immer in einer Phase bist, in der du, glaube ich, als Trainer nicht auf allzu viele Basics setzen kannst, weil du noch nicht lange genug da bist.“ Danach spricht er tatsächlich das individualtaktische Verteidigerverhalten gegen die großen Stürmer des MSV an. Wir sehen also einen Trainer, dem Grundlagen des Fußballs in seiner Mannschaft fehlen.

Thorsten Lieberknecht brauchte nicht bei Null anfangen. Vielmehr betonte er nachdrücklich, welch intakte Mannschaft er übernommen hat. Das habe ich nicht nur auf den Teamgeist bezogen verstanden. Ich habe ihn so verstanden, dass er auch das taktische Verhalten der Spieler mitgemeint hat. Wir sehen also einen Vorteil des MSV gegenüber dem SV Sandhausen. Ich hoffe auf nicht gefestigtes individualtaktisches Defensivverhalten beim SV Sandhausen. Ich hoffe, der Vorteil wird sich im Ergebnis ausdrücken.

 

 

 

13 Anmerkungen zum Spiel MSV Duisburg – SC Paderborn, die die Welt noch nicht gesehen hat

  1. Manchmal ist ein Ligaspiel nur die Generalprobe für die nächste Pokalbegegnung.
  2. In die große Freude und Erleichterung über den 2:0-Sieg des MSV Duisburg gegen den SC Paderborn mischt sich immer wieder kurz die Erinnerung an Fehlpässe in gefährlichen Spielfeldbereichen. Die genaue Zahl weiß ich nicht mehr. Es waren vielleicht fünf oder sechs. Kevin Wolze machte in den ersten Minuten zweimal kurz hintereinander den Auftakt. Dramatischer wirkten spätere Fehlpässe. Mindestens einer solcher Ballverluste führt normalerweise zu einem Gegentor durch einen Konter.
  3. Die Zuschauerzahl war klassisch Duisburg. Nach dem Pokalsieg in Bielefeld waren enttäuschend wenig Zuschauer im Stadion.
  4. Der MSV begann das Spiel sehr druckvoll. Solche Anfangsphasen haben wir in dieser Saison schon gesehen. Entsprechend groß war meine Sorge vor dem Gegentreffer, der allem ein Ende bereitet.
  5. Cauly Souza deutete früh seine weiter bestechende Form an. Zweimal schon war er vom linken Flügel aus davon gezogen. Zweimal war er beim Zug in die Mitte gestört worden. Das eine Mal sogar vom eigenen Mitspieler, von Richard Sukuta-Pasu, als sich beide für einen winzigen Moment nicht über den Laufweg einig waren und Souza sein Tempo nicht beibehalten konnte. Der dritte Pass, als Steilpass auf dem linken Flügel, schließlich führte zum Erfolg. Auf Höhe der Strafraumgrenze umdribbelte er noch einen Defensivspieler und schoss wuchtig ins Tor.
  6. Von diesem Moment an gewannen die Paderborner mehr Spielanteile. Den freien Abschluss einer Offensivaktion ließ die Defensive des MSV dennoch so gut wie nicht zu. Deshalb fehlte den Paderborner mit der Ausnahme eines Distanzschusses wirkliche Torgefahr. Dieser Schuss war ein tückischer Aufsetzer. Die Angriffe waren scheingefährlich. Schüsse, Kopfbälle gingen am Tor vorbei, kamen ohne Geschwindigkeit auf das Tor oder gingen meist dorthin, wo Daniel Mesenhöler gerade stand.
  7. Die Geschlossenheit und der Einsatz der Mannschaft war beeindruckend.
  8. Für die Älteren unter uns: Lukas Fröde bescherte mir einen Kees-Bregman-Gedächtnistag. In der zweiten Halbzeit löste er eine Drucksituation im Strafraum so hochrisikoreich auf, wie es besagter Kees Bregman, einer meiner Helden der 1970er, gerne mal machte. Der Angriff der Paderborner über den rechten Flügel war abgefangen. Die Zebras versuchten den Ball sofort kontrolliert in die eigene Offensive zu bringen. Die Paderborner pressten gut und stellten die linke Seite des MSV zu. So wanderte der Ball in den Strafraum, während die Paderborner kontinuierlich nachrückten. Es war deutlich, kein Spieler der Zebras hatte viel Zeit. Der Ball kam zu Fröde. Er hatte etwas Platz, und kurz hoffte ich auf den befreienden weiten Ball ins Mittelfeld mit dem Risiko des sofortigen Ballverlusts. Doch Fröde wählte eine andere Option. Er leitete den Ball zwischen den eigenen Beinen, den linken Fuß als Bande nutzend, in den Raum hinter seinem Rücken weiter. Das war ein technisch anspruchsvoller Ball, ein wunderbarer Trickpass, der mir den Atem raubte, weil ich für einen Moment das Ungewissse dieses Passes sah. Fröde musste blind darauf vertrauen, dass in seinem Rücken tatsächlich ein Mitspieler stand und kein Paderborner sich dorthin geschlichen hatte. Gelingt so ein Pass, wirkt das großartig, wenn nicht, fällt das Gegentor. Es wirkte großartig.
  9. Auch wenn es sich wie ein Widerspruch anhört, zu Beginn der zweiten Halbzeit war ich noch nicht sehr beunruhigt wegen eines möglichen Gegentors und sehnte dennoch das zweite Tor herbei. Ich wollte mich auf dem Weg zum ersten Heimsieg sicherer fühlen.
  10. Wenn ein Spieler mit der ersten Ballberührung nach seiner Einwechslung ein Tor erzielt, wird das oft zu einer besonderen Geschichte stilisiert. Kommt es mir nur so vor, als werde die Geschichte für den Volleyschuss zum 2:0 Tor von Boris Tashchy nicht hervorgeholt? Das gefiele mir sehr, so ein Tor durch den ersten Ballkontakt als selbstverständliches Geschehen zu berichten. Das bewiese mir die Qualität des Kaders. Die Spieler werden eingewechselt und brauchen keine Anlaufzeit, um ihre beste Leistung zu zeigen.
  11. Die 2:0-Führung machte mich allerdings nicht sicherer. Ich wurde schnell nervöser. Denn die Paderborner ließen keineswegs nach in ihrem Bemühen ein Tor zu erzielen. So irrational sind wir Menschen manchmal. Nun hatte ich das Gefühl, fiele erst der Gegentreffer, brächen alle Dämme und eine Niederlage drohe sogar. Doch der MSV blieb defensiv stabil. Torgefährlicher als zuvor wurden die Paderborner nicht.
  12. Je länger eine Niederlagenserie dauert, desto wahrscheinlicher wird ein Sieg. So ein Satz gehört in die statistische Betrachtung des Fußballs. Die meisten von uns tuen sich schwer mit der Statistik, weil die Datenmegen nicht sinnlich erfassbar sind. Wir haben kein sinnliches Verhältnis zur Wahrscheinlichkeit. Unser Denken beruht auf direkter Wahrnehmung. So macht dieser erste Sieg nach der Heimspielniederlagenserie den Kopf frei. Er verwandelt den Wahrscheinlichkeitsbegriff der Statistik in einen der direkten Erfahrung. So erst wird die statistische Möglichkeit zum Nachweis der eigenen Leistung und damit zur Voraussetzung für weitere Siege.
  13. Der Sieg des MSV war verdient. Mit dieser Generalprobe können wir zufrieden sein. Wenn bis zum Februar dann noch die letzten Fehler der Aufführung getilgt worden sind, dürfen wir auf ein begeisterndes DFB-Pokalspiel gegen Paderborn hoffen.

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